»getroffen von einem Tag, der keine Lüge kennt« – Hanns Cibulka in Großkochberg
1 : Schloss Kochberg – ein Refugium?

Personen

Johann Wolfgang von Goethe

Charlotte von Stein

Hanns Cibulka

Orte

Großkochberg

Schloß Kochberg

Thema

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Autor

Bernd Ritter

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V.

Schloss Koch­berg, gut 30 km süd­lich von Wei­mar gele­gen, ein Kleinod in der Kul­tur­land­schaft Thü­rin­gens, mit Liebe und Herz­blut uns Heu­ti­gen bewahrt – hin­weg über Jahr­zehnte von Gleich­mut und Ver­ges­sen. Schloss Koch­berg, ein roman­ti­sches Was­ser­schlöss­chen, der­einst (seit 1733 Eigen­tum derer von Stein) als Land­sitz genutzt. Ein Refu­gium? Für Goe­the? Für Cibulka?

Der Dich­ter und Tage­buch­schrei­ber Hanns Cibulka, am 20. Sep­tem­ber 1920 in Jägern­dorf, in Böh­men, in der dama­li­gen CSR, einem Viel­völ­ker­staat, gebo­ren, Welt­kriegs­teil­neh­mer, litt ein Leben lang am Ver­lust der Hei­mat, blieb immer Frem­der in der neuen thü­rin­gi­schen Hei­mat. Er schrieb ein­mal: »die Land­schaft, in der ich gebo­ren bin, schwingt in mir mit, ein Rhyth­mus, den man nicht in Worte fas­sen kann.«

 

FRANZ SCHUBERT
STREICHQUARTETT D-MOLL
SCHERZO
­
Dun­kel­blau
an der Haus­wand
die Trau­ben,
ein Wie­ner Scherzo
im Spa­lier.
­
Komm,
sagt Liebe zur Liebe,
die Welt ist nur ein Spiel,
nimm sie nicht ernst.
­
Hol dir die Bluse
aus dem Schrank,
den Taft­rock
schwarz,
auch die Got­tes­mut­ter
geht nach Grin­zing
zum Tanz.
­
Tau­send­schön
zieh deine Klei­der aus,
wenn es dun­kelt,
ist es zu spät.

 

Noch in sei­ner letz­ten Ver­öf­fent­li­chung »Späte Jahre« (2004, Reclam Leip­zig) fragte  er: »Wer war es, der mich aus mei­ner Hei­mat ver­trie­ben, aus dem könig­li­chen Böh­men, dem mäh­risch-schle­si­schen Alt­va­ter­ge­birge?« Und:»Die Gestal­ten, von denen ich träume, kom­men durch das Mau­er­werk, durch die Decke, die Wand. Sie kom­men mit einem Blu­men­strauß in der Hand, gehen durch das Zim­mer, neh­men vom Bücher­brett ein Buch, schla­gen es auf, sehen mich an.«

Cibulka war also aus Gotha gekom­men und hatte sich das »Hohe Haus« im Vor­land des Thü­rin­ger Wal­des  für einige Wochen als Domi­zil gewählt. Er unter­nahm Aus­flüge in die Umge­bung und in die His­to­rie des Ortes. Da blie­ben  Erin­ne­run­gen an eige­nes Erle­ben nicht aus. Im 2. Welt­krieg begeg­nete Hanns Cibulka dem pol­ni­schen Mäd­chen Halina. Eine uner­füllte Liebe. Hali­nas Spu­ren ver­lo­ren sich in den letz­ten Kriegs­ta­gen.

»Was war es also, das mich nach Koch­berg trieb? Das Schloss? …Oder waren es die Lie­bes­briefe, die ein deut­scher Dich­ter vor zwei­hun­dert Jah­ren an seine Freun­din nach Koch­berg schrieb?« In »Lie­bes­er­klä­rung in K.« schreibt Cibulka:

Am Ost­aus­gang des Dor­fes, quer zu der Straße, hin­ter einer Wall­gra­ben­brü­cke rückt plötz­lich das Schloss ins Blick­feld. Sei­nem Cha­rak­ter nach ist es weder eine Rit­ter­burg mit Berg­fried und Zug­brü­cke noch ein feu­da­ler Prunk­bau. Die Anlage ist nicht sehr groß, der älteste Teil, das Hohe Haus, wurde gegen Ende des 14. Jahr­hun­derts erbaut. In die­sem Haus wohnte Char­lotte von Stein.

Das Anwe­sen wäre heute ver­ges­sen, wenn die Her­zo­gin­mut­ter Anna Ama­lia nicht von ihrer Hof­dame, der Frei­frau von Stein, Char­lotte Ernes­tine Alber­tine – seit Jah­ren ver­hei­ra­tet mit dem her­zog­li­chen Ober­stall­meis­ter Josias von Stein und Mut­ter sei­ner sie­ben Kin­der, von denen vier schon früh gestor­ben waren -, wenn also Anna Ama­lia nicht erwar­tet, gefor­dert, befoh­len (?) hätte, ihre Ver­traute möge sich des skan­da­lö­sen Heiß­sporns aus Frank­furt am Main anneh­men, um in in sei­nem Sturm und Drang zu bän­di­gen.

Die Sache ging gründ­lich dane­ben. Der um sie­ben Jahre jün­gere Goe­the, sich sei­nes  Ruh­mes als Ver­fas­ser des »Wert­her« nicht min­der bewusst wie der Freund­schaft des Her­zogs Carl August von Sach­sen-Wei­mar, war tat­säch­lich jener »lie­bens­wür­dige und bezau­bernde Mann, der noch jeder Frau gefähr­lich wer­den konnte«, vor dem die sitt­same Gat­tin des her­zog­li­chen Ober­stall­meis­ters Josias von Stein gewarnt wor­den war.

Am 6. Dezem­ber 1775 besuchte Goe­the Char­lotte von Stein zum ers­ten Mal in Groß­koch­berg. Über die Frei­frau von Stein schreibt Zim­mer­mann an Lava­ter: » Ihre Stimme ist sanft und bedrückt. Ernst, Sanft­mut, Gefäl­lig­keit, lei­dende Tugend und feine, tief­ge­grün­dete Emp­find­sam­keit sieht jeder Mensch beim ers­ten Anblick in ihrem Gesichte. Die Hof­ma­nie­ren, die sie voll­kom­men an sich hat, sind bei ihr zu einer sehr sel­te­nen hohen Sim­pli­zi­tät veredelt..Sie ist einige drei­ßig Jahre Alt, hat sehr viele Kin­der und schwa­che Ner­ven. Ihre Wan­gen sind sehr rot, ihre Haare ganz schwarz, ihre Haut ita­lie­nisch wie ihre Augen. Der Kör­per mager; ihr gan­zes Wesen ele­gant…«

Ihre anfäng­lich abwei­sende und wohl dosierte Strenge sollte sich als denk­bar unge­eig­net erwei­sen, das Genie zur Ver­nunft zu brin­gen. Das Gegen­teil war der Fall: Goe­the glaubte, die Liebe sei­nes Lebens gefun­den zu haben. Am 24. Februar 1776 schrieb Goe­the an Char­lotte: »All mein Ver­trauen hast du, und sollst so Gott will auch nach und nach all meine Ver­trau­lich­keit haben. O hätte meine Schwes­ter einen Bru­der irgend wie ich an dir eine Schwes­ter Habe.«

10 Jahre währte die Liai­son zweier ver­wand­ter See­len. Über die Innig­keit und Sinn­lich­keit der Bezie­hung rät­selt die Nach­welt bis heute. Goe­the soll erst im Januar 1788 in Rom, in sei­nem 40. Lebens­jahr, zum ers­ten Mal mit einem Mäd­chen geschla­fen haben. Die Leute wis­sen, was sie glau­ben wol­len.

 »getroffen von einem Tag, der keine Lüge kennt« – Hanns Cibulka in Großkochberg:

  1. Schloss Kochberg – ein Refugium?
  2. Das »Hohe Haus« und der romantische Landschaftspark
  3. Hanns Cibulka und Halina – eine Liebe in der Erinnerung
  4. Hummelsberg und Mooshütte
  5. Gedanken beim Wandern
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