Weimar und die »Weimarer Republik« – ein literarischer Streifzug
5 : Egon Erwin Kisch – »Der Naturschutzpark der Geistigkeit«

Person

Egon Erwin Kisch

Ort

Weimar

Thema

Weimarer Republik

Autor

Egon Erwin Kisch

In: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, hg. Bodo Uhse und Gisela Kisch, Bd. 5, Berlin und Weimar 1972.

Es ist für unser­ei­nen recht schön, daß es so etwas gibt wie Wei­mar: eine ganze Stadt, als Reli­quie, ein Bezirk als Wall­fahrts­ziel, weil hier ein­mal Dichter­le­ben war. Immer­hin erfreu­li­cher, wenn nicht Gene­rale an den Stra­ßen­ecken bron­zern Pos­ten ste­hen, wenn statt der Roons, Win­ter­felds, Derff­lin­gers und übri­ger Spit­zen der Mili­tär­rang­liste aus krie­ge­ri­schen Zei­ten aus­nahms­weise der Goe­the und der Schil­ler und der Her­der und der Wie­land in Erz gegos­sen sind. Selbst den Groß­her­zo­gen, die auch auf den hie­si­gen Plät­zen ver­stei­nert umher­rei­ten, wird diese tri­butäre Hul­di­gung nicht mit Waf­fen­ta­ten moti­viert, son­dern mit dem von ihnen getä­tig­ten Enga­ge­ment besag­ter Dich­ter. Die hei­mi­sche Dynas­tie wird bloß lite­ra­tur­ge­schicht­lich ein­ge­teilt; jene Groß­her­zo­gin hat die Sophi­en­aus­gabe der Goe­the­schen Werke (ein Stamm­tisch­ein­fall, von Phi­lo­lo­gen­är­schen aus­ge­brü­tet) patro­ni­siert, jener Groß­her­zog das Goe­the-Schil­ler-Archiv erbaut, jene Prin­zes­sin ist die Prin­zes­sin, die in der Fürs­ten­gruft dem Grabe Schil­lers gegen­über­liegt, jene Groß­her­zo­gin ist die Gat­tin jenes Groß­her­zogs, der mit Goe­the … Und so.

Ganz Wei­mar ist eine zur Stadt erho­bene Dich­ter­bio­gra­phie. Wer nicht zumin­dest einige Werke über das Leben Goe­thes stu­diert hat, kann sich in der Stadt ver­ir­ren. Fragt man den Ein­hei­mi­schen, wie man ins Hotel kommt, so ant­wor­tet er, man müsse am Wohn­haus der Frau von Stein vor­über, bei der Bank, bei der Chris­tiane Vul­pius ihrem nach­ma­li­gen Gat­ten als frem­des Mäd­chen mit einer Bitt­schrift ent­ge­gen­trat, nach links bie­gen, dann gera­de­aus, über die Jahre 1779 und 1784 gehen, ent­lang der Pro­sa­fas­sung der »Iphi­ge­nie auf Tau­ris«, den zwei­ten Teil des »Faust« rechts und »Wil­helm Meis­ters Wan­der­jahre« links las­send, und schon sei man da, beim Abstei­ge­quar­tier Zel­ters. Bleibt man im Park einen Augen­blick ste­hen, um end­lich Luft zu atmen, gleich läuft der Park­wäch­ter heran, man erschrickt, glaubt etwas ange­stellt zu haben, nein, er will nur rasch mit­tei­len, daß in jenem Gebüsch, von nie­man­dem belauscht, Bet­tina von Arnim dem fünf­zig­jäh­ri­gen Goe­the einen Hei­rats­an­trag gemacht hat. In dem mit Baum­rinde bena­gel­ten Häus­chen, fügt er pflicht­eif­rigst hinzu, hat Goe­the mit Groß­her­zo­gin Anna Ama­lia und Hof­dame von Göch­hau­sen, mit Dok­tor Ecker­mann und Major Kne­bel ein­mal gefrüh­stückt. Bei dem Stein dort – sehen Sie den Stein, ja? – traf Groß­her­zog Karl August IHN nach des­sen Ita­lie­ni­scher Reise zum ers­ten Male.

Die Museen – hier ist jedes Haus ein Museum oder ein Gedenk­haus – sind nur Pavil­lons des gro­ßen Muse­ums, das Wei­mar heißt. Beknei­ferte Leh­re­rin­nen füh­ren Mäd­chen­pen­sio­nate von Vitrine zu Vitrine, Gänse schnat­tern, man­che seuf­zen vor irgend­wel­chen Tabel­len zur »Far­ben­lehre« schmel­zend ein »Nein, wie nied­lich«, man­che kichern vor dem Bett im Ster­be­zim­mer, was übri­gens ebenso geschmack­voll ist wie pie­tät­voll-ergrif­fe­nes Seuf­zen. Der Geschäfts­rei­sende erklärt sei­nem Ehe­ge­mahl bran­che­kun­dig einige Andenken, der Gym­na­si­al­leh­rer schwelgt vor jedem Zettel.

Im Goe­the­haus am Frau­en­plan drängt sich die Masse der Besu­cher von mor­gens bis abends. Instinkt­si­cher hat der Spie­ßer her­aus­ge­fun­den, daß Goe­thes Leben kom­ple­men­tär zu sei­nem Werke war – so genial die­ses ist, so pedan­tisch, auto­ri­täts­gläu­big, devot, zeit­fremd und ego­is­tisch war seine Pri­vat­exis­tenz. Das hat der Pfahl­bür­ger aller Natio­nen mit dem lyri­schen Genius gemein, das ist es, was ihn zur Wall­fahrt nach Wei­mar treibt, was ihm die Legi­ti­ma­tion aus­stellt, pedan­tisch, spei­chel­le­cke­risch, zeit­fremd und ego­is­tisch zu sein und sich dabei goe­thisch vor­zu­kom­men und das »Deutsch­land Wei­mars« aus sei­ner Feind­schaft gegen das deut­sche Volk aus­zu­schlie­ßen, den Geist Deutsch­lands zu has­sen und den Geist Goe­thes zu lieben.

Auf Fuß­no­ten schlei­chen die Erb­ver­we­ser durch die geweih­ten Räume, häu­fen Maku­la­tur auf Maku­la­tur, ver­wan­deln geschrie­be­nes Papier in bedruck­tes und bedruck­tes Papier in geschrie­be­nes, ver­glei­chen die Schreib­ma­te­ria­lien der Goe­the­schen Sekre­täre mit­ein­an­der und wen­den die Metho­den der Alt­phi­lo­lo­gie auf die Kunst des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts an – öde Ana­to­men, einen leben­di­gen Orga­nis­mus tötend, um ihn obdu­zie­ren, um ihn klas­si­fi­zie­ren zu kön­nen, Eso­te­ri­ker und Ver­äch­ter der pro­fa­nen Welt. Wenn man sich zum Bei­spiel nach Brie­fen von Goe­thes Mut­ter erkun­digt, die über ihre Bezie­hung zum Königs­leut­nant Auf­schluß geben könn­ten (der­art stark war diese Bezie­hung, daß Tho­ranc die auf­se­hen­er­re­gende Ver­haf­tung sei­nes Quar­tier­ge­bers wegen demons­tra­ti­ven »Hoch­ver­rats« auf Für­bitte der Frau Rat rück­gän­gig machte, eine offen­kun­dige und öffent­li­che Pflicht­ver­let­zung!) stößt man auf ent­setzte Mie­nen der Tem­pel­hü­ter. »So etwas wagen Sie mir zu sagen, in den Tagen der Ruhrbesetzung?!«

Um Schil­ler küm­mert man sich bei wei­tem nicht in die­sem Aus­maß; der war kein Staats­mi­nis­ter und kein Bür­ger­meis­ter­sen­kel, er wurde ver­scharrt, so daß man den Schä­del gar nicht fand, als man ihm schließ­lich die ver­spä­tete »Ehre« antun wollte, ihn in der Fürs­ten­gruft neben leib­haf­ti­gen Groß­her­zo­gen bei­zu­set­zen. Ins Nietz­sche­ar­chiv oder ins Lisz­t­mu­seum kom­men wenig Besu­cher, auch nach Andenken Her­ders oder Wie­lands forscht wohl nur der Fachmann.

Ja, große Män­ner haben in Wei­mar gelebt, und es ist groß­her­zog­li­che Fami­li­en­tra­di­tion geblie­ben, bei­zei­ten Dich­ter hier­her zu ver­pfrop­fen, damit aus ihnen ren­ta­ble Frem­den­at­trak­tio­nen wür­den, wie es Goe­the war. Man spe­ku­lierte dane­ben: Als letz­ter Goe­the­aspi­rant wurde der Dra­ma­ti­ker Ernst von Wil­den­bruch, Hohen­zol­lern­scher Haus­kit­schier, in dem Treib­haus Wei­mar auf­zu­züch­ten versucht.

Lächer­lich, solch ein Genie­kult, lächer­lich, ein Leben in Spi­ri­tus zu kon­ser­vie­ren, lächer­lich, die Bewoh­ner einer Stadt zu Mit­wir­ken­den eines bestän­di­gen Pas­si­ons­spie­les zu machen. Aber unser­ei­ner könnte sich freuen, daß man doch noch irgendwo einen Dich­ter ehrt, indem man sei­nen Wohn­ort zu einem Sank­tua­rium weiht, wenn das Ganze nicht bloß ein Natur­schutz­park wäre. Als in Ame­rika die Urwäl­der fast über­all dem Erd­bo­den gleich­ge­macht, bei­nahe alle edlen Tiere erlegt, die India­ner mit Brannt­wein und Flin­ten­ku­geln nahezu aus­ge­rot­tet wor­den waren, zäunte man ein Stück­chen ein und schuf den Yel­low­stone­park. Dann zeigte man ihn der Welt, zum Zei­chen des pie­tät­vol­len Ver­ständ­nis­ses, daß das angeb­lich so nüch­terne Ame­rika der Natur ent­ge­gen­bringe, und konnte ruhig den Rest der Urwäl­der, der India­ner und der Tiere ver­nich­ten. Wir hin­ge­gen haben Weimar.

 Weimar und die »Weimarer Republik« – ein literarischer Streifzug:

  1. Paul Klee: Brief an Lily Klee
  2. Harry Wilde: Der falsche Prophet Louis Haeusser
  3. Joseph Roth – »Sporengeklirr im ›Russischen Hof‹«
  4. Erich Knauf – Die gute Stube des deutschen Kleinbürgers
  5. Egon Erwin Kisch – »Der Naturschutzpark der Geistigkeit«
  6. Victor Auburtin: An Weimar vorbei
  7. Walter Benjamin: Weimar 1928
  8. Walter Petry: Weimar
  9. Lothar Brieger: Johannes Schlaf zum 70. Geburtstag
  10. Mathilde und Maria von Freytag-Loringhoven: Höherer Blödsinn
  11. Heinrich Wiegand – »Vivat Academiai. Ein Reisebericht«
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