Samuel Glesel – Von Gotha in die Welt
7 : Glesel wird als »Parteischädling« diffamiert

Person

Samuel Glesel

Ort

Gotha

Thema

Thüringen im Nationalsozialismus

Autor

Jens Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V.

Nach die­sen bei­den Ver­ris­sen ent­fachte sich eine regel­rechte Hetz­kam­pa­gne gegen den »Par­tei­schäd­ling« Gle­sel. Im Klima der Bespit­ze­lung und des all­ge­mei­nen Miß­trau­ens, der Angst davor, daß man selbst als nicht wach­sam genug denun­ziert wer­den könnte, ver­schärfte die Pro­ble­ma­tik. 1935 hatte in der Sowjet­union die »große Tschistka«, die große Säu­be­rung, begon­nen, in deren Zei­chen die Kam­pa­gne gegen Gle­sel stand. Aller­or­ten galt es »Dop­pel­züng­ler«, »Volks­feinde«, »Faschis­ten« und »Spione« zu ent­lar­ven. Auf einer geschlos­se­nen Par­tei­ver­samm­lung in Mos­kau nahm sich die deut­sche Kom­mis­sion des sowje­ti­schen Schrift­stel­ler­ver­ban­des des »Fal­les Gle­sel« an, wobei – dem Klima der Angst und des Miß­trau­ens geschul­det – sich die ein­zele­nen Dis­ku­tan­ten im Vor­brin­gen von Vor­wür­fen zu über­bie­ten ver­such­ten.

Am 3. Novem­ber 1936, ein Jahr nach Erschei­nen von Otto Borks Kri­tik, wurde in der Deut­schen Zen­tral-Zei­tung unter dem Titel »Der Fall Gles – Aus­schluß aus dem Ver­band der Sowjet-Schrift­stel­ler« Gle­sels Ver­bands­aus­schluß bekannt­ge­ge­ben.

»S. Gles, Kan­di­dat für die Mit­glied­schaft des Ver­ban­des der Sowjet-Schrift­stel­ler, wurde auf einer Sit­zung des Sekre­ta­ri­ats der Lenin­gra­der Abtei­lung des Ver­ban­des der Sowjet-Schrift­stel­ler aus dem Ver­band aus­ge­schlos­sen. Gründe:

  • wegen Her­aus­gabe poli­tisch schäd­li­cher Schund­li­te­ra­tur,
  • des Buches ‚Deutsch­land erwacht‘ und des Thea­ter­stücks ‚Ver­bo­ten‘,
  • weil er sich wie ein Schund­li­te­rat zur lite­ra­ri­schen Arbeit ver­hal­ten hat,
  • für Raff­gier und eine Reihe von Hand­lun­gen, die eines Kan­di­da­ten des Ver­ban­des der Sowjet-Schrift­stel­ler unwür­dig sind.«

Wie in dem von Wla­dis­law Hed­ler und Inge Münz-Koe­nen 2013 als Begleit­band zu einer Aus­stel­lung her­aus­ge­ge­be­nen Buch »Ich kam als Gast in Euer Land gereist – Deut­sche Hit­ler­geg­ner als Opfer des Sta­lin­ter­rors. Fami­li­en­schick­sale 1933–1956« nach­zu­le­sen ist, wurde Samuel Gle­sels Antrag, als Mit­glied der deut­schen KPD in die sowje­ti­sche KPDSU(B) über­nom­men zu wer­den, auf­grund sei­nes Aus­schlus­ses aus dem Schrift­stel­ler­ver­band abge­lehnt.

Elfriede Brü­ning ist es zu dan­ken, mit ihrem Buch auf die Kam­pa­gne gegen Gle­sel auf­merk­sam gemacht zu haben. Sie erkannte auch, dass Gle­sels Erzäh­lun­gen und Repor­ta­gen nicht in jedem Fall lite­ra­ri­sche Glanz­stü­cke waren. Die Hilfe eines erfah­re­nen Lek­tors hätte genügt, Feh­ler und sprach­li­che Unge­nau­ig­kei­ten aus­zu­räu­men.

Auf die Not­wen­dig­keit, Gle­sel bei sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Ent­wick­lung zu beglei­ten, hatte auch Becher in sei­ner Stel­lung­nahme zu Gle­sel hin­ge­wie­sen. Doch auf eine hel­fende Hand konnte Gle­sel im Klima der Angst jener Jahre nicht hof­fen. Zu groß war die Angst, als Hel­fers­hel­fer eines Par­tei­schäd­lings denun­ziert zu wer­den. Nicht aus­zu­schlie­ßen ist, daß die ver­ant­wort­li­chen Ver­lags­mit­ar­bei­ter für ihre »Fehl­ent­schei­dung« dra­ko­nisch bestraft wur­den.

Mit dem Aus­schluß aus dem Schrift­stel­ler­ver­band wurde Samuel Gle­sel zur per­sona non grata in der Sowjet­union. Seine Bemü­hun­gen, sich gegen den Aus­schluß zur Wehr zu set­zen und eine Wie­der­auf­nahme zu errei­chen, blie­ben ver­geb­lich.

 Samuel Glesel – Von Gotha in die Welt:

  1. Aus der Hitzelsgasse
  2. Herkunft und Kindheit Samuel Glesels
  3. Ein Mittagessen
  4. Von Gotha nach Berlin
  5. Von Berlin nach Engels
  6. Samuel Glesels Bücher erscheinen
  7. Glesel wird als »Parteischädling« diffamiert
  8. Glesels Verhaftung und Ermordung durch den NKWD
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