Thüringer Anthologie Nr. 145 – Ulrich Neymeyr über Martin Luther

Personen

Martin Luther

Johann Sebastian Bach

Thema

Die »Thüringer Anthologie«

Autor

Ulrich Neymeyr

Erstdruck: Thüringer Allgemeine, 24.12.2016.

Martin Luther

Vom Himmel hoch, da komm‹ ich her

 

Vom Him­mel hoch, da komm‹ ich her,
ich bring‹ euch gute neue Mär,
der guten Mär bring‹ ich soviel,
davon ich sing’n und sagen will.

Euch ist ein Kind­lein heut geborn
von einer Jung­frau aus­er­korn,
ein Kin­de­lein so zart und fein,
das soll eur Freud und Wonne sein.

Es ist der Herr Christ, unser Gott,
der will euch führn aus aller Not,
er will eur Hei­land sel­ber sein,
von allen Sün­den machen rein.

Er bringt euch alle Selig­keit,
die Gott der Vater hat bereit‹,
daß ihr mit uns im Him­mel­reich
sollt leben nun und ewig­lich.

Des laßt uns alle fröh­lich sein
und mit den Hir­ten gehn hin­ein,
zu sehn, was Gott uns hat beschert,
mit sei­nem lie­ben Sohn ver­ehrt.

Lob, Ehr sei Gott im höchs­ten Thron,
der uns schenkt sei­nen ein­gen Sohn.
Des freuen sich der Engel Schar‹
und sin­gen uns solch neues Jahr.

 

Ulrich Neymeyr

Ein Fest des Glaubens und der Liebe

 

Den Text des Lie­des »Vom Him­mel hoch, da komm ich her« hat Mar­tin Luther ver­mut­lich im Jahre 1535 für die Weih­nachts­be­sche­rung sei­ner Kin­der geschrie­ben. Vier Jahre spä­ter kom­po­nierte er die Melo­die des Lie­des, die spä­ter Johann Sebas­tian Bach in sein Weih­nachts­ora­to­rium auf­ge­nom­men hat. Der Text des Lie­des ist ein Aus­druck der tie­fen Fröm­mig­keit Mar­tin Luthers. Als Theo­loge weiß er zudem um die grund­le­gende Bedeu­tung des Weih­nachts­fes­tes und bringt sie in dem Lied in kla­ren, ein­fa­chen For­mu­lie­run­gen zum Aus­druck. Weih­nach­ten ist nicht nur das Fest des Frie­dens und der Fami­lie, das Fest der Liebe und der Geschenke, son­dern es ist das Fest, in dem wir Chris­ten fei­ern, dass das Kind in der Krippe unser Gott ist, der Herr Christ. Wir trauen ihm zu, dass er als unser Hei­land uns von den Sün­den rein­ma­chen kann, also uns wie­der in eine gute Gemein­schaft mit Gott füh­ren kann. In die­ser Gemein­schaft – Luther spricht in der vier­ten Stro­phe vom Him­mel­reich – leben wir jetzt, aber auch nach dem Tod im ewi­gen Leben. Das ist die eigent­li­che Besche­rung an Weih­nach­ten, von der Luther in der sechs­ten Stro­phe spricht. Ich weiß, dass diese unver­blümt fromme und reli­giöse Sicht auf das Weih­nachts­fest vie­len Men­schen in Thü­rin­gen fremd bleibt. Viel­leicht bleibt es auch vie­len evan­ge­li­schen Chris­ten fremd, dass Luther in der zwei­ten Stro­phe ganz selbst­ver­ständ­lich davon spricht, dass das Jesus­kind von einer Jung­frau gebo­ren wurde.

Es ist sicher gut, dass der Text die­ses Lie­des gerade im Refor­ma­ti­ons­jahr in Erin­ne­rung ruft, dass Mar­tin Luthers Theo­lo­gie auf dem Fun­da­ment des kirch­li­chen Glau­bens (vor allem den Schrif­ten des Apos­tels Pau­lus und des Kir­chen­leh­rers Augus­ti­nus) ruht und dass seine Theo­lo­gie auch sein per­sön­li­ches Leben und seine Fröm­mig­keit prägte.

 

Bio­gra­phi­sche Anga­ben

  • Mar­tin Luther, 1483 in Eis­le­ben gebo­ren, 1505 als Mönch in Erfurt; 1512 Dr. theol. in Wit­ten­berg; 1517 The­sen­an­schlag daselbst; 1521 Flucht auf die Wart­burg; 1522 Rück­kehr nach Wit­ten­berg; 1525 Hei­rat mit Katha­rina von Bora; 1534 Her­aus­gabe der Bibel in deut­scher Über­set­zung; 1546 Tod in Eis­le­ben.
  • Ulrich Ney­meyr, gebo­ren 1957 in Worms-Herrns­heim; 1975 Ein­tritt ins Main­zer Pries­ter­se­mi­nar und Stu­dium der Katho­li­schen Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie in Mainz; 1982 Pries­ter­weihe; 1987 Dr. theol.; 2003 Bischofs­weihe durch Karl Kar­di­nal Leh­mann in Mainz; zahl­rei­che Kir­chen­äm­ter; 2014 Ernen­nung zum Bischof von Erfurt durch Papst Fran­zis­kus.
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