Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal
16 : Der erste Kindergarten der Welt

Person

Friedrich Fröbel

Orte

Bad Blankenburg

Friedrich-Fröbel-Museum

Friedrich-Fröbel-Denkmal in Bad Blankenburg

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Karl Emil Franzos

Aus Anhalt und Thüringen, Rütten & Loening, Berlin 1903.

Noch stol­zer aber als auf den Herrn Greif sind die Blan­ken­bur­ger auf einen Mann, der nur acht Jahre (1837–1845) ihr Mit­bür­ger war; sein Wohn­haus, dann seine Arbeits­stätte sind mit Gedenk­ta­feln geschmückt, und zu sei­nem hun­derts­ten Geburts­tag (1882) haben sie ihm sogar ein Denk­mal errich­tet. Alles nicht zu viel, denn der Mann hat mehr für die Mensch­heit getan als alle regie­ren­den Hein­ri­che und Gün­ther zusam­men­ge­nom­men und hat dem klei­nen Nest einen unver­gäng­li­chen Ruh­mes­ti­tel geschaf­fen; hin­ter der Kir­che, im Kel­ler­haus – jetzt ist die Mäd­chen­schule drin – ent­stand 1840 der erste Kin­der­gar­ten der Welt. Nun weiß man, daß ich von Fried­rich Frö­bel spre­che; im nahen Ober­weiß­bach gebo­ren, ließ er sich als Fünf­zi­ger hier nie­der, um end­lich seine Idee – die Erzie­hung des Kin­des als »Gliedgan­zes« – prak­tisch durch­zu­füh­ren; nach­dem sie sich bewährt hatte, über­sie­delte er nach Schloß Mari­en­thal bei Lie­ben­stein, wo ihm grö­ßere Räume und Mit­tel zur Ver­fü­gung stan­den.

Kein Gerin­ger im Geist, war er ein Gro­ßer im Gemüt, und die haben’s immer noch etwas här­ter als andere Große; man ver­steht heut, wel­cher tod­ernste Kampf um sein Ideal sein Leben war, ver­steht, daß man ihn ver­kannte und ver­höhnte, selbst das Ver­bot der Kin­der­gär­ten in Preu­ßen (1851), das dem altern­den Manne das Herz brach, ist ver­ständ­lich; es ist immer die­selbe Geschichte, solang Men­schen auf Erden leben, aber sie kreu­zi­gen doch immer nur den Kör­per, nicht den Geist. Man hört jetzt oft die Mah­nung, Frö­bel nicht zu über­schät­zen, das steht mir fern; auch ich weiß, wie abhän­gig er von Pes­ta­lozzi war; der Mensch wie der Schrift­stel­ler sind von Schrul­len nicht frei; und neben Tief­sin­ni­gem fin­det sich (wie frei­lich gerade bei Päd­ago­gen nicht sel­ten, die sich immer zum Kinde bücken müs­sen) auch Läp­pi­sches; zudem weiß ich, durch wie­viel Arbeit ande­rer der Kin­der­gar­ten von 1840 zu dem wurde, was er heut ist. Aber ohne Frö­bel hät­ten wir ihn nicht, und darum ist weit mehr die Mah­nung am Platze, ihn nicht zu unter­schät­zen. Durch ihn sind Mil­li­ar­den Men­schen­kin­der ein wenig bes­ser, ein wenig gesun­der gewor­den, als sie sonst gewe­sen wären – wes­sen Ruhm wäre schö­ner?

 Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal:

  1. Das provisorische Nachtquartier – Von Erfurt nach Oberhof
  2. »Die Marlitt als Geschäftsfrau« – Von Arnstadt nach Stadtilm
  3. »Hasenscharten, Kobolde und Wassermänner« – Von Stadtilm nach Oberrottenbach
  4. »Langsam, langsam, ich hab Zeit« – Von Oberrottenbach nach Schwarzburg
  5. »Thüringer Hof« oder »Weißer Hirsch« – Quartiersuche in Schwarzburg
  6. Im »Weißen Hirsch« zu Schwarzburg
  7. Ein Gesetzesentwurf für die Thüringer Gastronomie
  8. Schloss Schwarzburg
  9. Das Zeughaus
  10. Ausflug zum Trippstein
  11. Von der Fasanerie ins Schwarzatal
  12. Von Schwarzburg nach Blankenburg
  13. Am »Schweizerhaus«
  14. Blankenburg
  15. Der Greifenstein
  16. Der erste Kindergarten der Welt
  17. Im Werretal
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