Olivia Wenzel – »1000 Serpentinen Angst«

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Jens Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V. / Erstdruck in TA / TLZ / OTZ vom 19.03.2020.

Gele­sen von Jens Kirs­ten

 

Oli­via Wen­zel ist eine wasch­echte Thü­rin­ge­rin. 1985 gebo­ren wächst sie mit ihrem Zwil­lings­bru­der in Wei­mar auf. Von klein­auf erfah­ren sie auf­grund ihrer Haut­farbe Ableh­nung. Ihr Vater muss zurück nach Angola; sie wach­sen bei ihrer allein­er­zie­hen­den Mut­ter auf. Die Aus­gren­zung legt eine Lebens­spur. Mit fünf­zehn Jah­ren wirft sich der Bru­der vor einen Zug. Von einem Tag auf den ande­ren geht ihre Kind­heit zu Ende. Sie will weg und weiß noch nicht, dass Ankom­men ohne Hei­mat über­all schwer ist.

Ras­sis­mus gab es in der DDR offi­zi­ell nicht. Welt­of­fen­heit kann in einem Sys­tem der Abschot­tung nicht ent­ste­hen, wohl aber die Sehn­sucht nach Frei­heit und ein ele­men­ta­res Ver­ständ­nis dafür, wie es ist, aus­ge­grenzt zu sein. Statt dar­aus zu ler­nen, über­tru­gen viele Ost­deut­sche nach 1989 die Ableh­nung durch den Wes­ten auf alles, was ihnen fremd war.

Oli­via Wen­zel hat einen sehr erhel­len­den Roman über sich und die Ver­fasst­heit unse­rer Gesell­schaft geschrie­ben. Im ers­ten und drit­ten Teil des Romans ent­spinnt sich ein Zwie­ge­spräch zwi­schen der Autorin und einem ima­gi­nä­ren Gegen­über – Wen­zel lässt offen, ob das der Leser oder eine Freun­din ist. Mal ant­wor­tet sie mit lako­ni­schen State­ments, mal mit län­ge­ren, gekonnt erzähl­ten Pro­sa­ein­schü­ben. Aus die­sem, schein­bar mit locke­rer Hand hin­ge­wor­fe­nen, viel­leicht auf Whats­App oder Snap­Chat ent­stan­de­nen Wort­ge­plän­kel, kris­tal­li­siert sich die Geschichte der Prot­ago­nis­tin her­aus, die zwi­schen den USA, Angola und Deutsch­land ange­sie­delt ist. Sie erzählt von kör­per­li­chen und see­li­schen Demü­ti­gun­gen, aber auch von Freund­schaf­ten, die sie über die Jahre getra­gen haben. Vom schwie­ri­gen Ver­hält­nis zu ihrer Mut­ter, von Rebel­lion und Schei­tern, der Suche nach Liebe und Glück. Ob ihre Geschichte, die im Roman leit­mo­ti­visch von Wut und Trauer durch­zo­gen ist, glück­lich endet, bleibt für die Autorin wie für uns offen.

  • Oli­via Wen­zel: 1000 Ser­pen­ti­nen Angst, S. Fischer Ver­lag, Frank­furt am Main 2020, 350 Sei­ten, 21 €.

 

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