Holger Uske – »Mittendrin am Rande Thüringens«

Person

Holger Uske

Ort

Marisfeld

Thema

Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft

Autor

Holger Uske

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Hol­ger Uske

Mit­ten­drin am Rande Thüringens

 

Mit­ten im Leben. Was ist das, wo wir doch nicht ein­mal wis­sen, was Leben wirk­lich ist? Mit­ten in Thü­rin­gen. Wer bemisst das? Mit wel­chem Zir­kel­schlag von wel­chem Ort aus, der Haupt­stadt, wie meist?

Mit­ten im frän­ki­schen Thü­rin­gen liegt der Kleine Thü­rin­ger Wald. Seine Bewoh­ner lie­ben diese eher lieb­li­che Land­schaft, deren Berge etwas mehr als die halbe Höhe des »gro­ßen« Thü­rin­ger Wal­des errei­chen und die durch­aus noch land­wirt­schaft­lich geprägt ist. Sie punk­tet zwar mit ähn­li­chen Gesteins­schich­ten wie ihr gro­ßer Bru­der und erhielt des­halb auch die­sen Namen, der aller­dings in topo­gra­fi­schen Kar­ten meist nicht auf­taucht. Unter Ein­hei­mi­schen gilt die­ser Land­strich süd­west­lich von Suhl und nord­west­lich von Schleu­sin­gen, wie Wiki­pe­dia zu sei­ner geo­gra­fi­schen Ein­ord­nung angibt, als Geheim­tipp. Hier kann man lange wan­dern, ohne auf grö­ßere Grup­pen zu sto­ßen, ist auch mit dem Rad oft allein auf wei­ter Flur. Aller­dings auch, wenn man nach einer bewirt­schaf­te­ten Hütte oder gar einem Restau­rant im Wald sucht. Dafür brei­ten sich in Sen­ken oft zau­ber­hafte Orte aus, häu­fig jahr­hun­der­te­alt und manch­mal mit mitt­le­ren Schlös­sern beschenkt.

Ein sol­cher Ort ist Maris­feld, in dem die Prot­ago­nis­tin die­ses Bei­trags zu Hause ist. Schon Ende des 8. Jahr­hun­derts erst­mals urkund­lich erwähnt, gehört der 400-See­len-Ort zu den ältes­ten Sied­lun­gen die­ser Gegend. Untrenn­bar mit der Geschichte des Hen­ne­ber­ger Lan­des ver­knüpft, fin­det sich hier eine bemer­kens­werte Schloss­an­lage, die in ihrer heu­ti­gen vier­tür­mi­gen Form auf einen Neu­bau auf älte­rem Grund des Mar­schalks von Ost­heim 1641 – 1665 zurück­geht und heute ein Kin­der­heim beher­bergt. Auch die benach­barte Wehr­kir­che St. Mau­ri­tius beein­druckt durch Form und Funk­tion – und einen in Thü­rin­gen sehr sel­te­nen Ster­nen­him­mel im Inne­ren.  Umge­ben ist das Schloss von einem wert­vol­len Schloss­park, um des­sen Erhalt sich seit 2008 der För­der­ver­ein Schloss­park Maris­feld e.V. küm­mert. Die Hel­din die­ses Bei­trags wirkt darin als stell­ver­tre­tende Vor­sit­zende, Ideen­ge­be­rin und Ideen­um­set­ze­rin – neben vie­len ande­ren Aktivitäten.

Mit­ten im Leben. Wo in unse­rem Land fin­det solch ein Leben statt? Ich behaupte ein­fach mal: genau hier. Das Thü­rin­ger Lan­des­amt für Sta­tis­tik ver­zeich­net auf sei­ner Inter­net­seite 2,1 Mil­lio­nen Ein­woh­ner für Thü­rin­gen. Etwa eine halbe Mil­lion von ihnen leben in den fünf kreis­freien Städ­ten. Nun sollte man die klei­ne­ren Städte Thü­rin­gens nicht unter­schät­zen. Sie strah­len auch als Kreis­städte oder Mit­tel­zen­tren auf das umge­bende Land aus. Aber der sie umge­bende länd­li­che Raum wirkt auch in sie hin­ein, weit inten­si­ver, als das in den drei Groß­städ­ten Erfurt, Jena und Gera, dem eigen­sin­ni­gen, kul­tu­rell strah­len­den Wei­mar oder der heim­li­chen Haupt­stadt des Thü­rin­ger Wal­des Suhl der Fall ist. Drei Vier­tel  aller Thü­rin­ger leben damit mehr oder weni­ger auf dem Land. Was ist von ihnen im öffent­li­chen Bewusst­sein? Abseits der punk­tu­ell in den Vor­der­grund gera­ten­den Trak­tor­blo­cka­den, abseits der wie Bril­lan­ten schim­mern­den kul­tu­rel­len Ange­bote auf Schlös­sern, in Parks, den mit qua­li­ta­tiv erst­klas­si­gen Auf­füh­run­gen glän­zen­den Thea­tern bei­spiels­weise in Mei­nin­gen und Rudol­stadt? Sind die Begeg­nun­gen der Men­schen auf unse­ren höchs­ten Gip­feln am Renn­steig nicht kaum mehr als Fuß­no­ten im Medi­en­all­tag? Drei Vier­tel von uns erle­ben damit ein ande­res »Mit­ten­drin« als die ton­an­ge­ben­den Groß­stadt­be­woh­ner in ihrem Umfeld, wobei im Ver­gleich zu deut­schen Bal­lungs­ge­bie­ten unsere her­aus­ge­ho­be­nen Städte ja ver­gleichs­weise noch gut ein­ge­bet­tet sind in Natur, in Grün, in das Leben abseits der Rasanz der Medien und ihrer Macher, die vor­ge­ben, die Mehr­heit zu sein und sich in die­ser Vor­stel­lung immer wie­der selbst bestä­ti­gen. Was ist in Thü­rin­gen also »mit­ten­drin«? Was gilt als abseits? Und wer legt das – den Ver­gleich zum Fuß­ball finde ich dabei gar nicht so schlecht – fest? Sprach­lich aller­dings ist es kein so wei­ter Weg vom räum­lich betrach­te­ten »abseits« bis zum min­des­tens mora­lisch urtei­len­den »absei­tig«. Nimmt nicht jeder an sei­nem Ort für sich in Anspruch, mit­ten­drin zu sein?

Laut Thü­rin­ger Lan­des­amt für Sta­tis­tik hat Maris­feld aktu­ell 403 Ein­woh­ner. Das ist weni­ger als ein Pro­mille der groß­städ­ti­schen Ein­woh­ner­zahl unse­res Lan­des. Aber die­ses Pro­mille spie­gelt die Lebens­wirk­lich­keit der Mehr­zahl der Men­schen hier. Was hier nicht selbst getan wird, tut nie­mand ande­res. Der Ruf nach Par­teien ver­hallt unge­hört. In Maris­feld sitzt schon seit 20 Jah­ren kein Mit­glied einer der im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­teien mehr im Gemein­de­rat. Die Debat­ten dort spie­len hier (fast) keine Rolle. Aber die Men­schen hier in den klei­nen Orten des Klei­nen Thü­rin­ger Wal­des mit so schö­nen Namen wie Ober­stadt, Eichen­berg, Leng­feld, Rap­pel­s­dorf oder eben Maris­feld lie­ben ihren Ort, ihre Region, ihr Land. Men­schen wie die Prot­ago­nis­tin die­ses Bei­trags Andrea Walther.

Als drit­tes Mäd­chen in ihrer Fami­lie kam Andrea, gebo­rene Bie­ber­bach, 1963 in Suhl zur Welt. Der Vater, des­sen Fami­lie seit Genera­tio­nen hier ansäs­sig ist, war zu die­ser Zeit in der dor­ti­gen LPG (Land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaft) als Trak­to­rist beschäf­tigt. Die Mut­ter, vor den Bom­bar­de­ments auf Mag­de­burg von dort in das sichere Suhl gebracht wor­den, fand im Maris­fel­der Kin­der­heim im Schloss Arbeit als Erzie­he­rin. Jung sein nach dem Krieg… Nach dem Besuch der Poly­tech­ni­schen Ober­schule kam Andrea Bie­ber­bach 1980 als Aus­zu­bil­dende zum Stadt­ar­chiv Suhl. Sie hatte zunächst von ihrer Schwes­ter davon gehört, dass es die­sen Beruf gibt und sich im Buch »Berufe in der  DDR« näher infor­miert. »Ich dachte gleich, das ist es«, berich­tet sie heute von die­ser Ent­schei­dung. »In mei­ner Klasse konnte kei­ner damit etwas anfan­gen.« Die Stadt Suhl habe für sie eigens dafür eine Aus­zu­bil­den­den­stelle geschaf­fen – die ein­zige im gan­zen Bezirk Suhl. 1982 been­dete sie diese erfolg­reich als Archiv­as­sis­ten­tin – und wurde gleich von der Stadt über­nom­men. In die Rolle als Archiv­lei­te­rin der kreis­freien Stadt Suhl wuchs sie hin­ein, als ihr Vor­gän­ger 1995 in den Ruhe­stand ging. Sind Akten inter­es­sant? Dazu sagt sie: »In den Doku­men­ten wer­den Men­schen sicht­bar, Zeit­läufte. Um in der heu­ti­gen Zeit vie­les bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, muss man sich mit Geschichte befas­sen. Gerade in Bio­gra­fien kann man vie­les von der Tra­gik im Leben erfah­ren und davon, wie Men­schen in ver­schie­de­nen Gesell­schafts­ord­nun­gen zurecht­kom­men muss­ten. In der Bil­dungs­ar­beit wird Geschichte heute ja ein biss­chen ver­nach­läs­sigt«, fügt sie noch an.

Ich wage die These: Wer sich in Geschichte zu Hause fühlt, der Geschichte sei­ner Hei­mat – denn die genau wird in den ört­li­chen oder kreis­li­chen Archi­ven auf­be­wahrt –, der steht mit­ten im Leben, weil er auch län­gere Zeit­räume im Blick hat. So vie­les kommt von alters her, was wir manch­mal gar nicht wis­sen. Das reicht von Bräu­chen im Jah­res­kreis, von der Aus­ge­stal­tung von Fei­ern und Fes­ten bis hin zum im Mund­art­li­chen ver­an­ker­ten  Sprach­ge­brauch. Wir hin­ter­fra­gen das kaum. Die Kin­der neh­men es von ihren Eltern und Groß­el­tern auf und tra­gen es in der Zeit wei­ter. Das Wis­sen um Geschichte, um die ein­hei­mi­schen Bräu­che ver­bin­det die Men­schen mit ihrer Land­schaft. Der Kleine Thü­rin­ger Wald ist solch ein tra­di­ti­ons­rei­ches Gebiet. Andrea Walt­her (seit 1983 ver­hei­ra­tet, die Toch­ter kam im sel­ben Jahr zur Welt) nahm die­sen his­to­ri­schen Unter­grund wie selbst­ver­ständ­lich mit in ihren Arbeits­ort Suhl.

Als der Suh­ler Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Mar­tin Kum­mer (CDU) 1995 nach den Ver­an­stal­tun­gen zum 50. Jah­res­tag der Befrei­ung von der NS-Dik­ta­tur gemein­sam mit dem dama­li­gen Vor­sit­zen­den der hie­si­gen Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes / Bund der Anti­fa­schis­ten (VVN/BdA) Hans Vier­egg vor­schlug, ein Schü­ler­pro­jekt zur Erfor­schung der loka­len Geschichte der Stadt zwi­schen 1933 und 1945 ins Leben zu rufen, war klar, wo es ange­sie­delt wer­den sollte: beim Stadt­ar­chiv Suhl. Mir fiel damals als Pres­se­spre­cher der Stadt die Auf­gabe zu, als »Ver­bin­dungs­mann« zwi­schen dem Büro des Ober­bür­ger­meis­ters und dem Stadt­ar­chiv zu agie­ren. Mein Bild von einem Archiv setzte sich aus lan­gen Regal­rei­hen vol­ler Ord­ner und Doku­men­ten­kar­tons zusam­men, zwi­schen denen stille, detail­ver­ses­sene, unauf­fäl­lig agie­rende Mit­ar­bei­ter hin und her wuseln. Ich traf auf hoch­mo­ti­vierte Archi­va­rin­nen, die dar­auf brann­ten, ihr Wis­sen und ihre auf­be­wahr­ten Schätze end­lich einer grö­ße­ren Öffent­lich­keit zugäng­lich zu machen. Nach einer Ein­lauf­phase wirk­ten vier Suh­ler Schu­len mit enga­gier­ten Leh­re­rin­nen und Schü­lern mit. Eine vor­ma­lige Leh­re­rin wurde im Rah­men einer damals mög­li­chen eigens ins Leben geru­fe­nen ABM (vom Arbeits­amt geför­derte Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nahme) ein­ge­stellt. In zwei Jah­ren kamen zwei Bände »Suh­ler Zeit­zeug­nisse 1933 – 1945« her­aus, publi­ziert von der Suh­ler Stadt­ver­wal­tung 1997 und 1998. Ein drit­ter Band »Suh­ler Zeit­zeug­nisse 1945 – 1949« folgte 2001. Mit an der Spitze all die­ser Aktio­nen: Andrea Walt­her. Wie bringt man nach 40 Jah­ren DDR-Geschichts­klit­te­rung die Fak­ten von einst wie­der ins Bewusst­sein der Men­schen? Wie sol­che Tat­sa­chen, dass nach dem Krieg in die eins­ti­gen Bara­cken für Zwangs­ar­bei­ter in der Stadt unmit­tel­bar Hei­mat­ver­trie­bene ein­zo­gen, weil es keine ande­ren Unter­künfte gab? Und wer hatte zuvor je davon gehört, dass sich ukrai­ni­sche Zwangs­ar­bei­te­rin­nen in Suhl bei der Fa. Greifzu vor ihren Chef stell­ten, als die US-ame­ri­ka­ni­schen Befreier den als Faschis­ten erschie­ßen wollten?

Mit­ten im Leben. Mit­ten in der eige­nen Geschichte. Wahr­schein­lich schärf­ten auch die Begeg­nun­gen mit den Suh­ler kom­mu­na­len Spit­zen­po­li­ti­kern, Anti­fa­schis­ten, aber auch die Erkennt­nisse aus Zeit­zeu­gen-Gesprä­chen – u. a. mit eins­ti­gen ukrai­ni­schen Zwangs­ar­bei­tern in Suhl – die Erkennt­nis bei Frau Walt­her, dass nur eige­nes poli­ti­sches Aktiv­wer­den dazu bei­tra­gen kann, eigene Vor­stel­lun­gen umzu­set­zen und in die Wirk­lich­keit zu set­zen. Seit 2004 wirkt Andrea Walt­her als ehren­amt­li­che Maris­fel­der Gemein­de­rä­tin, von 2008 – 2024 als stell­ver­tre­tende Bür­ger­meis­te­rin, davon 2022 ein hal­bes Jahr (nach dem Tod des Bür­ger­meis­ters) auch als Bür­ger­meis­te­rin des Ortes. Was kann man errei­chen in solch einer Posi­tion? Wozu reicht die Kraft noch nach einem oft über­vol­len Arbeits­tag? Und wie lange?

Was heut­zu­tage von vie­len beklagt wird, die über­bor­dende Büro­kra­tie, sie zeigt sich auch in Gemein­de­rats­ar­beit vor Ort. Die Pro­ze­du­ren schlu­cken so viel Zeit. Für eigene Ideen Mehr­hei­ten zu gewin­nen, kann schon schei­tern, wenn nur ein Gemein­de­rat der eige­nen Frak­tion fehlt. Und wel­che Ziele ver­folgt das andere Inter­es­sen­bünd­nis im Ort? Dem Außen­ste­hen­den (wie den Wäh­lern) erschließt sich schwer, wofür die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Pro Maris­feld steht gegen­über dem Zusam­men­schluss Wir für Maris­feld. So wird die zuwei­len apo­stro­phierte Spal­tung der Gesell­schaft auch hier vor Ort sichtbar?

Her­vor­ge­gan­gen ist die Wäh­ler­ver­ei­ni­gung IG Pro Maris­feld, für die Andrea Walt­her im Gemein­de­rat sitzt, aus dem Schloss­park­ver­ein und Inter­es­sen­ten. Der Erhalt des Kul­tur­er­bes, des vorn schon erwähn­ten bedeut­sa­men Maris­fel­der Schloss­parks, stand und steht bei der Ver­eins­tä­tig­keit im Vor­der­grund. Um die­ses Kleinod bekannt zu machen, ver­an­stal­ten die Mit­glie­der des Schloss­park­ver­eins jähr­lich zum Denk­mal­tag Füh­run­gen durch den Park, Schloss­park­nächte, Thea­ter­auf­füh­run­gen, Kon­zerte u. a. Fast scheint es, als strahle das nicht weit ent­fernte Mei­nin­gen da bis in den Klei­nen Thü­rin­ger Wald hin­ein aus. In his­to­ri­schen Gewän­dern (aus dem Mei­nin­ger Thea­ter­fun­dus) vor der Kulisse des Maris­fel­der Schlos­ses Sze­nen aus der eige­nen Geschichte kon­ge­nial umzu­set­zen, das lockt jedes­mal hun­derte von Besu­chern aus der Region an. Es scheint bei­nahe unglaub­lich, wel­che Talente da in dem klei­nen Ort schlum­mern und sich ent­fal­ten kön­nen, von der Stü­cke­schrei­be­rin bis zu den Dar­stel­lern. Mit­ten­drin Andrea Walt­her als Aktrice, gemein­sam mit ihrem Mann, ihrer gan­zen Fami­lie, den vie­len Freun­den und Mit­strei­tern des Vereins.

Bei Schloss­park­füh­run­gen zum Denk­mal­tag erlebte ich selbst, wie Ver­eins­mit­glie­der in his­to­ri­sche Rol­len schlüpf­ten, sich dabei ganz mit der Geschichte des Ortes iden­ti­fi­zie­ren. Bei Schloss­park­näch­ten waren befreun­dete Künst­ler dabei wie die Papier­ge­stal­te­rin Antje Rit­ter­mann, deren papierne Schwäne auf dem Schloss­park­teich schwam­men, wäh­rend Mär­chen­feen überm Was­ser zu schwe­ben schie­nen und bis zu tau­send leuch­tende Lam­pi­ons Wie­sen und Bäume illu­mi­nier­ten. Zau­ber­hafte Hei­mat. Mit­ten­drin. Am Rande. Was eben nur funk­tio­niert, wenn in solch einem Ort viele mit­zie­hen. Und wenn sol­che Aktive wie Andrea Walt­her agie­ren, bei der im Ver­eins­vor­stand wie im Gemein­de­rat viele Fäden zusam­men­füh­ren und geschickt geknüpft wer­den. Poli­tik wie Kul­tur »von unten« – hier wird es erleb- und erfahr­bar. Ohne PR-Mana­ger. Ohne Par­teien-Pro­porz. Mit dem Men­schen­ver­stand vor Ort und der Lust auf Kunst und Kul­tur in der unmit­tel­ba­ren Hei­mat. Und viel­fach ohne För­de­rung, für deren Bean­tra­gung und Abrech­nung inzwi­schen ein immenser Auf­wand betrie­ben wer­den muss, den Ehren­amt­li­che zuneh­mend scheuen. Die Not­wen­dig­keit der exak­ten Bean­tra­gung und Abrech­nung öffent­li­cher Mit­tel gerät ins Abseits, wenn die­je­ni­gen, die jene Mit­tel wirk­lich brau­chen für Kos­tümaus­leihe, Büh­nen­auf­stel­lung oder Künst­ler­ho­no­rare, den dafür erfor­der­li­chen Geneh­mi­gungs­ma­ra­thon nicht mehr leis­ten wol­len oder kön­nen, weil sie als Ehren­amt­li­che ihre Zeit am Abend für ihre eigent­li­chen Vor­ha­ben brau­chen, fürs Stü­cke­schrei­ben, für Pro­ben, für den Kulis­sen­bau. Ist es Groß­städ­tern über­haupt vor­stell­bar, dass man hier alles selbst machen muss, um Kul­tur und Kunst zu bekom­men? Dass das die Akteure selbst auch rei­cher macht? Die schon mehr­fach bei Ver­an­stal­tun­gen zu hörende Gruppe »Qua­dro Nuevo«, inzwi­schen auf inter­na­tio­na­lem Par­kett zu Hause, liebt es bei­spiels­weise, hier­her zu kom­men, weil die Musi­ker hier auf Gleich­ge­sinnte tref­fen, auf Kunst­ver­ses­sene fernab der Metro­po­len – und weil sie hier als Freunde emp­fan­gen und umsorgt werden.

Was ist mit­ten­drin? Kurz vor Maris­feld, von wel­cher Rich­tung man sich auch nähert, reicht der Blick zu den uralten kel­ti­schen Ber­gen in der Nähe. Man sieht die bei­den Gleich­berge, von denen der klei­nere mit sei­ner kel­ti­schen Steins­burg Thü­rin­gens größ­tes Boden­denk­mal dar­stellt. Der große war bis zum Ende der DDR gesperrt, war Grenz­ge­biet und Luft­über­wa­chungs­punkt. Der andere kel­ti­sche Berg ist der Dol­mar bei Mei­nin­gen, zwi­schen Thü­rin­ger Wald und Rhön gele­gen, eine alte Kul­tur­stätte, auf der bis zu ihrem Abzug Anfang der 1990er Jahre die Rus­sen haus­ten. Deren Pan­zer­fahr­spu­ren sind an den Hän­gen bis heute ein­ge­ritzt. Geschichte auf Schritt und Tritt, Blick um Blick. Hei­mat schließt das alles mit ein.

Was kön­nen wir tun? Das­selbe wie immer: wider­stehn? Andrea Walt­her sieht das gelas­se­ner: »Ein­fach wei­ter­ma­chen. Die klei­nen Schritte tun. In und mit der Hei­mat – und der jewei­li­gen Zeit. Die grö­ße­ren Bögen im Blick haben.« Sagt es. Sinnt über die nächs­ten Arbeits­pro­bleme nach. Wie soll sie Zeit­ge­schichte von heute für die Zukunft bewah­ren, wenn hier in der Region die ver­blie­bene Tages­zei­tung mon­tags schon nicht mehr gedruckt erscheint? Wer­den Digi­ta­li­sate auch nur annä­hernd so lange les­bar sein wie Druck­werke? Wo doch die Lese­ge­räte schon in ihrer erleb­ten Zeit hoff­nungs­los ver­al­te­ten? Denkt nie­mand mehr wenigs­tens 50 Jahre vor­aus? Hat sie da als Archiv­che­fin über­haupt Einflussmöglichkeiten?

Dann wäre da noch der Enkel­dienst, den sie immer mal über­neh­men muss, wenn Not am Mann ist. Schwie­ger­sohn und Toch­ter arbei­ten im Gesund­heits­dienst. Im Haus wohnt die Mut­ter, fit mit 94. Die Fami­lie als Rück­be­sin­nungs­raum und Anker­punkt. Der Gar­ten ringsum, aus dem sie abends noch »die Hüh­ner zu Bett brin­gen« muss. Ihr Mann im Schicht­dienst im Kran­ken­haus der Kreis­stadt. Ihre eige­nen schon nicht mehr abbau­ba­ren Über­stun­den in Suhl. Ihr tol­ler Arbeits­platz dort im eins­ti­gen Vor­zei­ge­pro­jekt der frisch gekür­ten Bezirks­stadt, dem Kul­tur­haus »7. Okto­ber«, jetzt »Haus der Geschichte«. Die Rie­sen­schritte Leben.

Hätte sie etwas anders machen wol­len, etwas weg­las­sen von all ihren Akti­vi­tä­ten? Da wird sie noch ein­mal nach­denk­lich. »Das alles, glaube ich, das ist mein Leben. Alles zusam­men.« Mit­ten­drin am Rande Thü­rin­gens. An einem der schöns­ten Plätze der Welt. Der immer erst dazu wird, wenn man sich selbst ein­bringt. Wie das Andrea Walt­her aus Maris­feld mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit lebt.

 

Der Text erscheint als Teil 7 der Reihe »Mit­ten­drin – lite­ra­ri­sche Per­spek­ti­ven auf unsere Gesell­schaft«, die der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat e.V. 2025 mit freund­li­cher Unter­stüt­zung der Kul­tur­stif­tung des Frei­staats Thü­rin­gen umsetzte.

Der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat dankt der Thü­rin­gi­schen Lan­des­zei­tung für den Abdruck der Reihe.

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