Von Altenburg nach Hummelshain – Wilhelm von Kügelgens Jugenderinnerungen
2 : Nachts von Altenburg nach Ronneburg

Person

Wilhelm von Kügelgen

Orte

Altenburg

Ronneburg

Thema

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Autor

Wilhelm von Kügelgen

Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Berlin 1870.

Es war schon dunkle Nacht, als wir abends 9 Uhr in Alten­burg anlang­ten, wo ich zu mei­nem Schre­cken erfuhr, daß die Post hier zwölf Stun­den lie­gen bliebe – ein uner­träg­li­cher Gedanke! Der sehr gefäl­lige Wagen­meis­ter erbot sich zwar, mich nach einem, wie er sagte, sehr anstän­di­gen und ebenso wohl­fei­len Gast­hause zu füh­ren, des­sen Wirt sein Schwa­ger sei, und wen er emp­fehle, der hätte es dort so gut, wie’s einer haben könne. Allein meine Unge­duld, nach Hum­mels­hain zu kom­men, war stär­ker als diese Ver­lo­ckun­gen, und ich erkun­digte mich nach dem Ron­ne­bur­ger Wege, um auf der Stelle zu Fuße abzu­wan­dern. Natür­lich wider­riet mir dies der freund­li­che Schwa­ger des Wir­tes. Der Weg sei weit, bemerkte er, bei Nacht leicht zu ver­feh­len und über­dem nicht sicher wegen eines jüngst von der Leuch­ten­burg ent­sprun­ge­nen Bri­gan­ten. Ich beharrte indes­sen auf mei­nem Ent­schluß, dankte jenem für seine Teil­nahme und schenkte ihm ein Trink­geld, womit er sich ent­fernte.

Die Juden hat­ten sich ver­lau­fen, das junge Mäd­chen aber mit ihrem Bün­del­chen anschei­nend war­tend dage­stan­den. Jetzt, da wir allein waren, trat sie mich an: »Wür­den Sie mich denn mit­neh­men?« fragte sie.

»Wohin denn?«

»O, nur bis Ron­ne­burg, wo ich zu Hause bin.«

Ich fiel aus den Wol­ken und sagte was von wei­ten Wegen wie von mög­li­chem Irre­ge­hen und Ange­fal­len­wer­den; aber die Kleine ließ sich nicht irre­ma­chen. Sie erwi­derte mir, daß an der Räu­ber­ge­schichte mit dem Ent­sprun­ge­nen kein wah­res Wort sei und eben­so­we­nig an eine Schwie­rig­keit zu den­ken, den Weg zu fin­den. Sie kenne die­sen genau, sagte sie, und werde meine Füh­re­rin sein. Wenn sie frei­lich gewußt hätte, daß diese Post hier lie­gen blei­ben würde, so hätte sie sich anders ein­ge­rich­tet; nun aber habe sie Scheu, allein in einem unbe­kann­ten Gast­hause zu näch­ti­gen, was auch sonst nicht ginge.

Indem die Rei­sende so sprach, schien sie mir ganz ver­wan­delt: ihre an sich nicht schö­nen Gesichts­züge beleb­ten sich auf pikante Weise, und die Stimme fiel so ange­nehm ins Ohr, daß ich mich unter allen Umstän­den für sie inter­es­siert hätte. Das Zutrauen, das sie mir schenkte, bestach mich voll­ends, und so gewährte ich mit Freu­den, was ich ihr doch nicht abschla­gen durfte, selbst wenn sie mir miß­fal­len hätte. Wir kamen über­ein, gleich auf­zu­bre­chen; um aber das Nach­se­hen des Post­per­so­nals zu ver­mei­den, ging meine Rei­se­ge­fähr­tin allein vor­aus, als wolle sie ins Gast­haus.

»Wer war denn das Mam­sell­chen?« fragte mich der Wagen­meis­ter, als ich mein Bier bezahlte. Ich wußte es nicht und hatte mich selbst noch nicht danach gefragt. Auch schien es mir fürs erste aus­zu­rei­chen, daß sie ein net­tes Mäd­chen war und mir gefiel. Ich freute mich dar­auf, mit ihr zu wan­dern, und da ich sie, als ich das Haus ver­las­sen, nicht gleich sah, besorgte ich schon, es könne ihr leid gewor­den und sie mir ent­wischt sein.

Aber nein! Da stand sie ja am Bäcker­la­den, wo sie sich ein Bröt­chen ein­ge­han­delt, und emp­fing mich mit hel­ler Freude. Nun solle ich sehen, rief sie, wie sie mar­schie­ren könne, und schlug einen Schritt ein, den ich sogleich zu mäßi­gen suchte. »Lang­sam aus dem Stalle«, sagte ich, sei die erste Regel für jede wei­tere Ent­fer­nung und »Eile mit Weile« das beste Beför­de­rungs­mit­tel.

Da meine Beglei­te­rin Bescheid wußte, kamen wir ohne Frage zum rich­ti­gen Tore hin­aus, wo sie vor­erst ihr Bröt­chen aus der Tasche zog, von dem sie mir die Hälfte auf­drang. Auch wäre es jetzt wohl ange­bracht gewe­sen, wenn wir uns end­lich ein­an­der vor­ge­stellt hät­ten; doch unter­blieb dies wenigs­tens der Form nach, und nur ganz all­ge­mach und bruch­weise löste sich das gegen­sei­tige Inko­gnito. Ich erfuhr gele­gent­lich, daß der Vater mei­ner Domina Wit­wer und, wenn ich nicht irre, Pas­tor oder sonst was Gutes in Ron­ne­burg sei, wie auch, daß sie selbst aus irgend­ei­nem Grunde nach Leip­zig fah­ren mußte, wo sie Ver­wandte hatte. Aber über ein paar Tage hatte sie nicht blei­ben kön­nen, denn sie war zu Hause nötig; der Vater konnte nicht hin ohne sie. Bei der Art, wie der­glei­chen Mit­tei­lun­gen gemacht wur­den, gefiel mir das Mäd­chen immer bes­ser. Ihre Aus­drucks­weise war fein und hei­ter, ihr Inter­esse stets ange­regt und ihr Beneh­men mäd­chen­haft. So zutrau­lich sie war, beob­ach­tete sie ander­seits doch alle Zurück­hal­tung, wel­che die Umstände erheisch­ten. Sie schlug beharr­lich mei­nen Arm aus, und selbst ihr Bün­del­chen, das ich so gern getra­gen hätte, war nicht zu erlan­gen. Ganz frei und selb­stän­dig schritt sie neben mir hin, die Gegen­stände der Unter­hal­tung mit san­gui­ni­scher Leich­tig­keit wech­selnd.

Es war eine schim­mernde Som­mer­nacht, und wir amü­sier­ten uns, die Sterne zu benen­nen, die über uns fun­kel­ten. Die Pfar­rers­toch­ter wußte bes­se­ren Bescheid darin als ich, der ich bei Rol­ler mehr auf die Win­ter­halbe ein­stu­diert war und mich daher nur küm­mer­lich zurecht­fin­den konnte. Sie zeigte mir die Leier, den Schwan, die Krone, die Andro­meda, den Per­seus und andere berühmte Stern­bil­der, exami­nierte mich dann und hielt dar­auf, daß ich’s behielte.

Ich glaube, daß nie­mand, der nicht gerade Astro­nom ist, die Sterne lange anse­hen kann, ohne an die Ewig­keit zu den­ken. Daß wir beide in der­sel­ben auch einst­ma­len unser lieb­li­ches Erb­teil fin­den wür­den, daran mögen wir nicht im min­des­ten gezwei­felt haben, wenigs­tens kamen wir über­ein, daß wir nach unse­rem Tode dort oben in jener seli­gen Licht­welt woh­nen wür­den. Hier­bei gedachte meine Gefähr­tin ihrer ver­stor­be­nen Mut­ter und weinte etwas. Dann aber fragte sie mich plötz­lich wie­der ganz hei­ter, wel­chen Stern ich mir zum Wohn­ort wäh­len würde, wenn ich dürfte. Ich erwi­derte, sie habe ja gese­hen, wie wenig ich Bescheid wisse; doch hätte ich eine kleine Vor­liebe für die Kas­sio­peja, weil sie wie ein W aus­sähe, denn ich hieße Wil­helm.

Sie lachte und sagte, aus ähn­li­chem Grunde könne ich mich auch in den Was­ser­mann oder Wid­der wün­schen, weil sie mit W anfin­gen. Sie werde aber künf­tig bei der Kas­sio­peja mei­ner den­ken.

Um an Höf­lich­keit nicht zurück­zu­ste­hen, ersuchte ich sie, mir gleich­falls ein klei­nes Andenken am Him­mel anzu­wei­sen. Sie sagte aber, sie wisse keins, und es wäre ihr einer­lei, in wel­chen Stern sie käme, wenn es nur recht hell und gut da sei.

So kose­ten wir und hat­ten Zeit dazu, denn es ist ein wei­ter Weg von Alten­burg nach Ron­ne­burg. Wir wan­der­ten die ganze Nacht, die mir in die­ser nied­li­chen Gesell­schaft wie ein Mor­gen­traum ver­ging. Von den Besorg­nis­sen des Wagen­meis­ters war nichts in Erfül­lung gegan­gen, denn weder hat­ten wir uns ver­irrt, noch waren wir durch jenen Ent­sprun­ge­nen beun­ru­higt wor­den, den meine Freun­din als eine bloße Legende ver­lachte, wel­che in die­ser Gegend täg­lich neu auf­ge­legt werde. Etwa bei Son­nen­auf­gang erreich­ten wir Ron­ne­burg.

Als ich mich jetzt erkun­digte, wel­chen Weg ich durch den Ort zu neh­men habe, drang meine Beglei­te­rin aufs lie­bens­wür­digste in mich, es mir für heute in ihrem väter­li­chen Hause bequem zu machen. Es sei ja ganz unmög­lich, nach sol­chem Mar­sche noch nach Hum­mels­hain zu gehen, und wollte ich’s ver­su­chen, so würde ich in den Wäl­dern lie­gen blei­ben wie ein for­cier­ter Hirsch. Ja, ganz gewiß, das würde ich. Auch müsse ich doch ihren Vater ken­nen ler­nen, der mir für meine Beglei­tung gewiß gern dan­ken wolle.

Der Vor­schlag wäre gut genug gewe­sen, doch mochte ich der Mei­nung sein, daß man einen wild­frem­den Vater zu die­ser Stunde nicht aus dem Bette holen dürfe, um sei­nen Dank zu hören. Zudem trieb mich je län­ger je mehr die pein­lichste Unge­duld, nach Hum­mels­hain zu kom­men. Ich lehnte also ab, beteu­ernd, ich dürfe mich nicht auf­hal­ten, und jene beteu­erte, sie dürfe mich nicht las­sen, und wenigs­tens eine Tasse Kaf­fee müsse ich bei ihr trin­ken. Indem wir noch so strit­ten, machte meine Gefähr­tin vor einer Haus­türe Halt und zog die Klin­gel. Das war der ent­schei­dende Moment. Ich ergriff ihre Hand, bat sie, mei­ner freund­lich zu geden­ken – und fort war ich.

»Der Weg geht links,« rief sie mir nach, »Sie keh­ren im Löwen ein!« Und links um die Ecke schwen­kend, grüßt‹ ich noch ein­mal zurück.

Da lag der Löwe im Glanz des Mor­gen­lich­tes und zeigte schon eini­ges Leben. Eine Magd öff­nete die Fens­ter der Gast­stube, und auf dem Haus­flure ward ein Pferd ange­schirrt. Ich aber ging vor­bei, denn ich dachte, man würde mich dort suchen.

 Von Altenburg nach Hummelshain – Wilhelm von Kügelgens Jugenderinnerungen:

  1. Mit der Post von Leipzig nach Altenburg
  2. Nachts von Altenburg nach Ronneburg
  3. Nach Hummelshain, nach Hummelshain
  4. Im Gasthaus zur nassen Malzbrühe
  5. Nach Lichtenau
  6. Nachtquartier im Unterholz
  7. Quer durch den Wald nach Hummelshain
  8. Hummelshain im angenehmsten Rosenlicht
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