Lesungen, Porträts und Interviews
6 : Folge 6: Ulrike Gramann – »Die Sumpfschwimmerin«

Person

Ulrike Gramann

Orte

Hermsdorf

Jena

Thema

Porträts und Podcasts

Autor

Ulrike Gramann

Marta Press, Hamburg 2017. Der Abdruck des Romanauszuges erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages.

 

Ehr­ling kam ein­mal in der Woche nach H. Dort war das Werk. Die erwach­sene Bevöl­ke­rung der Klein­stadt H. und der umlie­gen­den Ort­schaf­ten arbei­tete im Werk. In H. befand sich die Erwei­terte Ober­schule, in der halb­wegs neuen, von Bir­ken bestan­de­nen Wald­sied­lung. Der Bahn­hof, die Kas­ta­nien, die jetzt in Blüte kamen, und dane­ben das Kul­tur­haus, das dem Werk gehörte. Das Kul­tur­haus hatte einen Zei­chen­zir­kel ein­ge­rich­tet, den die Arbei­ter in der Frei­zeit besu­chen soll­ten. Die Teil­nahme war kos­ten­los, wie die Benut­zung der Biblio­thek kos­ten­los war. Nur das Bier im Kel­ler kos­tete vier­zig Pfen­nig. Der Zei­chen­zir­kel bestand aus der Biblio­the­ka­rin, einer Leh­re­rin aus dem Nach­bar­ort, einem Bau­in­ge­nieur, einer Che­mie­la­bo­ran­tin und Ehr­ling.

Im Werk wurde Indus­trie­ke­ra­mik her­ge­stellt. In den Ferien nach mei­nem vier­zehn­ten Geburts­tag habe ich zum ers­ten Mal im Werk gear­bei­tet. Ich kon­trol­lierte elek­tro­ni­sche Bau­teile. Ich schob jedes Bau­teil mit der Pin­zette unter die Lupe. Ich fragte die Arbei­te­rin neben mir, wozu die Teile dien­ten. Sie wusste es nicht. Das war in den Win­ter­fe­rien. Im Som­mer arbei­tete ich in einem Labor. Ich hatte stun­den­lang nichts zu tun, weil es in den Räu­men zu heiß für die Mess­ge­räte war. Die Leute an den Maschi­nen muss­ten war­ten, bis es sich so weit abkühlte, dass die emp­find­li­chen Geräte kor­rekt mes­sen konn­ten. Es durf­ten sich nicht zu viele fal­sche Mess­werte erge­ben, denn die Werte waren die Werte, und sie muss­ten immer kor­rekt sein. Ich lernte, alles so zu machen wie die Arbei­te­rin­nen und nichts zu fra­gen. So lange ich noch nicht in der Elf­ten war, erzählte ich auch nicht, dass ich stu­die­ren wollte. Ich saß in der Kan­tine und aß mein Brot wie die Arbei­te­rin­nen und holte meine Ziga­ret­ten nicht raus, weil die Frauen Kin­der hat­ten, die waren so alt wie ich. Sie woll­ten nicht, dass Kin­der rau­chen. Nach­her mit sech­zehn durf­ten wir Schich­ten arbei­ten. Ich schlief in der Früh­schicht ein; in der Mit­tel­schicht ver­brannte ich mir den Arm am Muf­fel­ofen; in der Spät­schicht hörte ich die Witze des Meis­ters an. Mit sech­zehn rauchte ich offen meine fil­ter­lo­sen Ziga­ret­ten. Die Frauen in der Sin­ter­fer­ti­gung tru­gen keine Kit­tel­schür­zen wie die in der Qua­li­täts­kon­trolle, son­dern blaue Latz­ho­sen, die über dem Bauch, auf den Brüs­ten und an den Ober­schen­keln fet­tig schwarz glänz­ten. Jede stand vor einer Presse, mit der aus Metall­staub Teile gefer­tigt wur­den, deren Ver­wen­dungs­zweck uns eben­falls unbe­kannt war. Der Griff, mit dem die Presse in Bewe­gung gesetzt wurde, musste immer mit bei­den Hän­den bedient wer­den. Die Roh­linge, kohl­schwarze Bau­teile, wur­den gesin­tert. Sin­ter­me­talle sind extrem harte und ver­schleiß­be­stän­dige Werk­stoffe, die durch Druck und hohe Tem­pe­ra­tu­ren ver­dich­tet wer­den. Die Arbei­te­rin­nen benutz­ten Män­ner­ta­schen­tü­cher. Wenn sie sich damit die Nase putz­ten, wur­den die Taschen­tü­cher schwarz. An den Tro­cken­pres­sen beka­men alle einen Schmutz­zu­schlag. In der ande­ren Abtei­lung, in der die Bau­teile nicht aus Pul­ver, son­dern aus Schlamm her­ge­stellt wur­den, beka­men die Arbei­te­rin­nen Rheuma. Die Nass­pres­sen wur­den von den Arbei­te­rin­nen Matsch­pres­sen genannt. Zur Spät­schicht ging ich zu Fuß und fuhr zurück mit dem Schicht­bus, zusam­men mit zwei oder drei ande­ren Frauen. In der Pause rede­ten sie, auf der Heim­fahrt schwie­gen sie. Wenn ich Früh­schicht hatte, fuhr ich mit dem Fahr­rad. Im Wald wurde es lang­sam hell, und ich hatte keine Angst vor dem Mann, von dem die Frauen im Werk sag­ten, dass er an der Bir­ken­li­nie lau­ern würde. Ich stellte mich in den Peda­len auf und fuhr mit einem Schwung den Hang hoch, hin­ter dem die Ober­schule lag und dahin­ter wie­der das Werk, das sich auf die ganze Länge von H. erstreckte, und die Bahn führte gerade durch.

Des­halb führte die Bahn­li­nie spä­ter, als das Werk größ­ten­teils still­ge­legt war, durch Indus­trie­rui­nen. Die Hal­len wur­den besen­rein gemacht und abge­schlos­sen. Aber wenn eine Scheibe zer­schla­gen wurde, gab es nie­man­den mehr, der sie ersetzte. Glas bedeckte den Boden, durch die Fens­ter­höh­len flo­gen Tau­ben ein und aus, und dann über­nah­men Tiere und Pflan­zen die Hal­len, zuerst Tau­ben und Hexen­ringe, Schim­mel­pilz­ko­lo­nien. Noch spä­ter, wenn Dächer ein­stürz­ten, wür­den Gras, Bir­ken und Königs­ker­zen kom­men und Stal­ker­ein­sam­kei­ten. Wenn nicht jemand die Hal­len kaufte, die Fens­ter schlösse und Ein­kaufs­cen­ter oder Hand­werks­be­triebe dort ansie­delte. Dann wür­den wie­der Jugend­li­che dort hin­kom­men, viel­leicht.

Als ich zum Zei­chen­zir­kel ging jeden­falls, arbei­te­ten alle Jugend­li­chen der Umge­gend in den Ferien im Werk. Die Abitu­ri­en­ten gin­gen zusätz­lich ein­mal in der Woche dort­hin, um eine Arbeit zu leis­ten, die wis­sen­schaft­lich-prak­tisch genannt wurde. Es war ein und das­selbe Werk, es war eine andere Welt. Die For­schungs­ab­tei­lung, in der ich dar­auf vor­be­rei­tet wurde, eine Stu­dierte zu wer­den, war mit der Pro­duk­tion ver­bun­den, ja sie hätte ihr die­nen sol­len, aber die Bezie­hun­gen zwi­schen For­schung und Pro­duk­tion waren unter­ir­disch, unsicht­bar. Und keine Arbei­te­rin und kein Arbei­ter ging zum Zei­chen­zir­kel. Das erfuhr ich alles nach Bier­manns Aus­bür­ge­rung. Aber das ist viel­leicht nur ein zufäl­li­ger, chro­no­lo­gi­scher Zusam­men­hang, der sich in mei­nem Leben erge­ben hat.

 

In der sie­ben­ten Klasse hatte ich alle Bücher aus der Biblio­thek des Dorfs gele­sen, in dem meine Eltern wohn­ten. Danach fuhr ich alle zwei Wochen in die Werks­bi­blio­thek, um eine Tasche voll Bücher zu holen, die ich las und ohne Ver­spä­tung zurück­gab. Als ich an die EOS über­ging, fragte mich die Biblio­the­ka­rin, ob ich nicht ein wenig für den Zei­chen­zir­kel wer­ben konnte. Ich warb mich. Sie hat­ten eigent­lich an Schü­ler der Abitur­stufe gedacht, nah­men mich aber trotz­dem. Es waren die ers­ten Erwach­se­nen, die ich duzte, obwohl sie nicht mit mir ver­wandt und keine Nenn­tan­ten waren. Ehr­ling kam mit dem Zug von Gösch­witz. Er war des­halb immer schon eine halbe Stunde vor Beginn da und räumte in den Zei­chen­ma­te­ria­lien, die knapp waren, aber kos­ten­los. Im Novem­ber 1976 war ich drei Monate dabei. Ich nahm meine Pas­tell­stifte und ging eine halbe Stunde zu früh hin. Ehr­ling hatte mir gera­ten, mit wei­chen Stif­ten zu zeich­nen. Es sollte gut für die Locke­rung der Hand­ge­lenke sein. Oder für mich. Ich hatte mir sol­che Stifte besorgt, aber ich kam nicht der Stifte wegen so früh. Ehr­ling war aus Bur­gau, Bur­gau ein Vor­ort von Jena. In Jena wusste man ein­fach mehr als in H. Über alles. Ich sagte den Namen Bier­mann.

»Kal­kül«, ant­wor­tete Ehr­ling.

Kal­kül heißt Rech­nung, Berech­nung, Über­schlag.

Ich fragte, ob er meinte, dass die Regie­rung damit gerech­net hatte, dass Bier­mann in Köln sol­che Lie­der sin­gen würde.

»Dar­auf gezählt.«

»Du meinst, es war eine Gele­gen­heit, ihn aus­zu­bür­gern?«

»Du kannst Gift dar­auf neh­men.« Aber der sei jetzt nicht staa­ten­los. »Jeder DDR-Bür­ger ist BRD-Bür­ger, wenn er drü­ben ist.«

»Aber er will da nicht sein.«

»Nein.«

Im Win­ter hatte ich Bier­mann im Radio gehört. Meine Mut­ter war ins Zim­mer gekom­men und hatte ver­langt, dass ich das Radio lei­ser stellte. Wegen der Nach­barn.

»Die sehen sel­ber West.«

»Aber nicht so etwas. Son­dern Was bin ich und Spiel ohne Gren­zen.«

Das waren Spiele ohne DDR darin. Die DDR wäre nicht amü­sant gewe­sen. Aber im Bier­mann-Radio war sie drin und nicht lus­tig. Wenn ich das Radio nicht lei­ser gestellt hätte, hätte ich es aus­ma­chen müs­sen. »Feind hört mit.« (Das hatte meine Mut­ter aus einer ganz ande­ren Epo­che.)

 

Als der Win­ter vor­bei war, redete ich mit Ehr­ling.

Ob er ein Buch von Bier­mann hatte?

Er hatte eins oder sogar meh­rere. Wenn ich es lesen wollte, musste ich zu Ehr­ling kom­men. Ich könnte so lange darin lesen, wie ich wollte. Oder es abschrei­ben. Aber nicht mit­neh­men.

War das nicht viel­leicht ver­bo­ten, sol­che Bücher abzu­schrei­ben?

»Du musst ja nicht dar­über reden.«

Wei­ter­gabe bedeu­tete, dass jemand über den gere­det hatte, der etwas wei­ter­gab.

Ehr­ling wollte sich auf mein Schwei­gen ver­las­sen.

Ehr­ling sprach davon, dass einige Schrift­stel­ler pro­tes­tiert hät­ten. Ich wusste schon Bescheid. Ein Schrift­stel­ler, des­sen Roman über die Schick­sale min­der­jäh­ri­ger Wehr­machts­sol­da­ten wir im Unter­richt behan­delt hat­ten, hatte seine Kol­le­gen des­we­gen öffent­lich beschimpft.

Ehr­ling sagte, es wür­den noch viele weg­ge­hen.

Gösch­witz war eine Adresse in Jena-Bur­gau. Als ich zu Ehr­ling nach Gösch­witz fuhr, blühte der Raps. Viele gin­gen weg, aber ich kannte sie nicht per­sön­lich. Über dem Schreib­tisch hing ein Bild von Marx. Es war das Ein­zige, das einen Rah­men hatte. Der Rest waren pol­ni­sche Pla­kate, die an die Wand gena­gelt waren, kleine Papp­vier­ecke auf die Ecken, und dann die Nägel durch. Druck­plat­ten lagen über­ein­an­der, mit ein paar Zei­tungs­bo­gen getrennt, Aqua­rell­kar­ton, den Ehr­ling benutzte, wenn es kein Tief­druck­pa­pier gab. Im Neben­zim­mer stand Ehr­ling und malte. Polen war das Land, in dem die Kunst weni­ger begrenzt war. Ich hatte den Namen des Dich­ters noch nie gehört, der über die Neu­gasse in Jena geschrie­ben hatte

»Was hast du in Jena gemacht?«, fragte meine Schul­freun­din.

»Ich war in der Biblio­thek.«

»Was hast du gele­sen?«

»Ich habe ein Buch von Sarah Kirsch gele­sen.«

»Haben sie das im Kul­tur­haus nicht?«

»Nein.«

»Komisch.«

»Ja.«

Als ich eine Jugend­li­che war, war Sarah Kirsch noch im Land. Ich schrieb die Gedichte von Fuchs und Bier­mann in ein Buch, das so groß wie ein Klas­sen­buch und grau ein­ge­schla­gen war. Ich wollte Teil die­ses Kol­lek­tivs von Men­schen sein, die Gedichte und ganze Bücher mit der Hand abschrie­ben und lesen lern­ten, indem sie schrie­ben. Ich war sicher, mein graues Buch war ver­bo­ten. Ein ver­bo­te­nes Buch ver­steckte man nicht im Bücher­schrank, son­dern dahin­ter. Ich schob es von oben her hin­ter den Schrank, der schief stand und mit sei­nem Gewicht in Rich­tung Wand drückte, so dass das Buch nicht wei­ter­rut­schen konnte. Zwei Jahre spä­ter sah ich Sarah Kirsch im West­fern­se­hen. Die Kamera zeigte sie neben einem Baum ohne Blät­ter, vor nack­ter Heide, halb­fern. Ich merkte mir nur das Bild, nicht was sie sagte und nicht ob Früh­ling war oder Herbst.

Aber Sarah Kirsch sei doch aus Lie­bes­kum­mer fort­ge­gan­gen, sagte jemand.

 

***

 

(Und) meine Mut­ter stand im Gar­ten und schnitt Peter­si­lie für die Suppe ab. Sie sah so ver­letz­lich aus. Meine eigene Haut war ganz kalt und ganz glatt unter dem Regen.

Und wo kam ich her.

Aus Ber­lin.

Und warum ich kein Tele­gramm geschickt hatte. Hier war ein Hand­tuch für die Hände, hier war ein Tel­ler. Meine Mut­ter ließ gewiegte Peter­si­lie in die Suppe fal­len. Sie konnte mir kei­nen Haus­schlüs­sel geben, denn seit der Schei­dung war das Unter­ge­schoss ver­mie­tet und Fräu­lein Becker hatte den Zweit­schlüs­sel. Sie erzählte mir von Fräu­lein Becker. Auch Erzäh­lung stellt Ver­bin­dung her. Fräu­lein Becker wusch ihre Wäsche im Wasch­be­cken und ließ die Strümpfe im Zim­mer trock­nen. Eines Tages wür­den ihre lan­gen, blon­dier­ten Haare den Abfluss ver­stop­fen, denn sie wusch auch ihre Haare im Wasch­be­cken. Wo sonst?, dachte ich. Aber ich bekam Fräu­lein Becker nicht zu Gesicht.

»Was stehst du wie fremd.«

Ich setzte mich.

Und ob die Suppe war wie frü­her.

»Ja. Genau wie frü­her.«

Und warum ich so plötz­lich gekom­men war, ein Tele­gramm zum Bei­spiel hätte sich gehört.

Ein Tele­gramm hätte sich gehört. Ein Tele­gramm hätte nichts geän­dert. Ich nahm die Tel­ler und wusch sie ab. Ich war gekom­men, weil ich eine Unter­schrift brauchte. Ich hatte ein Schrei­ben vor­be­rei­tet.

»Hier­mit bestä­tige ich, Anne­gret Stein, gebo­rene Grüber, gebo­ren am 18. Februar 1925 in Görsch­dorf, dass meine Toch­ter Inge Stein, gebo­ren am 15. Januar 1961 in Jena, bei mir nicht ver­schul­det ist noch dass ich ihrer Pflege bedarf. Datum Unter­schrift.«

Meine Mut­ter las das und machte eine Bewe­gung, an deren Ende ihre Hand auf mei­nem Gesicht lan­dete. Nicht mit der Wim­per zucken. Es schmeckte alles wie immer. Es hatte nie weh­ge­tan. Ja, ich würde aus­rei­sen. Ja, des­halb brauchte ich diese Unter­schrift. Nein, es gab kei­nen spe­zi­el­len Grund. Der Grund war: alles.

Und was Pflege hieß? Sie war gesund.

Aber so lau­tete die vor­ge­ge­bene For­mu­lie­rung.

»Du hast mich nie nach Ber­lin ein­ge­la­den, du wirst mich nicht in den Wes­ten ein­la­den.«

Das Wort dafür hieß Undank­bar­keit, und ich nahm es genau wie die Back­pfeife, keine Über­ra­schung, etwas Pein­lich­keit, aber kein Schmerz.

Meine Mut­ter begann zu wei­nen.

Ich lehnte am Spül­stein und trock­nete mir die Hände am Geschirr­tuch ab.

Was sollte denn »alles« sein?

Alles war, dass ich erstickte.

Brauchte ich Geld, war es das.

Nein.

Hatte ich einen Kerl im Wes­ten.

Ich hatte kei­nen Kerl.

Hatte ich nicht gehört, wie viele Men­schen keine Arbeit hat­ten, im Wes­ten.

Ich hatte es gehört.

Und wo wollte ich leben.

(In einer Wohn­ge­mein­schaft.) Ich sagte nichts, ich wusste schon, wie das aus­ge­hen würde, ich wusste nicht, ob ich die Schwä­chere war, und wollte nicht die Stär­kere sein. Ich benö­tigte diese Unter­schrift. Ich sagte, dass es auf­ge­klart hatte, der Regen auf­ge­hört hatte, dass wir etwas lau­fen soll­ten. Dass wir zu den Sümp­fen lau­fen soll­ten.

(…) Meine Mut­ter schlüpfte in ihre Schuhe mit dem nicht zu klei­nen Keil­ab­satz und schickte den Blick rück­lings ihre Beine hin­un­ter. Sie waren noch schön. Ein paar lange Haare rin­gel­ten sich unter dem Dede­ron. Ich hatte jah­re­lang nicht an Zuhause gedacht.

»Wer nach Ber­lin geht, ist schon halb im Wes­ten.«

Das wusste ich schon. War jemand hier gewe­sen?

»Dass du dein Stu­dium hin­ge­schmis­sen hast, hast du auf einer Post­karte geschrie­ben. Wovon du lebst, hast du nicht geschrie­ben.«

»Ich arbeite.«

»Man rutscht leich­ter ab, als dass man sich hoch­ar­bei­tet.«

»Es ist inter­es­sante Arbeit.«

»Inter­es­sant.«

Sie spuckte das Wort hin.

»Für Buch­ver­lage.«

»Du hät­test Leh­re­rin wer­den kön­nen!«

»Hätte ich. War jemand hier?«

»Wer soll hier gewe­sen sein?«

»Um nach mir zu fra­gen.«

»Was hast du gemacht, dass wer nach dir fra­gen sollte?«

»Nichts.« Ich hätte nicht fra­gen sol­len. Ich sagte: »Lass uns auf die Sümpfe gehen.«

Ich hatte meine Schuhe nicht aus­ge­zo­gen. Sie sah es jetzt. Sie sagte nichts. Ich nahm mein Notiz­buch aus dem Ruck­sack und steckte es ein. When the music’s over. In mei­nem Kopf. Das Licht aus­ma­chen. Wer zuletzt geht. Turn out the light. Im unte­ren Flur schloss sie die Zwi­schen­tür ab. Das hat­ten sie frü­her nie gemacht. Aber jetzt gab es Fräu­lein Becker. Ich würde nicht zuletzt gehen. Meine Mut­ter seufzte, als sie das Haus abschloss.

»Ver­kauf das Haus«, sagte ich. »Zieh in die Wald­sied­lung, zu dei­ner Rente hast du schön was dazu, wenn du das Haus ver­kaufst. Und du hast kei­nen Ärger mit Hand­wer­kern mehr.«

»Es ist mein Vater­haus.«

»Der Opa ist lange tot.« (Und warum brach ich das jetzt vom Zaun?)

»Deine Schwes­ter will es nicht«, sagte sie, »dass ich ver­kaufe.«

»Meine Schwes­ter«, sagte ich, »wird nie hier ein­zie­hen. Wenn sie etwas nicht will, ist es das Haus. Ob du ver­kaufst, bestimme ich nicht und nicht meine Schwes­ter.«

»Und du willst es auch nicht.«

»Nein, Mut­ter. Nicht mal, wenn ich hier­bleibe.«

»Ihr wer­det mir einen Vor­wurf machen, spä­ter.«

Ich würde ihr kei­nen Vor­wurf machen.

»Weil du lie­ber in den Wes­ten gehst.«

»Egal, ob im Osten oder im Wes­ten.«

Die Straße mün­dete in einen nadel­be­streu­ten Wald­weg. Kie­fern, am Ein­gang des Wal­des stan­den Kie­fern, erst nach hun­dert Metern fing der Misch­wald an, und je mehr man sich den Sümp­fen näherte, desto feuch­ter wurde es. Man ging auf Kies, rechts und links Grä­ben, viele Bir­ken, ver­ein­zelt Erlen zwi­schen den Bäu­men. Sie hat­ten mir frü­her immer erzählt, dass der Arbeits­dienst diese Wege gerich­tet hatte. Als ich noch nicht wusste, was der Arbeits­dienst war. Spä­ter hatte ich Spa­zier­gänge ver­wei­gert. Ich war mit dem Fahr­rad hin­ge­fah­ren, allein, und war stun­den­lang auf den Sümp­fen gewe­sen. Sie sag­ten so: auf den Sümp­fen. Die Sümpfe lagen voll in der Sonne, und letzte Trop­fen vom Regen glänz­ten auf dem Gras. Die stumpfe Ober­flä­che der Schilf­blät­ter war schon tro­cken, tro­cken würde sie bald wie­der rascheln, bewegt von schnel­len, unsicht­ba­ren Fin­gern. Wir gin­gen den Boh­len­weg bis zu einer Bank, die unter einem ein­zel­nen Baum stand und mit der der Weg endete. Dahin­ter war es zu sump­fig. Ich habe nie erfah­ren, ob man in den Sümp­fen wirk­lich so tief ver­sin­ken konnte, dass man sich nie mehr befreien würde. Im Dorf wurde nicht über so etwas gere­det. Ich kannte tro­ckene Wege, die durch­führ­ten, ich war da oft gegan­gen und hatte frü­her da gespielt. Mit mei­ner Mut­ter würde ich nicht hin­ge­hen. Sie würde sich auf­re­gen, nach­träg­lich. (Und ich regte sie so genug auf.) Dabei kannte sie die tro­cke­nen Stel­len mit Sicher­heit auch. Sie war hier gebo­ren, sie hatte immer hier gewohnt. Und seit es die Kera­mi­schen Werke gab, hat­ten die Leute hier in den Wer­ken gear­bei­tet, dort, jen­seits der Sümpfe. Und der Anblick der Hoch­span­nungs­prüf­an­lage war den Leu­ten ver­traut, auch das Knis­tern und Kra­chen, wenn sie Ver­su­che mach­ten, deren Blitz und Don­ner sich in der tro­cke­nen Luft ent­lud. Ich hatte geglaubt, dass es bei uns zu viel Elek­tri­zi­tät in der Luft gab und wir alle auf­ge­la­den waren durch freie Elek­tri­zi­tät. Ich glaubte es noch immer. Meine ganze Span­nung kam von die­sem Ort.

»So. Und ich muss das also unter­schrei­ben.«

»Es wäre gut. Ich wäre dir dank­bar. Ja.«

»Dank­bar­keit.« (Genau der Ton wie »inter­es­sant«.)

»Ich habe doch wirk­lich keine Schul­den bei dir.«

»Wie du dir das vor­stellst.«

Ja, wie stellte ich mir das vor.

»Du warst meine Kleine.«

Ich zögerte, dann sagte ich, dass sie Rent­ne­rin war. Sie konnte bei­nahe jeder­zeit in den Wes­ten kom­men.

Sie wollte nicht.

Und eigent­lich war es mir recht. Ich schaute über die Sümpfe. Wei­ter hin­ten lie­fen Schie­nen und ende­ten unter bräun­li­chem Was­ser, des­sen schwar­zer Grund den Him­mel schluckte. Frü­her hatte es hier eine Bahn gege­ben. Moor war abge­baut und in ein Moor­bad gebracht wor­den. Jetzt war alles ver­kom­men. Und obwohl nun keine Loren mehr über die Schie­nen lie­fen und ihr Gewicht kei­nen Druck mehr aus­übte, war die Schie­nen­stre­cke bald in den wei­chen Grund gesun­ken, als sei die Last erst zu viel gewor­den, als sie fehlte. (…) Wei­ter hin­ten lag eine ver­ros­tete Lore schräg und halb im Was­ser. Und die Bret­ter, aus denen diese Bank hier gezim­mert war, ver­morsch­ten. Und ein Mann aus mei­nem Jahr­gang hatte ein Buch geschrie­ben, das »Hin­ein­ge­bo­ren« hieß. Das musste ich ihr nicht erzäh­len. Und was hätte ich ihr damit auch sagen wol­len.

 Lesungen, Porträts und Interviews:

  1. Folge 1: Verena Zeltner – »299 Tage«
  2. Folge 2: Wulf Kirsten – »Nachtfahrt«
  3. Folge 3: Ralf Eggers – »Geständnis«
  4. Folge 4: Kathrin Groß-Striffler - »Mein Haus«
  5. Folge 5: »Michael Knoche – Große Kleinigkeiten. Der Dichter Wolfgang Haak«
  6. Folge 6: Ulrike Gramann – »Die Sumpfschwimmerin«
  7. Folge 7: Anke Engelmann – »Der Zaun«
  8. Folge 8: Jens-Fietje Dwars – »Audienz am Dienstag«
  9. Folge 9: Harald Gerlach – »Windstimmen«
  10. Folge 10: »Aus Gegensätzen Funken schlagen. Der Verleger, Ausstellungsmacher und Historiker Jens Henkel«
  11. Rainer Hohberg – »Schloss. Träume. Hummelshain«
  12. Folge 12: Wolfgang Held – »Die Stunde der Führungsroller«
  13. Folge 13: Antje Babendererde – Lesung aus »Isegrimm«
  14. Folge 14: Roland Bärwinkel –»Mein See«
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