Antje Babendererde – »Ein ungewöhnlicher Pastor«

Person

Antje Babendererde

Ort

Remptendorf

Thema

Mittendrin

Autor

Antje Babendererde

Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Antje Baben­der­erde

Ein unge­wöhn­li­cher Pastor

 

In mei­nem Dorf gibt es eine kleine Holz­ka­pelle der Evan­ge­lisch-metho­dis­ti­schen Kir­che kurz: EmK. Ver­steckt zwi­schen Bäu­men steht die Otto-Melle-Kapelle mit ihren ein­hun­dert Sitz­plät­zen am Rand von Lie­ben­grün. Im Dezem­ber 1948 ein­ge­weiht, ist sie bis heute ein beson­de­rer Ort für Som­mer­got­tes­dienste, Bibel­abende und Lesungen.

Vor drei Jah­ren wen­det sich der für den Bezirk Thü­rin­gen Süd­ost zustän­dige Pas­tor Mat­thias Zie­boll an mich mit der Frage, ob ich mir vor­stel­len könne, eine Schrift­stel­ler­le­sung in der Kir­che zu hal­ten. Ich sage zu, aber aus der Ver­an­stal­tung wird nichts. Auf der 150 Jahr­feier der klei­nen Frei­kir­che in Leu­ten­berg, hat sich der Pas­tor mit Corona angesteckt.

Ein Jahr spä­ter wird die Lesung nach­ge­holt und ich lerne Mat­thias Zie­boll ken­nen. Über­rascht von sei­nem Erschei­nungs­bild: drah­tig, lan­ger Rau­sche­bart, Iro-Haar­schnitt und eine Täto­wie­rung, die aus dem kur­zen Ärmel sei­nes T‑Shirts lugt, kor­ri­giere ich meine alt­ba­ckene Vor­stel­lung, wie ein Pas­tor aus­zu­se­hen hat.

Die Lesung aus mei­nem neus­ten Jugend­ro­man macht mir und den Zuhö­ren­den Freude, aber der Pas­tor ist in Eile und ver­schwun­den, ehe wir nach der Ver­an­stal­tung noch ein Wort wech­seln können.

Im Juli die­sen Jah­res lädt Mat­this Zie­boll mich erneut zu einer Lesung ein. Ich frage ihn – inzwi­schen sind wir zum Du über­ge­gan­gen – ob ich auch aus einem Manu­skript lesen kann, denn ich habe gerade einen Roman für Erwach­sene geschrie­ben. Darin geht es unter ande­rem um eine kleine Frei­kir­che auf den schot­ti­schen Äuße­ren Hebri­den, die ich mit kri­ti­schem Blick betrachte. Der Pas­tor meint, das wäre span­nend und so eini­gen wir uns auf eine Lesung aus dem Manuskript.

Als ich ihn frage, ob er mir etwas über sich und seine Arbeit erzäh­len würde und ich über ihn schrei­ben dürfe, sagt er sofort zu. Wir ver­ab­re­den uns vor der Lesung bei mir zu Kaf­fee und Kuchen.

Einen Tag vor unse­rem Tref­fen maile ich Mat­thias Zie­boll und frage, ob alles bleibt, wie ver­ab­re­det. Die schnör­kel­lose Ant­wort ist »Ja«.

Für unser Gespräch habe ich mir ein paar Fra­gen notiert, die mich an der Arbeit eines Evan­ge­lisch-metho­dis­ti­schen Pas­tors und dem Men­schen dahin­ter inter­es­sie­ren. Auf­grund des knap­pen »Ja« befürchte ich, auf meine Fra­gen ebenso knappe Ant­wor­ten zu bekommen.

Am Tag dar­auf bekomme ich kurz vor dem aus­ge­mach­ten Ter­min eine Mail, die eine Ver­spä­tung von 20 Minu­ten ver­kün­det. Dann, auf die Ver­spä­tungs­mi­nute genau, kommt der Pas­tor mit sei­nem schwar­zen Auto in den Hof gebraust.

Der 47-Jäh­rige ist im Umzugs­mo­dus und gestresst, freut sich auf den Kaf­fee und ein schat­ti­ges Plätz­chen an die­sem som­mer­lich hei­ßen Tag.

Und dann, als die Anspan­nung von ihm abfällt, wird klar: meine Beden­ken waren unbe­grün­det. Mat­thias Zie­boll erzählt von sei­nem Umzug von Leu­ten­berg nach Plauen, der am nächs­ten Tag statt­fin­den soll, und all den hun­dert Din­gen, die zuvor noch zu erle­di­gen waren und es noch sind.

In der Evan­ge­lisch-metho­dis­ti­schen Kir­che gibt es ein Ver­set­zungs­prin­zip, in das Pas­to­ren seit ein paar Jah­ren mit ein­be­zo­gen wer­den. Ein­mal im Jahr fin­det eine Kon­fe­renz statt, bei der sie von ihrem Bischof erfah­ren, wo sie im kom­men­den Jahr tätig sein wer­den. Ein Wech­sel kann also jedes Jahr vor der Tür ste­hen, doch der Pas­tor kann Gründe her­vor­brin­gen, die eine Ver­schie­bung recht­fer­ti­gen. Fami­lie Zie­boll hat sie­ben Kin­der, und Leu­ten­berg war für sie­ben Jahre ihr Zuhause, bevor nun der Umzug nach Plauen ansteht.

Sofort fühle ich mit: Gepackte Umzugs­kis­ten, viele Abschiede. Von einem Haus im Grü­nen mit sie­ben Kin­dern in eine Stadt­woh­nung umzie­hen. Viel Gutes und Bewähr­tes auf­ge­ben – für Neues, Ungewisses.

Doch ein Sohn, erfahre ich, lebt schon seit eini­ger Zeit nicht mehr im Haus­halt der Fami­lie Zie­boll, und von den ver­blie­be­nen sechs Kin­dern zie­hen nur die zwei Jüngs­ten mit um nach Plauen, die übri­gen vier blei­ben in Leutenberg.

Dass ist eine große Ver­än­de­rung und ich merke, Mat­thias Zie­boll kämpft nicht nur mit dem Abschied von sei­ner ver­trau­ten Gemeinde, sei­nen lieb­ge­won­ne­nen Auf­ga­ben­be­rei­chen, son­dern auch mit die­ser Ver­klei­ne­rung sei­ner Fami­lie im zukünf­ti­gen Lebensalltag.

»Es ist ein Schwe­be­zu­stand«, sagt er, »ein Schwe­be­zu­stand zwi­schen Abschied und Neu­an­kom­men. Wenn es schön ist, neigt der Mensch dazu, fest­zu­hal­ten und zu konservieren.«

Die­ses Ver­setzt wer­den ist für ihn eine Übung des Los­las­sens, die erdet.

Zie­boll erzählt mir von Karl Zeh­rer, 92 Jahre alt und Pas­tor der EmK, der ein­mal gesagt habe, ein Evan­ge­lisch-metho­dis­ti­scher Pas­tor müsse drei Dinge kön­nen: 1. Jeder­zeit bereit sein zu pre­di­gen, 2. jeder­zeit bereit sein, sich ver­set­zen zu las­sen und 3. jeder­zeit bereit sein, zu ster­ben, wenn der Herr ruft.

Jeder Umzug – vor sie­ben Jah­ren kam Mat­thias Zie­boll mit sei­ner Fami­lie aus der Ober­lau­sitz ins Thü­rin­ger Schie­fer­ge­birge – sei eine kleine Übung aufs große Los­las­sen. Der Pas­tor weiß, wovon er spricht, denn er war viele Jahre lang »Bera­ter der gesund­heit­li­chen Ver­sor­gungs­pla­nung für die letzte Lebens­phase« im dia­ko­ni­schen Alten­pfle­ge­heim Rudol­stadt. War als Seel­sor­ger trös­tende Beglei­tung für Bewoh­ner und Ange­hö­rige. Dabei ging es um Fra­gen wie: Wie will ich ster­ben? Werde ich los­las­sen kön­nen? Oder auch ganz prak­tisch um Pati­en­ten­ver­fü­gun­gen, um die letz­ten Dinge, die gere­gelt wer­den müs­sen. Manch­mal sei ihm auch die Auf­gabe zuge­fal­len, Über­brin­ger einer Todes­nach­richt zu sein. »An den Gren­zen des Lebens wird man auf die eigene Per­sön­lich­keit zurück­ge­wor­fen«, sagt Mat­thias Zie­boll. »Es ist eine Art Selbsterfahrung.«

Am letz­ten Tag im Alten­heim sei ihm bewusst gewor­den, dass er durch die Beschäf­ti­gung mit der End­lich­keit gelernt habe, die klei­nen Dinge des Lebens mehr wert­zu­schät­zen. Nach dem, was er erlebt habe, gehört habe, emp­fun­den habe, ist es ihm nicht mehr mög­lich, gedan­ken­los in die Welt hineinzuleben.

Ich bin mir sicher: gedan­ken­los in die Welt hin­ein­ge­lebt, hat die­ser Mann ver­mut­lich nicht ein­mal in sei­ner Jugend, als er auf der Suche nach Sinn war.

Mat­thias Zie­boll stammt aus einem nicht­christ­li­chen Eltern­haus im Erz­ge­birge, mit Gott und Glau­ben hat er bis zu sei­nem sech­zehn­ten Lebens­jahr nichts zu tun. Ein Schul­freund nimmt ihn mit zu einer Rüst­zeit, einem offe­nen Abend der EmK, und der jugend­li­che Zie­boll ist wie elek­tri­siert, fin­det den Weg zu Gott und zu sei­nem eige­nen Weg, sei­ner Berufung.

Er macht eine Aus­bil­dung zum Erzie­her und Dia­kon, arbei­tet als Lai­en­pre­di­ger und wird nach einem Abschluss eines Auf­bau­kur­ses ordi­niert. Inzwi­schen ist er seit 18 Jah­ren mit Herz und Enga­ge­ment Pas­tor. Mat­thias Zie­boll sagt, er habe in sei­nem Leben nie »gear­bei­tet«, was er tut, ist Beru­fung, er kann sich nichts ande­res vor­stel­len, als ganz nah am Men­schen zu sein. Von der Kinds­taufe, über Bibel­stun­den und Got­tes­dienste bis zur Seel­sorge und Beerdigungen.

Ich frage ihn, wie es um den jun­gen Nach­wuchs steht und der jugend­lich wir­kende Pas­tor wiegt den Kopf wie ein alter Mann. Frü­her sei er regel­mä­ßig mit jun­gen Leu­ten nach Taizé gefah­ren, das hätte allen gut gefal­len und auch ihm Freude gemacht. Inzwi­schen gibt es Nach­wuchs­sor­gen. Wie über­all gibt es auch in der EmK Men­schen, die alles nur schwarz-weiß sehen, er jedoch schätze die Buntheit.

Ich ahne, wovon er spricht, denn auch die kleine schot­ti­sche Frei­kir­che in mei­nem Roman hat Nach­wuchs­sor­gen, obwohl es, das ist mir längst klar, him­mel­weite Unter­schiede gibt. Wenn einer junge Men­schen auf die Evan­ge­lisch-metho­dis­ti­sche-Kirch­ge­meinde neu­gie­rig machen kann, dann ist es Pas­tor Zie­boll. Bei sei­ner Arbeit begegne ihm täg­lich der Wunsch nach Gemein­schaft – beson­ders in Lock­down-Zei­ten sei das zu spü­ren gewesen.

Immer wie­der merke ich, wie wich­tig Mat­thias Zie­boll das Zuhö­ren ist, etwas, dass uns mehr und mehr ver­lo­ren geht in unse­rem hek­ti­schen, von sozia­len Medien beherrsch­ten All­tag. Diese Kunst des Zuhö­rens prä­de­sti­niert ihn für eine wei­tere wich­tige Auf­gabe, denn neben­amt­lich ist der Pas­tor als Poli­zei­seel­sor­ger für die Thü­rin­ger Poli­zei tätig, ist Mit­glied im Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­team KITPOL.

Mat­thias Zie­boll, er spricht oft in Bil­dern, sagt: »Die Bibel­stun­den und Got­tes­dienste sind mein fes­tes Stand­bein, die Poli­zei­seel­sorge ist mein Spielbein.«

Der Begriff Spiel­bein bezeich­net das­je­nige Bein, wel­ches wäh­rend des Gehens gerade kei­nen Kon­takt zum Boden besitzt und damit kein Gewicht trägt. Wäh­rend des Ste­hens ist es das Bein, wel­ches den gerin­ge­ren Anteil des Kör­per­ge­wichts trägt.

Leb­haft schil­dert mir Zie­boll, was seine Auf­ga­ben bei KITPOL sind: Ein­zel- oder Grup­pen­ge­sprä­che mit Poli­zis­ten und Poli­zis­tin­nen nach belas­ten­den Ein­sät­zen und Ereig­nis­sen. Diese Ein­satz­nach­sor­ge­ge­sprä­che (ein Peer, also ein ande­rer Poli­zist, ist immer dabei) haben einen fes­ten Ablauf und ver­lan­gen dem Pas­tor gute Wahr­neh­mung, akti­ves Zuhö­ren und die Fähig­keit zu Spie­geln ab. Werk­zeuge, die Mat­thias Zie­boll wäh­rend sei­nes Stu­di­ums mit­be­kom­men hat. Liegt ein Gespräch nahe am belas­ten­den Ereig­nis, ist die Sta­bi­li­sie­rung des Betrof­fe­nen wich­tig. Doch so ein Nach­sor­ge­ge­spräch ist keine The­ra­pie. Im Gespräch soll die Belas­tungs­si­tua­tion begrif­fen und nor­ma­li­siert wer­den. Nicht die per­sön­li­che Reak­tio­nen sind außer­ge­wöhn­lich, son­dern das Ereignis.

Ich spüre die hoch­gra­dige Ver­ant­wor­tung, die ein Poli­zei­seel­sor­ger trägt und ver­su­che mir vor­zu­stel­len, wie diese unge­mein wich­tige, gewich­tige Arbeit Mat­thias Zie­boll als Aus­gleich dient: das Spiel­bein ist, das für Gleich­ge­wicht beim Gehen und Ste­hen sorgt.

Kurz erzähle ich Mat­thias Zie­boll von mei­nem Vater, der mit einer unschö­nen, viel­leicht lebens­ver­än­dern­den Dia­gnose im Kran­ken­haus liegt. Sofort spüre ich, was das ist: akti­ves Zuhö­ren, gute Wahr­neh­mung. Die Fähig­keit zu spie­geln. Näm­lich meine Ängste, aber auch mein tie­fes Ver­trauen in das Leben. So inten­siv wie Mat­thias Zie­boll hat mir lange nie­mand mehr zugehört.

Ich bekomme von mei­nem Gegen­über einen offe­nen Blick, der vol­ler Ver­ste­hen ist, bekomme wert­vol­len Rat in weni­gen, war­men und klu­gen Wor­ten. Bekomme Trost, den ich als Athe­is­tin offen anneh­men kann. Da ist jemand, der auch jen­seits von Gott Ant­wor­ten hat auf Fra­gen, die uns alle berüh­ren. »Für Gott gibt es keine hoff­nungs­lo­sen Fälle«, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Viel­leicht so denke ich, hat Mat­thias Zie­boll ja auch zwei Standbeine.

Er selbst sieht sich als Grenz­gän­ger und sagt, er läuft jeden Tag. Im Jahr 2020, wäh­rend Corona, ver­an­stal­tet er einen »Got­tes­dienst mit Pfer­de­stär­ken« und rei­tet mit einem Pferd zum Auto­got­tes­dienst ein. Ver­sucht auf diese unkon­ven­tio­nelle Weise, seine Gemein­de­mit­glie­der in der Zeit des Abstand­hal­tens zusammenzuhalten,

Nun weiß ich also, warum der Pas­tor es stets eilig hat. Er ist immer auf dem Weg zu den Men­schen, die sei­nen offe­nen Geist brau­chen, sein Zuhö­ren, sei­nen Zuspruch, sei­nen Trost. Er ist jemand, der mit bei­den Bei­nen auf fes­tem Boden steht und uner­müd­lich Mut und Hoff­nung in die Gesell­schaft trägt.

Ob er Leu­ten­berg nach sie­ben Jah­ren mit Weh­mut ver­lässt, frage ich ihn. Die Ant­wort lau­tet: »Nein. Ver­än­de­run­gen las­sen einen spü­ren, dass man lebt.«

Außer­dem habe er schon all sei­nen Abschieds- und Trau­er­schmerz vor­sorg­lich in sein altes Auto gesteckt, mit dem er in 19 Jah­ren 600 000 Kilo­me­ter gefah­ren ist, und dass er nun schwe­ren Her­zens gegen die­ses schwarze Auto tau­schen musste, das in mei­nem Hof steht. Mat­thias Zie­boll sagt es und lacht.

Für ihn und seine Frau San­dra sind es große Ver­än­de­run­gen, die sie gemein­sam ange­hen wer­den. »Das Leben spü­ren und fei­ern, das ver­ges­sen wir viel zu oft«.

Die neue Gemeinde in Plauen darf sich auf einen beson­de­ren Pas­tor freuen. Auf der Web­site der EmK Plauen finde ich ein sym­pa­thi­sches Foto von Zie­boll, er lacht dar­auf zuver­sicht­lich und ein wenig ver­schmitzt. Mat­thias Zie­boll freut sich auf sein neues Pfarr­ge­biet und die Nähe zu den Menschen.

 

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