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Angie Greiner
Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Angie Greiner
Etwas fühlt sich schief an
Ein Mann, der die Mauern seines Lebens buchstäblich einreißt; eine Familie, die durch eine Ratte unter der Spüle zusammengehalten wird; das Ende der Welt und das letzte Buch. »Diese lange Zeit in der Sonne« von Stefan Petermann präsentiert eine Reihe von Erzählungen, die über die Jahre hinweg gesammelt und überarbeitet wurden. In ihnen setzt sich Petermann mit den verschiedensten Szenarien auseinander, die meist nicht inhaltlich miteinander verknüpft sind, aber dennoch dieselben Empfindungen widerspiegeln: Das Gefühl der Entfremdung und des Hinterfragens der allgemeinen Ordnung der Dinge zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.
Durch Petermanns sachlich-klare und zugleich bildhafte Erzählweise werden Gedankenkonstrukte geschaffen, die sozial-politische Aspekte und philosophische Fragen miteinander verbinden. Dabei gelingt es ihm, komplexe Überlegungen in scheinbar alltägliche Situationen einzubetten, wodurch sie für die Leser greifbar und zugleich verstörend wirken. Themen wie Familie, die gemischten Gefühle gegenüber der eigenen Heimat oder auch der unterschwellige Konflikt zwischen Ost und West werden aufgegriffen und miteinander verwoben. Zugleich wird immer wieder der Umsturz bestehender Ordnungen angedeutet – eine Art gedankliche Revolution, die weniger laut und offensichtlich geschieht, sondern sich im Inneren der Figuren vollzieht. Die Protagonisten, meist unbestimmte Erzähler, reflektieren ihr eigenes Menschsein und stellen grundlegende Fragen: Was lohnt sich im Leben? Und inwiefern bestimmen unsichtbare Regeln das gesellschaftliche Zusammenleben? Diese Fragen bleiben häufig unbeantwortet, was die Wirkung der Texte jedoch eher verstärkt als abschwächt. Dadurch erscheinen manche der Erzählungen provokant und besonders zum Nachdenken anregend, da sie alltägliche Abläufe und menschliche Gefühle in einem neuen, ungewohnten Kontext zeigen. Sie sind irritierend und zum Teil kafkaesk in ihrer Aufbereitung, sodass es bei manchen Erzählungen durchaus sehr abstrakt werden kann – genau darin liegt jedoch auch ihre besondere Stärke. Der Leser wird bewusst aus seiner Komfortzone herausgeholt und dazu gezwungen, das Gewohnte aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Stefan Petermann schafft es, durch seine distanzierte Sprache aufzuzeigen, wie Zustände gleichzeitig hingenommen, abgelehnt und hinterfragt werden können. Diese Ambivalenz zieht sich durch alle Texte und spiegelt die Unsicherheit wider, die viele Menschen im gesellschaftlichen Miteinander empfinden. Die zahlreichen Anspielungen auf Bekanntes und reale Begebenheiten verstärken diese Wirkung zusätzlich, da sie eine Verbindung zwischen Fiktion und Realität herstellen.
Stefan Petermanns Erzählungen sind mal mehr, mal weniger zugänglich, doch gerade diese Uneinheitlichkeit macht den Reiz der Sammlung aus. Sie folgt keinem klassischen Spannungsaufbau, sondern vielmehr einem gedanklichen Prinzip: dem stetigen Hinterfragen des Gegebenen, des Menschseins und der eigenen Ängste. Dadurch bleibt »Diese lange Zeit in der Sonne« ein Werk, das weniger durch konkrete Antworten als durch seine Fragen im Gedächtnis bleibt und die Leser auch über die Lektüre hinaus beschäftigt.
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