Katrin Lemke – »Flusskiesel – Geschichten von hier und anderswo«

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Autor

Ulrich Kaufmann

Erstdruck in Palmbaum 2/2020. Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Ulrich Kauf­mann

Ein spätes, erstaun­li­ches Debüt

 

Durch eine Ricarda-Huch-Bio­gra­fie (2014) sowie ein sich anschlie­ßen­des Huch-Lese­buch ist die Autorin in die lite­ra­ri­sche Öffentlichkeit getre­ten. In den letz­ten Jah­ren war sie auf den Spu­ren des Jenaer Ver­le­gers Eugen Diede­richs unter­wegs und unter­suchte glei­cher­ma­ßen sein fa- miliäres Umfeld. »Neben­bei«, in aller Stille, ent­stan­den vier Geschich­ten, mit denen sich die Publi­zis­tin auf das Neu­land des fik­tio­na­len Erzählens wagt.

Hin­ter dem ruhig wir­ken­den Titel Fluss­kie­sel und dem viele Möglichkeiten ein­schlie­ßen­den Unter­ti­tel Geschich­ten von Auf­bruch und Wei­ter­ge­hen ver­birgt sich ein Quar­tett span­nen­der, ergrei­fen­der Pro­sa­texte. Diese bewusst karg dar­ge­bo­te­nen Erzählungen sind meist wenig ver­or­tet – lokal und zeit­lich. Gewöhnliche Men­schen wer­den geschil­dert, die mit außer­or­dent­li­chen Situa­tio­nen fer­tig wer­den müssen: Mit einem Auto­un­fall, einem Erd­be­ben, den ver­hee­ren­den Fol­gen des letz­ten Krie­ges und mit einem Schiffbruch.

Die Autorin, vier­fa­che Mut­ter und mehr­fa­che Groß­mutter, stellt nicht zuletzt Kin­der und Jugend­li­che in schwers­ten Situa­tio­nen dar. Dass ihr dies psy­cho­lo­gisch überzeugend gelingt, mag auch mit ihrer langjährigen Arbeit als Leh­re­rin zusammenhängen.

Debütierende Autoren kom­men nicht sel­ten zum Schrei­ben, indem sie Grund­er­leb­nisse auf­ar­bei­ten. Lem­kes Erzählband ist weni­ger durch Selbst­er­leb­tes geprägt. Die letzte und längste Erzählung Der Schiff­bruch ist in Nord­eu­ropa, in Nor­we­gen ange­sie­delt. Land­schaft, Kul­tur und Spra­che die­ses Lan­des kennt und liebt die Erzählerin. Dies spürt der Leser in jeder Zeile. Wie ein Märchen setzt die Geschichte ein: »Vor lan­ger Zeit …«. In weni­gen Sätzen schil­dert Kat­rin Lemke ein­gangs den Unter­gang eines Han­dels­schif­fes. Im Zen­trum der Erzählung ste­hen die Fol­gen. Am Ufer wer­den ein Mädchen und ein Mönch ohnmächtig auf­ge­fun­den – bei­der Hände an einer ret­ten­den Boots­planke. Aus Solidarität und Nähe wird eine zarte Liebe. Durch den Weg­gang Caro­lus‹, des Geist- lichen, bleibt die Geschichte ohne happy end. Eine tra­gisch aus­ge­hende Liebe – mit Krank­heit und Fehl­ge­burt – überwindet Bene­dikte. Sie ver­sucht ein Wei­ter­ge­hen, einen Neu­be­ginn. Die Erzählung Der Schiff­bruch enthält eine Geschichte in der Geschichte, einen nordischen

Mythos (»Sun­ni­vas Höhle«). Die Sage, vom Pries­ter Magnus dar­ge­bo­ten, fin­det – im Kon­trast zu Bene­dik­tes Schick­sal – einen tra­gi­schen Aus­gang in weit­aus größeren Dimensionen.

Reiz­voll an die­sem Debütband ist, dass die Erzählungen nicht iso­liert blei­ben, son­dern hier und da mit­einn­an­der kor­re­spon­die­ren: In Tie­fer Grund wird von einem Jun­gen erzählt, der in der Tragödie groß­ar­tig und selbst­be­wusst reagiert. Hin­ge­gen zeigt die Geschichte Kind mit Vater, wie ein trau­ma­ti­sier­ter Vater sei­nen Sohn zerstört, indem er ihm jed­we­des Selbst­be­wusst­sein nimmt.

  • Kat­rin Lemke Fluss­kie­sel – Geschich­ten von hier und anderswo. Domi­no­Plan, Jena 2020, 132 S.
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