Nordhausen

Nord­hau­sen war von 1220 bis 1802 eine freie Reichs­stadt. Ihr vor­an­ge­gan­gen war eine alt­t­hü­rin­gi­sche Sied­lung und ein karo­lin­gi­scher Reichs­hof, in dem Hein­rich I. eine Burg errich­tet hatte. Heute steht dort die seit 1130 erbaute Stadt­pfarr­kir­che zum Hei­li­gen Kreuz. 1263 ver­an­stal­tete der meiß­ni­sche Mark­graf und Min­ne­sän­ger Hein­rich der Erlauchte (1215–1288) in Nord­hau­sen ein fest­li­ches Tur­nier, was den hohen Rang des Ortes, auch in der Kul­tur, schon im Mit­tel­al­ter bezeugt. Bis zum Ende des 13. Jahr­hun­derts sie­del­ten sich zudem vier Mönchs- und Non­nen­or­den (Fran­zis­ka­ner, Augus­ti­ner, Domi­ni­ka­ner und Zis­ter­zi­en­se­rin­nen) in der Stadt an. Von den Klos­ter­ge­bäu­den ist allein der Wal­ken­rie­der Hof bei der Wai­sen­straße erhal­ten. 1802 fiel Nord­hau­sen an Preu­ßen. Damals reimte ein Lokal­poet: »Weint! Das Wet­ter, wel­ches wir seit Jahren/Fürchteten, bricht über uns herein./Weint, Nord­hau­sens Bür­ger! Was wir waren,/Werden wir nicht fort von heut’ an sein.«. Bekannt wurde N. auch durch die Tabak­ver­ar­bei­tung und die Brannt­wein-Pro­duk­tion von »Nord­häu­ser Dop­pel­korn«.

Mat­hilde (um 895–968) ent­stammte dem Geschlecht des Sach­sen­fürs­ten Widu­kind und wurde die zweite Gemah­lin (909) König Hein­richs I. (gest. 936). Sie ist die Mut­ter Kai­ser Ottos des Gro­ßen (912–73) und der in N. gebo­re­nen Köni­gin Ger­berga (915–69), Gemah­lin des franz. Königs Lud­wig IV. Schon am 13. 5. 927 über­trug Hein­rich Teile sei­nes Erb­be­sit­zes, dar­un­ter Nord­hau­sen (das in die­ser Urkunde erst­mals erwähnt wird) und Qued­lin­burg (spä­te­rer Wit­wen­sitz Mat­hil­des), auf seine Gemah­lin. Mat­hilde weilte oft in Nord­hau­sen, wo sie ein Kano­nis­sen­stift (wohl das ein­zige in Thü­rin­gen) grün­dete, dem auch lite­ra­tur­ge­schicht­li­che Bedeu­tung zukommt. Hier ent­stan­den zwei Mat­hilde-Viten (also Lebens­be­schrei­bun­gen der Stif­te­rin), die in ihrer Fröm­mig­keits­pa­ne­gy­rik Bezug neh­men zur von Ven­an­tius ver­fass­ten Rade­gunde-Vita. Die Mat­hilde-Viten sind wie die ganze Lite­ra­tur der otto­ni­schen Zeit in latei­ni­scher Spra­che abge­fasst und sind an den säch­si­schen Hof adres­siert. Die um 973 im Auf­trag Ottos II. (des­sen Gemah­lin Theo­phanu eben­falls mit N. in Bezie­hung stand) geschrie­bene »erste Vita« (in der Mat­hilde als Per­so­ni­fi­ka­tion des Glücks dar­ge­stellt wird) könnte aus der Feder einer N.er Kano­nisse (ver­gleich­bar mit der zur sel­ben Zeit schrei­ben­den Hrots­vith von Gan­ders­heim, der ers­ten dt. Dich­te­rin) stam­men und ist der erste in Thü­rin­gen geschrie­bene lite­ra­ri­sche Text! Die »zweite Vita« wurde um 1002 im Auf­trag Hein­richs II. ver­fasst. Das Königs­paar befin­det sich unter den 1270 für den Chor des Nord­häu­ser »Domes« geschaf­fe­nen Stif­ter­fi­gu­ren, ebenso wer­den sie im 1370/1400 geschaf­fe­nen Chor­ge­stühl gezeigt, Mat­hilde auch als Ganz­fi­gur im baro­cken Hoch­al­tar (1726) und in den far­bi­gen Glas­fens­tern (1931).

Der Theo­loge und Refor­ma­tor Jus­tus Jonas (eig. Jodo­cus Koch) wurde 1493 in Nord­hau­sen gebo­ren. Er starb 1555 in Eis­feld. Er über­setzte Luthers und Melan­chthons latei­ni­sche Schrif­ten kon­ge­nial ins Deut­sche und schrieb selbst Kir­chen­lie­der.

Mar­tin Luther kam 1516 nach Nord­hau­sen, um das Augus­ti­ner­klos­ter zu inspi­zie­ren. Er musste die Mön­che mehr­fach ermah­nen und auf ihre Pflich­ten hin­wei­sen. Schon 1522 wurde Lorenz Süße dort ers­ter evan­ge­li­scher Pre­di­ger. Zwei Jahre spä­ter nahm der Rat der Stadt die Refor­ma­tion offi­zi­ell an. Luther: »Ich weiß keine Stadt am Harze oder sonst, wel­che sich dem Evan­ge­lio so bald unter­wor­fen als die Stadt Nord­hau­sen.« Am 22. 4. 25 pre­digte er in der St.-Blasii-Kirche über die »Zwölf Arti­kel«. Erst als er auf der Kan­zel stand, erfuhr er von den Bau­ern­un­ru­hen. Des­halb reagierte er hef­tig, was die Nord­häu­ser mit einem Sturm der Ent­rüs­tung quit­tier­ten. Diese Erfah­rung ver­an­lasste ihn zum Abbruch der Reise ins thü­rin­gi­sche Auf­stands­ge­biet und zum Ent­wurf des Pam­phlets »Wider die räu­be­ri­schen und mör­de­ri­schen Rot­ten der Bau­ern«. Als die­ser harte Text am 10. 5. über­eilt gedruckt wurde, hatte der Krieg längst begon­nen.

Tho­mas Münt­zer hielt sich ver­mutl. vom 14.7.–26.9. 1522 in Nord­hau­sen auf. Dar­auf las­sen zwei Briefe schlie­ßen, die an ihn abge­schickt wur­den, doch nichts über eine etwaige Tätig­keit in Nord­hau­sen aus­sa­gen.

Michael Mey­en­burg (genannt »König von Nord­hau­sen), der 1555 in Nord­hau­sen starb, wirkte in der Stadt als Bür­ger­meis­ter. Freund­schaft­lich ver­bun­den war er mit Jus­tus Jonas, mit dem er sich kon­spi­ra­tiv in der Rats­apo­theke traf, Johan­nes Bug­en­ha­gen, Georg Spa­la­tin und vor allem mit Phil­ipp Melan­chthon, der ihn schon 1525 in Nord­hau­sen auf­ge­sucht hatte und der, als Wit­ten­berg im April 1547 von den Kai­ser­li­chen besetzt wurde, zusam­men mit Luthers Witwe Katha­rina und deren Kin­dern zu Mey­en­burg nach Nord­hau­sen floh. Lucas Cra­nach d. J. wid­mete Mey­en­burg 1558 ein Epi­taph, das in der St.-Blasii-Kirche (Ori­gi­nal seit 1945 ver­schol­len) in einer Kopie aus dem Jahr 1927 zu sehen ist.

Johann Span­gen­berg (1484–1550) wirkte als Theo­loge und Kopf der Nord­häu­ser Refor­ma­tion. Er war von 1524 bis 1546 Pfar­rer an der St.-Blasii-Kirche und Rek­tor der ange­se­he­nen Latein­schule, an der spä­ter Michael Nean­der, Andreas Fabri­cius  und Johan­nes Cla­jus lehr­ten. Span­gen­berg, der mit Mey­en­burg und Melan­chthon befreun­det war,  fühlte sich dem Huma­nis­mus ver­pflich­tet und wies ihm im evan­ge­li­schen Schul­we­sen einen fes­ten Platz zu. Er gab Lehr­bü­cher für den Latein­un­ter­richt, Vers­leh­ren und Gram­ma­ti­ken her­aus. Sein Sohn Cyria­kus Span­gen­berg wurde 1528 gebo­ren und stu­dierte bei Melan­chthon in Wit­ten­berg. Im Elsass, wohin er auf­grund von theo­lo­gi­schen Stei­tig­kei­ten an sei­ner ers­ten Wir­kungs­stätte in der Graf­schaft Mans­feld ging, ver­öf­fent­lichte er das Werk »Von der Edlen und Hoch­be­rümb­den Kunst der Musica« (1598), mit dem er die bedeu­tendste zeit­ge­nös­si­sche Dar­stel­lung zu die­sem Thema lie­ferte.

Johan­nes Gigas, der 1514 in Nord­hau­sen gebo­ren wurde, wurde von Span­gen­berg geför­dert. Er stu­dierte bei Luther und Melan­chthon in Wit­ten­berg Theo­lo­gie. Er ver­fasste zahl­rei­che theo­lo­gi­sche Werke, von denen die »Kate­chis­mus-Pre­dig­ten« (1577) das ganze 17. Jh. hin­durch wirk­ten.

Fried­rich Chris­tian Les­ser wurde 1692 in Nord­hau­sen gebo­ren, wo er 1754 starb. Er war Theo­loge, His­to­ri­ker und Ver­fas­ser von Gele­gen­heits­ge­dich­ten. Leo­pold Fried­rich Gün­ther von Goeckingk aus Ell­rich hatte häu­fig in Nord­hau­sen zu tun. Zu sei­nen Auf­ga­ben gehörte die Kon­trolle des unter preu­ßi­scher Ver­wal­tung ste­hen­den Wal­ken­rie­der Hofes. 1775 ver­mählte er sich dort mit Sophie Marie Phil­ip­pine Vopel (1745–1781), der Toch­ter eines ehe­ma­li­gen Ober­amt­manns, dem »Nant­chen« in den »Lie­dern zweier Lie­ben­den« (1777), mit denen Goeckingk der lite­ra­ri­sche Durch­bruch gelang und die zum Vor­bild für Goe­thes »Buch Suleika« (»West­öst­li­cher Divan«) wur­den.

Johann Gott­fried Schna­bel (1692-nach 1744) ließ 1732 den 1. Band sei­ner »Wun­der­li­chen FATA eini­ger See-Fah­rer«, spä­ter kurz als »Insel Fel­sen­burg« bezeich­net, in Nord­hau­sen erschei­nen. Ob Sch. aller­dings je in der Stadt weilte, ist nicht bekannt. Doch steht diese Robin­so­nade, für Arno Schmidt (1914–1979) »eines der wich­tigs­ten Werke unse­rer Lite­ra­tur«, damit in einer Bezie­hung zu Nord­hau­sen. Inzwi­schen sieht auch die For­schung in Schna­bels Werk den »erfolgreichste(n) deutsche(n) Roman der ers­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts«. – Fried­rich August Wolf, des­sen Vater Leh­rer an der Nord­häu­ser Mäd­chen­schule war, besuchte 1769–1776 das Nord­häu­ser Gym­na­sium. Sein Leh­rer war dort Chris­tian August Heyse (1764–1829), der Ver­fas­ser einer weit ver­brei­te­ten deut­schen Schul­gram­ma­tik und Groß­va­ter von Paul Heyse. – Lud­wig Storch besuchte von 1821 bis 1823 das Gym­na­sium in Nord­hau­sen.

Ida Seele wurde 1825 hier gebo­ren. Sie war eine Nichte von Lud­wig Storch. Sie wirkte als Kin­der­gärt­ne­rin und Kin­der­buch­au­torin. Nach Frö­bels Vor­bild grün­dete sie einen Kin­der­gar­ten, der aber von den preu­ßi­schen Behör­den bald wie­der geschlos­sen wurde. Spä­ter eröff­nete sie Kin­der­gär­ten in Darm­stadt und Ber­lin. Ab 1879 lebte sie wie­der in Nord­hau­sen, wo sie bis zu ihrem Tod 1910 lebte. Ihre »Erzäh­lun­gen für Kin­der von zwei bis sie­ben Jah­ren« (1862) waren ein gro­ßer Erfolg und beein­fluss­ten die Ent­ste­hung von Büchern für Vor­schul­kin­der in ganz ent­schei­den­dem Maße. Ein 2007 wie­der auf­ge­stell­tes Grab­denk­mal beim Kin­der­gar­ten in der Ufer­straße 1 erin­nert an sie.

Eng mit dem Kin­der­gar­ten ver­bun­den war auch Thekla Naveau, die 1871 in Nord­hau­sen starb. Sie ist die Autorin des weit­hin wirk­sa­men Buches »Frö­bel-Spiele. Lie­der und Verse für Kin­der­gar­ten, Ele­men­tar­klasse und Fami­lie« (1870).

Der spä­ter am Wei­ma­rer Goe­the-und-Schil­ler-Archiv wir­kende Bern­hard Suphan wurde 1845 in Nord­hau­sen gebo­ren. Seine Haupt­leis­tung ist die Edi­tion von Her­ders »Sämtliche(n) Werke(n)«, das in 33 Bän­den von 1877 bis 1913 erschien.

Der Lyri­ker und Erzäh­ler Hell­muth Unger wurde 1891  hier gebo­ren und begann mit expres­sio­nis­ti­schen Gedich­ten in Erschei­nung zu tre­ten. Spä­ter schrieb er popu­läre Romane über die Ärzte Robert Koch (1929) und Rudolf Virchow (1953).

Eben­falls aus Nord­hau­sen stammt der Kin­der- und Jugend­buch­au­tor Her­bert Kranz (1891–1973). Mit sei­nen Aben­teu­er­bü­chern, dar­un­ter die »Kranz-Bände« (1953–1959) um die Phan­ta­sie­gesell­schaft »Ubi­que Ter­rarum«, deren Mit­glie­der über­all auf der Welt hel­fend ein­grei­fen, und his­to­ri­schen Erzäh­lun­gen (»Die Stimme der Ver­gan­gen­heit«, 1960–1964) hat Kranz die Jugend­li­te­ra­tur des Wes­tens ent­schei­dend mit­ge­prägt.

Rudolf Hagel­stange wurde 1912 in Nord­hau­sen gebo­ren. Er ist der bedeu­tendste Schrift­stel­ler Nord­hau­sens im 20. Jahr­hun­dert. Er starb 1984 in Hanau.

1945 kehrte er aus dem Krieg in das zer­störte Nord­hau­sen zurück, das am 3. und 4. April anglo-ame­ri­ka­ni­sche Bom­ben nahezu voll­stän­dig zer­stört hat­ten. Dabei fan­den 8800 Men­schen den Tod. Hagel­stange betrau­erte den Ver­lust in sei­nem Gedicht »Schwer­mü­tig Lied« (1946). Nach dem Ende  des Zwei­ten Welt­kriegs gehörte er zu den Mit­be­grün­dern des Kul­tur­bun­des in Nord­hau­sen, lehnte aber die ihm von Johan­nes R. Becher ange­bo­te­nen grö­ße­ren Auf­ga­ben ab.

In die­ser Zeit ent­stand sein berühm­ter Sonett-Zyklus »Vene­zia­ni­sches Credo«, der ihn als Lyri­ker von Rang aus­wies. 1946 ging er in den Wes­ten. Am Ende sei­nes Lebens ent­stan­den die mit Nord­hau­sen ver­bun­de­nen Romane »Das Haus oder Balsers Auf­stieg« (1981) und »Der Nie­der­gang. Von Balsers Haus zum Käthe-Koll­witz-Heim« (1983) sowie die Auto­bio­gra­phie »Trä­nen gelacht. Steck­brief eines Stein­bocks« (1977). Heute erin­nert eine Gedenk­ta­fel an sei­nem Geburts­haus in der Oskar-Cohn-Straße 4 an ihn.

Erwäh­nen lässt sich noch der Kin­der- und Jugend­buch­au­tor Alex­an­der Jesch, der seit 1969 in Nord­hau­sen lebte, wo er 1996 starb.

Ebenso der 1938 in Nord­hau­sen gebo­rene Rolf Kal­muc­zak, der mit über 100 Pseud­ony­men Romane, Kin­der- und  Jugend­bü­cher, Hör­spiele, Dreh­bü­cher, und Gro­schen­ro­mane schrieb. Mit einer Gesamt­auf­lage von 14 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Exem­pla­ren gehört er zah­len­mä­ßig zu den erfolg­reichs­ten deut­schen Schrift­stel­lern gehört.

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