Friedrich Nietzsche – »Prinz Vogelfrei«

Person

Friedrich Nietzsche

Ort

Weimar

Thema

Jede Woche ein Gedicht

Autor

Friedrich Nietzsche

aus: Friedrich Nietzsche: Idyllen aus Messina, Verlag Ernst Schmeitzner, Chemnitz 1882.

Fried­rich Nietzsche

Prinz Vogel­frei

 

So häng ich denn auf krum­mem Aste
Hoch über Meer und Hügelchen:
Ein Vogel lud mich her zu Gaste –
Ich flog ihm nach und rast’ und raste
Und schlage mit den Flügelchen.

Das weiße Meer ist eingeschlafen,
Es schläft mir jedes Weh und Ach.
Ver­ges­sen hab’ ich Ziel und Hafen,
Ver­ges­sen Furcht und Lob und Strafen:
Jetzt flieg ich jedem Vogel nach.

Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben!
Stäts Bein vor Bein macht müd und schwer!
Ich lass mich von den Win­den heben,
Ich liebe es, mit Flü­geln schweben
Und hin­ter jedem Vogel her.

Ver­nunft? – das ist ein bös Geschäfte:
Ver­nunft und Zunge stol­pern viel!
Das Flie­gen gab mir neue Kräfte
Und lehrt’ mich schö­nere Geschäfte,
Gesang und Scherz und Liederspiel.

Ein­sam zu den­ken – das ist weise,
Ein­sam zu sin­gen – das ist dumm!
So horcht mir denn auf meine Weise
Und setzt euch still um mich im Kreise,
Ihr schö­nen Vögel­chen, herum!

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