Hermann Hesse in Weimar
3 : Schrifstellerlesung in der »Erholung«

Ort

Weimar

Themen

Weimarer Republik

Thüringen im Nationalsozialismus

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Thüringer Literaturrat e.V. / Weimarische Landeszeitung „Deutschland“ 64. Jahrgang, Freitag, den I. November 1912, Nr. 302 Unter der Rubrik: „Aus dem Großherzogtum Sachsen“.

Im großen Saale der »Erholung« fand Mittwochabend der erste Vortragsabend der Weimarischen Literarischen Gesellschaft statt. Der Reiz, einen gefeierten Dichter aus seinen Werken selbst vortragen zu hören, hatte den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt; das literarische Weimar hatte sich ein Stelldichein gegeben.

Nach dem einleitenden Vortrag von Prof. Dr. Bulle, dem Vorsitzenden der Weimarischen Literarischen Gesellschaft, in dem er besonders den Dank der Gesellschaft betonte für das Vertrauen, das das literarisch gebildete Weimar der Gesellschaft bekundet habe durch so überreich erfolgte Beitritte, und der Versicherung Ausdruck gab, dass die Weimarische Literarische Gesellschaft, wenn sie auch nur ein verhältnismäßig bescheidenes Programm böte und sich nicht das leisten könne, was andere ähnliche Vereinigungen in größeren Städten böten, dennoch ihr Möglichstes getan habe, um den Weimarer Literaturfreunden ein vollwertiges Programm für diesen Winter zu bieten, ein Programm, das die ersten Namen in unserer zeitgenössischen Literatur aufweist und das infolgedessen auch weiterhin große Anziehungskraft auf alle Freunde unserer zeitgenössischen Literatur auszuüben geeignet ist, nahm der Vortragende des Abends, Hermann Hesse das Wort.

Hermann Hesse kommt aus Calw in Württemberg und ist im Jahre 1877 geboren. Gegenwärtig wohnt er in Radolfszell(!) in der Schweiz(!). Seine »Gedichte« stellen ihn mit unsern besten und ersten Lyrikern in eine Reihe. Als Romanschriftsteller errang er besonders mit seinem berühmten Roman »Peter Kamenzind« (!), dem ein anderer »Unterm Rad« bald folgte und der eine erfreuliche Weiterentwicklung des Dichters unverkennbar konstatieren lässt, einen glänzenden Erfolg. Zahlreiche andere Novellen, der Roman »Gertrud« u. a. beweisen, dass Hesse nicht auf seinen früh gewonnenen Lorbeeren auszuruhen gesonnen, sondern dass er weiter rüstig zu schaffen gewillt ist. In der Sprache seiner Romane ähnelt er Gottfried Keller, in einem bestrickenden Traumton versteht er zu erzählen, wie sich ein Leben, eine suchende, träumerische Seele entfaltet. In seinen Gedichten wandelt Hesse die Spuren der schwäbischen Schule, als frischer, junger Sänger.

Den Reigen seiner Vorträge eröffnete Hermann Hesse im Erholungssaale zu Weimar mit zwei tiefempfundenen Gedichten »Einsame Nacht« und »Der Trinker«, die echte Kinder Hessescher Lyrik sind und eine prächtige Sprache zeigen.

Darauf folgte ein Vortrag aus einem unvollendeten Roman »Der Maler«, der ungemein fesselnd war und mit reichem Beifall belohnt wurde. Weiter folgten die Prosastücke »Seenacht« und »Sumatra«, mit welchen Hesse den ganzen Reiz seiner Erzählungskunst offenbart. Wie ungemein fein empfunden sind doch diese »Sumatra-Tagebuchblätter« und welch bestrickende Stimmung spiegelt sich doch in der »Seenacht« wider. Damit war das offizielle Vortragsprogramm erschöpft, für das die dankbare Zuhörerschaft mit herzlichem Beifall quittierte. Als Zugabe trug sodann Hermann Hesse noch einige weitere Gedichte vor, von denen besonders »Es wird Frühling«, »Allein«, »Schicksal«, »Der Dichter« und »Sommernacht« zu nennen sind.

Der sympathische Dichter, dessen schwäbische Abstammung sein Akzent bekundet, trug schlicht und einfach, jedoch mit tiefer Empfindung und gutem Ausdruck vor. Man schied von ihm mit dem Bewusstsein, einen deutschen Dichter, dem es ernst ist mit seiner Kunst, kennen und auch persönlich schätzen gelernt zu haben, einen der wenigen Dichter, an denen sich die Hoffnung aufrichten kann, dass auch wir Deutschen wie andere Völker dermaleinst zu einer vollendeten Kunstprosa kommen werden.

Die Weimarische Literarische Gesellschaft möge zu dem Erfolge dieses ersten Abends weitere hinzugesellen; dankbare Anerkennung werden ihr alle weimarischen Literaturfreunde auch weiterhin zollen, wenn sie fortfährt, Vortragsabende zu veranstalten, die auf einer derartigen Höhe stehen.

 Hermann Hesse in Weimar:

  1. Lesereisen in Weimar
  2. Biographische Spuren
  3. Schrifstellerlesung in der »Erholung«
  4. Hermann Hesse im Volksbildungsverein

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