Weimar und die »Weimarer Republik« – ein literarischer Streifzug
5 : Victor Auburtin: An Weimar vorbei

Person

Victor Auburtin

Ort

Bahnhof Weimar

Thema

Weimarer Republik

Autor

Victor Auburtin

Einer bläst die Hirtenflöte. Ausgewählte Feuilletons von Victor Auburtin, hg. von Wilamont Haacke, Berlin 1940.

Im Spei­se­wa­gen Ber­lin-Frank­furt, ein Uhr, gegen Ende des ers­ten Mit­tag­essens. An mei­nem Tisch drei große, umfang­rei­che Her­ren, die offen­bar zur Frank­fur­ter Messe fah­ren.

Fran­zö­si­scher Rot­wein, viele Schnaps­glä­ser, Zigar­ren so groß wie die Zep­pe­line.

Seit einer Weile hält der Zug auf einer mit­tel­gro­ßen, lee­ren Sta­tion.

»Wo sind wir denn hier?« – »Wei­mar.« – »Na, warum hal­ten wir denn so lange in dem Dreck­nest?«

Unter den eiser­nen Trä­gern des Bahn­hofs hin­weg kann man ein Stück der Land­schaft sehen. Graues oder schwärz­li­ches Hügel­ge­bilde, über das gerade jetzt ein geist­rei­ches April­schnee­we­hen hin­weg­wan­dert.

Der blen­dendweiße Strich dort ist eine Straße. Diese Straße ist er oft gefah­ren mit sei­nem Ecker­mann, auch bei schlech­tem Wet­ter. Und Hügel und Schnee haben damals ebenso aus­ge­se­hen wie jetzt, haben ihm nicht mehr gebo­ten, als sie uns bie­ten.

Die Roh­stoffe sei­nes Wer­kes sind unver­min­dert heute noch vor­han­den und all­ge­mein zugäng­lich.

Inzwi­schen wird am Tische der Wert Wei­mars erwo­gen und bespro­chen. »In Wei­mar ist gar nichts los.« – »Ein ganz totes Nest.« – »So schlimm ist es nun doch nicht, hier ist doch die große Pia­no­for­te­fa­brik von … na … Dingsda … von Röm­hilt.«

Gott sei Dank, daß es wenigs­tens Pia­no­for­tes sind, denn es hät­ten ja auch Gum­mi­kra­gen sein kön­nen. Dann hieße es heute im deut­schen Volks­mund: Wei­mar, rich­tig, das ist ja die Stadt mit den Gum­mi­kra­gen.

Nun setzt sich der Zug doch so all­mäh­lich in Bewe­gung und rückt über Neu­die­ten­dorf auf Frank­furt a. M. zu. Dort steht das Haus, an dem immer so viele schöne Reden gehal­ten wer­den. Über unse­ren Dich­ter, der in die­sem Sinne als wahr­haft volks­tüm­lich bezeich­net wer­den muß.

 Weimar und die »Weimarer Republik« – ein literarischer Streifzug:

  1. Paul Klee: Brief an Lily Klee
  2. Harry Wilde: Der falsche Prophet Louis Haeusser
  3. Joseph Roth – »Sporengeklirr im ›Russischen Hof‹«
  4. Die gute Stube des deutschen Kleinbürgers
  5. Victor Auburtin: An Weimar vorbei
  6. Walter Benjamin: Weimar 1928
  7. Walter Petry: Weimar
  8. Lothar Brieger: Johannes Schlaf zum 70. Geburtstag
  9. Mathilde und Maria von Freytag-Loringhoven: Höherer Blödsinn
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