Person
Ort
Thema
Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft
Jens-Fietje Dwars
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Jens‑F. Dwars
Mit Senefelders Segen
Die Müllers vom Kunsthaus Wurzbach
Ich soll, ich darf für »Mittendrin«, eine Reportage-Reihe des Thüringer Literaturrates, über das Kunsthaus Wurzbach schreiben. Wie nähert man sich einem Ort, der nicht inmitten des Landes liegt und erst recht nicht in den Zentren der Kunstdebatten. Doch gibt es die denn überhaupt noch: Kunstdebatten?
New York, London, das Berlin der neunziger Jahre, Basel, Köln – Glitzergefechte im Scheinwerferlicht. Das einzig Gewisse: die Ungewissheit, wer oder was sich in der Zukunft durchsetzen werde. Denn es gibt längst keine Kriterien mehr, keine Maßgaben der Künste. Blüten des Marktes, attraktiv gewinnträchtig reizvoll aussichtsreich verheißungsvoll margenstark frisch und unverbraucht, so sind die Entdeckungen der Saison. Das neue Prinzip Hoffnung: Jungstars als spekulatives Kapital, containerweise im Hafen von Hongkong gelagert.
Oder verdamme ich die Trauben nur, weil sie zu hoch hängen für mich, für uns in der Thüringer Provinz? Gewiss mögen schmackhafte dabei sein, aber am Ende entscheidet doch die sorgfältige Lagerung über die Qualität eines Weines, jahrelange Erfahrung, Vertrauen und Geduld. Erst in der Geschichte, nach Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten erweist sich der Rang eines Künstlers und seiner Werke, ermöglicht die zeitliche Distanz eine andere Nähe, einen tieferen Blick, auch weil die Augen der Betrachter sich verändern, nicht mehr geblendet von den Moden des Tages.
Vor 15 oder mehr Jahren hörte ich das erstemal von einem Kunsthaus in Wurzbach. Günter Grass werde dort lesen, hieß es, das dürfe man sich nicht entgehen lassen. Ich hatte seine Lesung in der Jenaer Stadtkirche noch vor Augen, Ende der achtziger Jahre. Da war er noch kein Nobelpreisträger, doch Hunderte saßen ihm im überfüllten Gotteshaus zu Füßen, andächtig lauschend, wie er von der Kanzel herab las. Der Autor als Prediger, Verkünder ewiger Wahrheiten. Ein anachronistisches Missverständnis. Schriftsteller haben zu schreiben, nicht zu reden. Ihr Beruf ist es, die Wahrnehmungen zu schärfen, indem sie zur Sprache bringen, was uns umtreibt, wofür im Alltag die Worte fehlen. In einer Sprache nahe dem Verstummen, die noch das Zum-Schweigen-Gebracht-Werden durch das »gewöhnliche« Sprechen der Zeit hörbar macht. Je leiser, desto eindringlicher.
Nein, zu dieser Lesung zog mich nichts, und so kam ich erst im Spätherbst 2019 ins Tal der Sormitz, eines munter plätschernden Bachs, der einst Mühlen und sogar eine Hammerschmiede angetrieben hat. Über Lobenstein, bekannt für seine Moorbäder, fuhr ich ins Thüringer Schiefergebirge, eine waldreiche Hügellandschaft, ab 700 Metern schon mit den Krumen des ersten Schnees bedeckt, und zuletzt steil bergab, mit Blick auf ein Hotel am Berghang gegenüber, thronend über dem Ort wie Kafkas Schloss. Unverkennbar einst ein Ferienheim der DDR-Gewerkschaft. Wikipedia verrät mir, dass es 1984 in Betrieb genommen wurde. Wurzbach – »Erholungsort der Werktätigen«. Täglich, weiß das Internet-Lexikon zu berichten, fanden Veranstaltungen statt, »geführte Wanderungen, Farbdiavorträge, Musik‑, Zauberei- und Tanzabende …« Familotel Am Rennsteigt nennt es sich heute: Familienhotel. »Wir haben großzügige Familienzimmer, ein leckeres Kinderbuffet und Spaß für Groß & Klein.« Das Personal sei freundlich, berichten Gäste auf der hauseigenen Website, das Hotel in die Jahre gekommen, aber der Anblick des Ortes traurig. Wir bedauern den Leerstand, antwortet das Management, doch können nichts dagegen tun.
Wurzbach, meldet Wikipedia, ist eine Landstadt. So definiere man seit der Internationalen Statistikkonferenz von 1887 kleine Städte mit weniger als 5.000 Einwohnern. Goethes Jena um 1800 war also mit seinen 4.500 Bewohnern eine Landstadt, trotz der boomenden Universität. 1250 wurde das Waldhufendorf Wurzbach erstmals in einer Urkunde erwähnt: als Besitz der Herren von Lobdeburg. 1930 erhielt der Flecken das Stadtrecht, 1999 wurden sechs Gemeinden eingegliedert. 2.864 Seelen lebten hier am 31. Dezember 2024.
Die Ruine der Lobdeburg steht am Rand von Jena. Goethe durchstreifte sie mit Sylvie von Ziegesar. Ich schrieb davon in einem Buch vor 25 Jahren. Ein zu belächelnder Zufall oder zog mich eine tiefere Verbindung heimlich unheimlich ins Schiefergebirge? Es gibt keinen Zufall, meint Strawalde, als Dokumentarfilmer eine Legende, als Maler ein verloschener Stern auf dem Kunstmarkt, der noch immer, mit über 90, lebendig pulsierende Bilder erschafft. Alles sei mit allem verwoben, sagt der alte Mann, dessen Arbeiten kraftvoller sind als die der meisten Jungen. Man müsse nur genau hinsehen und zuhören, dann könne man es greifen.
Das Allzu-Fällige nannte es Nietzsche. Und so war es wohl auch: Ich hatte von Dieter Goltzsche zwei Vorlagen für Grafiken erhalten, die den Marginalien, einer Zeitschrift für Buchkunst, beigelegt werden sollten. Meisterliche Zeichnungen mit Lithokreide auf körnigem Blech, das samtene Grautöne in feinen Nuancen erzeugte. Auf der Suche nach einem geeigneten Drucker riet mir Jens Henkel, der Verleger der burgart-Presse, ich sollte es bei Christian Müller in Wurzbach versuchen, der sei der letzte, der noch wahre Wunder der Druckkunst vollbringe.
Da stand ich nun am Markt, vor der breiten Fassade von Haus Nummer 6 mit der Aufschrift »Museum für Steindruck«. In vier Schaufenstern luden Grafiken, Gemälde und Krüge den Besucher ein. Das fünfte war der Eingang. »Willkommen im Kunsthaus«, sagte Bärbel Müller, die Herrin des Hauses. Ein riesiger Raum empfing mich, links in ein Café auslaufend, rechts in eine Keramik-Werkstatt, dazwischen Tische und Schränke mit Bildern, an der Stirnwand ein Gedicht von Eugen Gomringer, der in diesem Jahr hundert wurde, auch einer der Großen aus vergangener Zeit: 14 mal das Wort »Schweigen«, dreimal nebeneinander in fünf Reihen untereinander gesetzt, in der Mitte eine Leerstelle – kein Wort, nichts als Schweigen. Konkrete Poesie, ein Bild aus Worten, aus einem einzigen Wort, grafisch potenzierte Kraft der Sprache, die das Andere ihrer selbst kenntlich macht: das Schweigen, dem alles Sprechen sich entringt.
Wir gingen nach rechts in ein Geviert mit hellblauen Wänden für wechselnde Ausstellungen, Lithografien zumeist, früher Steindrucke genannt. Eine eiserne Wendeltreppe führt ins »Museum«, einen Raum, der mit Texttafeln und Bildbeispielen die Geschichte dieser Drucktechnik erzählt: Alois Senefelder (1771–1834) hat sie erfunden. Der Sohn eines Münchner Hofschauspielers schrieb ein Lustspiel. Um künftige Stücke preiswert zu vervielfältigen, suchte er nach neuen Druckmöglichkeiten. Der Buchdruck mit beweglichen Lettern war zwar im 15. Jahrhundert eine Revolution, doch blieb das Setzen ganzer Bücher aus einzelnen Buchstaben noch immer eine mühsame, kostspielige Arbeit. Senefelder kam auf die Idee, Kalkstein als Druckplatte zu ätzen. Er nahm eine Steinplatte – bis heute ist der feinkörnige Kalk aus Solnhofen dafür am besten geeignet –, schliff ihn glatt und zeichnete darauf mit fetthaltiger Tusche oder Kreide seitenverkehrt die zu druckenden Partien, wodurch diese Stellen wasserabweisend wurden. Danach befeuchtete er die Druckform mit einer wässrigen Lösung aus Gummiarabikum und verdünnter Salpetersäure, was bewirkte, dass die nicht beschrifteten Stellen Wasser hielten und so fettabweisend wurden. Im dritten Arbeitsgang brachte er mit einer Rolle fetthaltige Druckfarbe auf den Stein, die nur an den wasserabweisenden Partien haften blieb. Nun brauchte er nur noch einen Bogen Papier auf den Stein zu legen, um die Farbe mit dem kräftigen Druck einer Walze zu übertragen.
Begonnen hatte Senefelder 1797 mit Noten, da die zuvor besonders aufwändig in Kupfer gestochen wurden. Seine Steindrucke kosteten nur noch ein Fünftel der Kupferstiche. Schon im Jahr darauf zeichnete er Pflanzen auf den Stein und bald war die Technik so ausgereift, dass man Meisterzeichnungen von Dürer und Cranach damit kopieren und vervielfältigen konnte. Senefelder richtete 1799 in Offenbach eine Werkstatt mit fünf Steindruckpressen ein, weitere folgten 1800 in Paris und London. Noten, Bilder und Landkarten ließen sich nun in hohen Stückzahlen preiswert drucken.
Auch der Buchdruck profitierte davon. Porträts und Landschaften wurden auf Stein gezeichnet und konkurrierten mit dem Holzstich als Illustrationstechnik. Dienten diese Illustrationen ein Jahrhundert lang der einfachen, quasi »realistischen« Wiedergabe der im Text beschriebenen Objekte, so änderte sich dies mit dem Übergang zum 20. Jahrhundert. Die Moderne zog auch in die Buchkunst ein, das Bild emanzipierte sich vom Text. Der Steindruck erlebte eine neue Blüte. Honoré Daumier hatte die Kreidelitho schon um 1840 zur Meisterschaft gebracht. Doch Henri de Toulouse-Lautrec verlebendigte die Technik nun mit seinen Farbplakaten. Zeichner wie Munch, Barlach oder die Kollwitz schufen Halbtöne von malerischer Dichte. Chagall, Dali und Picasso nutzten die Technik für Künstlerbücher. In der DDR setzten Rolf Münzner mit seinen Schablithografien, Max Uhlig und Bernhard Heisig neue Maßstäbe.
»Das hab ich gedruckt«, sagt Christian Müller, und weist auf ein Blatt von Heisig. Auch Gerhard Altenbourg habe sich bei ihm gemeldet, bevor er im Dezember 1989 an den Folgen eines Unfalls starb. Ein kaum zu ermessender Verlust. Denn Altenbourg hatte jenseits der Vorgaben des Marktes im Westen und der Politik im Osten ein ganz und gar eigenständiges Werk geschaffen und brachte mit seinen Lithos das samtene Grau der Kreide zum Leuchten.
Der Weg ins Hinterhaus wird zum Gang in die Biografie des Gastgebers: In den 50er Jahren, erzählt Müller, habe er sich zum Steindrucker ausbilden lassen, damals schon eine Seltenheit. Nach einem Ingenieurstudium für Flach- und Tiefdruck in den 60er Jahren wurde er technischer Leiter bei Röder Druck in Leipzig und schließlich Betriebsdirektor in der Kunstanstalt H. F. Jütte. Dort habe er die Tricks der Druckkunst gelernt, wie man improvisiert und trotz Mangel an Material höchste Qualität erzielt. Aber es war eben nur Offset-Druck und seine Leidenschaft galt dem Stein. 1985 verließ er die Kunstanstalt, galt zunächst als Mitarbeiter in der Keramikwerkstatt seiner Frau, baute sich jedoch unterdessen eine eigene Steindruckerei auf und wurde 1987 als freischaffender Künstler anerkannt. In und um Leipzig gab es fast 300 Grafiker, von denen viele bei ihm drucken ließen. Sieben Lehrlinge habe er nach der Wende als Meister ausgebildet, die seien nun die letzten ihrer Zunft. Hoffnungsträger, dass es mit diesem Handwerk weitergehe.
Und wie kam er nach Wurzbach? »Das soll Ihnen meine Frau erzählen«, sagt Christian Müller und stößt die Tür zu seinem Reich auf: Ein schmaler Gang, links und rechts Holzregale mit dicken Steinplatten. 60, 70 Tonnen lagerten hier, eine schwere Kunst. Er lacht, aber ein Groll ist nicht zu überhören, oder eine Traurigkeit, dass die Schwere, die Mühsal des Berufs so wenige wahrnehmen. Der für ihn Berufung ist, und das befreit sein Lachen, als er mein Staunen über die Maschinen sieht: schwarz glänzende Ungetüme, Wunderwerke der Mechanik, mit denen Müller zarte Gebilde aufs Papier zaubert.
Die Qualität seiner Drucke hat die Fachleute überzeugt. Elmar Faber ließ bei ihm Lithos für seine Reihe Die graphischen Bücher drucken, auch der Steidl-Verlag aus Göttingen und das Kunsthaus Lübeck kamen auf ihn zu, gaben Grafiken von Armin Müller-Stahl und Günter Grass in Auftrag. Daher die Lesung des Nobelpreisträgers …
Nur mit den Zeichnungen von Goltzsche konnte er mir nicht helfen, solche Maschinen habe auch er nicht mehr. Doch Müller wusste Rat: er gab mir Umdruckpapier, auf das der Maler mit Lithotusche zeichnen konnte; auf einen Stein übertragen, wurden die Motive für Heft 3/21 der Marginalien gedruckt. In der Zwischenzeit kam ich erneut nach Wurzbach und brachte einen anderen Bildermacher mit: Rüdiger Giebler, der vor Ort zwei Steine bekritzelte. Im Heft 4/2020 beschrieb ich die Entstehung der zweifarbigen Lithografien.
So entstand eine Zusammenarbeit, die bis heute anhält: 2021 ließ ich ein mehrfarbiges Blatt von Gerd Mackensen für die Vorzugsausgabe der Erotica Goethes drucken, 2022 zwei Blätter von Strawalde. Der Berliner Maler und Grafiker hatte mir auch einen älteren Lithostein anvertraut: ein wunderbares Gewirr aus Kringeln, Kreisen und Schraffuren, die einen bizarren Traumgarten ergaben, Wildwuchs einer ungezügelten Phantasie. Die Zeit hatte an dem Stein genagt, Hände hatten ihn abgegriffen, Staub ihn beleckt. Der Drucker brachte ihn trotzdem noch einmal zum Blühen und zauberte aus seinen stillen Reserven eine Dose Altgold hervor, die vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts stammte, aus dem Kaiserreich. Zwei Messerspitzen davon genügten, um eine Auflage von 25 Exemplaren zu drucken, die als Kostbarkeiten die Sammler seitdem erfreuen.
Drei Jahre später bat ich Christian Müller, vier Blätter mit Tänzerinnen von Gerda Lepke, der Grande Dame der sächsischen Malerschule, zu drucken. 650 Exemplare, die den Marginalien im letzten Heft des Jahres beiliegen werden. So erfreulich das Wiedersehen, so erschreckend die Hinfahrt: Die Bundesstraße nach Lobenstein wird neu verlegt, ein Asphaltband frisst sich durch den Wald, lässt den Verkehr stocken. Eine temporäre Störung, die ertragbar wäre. Aber der Wald macht den Vorbeifahrenden frieren, mitten im Sommer, rostig kahle Fichten, vom Borkenkäfer zernagt. Auf den Höhen kahle Flächen so weit das Auge reicht. Bei der Ortseinfahrt von Wurzbach, rechterhand, eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld, gespenstisch mit abgesägten Stämmen bewachsen, ein jeder mannshoch, wie die Bartstoppeln eines schlafenden Riesen aus dem Boden ragend.
»Ein trauriger Anblick«, sagt Bärbel Müller, »aber zugleich ein Grund zur Hoffnung.« Wenn man in den Brachflächen genauer hinschaue, so wachse dort neues Grün nach. Die abgesägten Stämme seien Schattenspender für die zarten Jungpflanzen. Wie in ihrem eigenen Kunsthaus, da erwache auch langsam neues Leben im Schatten des Alten. 1980 habe sie in Großpösna bei Leipzig ihre Töpferwerkstatt gegründet und sie 1988 um eine Galerie erweitert. »Am 18. August 1988 haben wir die eröffnet, mit einem Sommerfest um 18 Uhr. Und seitdem laden wir in jedem Jahr um den 18.8. herum zu einem Fest für die Kunst ein.« Auch in Wurzbach, wohin sie 2005 zogen. Das Haus am Markt geht auf ein Rittergut derer von Watzdorf aus dem Jahr 1540 zurück. Ihr Großvater Max E. Müller erwarb das Herrenhaus 1922 und ließ es zu einem Modehaus im Art déco Stil umbauen. Sein Vater wiederum hatte 1878 bereits in Wurzbach eine Blaufärberei gegründet. 1948 wurde das Modehaus enteignet, 2005 erwarben die Müllers das Gebäude und haben es seitdem Schritt für Schritt saniert. Erst die Räume im Vorderhaus, die Galerie mit bislang 200 Ausstellungen, 2015 wurden die Museumsräume eröffnet, 2020 dann alle Dächer neu gedeckt und in diesem Jahr entstanden zwei Ferienwohnungen, die man über ihre Website buchen kann.
Noch in Leipzig hat Bärbel Müller einen Verlag gegründet, um Mappenwerke, Sach- und Kunstbücher zu edieren, neben Katalogen zu ihren Ausstellungen und Vorzugsgrafiken, meist im Steindruck. Die erste Mappe war 1990 Gerhard Altenbourg gewidmet: wie Gras im Wind, mit sieben Texten und 20 Grafiken, u.a. von Rolf Münzner, Alfred T. Mörstedt, Hermann Naumann, Thomas Ranft und Peter Schnürpel. Mit Steindrucken von Hermann Naumann erschienen vier Mappen, zwei mit Texten von Oskar Panizza, je eine zu Baudelaire und Bukowski. Eugen Gomringer waren gleich drei Mappen gewidmet. Im Dezember 2025 liest dessen Tochter, Nora, zur Feier des Verlagsjubiläums aus ihren Gedichten im Kunsthaus Müller. Überhaupt ist das Jahresprogramm mit neun Veranstaltungen wieder prall gefüllt. Das Sommerfest findet diesmal am 16. August statt.
Zwei Wochen darauf feiert der ganze Ort sein 775-jähriges Bestehen: mit DJ Wild Loops, der Feuerwehrkapelle Wurzbach, der Karnevalsgesellschaft Grün Gold und der Partyband »Hütte Zwo13«, einem Gottesdienst, Kloßessen im Festzelt und der Krönung der Wurzbacher Honigkönigin. Bevor am Freitag Abend Bürgermeister Guido Kant-von der Recke das Festprogramm mit einem Bieranstich eröffnet tritt am Nachmittag im Rahmen des Weimarer Kunstfestes das »Rumpel-Pumpel-Theater« auf, laut Deutschlandfunk ein kunterbuntes »Kindertheater für Erwachsene« – »präsentiert vom Kunsthaus Müller und der Kreissparkasse Saale-Orla«, wie es auf der Website der Stadt heißt.
Das markiert ziemlich genau den Stellenwert des Hauses im Ort: man gehört irgendwie dazu und ist doch ein Exot, ein Kanarienvogel unter Sperlingen. So bunt wie der alte Trafoturm am Markt, den der Leipziger Michael Fischer-Art 2008 bemalt hat. Wer wohl die Idee dazu hatte? Natürlich Bärbel Müller, aber sie fand auch einen Verein dafür, der das Projekt mit Spenden der Mitbürger finanzierte. Sie, die Mitbürger, sind beim Sommerfest gleich doppelt zum Mitmachen eingeladen. Nicht nur Kaffee und hausgebacknen Kuchen kann man genießen, unter dem Titel »Mein Bild – meine Kunst« wird auch eine Ausstellung eröffnet, für die jeder sein Lieblingsbild aus den eigenen vier Wänden einreichen kann: Egal, ob ein Elfenreigen überm Ehebett, oder das teure Original eines namhaften Meisters – jedes Bild ist willkommen als Zeugnis für ein vielfältiges, also lebendiges Kunstverständnis. Das könnte spannend werden, wenn es denn auch zu einer Verständigung über das kommen sollte, was ein jeder, eine jede für sich selbst als schön empfindet. Eine echte Kunstdebatte, ein Streit um Kriterien, um Maßgaben der Künste. Hier, am Rand der großen Welt …
Demnächst wollen die Müllers ihr Haus mit den Werkstätten und allem Drum und Dran in eine Stiftung überführen, damit es eine Zukunft hat. Wir sind ja auch keine Jungspunde mehr, sagt sie. Ihr Mann sei 82, sie nur vier Jahre jünger. Und lacht spitzbübisch wie eine Zwanzigjährige.
So wächst und gedeiht Kunst manchmal doch mitten im Leben – mittendrin.
PS: Die »Tänzer« von Gerda Lepke sind exzellent gedruckt. Und wie ich da vor den Steinen saß, die Christian Müller frisch abgeschliffen hatte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Daheim hatte ich mit Kohle einen »Garten der Träume« entworfen, ein Motiv des Märchenbuches, an dem ich schrieb. Leicht und beschwingt entstand das Bild wie von allein. Nun aber lag mir der Kreidestift bleischwer in der Hand, zögerte ich, den hellen Stein zu berühren, als würde ich ihn verletzen. Es geschieht etwas, mit ihm und mit dem, der seine Spuren darauf hinterlässt. Wache Betrachter können das spüren, wenn sie das Blatt später in den Händen halten, das Echo eines anderen Lebens. Das Geheimnis des Originals: der Lebenskreis des Betrachters streift für einen Augenblick den eines anderen, Kurzschluss zweier Energiefelder, Spannung baut sich auf, und manchmal springt ein Funke über, wir nennen ihn Glück.
»Nur Mut«, nickte mir Christian Müller aufmunternd zu, »Senefelders Segen haben Sie.«
Natürlich bräuchte man viel mehr Übung. Man müsste sich Zeit nehmen dafür, für das Eigentliche im Leben …
Der Text erscheint als Teil 9 der Reihe »Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft«, die der Thüringer Literaturrat e.V. 2025 mit freundlicher Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen umsetzte.
Der Thüringer Literaturrat dankt der Thüringischen Landeszeitung für den Abdruck der Reihe.
›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio
Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]
URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/jens-f-dwars-mit-senefelders-segen-die-muellers-vom-kunsthaus-wurzbach/]