Weimar und die »Weimarer Republik« – ein literarischer Streifzug
6 : Walter Benjamin: Weimar 1928

Person

Walter Benjamin

Orte

Markt

Goethe- und Schiller-Archiv

Goethe-Nationalmuseum und Goethe-Wohnhaus

Thema

Weimarer Republik

Autor

Walter Benjamin

Erzählen. Schriften zur Theorie der Narration und zur literarischen Prosa. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Alexander Honold. Frankfurt am Main 2007.

In deut­schen Klein­städ­ten kann man sich die Zim­mer ohne Fens­ter­bret­ter gar nicht vor­stel­len. Sel­ten aber habe ich so breite gese­hen wie am Wei­ma­rer Markt­platz, im »Ele­phan­ten«, wo sie das Zim­mer zur Loge mach­ten, aus der mir der Aus­blick auf ein Bal­lett wurde, wie es selbst Lud­wig dem Zwei­ten die Büh­nen von Neu­schwan­stein und Her­ren­chiem­see nicht bie­ten konn­ten. Denn es war ein Bal­lett, in der Frühe. Gegen halb sie­ben begann man zu stim­men: bal­kene Bässe, schat­tende Vio­lin­schirme, Blu­men­f­lö­ten und Frucht­pau­ken. Die Bühne noch fast leer; Markt­wei­ber, keine Käu­fer. Ich schlief wie­der ein. Gegen neun Uhr, als ich erwachte, war’s eine Orgie: Märkte sind die Orgien der Mor­gen­stun­den, und Hun­ger läu­tet, würde Jean Paul gesagt haben, den Tag ein wie Liebe ihn aus. Mün­zen fuh­ren syn­ko­pie­rend dar­ein, und lang­sam scho­ben und stie­ßen sich Mäd­chen mit Net­zen, die schwel­lend von allen Sei­ten zum Genosse ihrer Run­dun­gen luden. Kaum aber fand ich mich ange­klei­det zu ebe­ner Erde und wollte die Bühne betre­ten, waren Glanz und Fri­sche dahin. Ich begriff, daß alle Gaben des Mor­gens wie Son­nen­auf­gang auf Höhe emp­fan­gen sein wol­len. Und war Mein, was dies zart gewür­felte Pflas­ter noch eben beglänzte, ein mer­kan­ti­les Früh­rot gewe­sen? Nun lag es unter Papier und Abfall begra­ben. Statt Tanz und Musik nur Tausch und Betrieb. Nichts kann so unwie­der­bring­lich wie ein Mor­gen dahin sein.

Im Goe­the-Schil­ler-Archiv sind Trep­pen­haus, Säle, Schau­käs­ten, Biblio­the­ken weiß. Das Auge trifft nicht einen Zoll, wo es aus­ru­hen könnte. Wie Kranke in Hos­pi­tä­lern lie­gen die Hand­schrif­ten hin­ge­bet­tet. Aber je län­ger man die­sem bar­schen Lichte sich aus­setzt, desto mehr glaubt man, eine ihrer selbst unbe­wußte Ver­nunft auf dem Grunde die­ser Anstal­ten zu erken­nen. Wenn lan­ges Kran­ken­la­ger die Mie­nen geräu­mig und still macht und sie zum Spie­gel von Regun­gen wer­den läßt, die ein gesun­der Kör­per in Ent­schlüs­sen, in tau­send Arten aus­zu­grei­fen, zu befeh­len zum Aus­druck bringt, kurz, wenn ein Kran­ken­la­ger den gan­zen Men­schen in Mimik zurück­ver­wan­delt, so lie­gen diese Blät­ter nicht umsonst wie Lei­dende auf ihren Repo­si­to­rien. Daß alles, was uns heut bewußt und stäm­mig als Goe­thes »Werke« in unge­zähl­ten Buch-Gestal­ten ent­ge­gen­tritt, ein­mal in die­ser ein­zi­gen, gebrech­lichs­ten, der Schrift, bestan­den hat und daß, was von ihr aus­ging, nur das Strenge, Läu­ternde kann gewe­sen sein, was um Gene­sende oder Ster­bende für die weni­gen, die ihnen nahe sind, wal­tet – wir den­ken nicht gerne daran. Aber stan­den nicht auch diese Blät­ter in einer Kri­sis? Lief nicht ein Schauer über sie hin, und nie­mand wußte, ob vom Nahen der Ver­nich­tung oder des Nach­ruhms? Und sind nicht sie die Ein­sam­keit der Dich­tung? Und das Lager, auf dem sie Ein­kehr hielt? Sind unter ihren Blät­tern nicht man­che, deren unnenn­ba­rer Text nur als Blick oder Hauch aus den stum­men, erschüt­ter­ten Zügen auf­steigt?

Man weiß, wie pri­mi­tiv das Arbeits­zim­mer Goe­thes gewe­sen ist. Es ist nied­rig, es hat kei­nen Tep­pich, keine Dop­pel­fens­ter. Die Möbel sind unan­sehn­lich. Leicht hätte er es anders haben kön­nen. Lederne Ses­sel und Pols­ter gab es auch damals. Dies Zim­mer ist in nichts sei­ner Zeit vor­aus. Ein Wille hat Figur und For­men in Schran­ken gehal­ten; keine sollte des Ker­zen­lich­tes sich schä­men müs­sen, bei dem der alte Mann abends im Schlaf­rock, die Arme auf ein miß­far­be­nes Kis­sen gebrei­tet, am mitt­le­ren Tische saß und stu­dierte. Zu den­ken, daß die Stille sol­cher Stun­den sich heute nur in den Näch­ten wie­der­ver­sam­melt. Dürfte man ihr aber lau­schen, man ver­stände die Lebens­füh­rung, bestimmt und geschaf­fen. die nie wie­der­keh­rende Gunst, das gereif­teste Gut die­ser letz­ten Jahr­zehnte zu ern­ten, in denen auch der Rei­che die Härte des Lebens noch am eige­nen Leibe zu spü­ren hatte. Hier hat der Greis mit der Sorge, der Schuld, der Not die unge­heu­ren Nächte gefei­ert, ehe das höl­li­sche Früh­rot des bür­ger­li­chen Kom­forts zum Fens­ter hin­ein­schien. Noch war­ten wir auf eine Phi­lo­lo­gie, die diese nächste, bestim­mendste Umwelt – die wahr­hafte Antike des Dich­ters – vor uns eröffne. Dies Arbeits­zim­mer war die cella des klei­nen Baus. den Goe­the zwei Din­gen ganz aus­schließ­lich bestimmt hatte: dem Schlaf und der Arbeit. Man kann gar nicht ermes­sen, was die Nach­bar­schaft der win­zi­gen Schlaf­kam­mer und die­ses einem Schlaf­ge­ma­che gleich abge­schie­de­nen Arbeits­zim­mers bedeu­tet hat. Nur die Schwelle trennte, gleich einer Stufe, bei der Arbeit ihn von dem thro­nen­den Bett. Und schlief er, so war­tete dane­ben sein Werk, um ihn all­nächt­lich von den Toten los­zu­bit­ten. Wem ein glück­li­cher Zufall erlaubt, in die­sem Raume sich zu sam­meln, erfährt in der Anord­nung der vier Stu­ben, in denen Goe­the schlief, las, dik­tierte und schrieb, die Kräfte, die eine Welt ihm Ant­wort geben hie­ßen, wenn er das Innerste anschlug. Wir aber müs­sen eine Welt zum Tönen brin­gen, um den schwa­chen Ober­ton eines Innern erklin­gen zu las­sen.

 Weimar und die »Weimarer Republik« – ein literarischer Streifzug:

  1. Paul Klee: Brief an Lily Klee
  2. Harry Wilde: Der falsche Prophet Louis Haeusser
  3. Joseph Roth – »Sporengeklirr im ›Russischen Hof‹«
  4. Die gute Stube des deutschen Kleinbürgers
  5. Victor Auburtin: An Weimar vorbei
  6. Walter Benjamin: Weimar 1928
  7. Walter Petry: Weimar
  8. Lothar Brieger: Johannes Schlaf zum 70. Geburtstag
  9. Mathilde und Maria von Freytag-Loringhoven: Höherer Blödsinn
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