Emma Braslavsky – »Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen«

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Marie Kristin Gentzel

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Gele­sen von Marie Kris­tin Gent­zel

 

» Beim Lesen hielt er zwi­schen jeder Zeile Aus­schau nach einem ret­ten­den Schiff […] aber es geht schon lange nicht mehr um Sein oder Nicht­sein, die Frage ist heute: Veg­gie
oder Fleisch. …«

 

Doch das Schiff, das schließ­lich in Sicht kommt, gleicht mehr der Tita­nic als der Arche und auch eine Ernäh­rungs­um­stel­lung bringt die Figu­ren in Emma Bras­lavs­kys jüngs­tem Roman nicht der Frage nach dem Mensch­sein näher. Über­haupt scheint kaum jemand die rich­ti­gen Fra­gen auch nur stel­len zu wol­len: nicht Jo, die irgend­wie die Welt hei­len möchte, aber blind dafür ist, woran ihre eigene Lebens­füh­rung krankt. Nicht ihr Ehe­mann Jivan, der sich jeg­li­chen Ver­än­de­run­gen ver­schließt. Selbst Roana, die sich nach ihrem Schul­ab­schluss gezielt auf die Suche nach dem Sinn des Lebens begibt, ver­säumt es, in der eige­nen Geschichte nach Ant­wor­ten zu suchen.

In meh­re­ren Hand­lungs­strän­gen beglei­tet der Roman eine Viel­zahl von Figu­ren, die uns ein­drück­lich und zugleich vol­ler Humor prä­sen­tie­ren, was eigent­lich schief gelau­fen ist seit Adam und Eva. Dazu führt uns das Gesche­hen in eine fik­tive Zukunft, aber wir dür­fen uns nicht dar­auf aus­ru­hen, dass die Ereig­nisse noch in wei­ter Ferne lie­gen. Keine kon­kre­ten Daten wer­den genannt, denn weit­aus span­nen­der liest sich der Roman als scho­nungs­lose Kari­ka­tur unse­rer eige­nen, gegen­wär­ti­gen Welt. Die Geschichte bewegt sich im Bereich des Aben­teu­er­ro­mans, hält aber auch Ele­mente aus Krimi und Tra­gi­ko­mö­die bereit.

Wäh­rend sich aller­dings die Hand­lungs­fä­den bis hin zur Auf­lö­sung auf­ein­an­der zu bewe­gen, blei­ben Emma Bras­lavs­kys Figu­ren trotz zahl­rei­cher Begeg­nun­gen letzt­lich ein­sam. Es fehlt ihnen der rich­tige Draht zuein­an­der, trotz Jivans Idee, sich auf­blas­bare Ein­horn­hör­ner vor den Kopf zu bin­den, um so auf tran­szen­den­ter Ebene den Gemein­schafts­sinn anzu­re­gen. Das Buch hält noch abstru­sere und dar­über hin­aus radi­kale Ideen bereit, die lie­ber die Welt ver­än­dern wol­len, statt jene Akteure, die sie gestal­ten. Und so kommt es, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­näle ver­stopft blei­ben und Gesprä­che ebenso wie Welt­er­ret­tungs­ver­su­che auf urko­mi­sche Weise ins Leere lau­fen.

Da hilft auch das glo­bale und offen­bar welt­weit ein­zige Nach­rich­ten­ma­ga­zin N‑Global nicht wei­ter: jedes Kapi­tel hält den But­ton »Sprach­ver­sion des Arti­kels aus­wäh­len« bereit. Doch wozu eine gemein­same Spra­che fin­den, wenn ohne­hin keine Mei­nungs­plu­ra­li­tät in der immer enger zusam­men­drän­gen­den Welt mehr sicht­bar ist? Viel­leicht ist das har­mo­ni­sche Bei­sam­men­sein von Mensch und Tier mit Ein­horn­horn tat­säch­lich die bes­sere Alter­na­tive.

Wer sich von dem Roman hand­feste Gesell­schafts­ent­würfe erhofft, wird ent­täuscht sein. Denn die sind Jo‘s Arbeit­ge­ber und obers­tem Welt­ver­bes­se­rer bei der Orga­ni­sa­tion Bet­ter­Pla­net »zu kon­kret«, er will von ihr lie­ber »[…] keine direkte Gesell­schafts­kri­tik, bleib vage, nur moti­vie­ren, nichts anbie­ten. […] Kon­zen­trier dich auf den emo­tio­na­len Teil, bring sie in Fahrt, bring sie in Stim­mung, da bist du rich­tig groß­ar­tig.« Und so opfert nicht nur Jo, eine der Haupt­fi­gu­ren, ihre Selbst­stän­dig­keit, um als Mario­nette bewun­dert zu wer­den. Die ganze Mensch­heit ent­zieht sich offen­bar jeg­li­cher Ver­ant­wor­tung, um sich unter dem Deck­man­tel der Anony­mi­tät in der Kon­sum­ge­sell­schaft gut unter­hal­ten zu füh­len.

Und wer zeigt sich für die neue Welt ver­ant­wort­lich, wer han­delt, wenn nicht die Akti­vis­ten des Bet­ter­Pla­net? Mög­li­cher­weise ist es die Tech­nik, wie Jivans »Life­watch«, die schließ­lich in der Lage ist, jeder Zeit sei­nen kör­per­li­chen und see­li­schen Zustand zu kon­trol­lie­ren. Oder auch die nächste Genera­tion, die im Reagenz­glas zu bes­se­ren Men­schen her­an­ge­zo­gen wird. Und dann gibt es ja noch die welt­weite Demo­kra­tie, unter deren Stern ver­sucht wird, eine neu ent­deckte Insel für die Bevöl­ke­rung gerecht nutz­bar zu machen. Dabei ist Mord und Tot­schlag lei­der nicht zu ver­mei­den. Die Welt­bür­ger sind ent­we­der berauscht oder müde, die Orga­ni­sa­tion »Kurz­weil-Lon­g­life« stellt ewi­ges Leben als Ware in Aus­sicht, wäh­rend die Selbst­mord­rate steigt. Keine kon­kre­ten Gesell­schafts­ent­würfe also, dafür offene Kri­tik im Zusam­men­spiel mit viel Unter­hal­tung.

Der Roman erzählt die Geschich­ten fort­wäh­rend schei­tern­der Per­so­nen, die ihre Feh­ler nicht reflek­tie­ren, nicht dazu­ler­nen und auf diese Weise ihr Leben unter allen Umstän­den fort­setz­ten. So wie Jivan wir­ken man­che der Figu­ren vom Beginn der Erzäh­lung an unsym­pa­thisch, und wer­den dem Leser im Laufe der Lek­türe den­noch ver­traut. Man gewöhnt sich an sie und ihre Aus­flüchte gegen­über ihrem eige­nen Gewis­sen wie an einen unan­sehn­li­chen Fleck, der doch zum Zuhause gehört.

Jivan pokert mit sei­ner Kre­dit­karte, wie die Zivi­li­sa­tion mit der Erde, bis nichts mehr da ist und dar­über hin­aus. Auch Roana zeigt sich von Nach­hal­tig­keits­kon­zep­ten letzt­lich nur gelang­weilt. Die Figu­ren trot­ten trotz der Umwäl­zun­gen am Rande ihres Blick­fel­des wei­ter auf vor­ge­zeich­ne­ten Bah­nen. Alle sind Gewohn­heits­tiere, und Leben ist laut Titel­ge­ber Kurt Von­ne­gut keine Art, mit einem Tier umzu­ge­hen. Im Ver­such, wahr­ge­nom­men zu wer­den, set­zen sich die Cha­rak­tere gegen­sei­tig unter Druck, mani­pu­lie­ren und las­sen sich mani­pu­lie­ren, for­dern Askese und suchen Ekstase. Kei­ner scheint rich­tig erwach­sen zu wer­den. Roana stellt fest, dass die Spra­che das Den­ken bestimmt und ist zugleich nicht die Ein­zige, die nie der Jugend­spra­che ent­wächst.

Was sie erlebt, sei »voll krass, echt«. Dabei liest sie den gro­ßen argen­ti­ni­schen Schrift­stel­ler Bor­ges, trifft Wert­her und scheint sich als Ein­zige doch noch ihrer Ver­ant­wor­tung stel­len zu wol­len. Immer­hin nimmt sie selbst das Steuer in beide Hände, als schließ­lich Men­schen in Rich­tung der neu ent­deck­ten Insel rei­sen. Dabei scheint sie ver­ges­sen zu haben, dass dort ein Dschun­gel war­tet und kein Gar­ten Eden. Und da ist ihr auch schon der Zivi­li­sa­ti­ons­müll vor­aus­ge­eilt, um das neue Land mit Fah­nen aus Plas­tik­tü­ten zu beset­zen.

Bleibt der Traum vom para­die­si­schen Zusam­men­le­ben somit eine Uto­pie? Viel­leicht nicht, denn am Ende tref­fen wir doch noch auf eine ret­tende Arche – aller­dings gehört sie nicht Noah son­dern No, dem Ver­nei­nen­den, der aus der Gesell­schaft aus­ge­stie­gen ist, ohne ihr wirk­lich zu ent­kom­men. Und wie sieht diese Arche aus? Nicht mehr als ein klei­nes Floß, das gegen keine Sint­flut ankommt, ist unsere Fähre in eine neue Welt.

Wo steht man also am Ende des Aben­teu­ers auf der Suche nach dem Mensch­sein? Dank aus­führ­li­cher Feh­ler­ana­lyse der neu­zeit­li­chen Pro­bleme ein gutes Stück näher am Ziel, ohne es zu errei­chen. Das ist dem humor­vol­len wie absto­ßen­den, schön­geis­ti­gen wie bit­te­rem Werk den­noch zu ver­dan­ken: wenn es die Frage nach dem Mensch­sein auch nicht löst, es bleibt höchs­ter Lese­ge­nuss.

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