Stefan Petermann – »Der weiße Globus«

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Dietmar Ebert

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Gele­sen von Diet­mar Ebert

 

Reale und surreale Geschichten

 

Ste­fan Peter­mann wurde 1978 im west­säch­si­schen Wer­dau gebo­ren. Heute lebt er in Wei­mar. Bekannt wurde er mit sei­nem Debüt­ro­man Der Schlaf und das Flüs­tern (2009). Ihm folg­ten der Erzäh­lungs­band Aus­schau hal­ten nach Tigern (2011), sein zwei­ter Roman Das Gegen­teil von Henry S. (2014) und die Stadt­re­por­ta­gen 24 Stun­den Wels (2015). Nun ist in der »Edi­tion Muschel­kalk«  als Band 45 der Geschich­ten-Band Der weiße Glo­bus erschie­nen. Der Her­aus­ge­ber André Schin­kel hat für die­sen Band 17 Prosa-Stü­cke und ein Lang­ge­dicht aus­ge­wählt und ihn mit einem kennt­nis­rei­chen, die Texte Ste­fan Peter­manns genau aus­leuch­ten­den Nach­wort ver­se­hen.

Viel­fäl­tig sind die Kurz-Prosa-For­men des Autors, viel­fäl­tig wie die Erzäh­le­rin­nen und Erzäh­ler ihrer Texte. Das Ende der Geschichte (S.5ff.), Wune (S.8ff.), Der weiße Glo­bus (S.12ff.), Das Geschenk (S.16ff.), Der Vor­sprung (S.19f.) und Die barm­her­zi­gen Göt­ter (S.21f.) haben trotz sehr unter­schied­li­cher The­men­wahl eines gemein: Sie sind kurz und sehr poin­tiert. Sie alle haben einen novel­lis­ti­schen Impe­tus. Viel­leicht wäre Kurz-Novelle sogar die rich­tige Bezeich­nung für sie. Das ist ihre Gemein­sam­keit. Unter­schied­lich sind die Erzäh­ler: Der Mann, der ver­sucht, den Abfluss zu repa­rie­ren, der Mann, der im kal­ten, gefro­re­nen See zu ertrin­ken droht oder der, der sich auf dem Vor­sprung in den Ber­gen an die­sen klam­mert, zwei benach­barte Fami­lien, die sich wegen eines Miss­ver­ständ­nis­ses aus­ein­an­der leben, die eins­ti­gen Kin­der, die ein Vogel­jun­ges zu ret­ten ver­su­chen und letzt­lich doch dem Befehl ihrer Eltern gehor­chen und es aus »Mit­leid« töten wer­den und schließ­lich der Mann mit dem weiß gestri­che­nen Glo­bus. Allen Erzäh­lern, ob sie nun in der Ich-Form oder in der Er-Form das Gesche­hen berich­ten, hat der Autor einen eige­nen Erzähl- und Sprach­ges­tus ein­ge­schrie­ben. So ent­steht ein Hall-Raum zwi­schen Autor und Erzäh­ler. Jede der Kurz-Novel­len unter­schei­det sich sti­lis­tisch ein wenig von der ande­ren. Eben das lässt Ste­fan Peter­manns Geschich­ten-Band so facet­ten­reich erschei­nen.

In zwei Tex­ten Sag was über Syrien (S.23ff.) und Björn Höcke zer­tritt asia­ti­sche Käfer (S.72ff.) greift Ste­fan Peter­mann expli­zit aktu­elle Pro­bleme unse­rer Gegen­wart auf. Die erste Geschichte beginnt mit­ten im All­tag: In einer Kin­der­ta­ges­stätte soll ein Kuchen­ba­sar zuguns­ten syri­scher Kin­der statt­fin­den. Andreas, ein Kunst­his­to­ri­ker, der in Syrien gear­bei­tet hat, soll ein paar Worte sagen. Doch je emo­tio­na­ler er spricht, von sei­nen Erleb­nis­sen berich­tet, merkt er: Gerade das möchte nie­mand hören. Die zweite Geschichte ist gera­dezu sur­real kom­po­niert und eine Per­si­flage auf aus­län­der­feind­li­che Poli­ti­ker.

Sur­reale Züge tra­gen auch die Kur­z­er­zäh­lung Die Lei­ter  (S.46f.) und die Sci­ence-Fic­tion- Erzäh­lung Wo wir schla­fen wer­den (S.47 ff.). Ebenso liegt der etwas län­ge­ren Erzäh­lung Die Som­mer­fri­sche am Ende der Straße eine sur­reale Idee zu Grunde. Im Jahr 2015 war Ste­fan Peter­mann Stadt­schrei­ber im öster­rei­chi­schen Wels. Der Plot der Geschichte ist denk­bar ein­fach. Für eine Aus­stel­lung in Ober­ös­ter­reich soll der Erzäh­ler, viel­leicht ein Schrift­stel­ler, viel­leicht der Stadt­schrei­ber von Wels, für vier Tage ins Salz­kam­mer­gut rei­sen und über die Som­mer­fri­sche berich­ten. Der Schrift­stel­ler geht zum Ende der Straße, in der er wohnt, und mie­tet sich im Hotel Greif ein. Er ent­schei­det sich für die Total­ver­wei­ge­rung gegen­über der Tou­ris­mus-Wer­bung und der Tou­ris­mus-Indus­trie.

Keine Kai­ser-Villa in Bad Ischl, keine Franz-Lehár-Ope­rette, kein »Wei­ßes-Rössl am Wolf­gang-See, wo das Glück vor der Tür steht«, kein »Stoff-Mur­mel­tier« in Hall­statt, kein Salz­kam­mer­gut »wo sich’s gut lus­tig sein lässt und die Musik spült«. Nichts. Nur das Hotel­zim­mer im Greif am Ende der Straße in Wels. Kein Aus­flug in die Som­mer­fri­sche. Oder doch? Zwar ver­wei­gert sich der Autor der »rea­len Som­mer­fri­sche«. Aber in sei­nem Hotel­zim­mer stellt er ihn sich vor. Er ima­gi­niert alle Orte, die er auf­su­chen soll und stellt sich vor, wie er sich in ihnen bewegt.

»Ich habe in einem Hotel gelebt. Aber eigent­lich bin ich ganz woan­ders gewe­sen.

Was davon bleibt, sind 33.000 Zei­chen Vor­stel­lung«. Ein Text, der gran­dios schei­tert?

Oder viel­leicht ist es gar kein Schei­tern, wie André Schin­kel ver­mu­tet?

Viel­leicht ist sogar in die­sem »an einem Ort leben und ganz woan­ders sein« Ste­fan Peter­manns Poe­tik ver­bor­gen?

Nach dem Lang­ge­dicht Wir Ahnen (S.53ff.) fol­gen War­ten mit Enno Pan (S.59f.) und Die Wicherts von nebenan« (S.63ff.), die aus der Per­spek­tive eines Mäd­chens und einer Frau erzählt sind. Bei den Erzäh­lun­gen Glöck­chen (S. 61f.) und Quirins Sinn (S. 68ff.) könnte es sich ebenso um die Ima­gi­na­tion weib­li­cher Erzähl­per­spek­ti­ven han­deln. Doch wich­tig ist das nicht. In Glöck­chen wird von einem extra­va­gan­ten Mäd­chen erzählt, das am Ende eines künst­li­chen Zop­fes ein klei­nes Glöck­chen trägt und auf diese Weise ihr Erschei­nen ankün­digt und Qurins Sinn erzählt von einem Wis­sen­schaft­ler, der mit der Zunge leckend die Welt erkun­det. Beide Texte erzäh­len von einer sur­rea­len Sin­nes­wahr­neh­mung, einer sur­rea­len Erkun­dung der Welt. Der Geschmacks­sinn wird auf alles und jedes aus­ge­dehnt, frei­lich nur, soweit es für die Zunge erreich­bar ist.

Zwei ganze starke Texte sind ans Ende des Ban­des gesetzt: Die Angst des Wol­fes vor dem Wolf (S.77f.) und Das Mär­chen vom glück­li­chen Ende (S.81f.).

Im ers­ten Text wird die Geschichte eines Man­nes und Fami­li­en­va­ters erzählt, der vor sei­nem Haus am Rande der Stadt einen Wolf erblickt oder zu erbli­cken glaubt und in dem der Wolf in ihm erwacht, der den rea­len oder ima­gi­nier­ten Wolf bekämp­fen will.

Sub­li­ma­tion durch Kul­tur? Fehl­an­zeige.

Das Mär­chen vom glück­li­chen Ende beginnt so: »Es war ein­mal ein glück­li­ches Ende. Denn sie waren nicht gestor­ben und leb­ten heute.« Gleich zu Beginn wird der Ges­tus des Mär­chens umge­kehrt. Und die Köni­gin, die ihren Sohn vor dem König, ihrem Mann, schüt­zen möchte, fin­det nie­mand außer dem Teu­fel, der einen Pakt mit ihr ein­geht und bereit ist, ihren Sohn vor dem König zu schüt­zen.

Was für ein armer Teu­fel und was für eine »ver­kehrte Welt«! Ste­fan Peter­mann zeigt in allen sei­nen Geschich­ten eine Welt, die »aus den Fugen ist«. Seine Pro­sa­texte zei­gen, wie Men­schen sich in ihr ver­hal­ten und wie er als Autor lako­nisch, kühl, mit Freude am Fabu­lie­ren oder sati­risch dar­über erzählt.

Allen Freun­den kür­ze­rer oder län­ge­rer Erzäh­lun­gen und Novel­len sei der Geschich­ten­band »Der weiße Glo­bus« sehr emp­foh­len, ein gut geschrie­be­ner und gebau­ter Band, in dem auf jeden star­ken Text ein noch stär­ke­rer folgt, ehe mit dem Mär­chen vom glück­li­chen Ende  ein sehr »geglück­tes« Schluss­stück gesetzt wird.

 

Ste­fan Peter­mann: Der Weisse Glo­bus. Geschich­ten, Edi­tion Muschel­kalk, Bd. 45, Wart­burg-Ver­lag, Wei­mar 2017.

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