Hermann Hesse in Weimar
2 : Biographische Spuren

Ort

Weimar

Themen

Weimarer Republik

Thüringen im Nationalsozialismus

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Autor

Wulf Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V. / Erstdruck: Weimar Kultur Journal Nr. 8/1997

Der Lite­ra­ri­schen Gesell­schaft, der Hesse die höhe­ren Wei­hen gab, war wohl keine lange Lebens­dauer beschie­den. Spä­ter­hin scheint sie kaum noch von sich reden gemacht zu haben. Ihr Vor­sit­zen­der war der Roma­nist Oskar Bulle (1857–1917), 1910 zum Gene­ral­se­kre­tär der Deut­schen Schil­ler­stif­tung beru­fen und seit­her in Wei­mar ansäs­sig. Seit eini­gen Jah­ren war Hesse ein berühm­ter Autor. Mit den Roma­nen »Peter Camenzind« (1904), »Unterm Rad« (1906) und »Ger­trud«( 1910) hatte er sich in Deutsch­land einen Namen gemacht. Eben­falls lagen 1912 zwei umfang­rei­che Erzähl­bände vor: »Dies­seits« (1907) und »Nach­barn« (1908). Auch heute noch gehö­ren diese Samm­lun­gen des frü­hen Hesse zum Grund­stock des Geschich­ten­er­zäh­lers. Sie ent­hal­ten einige sei­ner schöns­ten Pro­sa­stü­cke. Die ein­zige große Reise sei­nes Lebens hatte er bereits hin­ter sich gebracht. Sep­tem­ber bis Dezem­ber 1912 hielt er sich auf Suma­tra und ande­ren exo­ti­schen Inseln im Indi­schen Ozean auf, haupt­säch­lich jedoch hatte er Indien bereist, wo seine Eltern meh­rere Jahre als Mis­sio­nare tätig gewe­sen waren. Einige der vor­ge­tra­ge­nen Stü­cke, auf die sich die Refe­ren­ten so über­aus lobend bezie­hen, gehö­ren zu den Rei­se­auf­zeich­nun­gen, die 1913 unter dem Titel »Aus Indien« erschie­nen.

Kurz bevor Hesse im Okto­ber 1912 nach Wei­mar kam, war er von Gai­en­ho­fen am Boden­see nach Oster­mun­din­gen bei Bern über­sie­delt. In Radolf­zell hatte er zu kei­ner Zeit sei­nen Wohn­sitz. Nicht alle der in den Bespre­chun­gen her­vor­ge­ho­be­nen Gedichte und Pro­sa­stü­cke der bei­den Lese­pro­gramme las­sen sich anhand der Aus­ga­ben veri­fi­zie­ren. »Gewit­ter­nacht auf Suma­tra« meint mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit das Kapi­tel »Wald­nacht« (Erst­druck im »Sirnpli­cis­si­mus« vom 16.9. 1912). Das weit weni­ger bekannte Pro­sa­stück »See­nacht« war eben­falls in der berühm­ten Sati­re­zeit­schrift erschie­nen (Okto­ber 1911), wurde jedoch zu Hes­ses Leb­zei­ten in keine sei­ner vie­len Samm­lun­gen auf­ge­nom­men. Erst Vol­ker Michels reihte es in die von ihm edierte sechs­bän­dige Aus­gabe »Gesam­melte Erzäh­lun­gen« ein (Band 4; 1977).

Gern wüsste man, wer Her­mann Hesse an jenen gut besuch­ten Lese­aben­den die Ehre erwies, wie das Publi­kum durch­mischt war, das er mit sei­nem »bestri­cken­den Traum­ton« auf den Plan rief, ob auch orts­an­säs­sige Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler zuge­gen waren. Kürsch­ners Deut­scher Lite­ra­tur­ka­len­der, Jahr­gang 1911, führt immer­hin deren acht­zig an. Unter ihnen als Pro­mi­nente Paul Ernst, Johan­nes Schlaf, Ernst Hardt, Wil­helm Hegeler, Franz Kai­bel und viel­leicht noch Max Geiß­ler. Letz­te­rer den Wei­ma­rer Bür­gern wohl weni­ger wegen sei­ner mit Bie­nen­fleiß pro­du­zier­ten Romane und einer Lite­ra­tur­ge­schichte, die sich gleich der von Adolf Bar­tels durch rabia­ten Anti­se­mi­tis­mus her­vor­tut, bekannt, wohl aber als Besit­zer des ers­ten Auto­mo­bils intra moros. Aber mög­li­cher­weise waren die lie­ben Kol­le­gen auch schon damals von jener vor­neh­men Zurück­hal­tung gelei­tet, wie sie heu­ti­gen­tags vor­zugs­weise zu bemer­ken ist bei Anläs­sen die­ser Art. Dann aller­dings wäre es hoch an der Zeit, von einer Tra­di­tion zu spre­chen. Soll ent­schul­di­gend ins Feld geführt wer­den, dass Wei­mar nicht mehr ganz so viele Schrift­stel­ler beher­bergt wie vor 85 Jah­ren?

 Hermann Hesse in Weimar:

  1. Lesereisen in Weimar
  2. Biographische Spuren
  3. Schrifstellerlesung in der »Erholung«
  4. Hermann Hesse im Volksbildungsverein
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