Volker Müller – »Das Haus in der Rosa-Luxemburg-Straße 58«

Ort

Greiz

Thema

Dichters Wort an Dichters Ort

Autor

Volker Müller

»Dichters Wort an Dichters Ort« / Thüringer Literaturrat e.V.

Heute liegt der Fall für mich son­nen­klar: Die Grei­zer Neu­stadt mit ihren schnur­ge­ra­den Stra­ßen­zü­gen und impo­san­ten Häu­ser­zei­len kün­det von ver­gan­ge­ner, schon bei­nahe ans Sagen­hafte gren­zen­der wirt­schaft­li­cher Stärke. Es waren vor allem tat­kräf­tige Unter­neh­mer, die sich ab der Mitte des 19. Jahr­hun­derts in der bis dahin brach lie­gen­den, von bewal­de­ten Hän­gen ein­ge­fass­ten, Rich­tung Süd­west füh­ren­den Els­ter­aue nie­der­lie­ßen. Greiz soll damals, nimmt man die Zahl der Mil­lio­näre pro Kopf der Bevöl­ke­rung zum Maß­stab, die reichste Stadt Deutsch­lands gewe­sen sein.

Als ich vor knapp fünf­zig Jah­ren in die Gegend kam, hatte ich davon kei­nen blas­sen Schim­mer. In der Erwei­ter­ten Ober­schule »Dr. Theo Neu­bauer«, die ich von 1966 bis 1970 besuchte, war die Klasse der Besit­zen­den oft ein Thema. Ihre Ver­tre­ter wur­den denk­bar kri­tisch beleuch­tet, mehr oder weni­ger für alles Üble in der Welt ver­ant­wort­lich gemacht. Dass einige ihrer Ver­tre­ter tüch­tig an der Hei­mat­stadt mit­ge­baut hat­ten, erfuh­ren wir nicht. Aber mit der Erin­ne­rung ist es so eine Sache. Viel­leicht habe ich auch nicht rich­tig zuge­hört. Es gab Leh­rer, denen traue ich im Nach­hin­ein zu, dass sie klug und beherzt genug waren, jeder­mann – und sei er reich und rück­sichts­los – Gerech­tig­keit wider­fah­ren zu las­sen. Zumin­dest in Ansät­zen und in aller gebo­te­nen Vorsicht.

In die Neu­stadt geriet ich im Schlepp­tau eines Man­nes, dem vor Ort bis heute ein erstaun­li­ches Ange­den­ken bewahrt wird. Dass Man­fred Böhme 1990 als lang­jäh­ri­ger flei­ßi­ger Sta­si­zu­trä­ger ent­larvt wurde, hat in Greiz nicht ent­schei­dend an sei­nem Nim­bus als illus­trer Fein­geist, bril­lan­ter Spöt­ter, kecker Auf­rüh­rer rüt­teln kön­nen. Wie das sein kann, ist mir ein Rät­sel. Man mag alles Mög­li­che, die schwie­rige Fami­li­en­ge­schichte etwa, zur Auf­hel­lung  des Gesche­he­nen her­an­zie­hen – Böhme war ein Lump, wie er im Buche steht. Noch in sei­nen letz­ten Tagen fand er Men­schen gegen­über, die bereit waren, ihm alles zu ver­zei­hen, zu kei­nem Wort der Erklä­rung oder Reue.

1969, als von all dem noch nichts zu ahnen war, folgte ihm eine Reihe jun­ger Leute in die Neu­stadt, in das Haus Rosa-Luxem­burg-Straße 58, wo der Kul­tur­bund resi­dierte. Dort hatte Böhme, der wegen sei­ner nicht par­tei­kon­for­men Hal­tung zur Nie­der­schla­gung des Pra­ger Früh­lings als Lei­ter des FDJ-Klubs am Wes­tern­ha­gen­platz abge­löst wor­den war, wie­der Fuß fas­sen kön­nen. Sein Lyrik- und Phi­lo­so­phie­zir­kel, zu des­sen Mit­glie­dern Gün­ter Ull­mann, Klaus Roh­le­der und Harald Sei­del zähl­ten, traf sich fortan im Klub der Intel­li­genz »Alex­an­der von Humboldt«.

Wor­über haben wir uns damals nicht alles den Kopf zer­bro­chen. Kann es einen idea­len drit­ten Weg zwi­schen den Sys­te­men geben? Wie kom­men wir zu einer Welt ohne Waf­fen, Armut und Unter­drü­ckung? Wann bricht end­lich die Zeit einer grund­ehr­li­chen, die Mensch­heit voran brin­gen­den Kunst an?

Kein Mensch, scheint mir, inter­es­siert sich heute mehr dafür.

Es war ein beson­de­res Haus, in dem wir aus- und ein­gin­gen. Es nahm mich, wenn ich zurück­denke, wenigs­tens so gefan­gen wie unsere beweg­ten Debat­ten. Als Schü­ler, noch als Stu­dent war ich alles andere als ein Tat­sa­chen­mensch. Ich pro­ji­zierte vie­les von dem, was ich gerade las oder ander­wei­tig auf­nahm, beden­ken­los in die stock­nüch­terne Wirk­lich­keit, die mich umgab. Kam ich auf die Kul­tur­bund-Villa zu, sah die dazu­ge­hö­rige statt­li­che höl­zerne Laube und den von einem schmie­de­ei­ser­nen Zaun ein­ge­fass­ten Gar­ten, wähnte ich mich leicht in einer Erzäh­lung von E.T.A. Hoff­mann, wo sich fast immer, drang jemand unvor­sich­ti­ger­weise in ein sol­ches for­mi­da­bles Anwe­sen ein, eine zweite Welt auf­tat, in der man dar­auf gefasst sein musste, ver­wun­sche­nen  Prin­zes­sin­nen, spin­del­dür­ren bösen Räten, wun­der­sa­men Zau­ber­scha­len und fra­gi­len Dia­man­ten­schät­zen zu begeg­nen. Das Innere des Gebäu­des wie­derum mit dem gedie­ge­nen Ves­ti­bül, der groß­zü­gig bemes­se­nen Gar­de­robe, dem Vor­trags­saal, dem immer noch unschwer seine Her­kunft als gut­bür­ger­li­cher Salon anzu­se­hen war, dem hei­te­ren, geräu­mi­gen Win­ter­gar­ten – die­ses ganze erle­sene Inte­ri­eur ließ mich an Filme den­ken, die die DEFA zu der Zeit nach Roma­nen Hans Fal­la­das drehte, in denen das Leben und Trei­ben der Rei­chen und Schö­nen eine gewisse Rolle spielte. Filme, die heute kei­ner mehr zustande bringt. Ganz auf die Kraft der Lite­ra­tur ver­trau­end, gedacht für Zuschauer mit einem üppig bemes­se­nen Min­dest­maß an Bildung.

Nach dem Abitur stu­dierte ich in Erfurt Päd­ago­gik und bewährte mich spä­ter­hin mäßig als Leh­rer im Kreis Pots­dam-Land. Kaum bes­ser wurde es auf den fol­gen­den Sta­tio­nen als Kla­ri­net­tist im Grei­zer Sin­fo­nie­or­ches­ter und  kul­tur­po­li­tisch-künst­le­ri­scher Mit­ar­bei­ter im Geraer Bezirks­ka­bi­nett für Kul­tur­ar­beit, wes­halb ich schließ­lich bei der Tanz­mu­sik lan­dete. Nach­dem es im Zuge der Ereig­nisse des Jah­res 1989 auch damit ein Ende hatte, fand ich Auf­nahme bei der »Thü­rin­gen­post«, einem mit weit­ge­spann­ten Ambi­tio­nen ins Leben geru­fe­nen Able­ger der Hofer »Fran­ken­post«.

Als Grei­zer Redak­teur des Blat­tes erlebte ich Dinge, an die es mir heute manch­mal schwer­fällt zu glau­ben. Ein­mal ver­schlug es  mich auch in die Rosa-Luxem­burg-Straße. Ich war seit Jah­ren, viel­leicht Jahr­zehn­ten nicht mehr dort gewe­sen. Nun war da – den Kul­tur­bund gab es inzwi­schen in der Vogt­land­stadt nicht mehr – Kapal Mehra zu Hause, der Grei­zer Statt­hal­ter der indi­schen Orkay Group of Indus­tries. Der Kör­per­schaft mit dem gut klin­gen­dem Namen und wenig Sub­stanz – im Stamm­be­trieb sol­len ganze 120 Web­stühle gestan­den haben – hatte die Treu­hand die Greika, das ein­mal knapp 6000 Leute beschäf­ti­gende volks­ei­gene Grei­zer Tex­til­un­ter­neh­men, anver­traut. Die loka­len Zei­tun­gen bemüh­ten sich nach der Ent­schei­dung lange um ein Gespräch mit Mehra. An dem Tag war es end­lich soweit. Pro­mi­nente Lokal­po­li­ti­ker such­ten den Mann auf, wes­halb auch die Presse vor­bei­schauen durfte. Der Ter­min fiel denk­bar kurz aus. In dem Salon, in dem einst die für pro­vo­kante neue Töne bekannte Jazz­for­ma­tion »media nox« auf­spielte, Rei­ner Kunze eine atem­los lau­schende Zuhö­rer­schaft in die Geheim­nisse des Nach­dich­tens ein­weihte, der Diri­gent Heinz Biskup mit Inbrunst für Dmi­tri Schosta­ko­witsch, Béla Bar­tók und Alban Berg warb, der Ber­li­ner Volk- und-Welt Lek­tor Ralf  Schrö­der unglaub­lich mutige Bücher aus der Sowjet­union vor­stellte – in dem sel­ben, nun trotz der nicht weni­gen anwe­sen­den fül­li­gen Her­ren selt­sam kalt und leer schei­nen­den Raum knis­terte es. Jeder halb­wegs sen­si­ble Geist ahnte: Schwei­gen ist Gold. Immer­hin fragte jemand, wo und wie viel und zu wel­chem Zweck dem­nächst in die Greika inves­tiert werde. Die Ant­wort des Mana­gers war ein über­rasch­tes, nicht unbe­dingt freund­li­ches Kopf­schüt­teln, dem noch ein brum­mi­ges »I need money« folgte. Dazu lachte die ver­sam­melte Grei­zer Poli­tik laut­hals und die Audi­enz war, ohne dass es eines wei­te­ren Wor­tes bedurft hätte, zu Ende. Mehra kam wenig spä­ter, als sich her­um­sprach, dass er fort­ge­setzt näch­tens Maschi­nen und Aus­rüs­tun­gen nach Indien abtrans­por­tie­ren ließ, in Unter­su­chungs­haft. Man ließ ihn bin­nen kur­zem auf Kau­tion frei, wor­auf er nicht mehr gese­hen wurde.

Ende 1996 schloss die »Thü­rin­gen­post« ihre Tore, ich hatte auf ein­mal viel Zeit und sah mich – das hatte ich mir schon lange vor­ge­nom­men – etwas näher in der Geschichte mei­ner Stadt um. Dabei stieß ich auf erstaun­li­che Dinge. So fand ich her­aus, dass die bewusste Villa in der Grei­zer Neu­stadt, die wir sei­ner­zeit so selbst­ver­ständ­lich in Beschlag nah­men,  die­ses Pracht­stück mit sorg­sam gefass­ten Fens­tern, schi­cken Bal­ko­nen und dem anmu­ti­gen, schlank nach oben stre­ben­den Turm in den Jah­ren 1887 und 1888 Otto Albert hatte bauen las­sen, einer von sei­ner­zeit über 50 in gro­ßem Stil pro­du­zie­ren­den Grei­zer Tex­til­fa­bri­kan­ten. Allein in sei­nem Werk im Rich­tung Werdau/Zwickau gele­ge­nen Vor­ort Aubach­tal stan­den 900 moderne Web­stühle. 1945 wurde die Fami­lie ent­eig­net, was nach sich zog, dass der Kul­tur­bund, der hel­fen sollte, mit all­ge­mei­nem  Zusam­men­bruch und geis­ti­gem Nazi-Erbe fer­tig zu wer­den, in der Villa in der Neu­stadt Platz fand. Nach 1989 hat­ten die Alberts wie­der Pech. Die Treu­hand wollte die Grei­zer Webe­reien und Fär­be­reien nicht an ein­zelne Inter­es­sen­ten zurück­ge­ben. Die Greika sollte als kom­plet­tes Gan­zes in die Markt­wirt­schaft ent­las­sen wer­den. So kam jener Kapal Mehra zum Zuge.

Dem Haus in der Rosa-Luxem­burg-Straße geht es inzwi­schen im Gegen­satz zu den meis­ten frü­he­ren Albert­schen Werk­hal­len gut. Mar­tin Beyse und seine Söhne Rico und Mathias, alle­samt diplo­mierte Bauch­fach­leute, aus­ge­wie­sene Sta­ti­ker und Pla­ner, haben 2000 das Anwe­sen erwor­ben und hier ihre Büros ein­ge­rich­tet. Die Bey­ses genie­ßen einen exzel­len­ten Ruf in der Els­ter­stadt, haben ent­schei­dend Teil an Bau­ten wie der 2011 ein­ge­weih­ten Vogt­land­halle und der neuen, den Grei­zer Rin­gern eine wür­dige Wett­kampf­stätte bie­ten­den Sport­halle. Rico Beyse sagt, auf die Geschichte sei­ner jet­zi­gen Wohn- und Arbeits­stätte ange­spro­chen: »Natür­lich weiß ich, was frü­her hier alles statt­ge­fun­den hat. Nach­dem wir das Haus über­nah­men, kamen eine ganze Reihe Leute vor­bei, die mal einen Blick hin­ein­wer­fen woll­ten. Alle waren froh, dass hier wie­der etwas passiert.«

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