Gabriele Reuter

1859      Alexandria

1941      Weimar

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Gabriele Reuter

Autor

Sebastian Graf

Gabriele Reuter ist heute weitestgehend aus dem literarischen Gedächtnis verschwunden. Dabei ebnete die Schriftstellerin, die am 8. Februar 1859 in Alexandria geboren wurde, den Weg für eine kritische Reflexion des Weiblichkeitsbildes im frühen 20. Jahrhundert. Ihre Bücher, die zeitlebens regen Absatz fanden und ihrer Autorin zu einer breiten Bekanntheit verhalfen, setzen sich mehrheitlich mit dem Rollenverständnis der Frau innerhalb einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung auseinander. Sie zeichnen anhand bewegender Frauenschicksale plastische Porträts einer Gesellschaft, in der Doppelmoral und Chauvinismus einer freien Entfaltung der Frau im Wege stehen.

Die ersten literarischen Arbeiten Gabriele Reuters erschienen 1875 in verschiedenen Lokalzeitungen. 1879 finanzierte sich die Schriftstellerin einen Umzug nach Weimar, wo sie als Autorin Fuß zu fassen versuchte. Ermöglicht wurde dies durch die Veröffentlichung publikumswirksamer Texte – darunter zweier Romane –, in denen Reuter ihre Kindheitserlebnisse aus dem fernen Ägypten verarbeitete. Jene frühen Schriften waren vorrangig des Gelderwerbs wegen verfasst worden; die Familie Reuter war nach dem Tod des Vaters 1872 in finanzielle Not geraten.

Der literarische Durchbruch gelang der Autorin im Jahre 1895 mit dem Roman »Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens«. Das autobiographisch gefärbte Buch schildert den Leidensweg einer gutbürgerlichen Frau, deren »Versagen« darin besteht, die genormte Rolle einer Ehegattin nicht auszufüllen. Ob des sozialkritischen Tons wurde das Buch gleichermaßen Ziel von Anfeindungen und Zustimmung. Bis 1931 erlebte der Roman 28 Auflagen und wurde zum Bestseller.

Gabriele Reuter selbst hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits aus jener starren Ordnung gelöst und sich gänzlich dem Künstlerleben verschrieben. 1895 verließ sie, gemeinsam mit ihrer Mutter, das thüringische Weimar, um in München einen Freiraum für ihre schriftstellerische Existenz zu finden. Die Abkehr von den spießbürgerlichen Normvorstellungen ging dabei einher mit einem Rückzug ins Private. Reuters Lebensstationen nach 1897 sind nur fragmentarisch dokumentiert; freilich hatten die Anfeindungen der Gesellschaft dazu beigetragen, dass sich die Schriftstellerin zusehends aus dem öffentlichen Betrieb zurückzog. – Ihre 1921 verfasste Autobiographie geht nicht über das Jahr 1895 hinaus.

Reuters bekannteste Erzählung – »Das Tränenhaus« (1908) – setzt sich kritisch mit der sozialen Stellung einer unverheiratet schwangeren Frau auseinander, – eine Problematik, die autobiographische Bezüge offenbart. Als Mutter einer unehelichen Tochter war sie mit der diskriminierenden Haltung der Gesellschaft gegenüber einem unkonventionellen Familienbild vertraut. Reuters zunehmendes Selbstbewusstsein spiegelte sich ab 1907 auch in essayistischen Texten wider, die durch die Lektüre Nietzsches beeinflusst waren. Darin forderte Reuter eine Reform der bürgerlichen Erziehungsmoral, um ein soziales Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern zu erreichen.

Nach dem Ersten Weltkrieg spitzte sich die finanzielle Situation der Schriftstellerin zu. Die Inflation hatte ihr Vermögen aufgezehrt, so dass sich Gabriele Reuter neue Einkommensquellen erschließen musste. Das Nachkriegsleben führte sie auf Lesereisen durch ganz Deutschland; zusätzlich verfasste sie Beiträge für die Wiener »Neue Freie Presse« und die »New York Times«.

Das Credo ihres Schriftstellerdaseins benannte Gabriele Reuter in ihrer 1921 erschienenen Autobiographie »Vom Kinde zum Menschen«: Und plötzlich wußte ich, wozu ich auf der Welt war –: zu künden, was Mädchen und Frauen schweigend litten.

Reuter entwarf einen Typus Frau, der die fremdverordnete häusliche Sphäre gegen ein freies Künstlerleben eintauscht und sich konsequent von der bürgerlichen Doppelmoral abkehrt.

Ihren Lebensabend verbrachte die Schriftstellerin in Weimar, welches sie Jahre zuvor noch als »lähmendes Gift« beschrieben hatte. Als Gabriele Reuter am 16. November 1941 verstarb, war ihr literarischer Ruhm bereits spürbar verblasst. Ihr Nachlass befindet sich heute im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv. Ihr Grab auf dem Historischen Friedhof in Weimar ist nicht überliefert.

Im Rahmen der Forschung zur Weiblichkeit im frühen 20. Jahrhunderts wurde ihr umfangreiches Werk wiederentdeckt. Seit 1980 erlebten die Bücher Gabriele Reuters daher mehrere Neuauflagen – allen voran die Bestseller ihrer Zeit: »Das Tränenhaus« und »Aus guter Familie«.

 

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