Eintauchen ins Mittelalter – Zu den Drei Gleichen mit Menantes, Gustav Freytag und der Heiligen Radegunde
3 : Mühlburg

Person

Gustav Freytag

Ort

Gotha-Siebleben

Autor

Jens-Fietje Dwars

Die Exkursion entstand im Rahmen eines Projekts des Thüringer Literaturrates e.V.

Durch eine Unter­füh­rung unter die A4 gelangt man durch die den Ort Mühl­berg in stei­lem Auf­stieg zur Mühl­burg. Auf 377 m gele­gen, ist sie die älteste Burg Thüringens. 704 erst­mals urkund­lich erwähnt, ver­fiel die kleine, aber wehr­hafte Anlage im 17. Jahr­hun­dert. Noch heute führt eine Holzbrücke über den Burg­gra­ben ins Innere, das von einem 22 Meter hohen Berg­fried beherrscht wird. Ein 56 m tie­fer Brun­nen stammt aus dem 13. Jahr­hun­dert, ein klei­nes Museum erzählt die Geschichte der Burg und ein Imbiss lädt zur Rast ein.

Gustav Freytag

 

Der Roman­cier hat ver­sucht, die Burg in sei­nem Zyklus »Die Ahnen« zum Spre­chen zu brin­gen.

1816 als Sohn eines Arz­tes und Bür­ger­meis­ters im schle­si­schen Kreuz­burg gebo­ren, hat Frey­tag in Bres­lau und Ber­lin Ger­ma­nis­tik stu­diert, über die »Anfänge deut­scher Dra­men« pro­mo­viert (1838) und war kurze Zeit Pri­vat­do­zent in Bres­lau, bevor er 1848–1870 die Zeit­schrift »Die Grenz­bo­ten« her­aus­gab. 1867–70 war er Abge­ord­ne­ter der Natio­nal­li­be­ra­len im Reichs­tag, 1870/71 Kriegs­be­richt­erstat­ter auf Wunsch des preu­ßi­schen Kron­prin­zen. Als Dra­ma­ti­ker (Die Journalisten/1853), Roman­cier (Soll und Haben/1855, 3 Bde, Die Ahnen/1872–80, 6 Bde) und Kul­tur­his­to­ri­ker (Bil­der aus der deut­schen Ver­gan­gen­heit, 1859–67, 4 Bde) schrieb er Best­sel­ler, die ihn als ers­ten deut­schen Schrift­stel­ler zum Mil­lio­när mach­ten. Seit 1851 ver­brachte Frey­tag die Som­mer­mo­nate in Sieb­le­ben bei Gotha, wo er 1895 auch beer­digt wurde. Heute erin­nert im Gar­ten sei­nes eins­ti­gen Wohn­hau­ses eine kleine Gedenk­stätte an ihn.

So erfolg­reich Frey­tag bis in die 1920er Jahre war, so wenig wird er heute noch gele­sen. Das deutsch­na­tio­nale Pathos des Kai­ser­reichs ist für uns schwer erträg­lich. Nur sein – ver­meint­li­cher – Anti­se­mi­tis­mus ist heute noch berühmt-berüch­tigt. Als Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der 1977 Frey­tags Roman »Soll und Haben« für den WDR ver­fil­men sollte, führ­ten Vor­ab­ver­ur­tei­lun­gen in der Presse – ohne Kennt­nis des Dreh­buchs – zum Schei­tern des Pro­jek­tes. Tat­säch­lich weist der Roman in Gestalt des jüdi­schen Kauf­manns Vei­tel Itzig alle anti­se­mi­ti­schen Kli­schees sei­ner Zeit auf und setzt dage­gen den edlen deut­schen Kauf­mann Anton Wohlfart. Doch lernt Itzig seine ver­meint­lich jüdi­schen Tricks gerade von einem geschei­ter­ten deut­schen Anwalt und wollte das Dreh­buch die Kli­schees auf ihre sozi­al­öko­no­mi­schen Hin­ter­gründe hin durch­sich­tig machen. Erst­mals zu lesen sind Aus­züge des Dreh­buchs neben einer Dar­stel­lung der gesam­ten Debatte in Heft 2/2016 des Palm­baums, das Gus­tav Frey­tag gewid­met ist.

Immer­hin war es Frey­tag, der 1893 mit sei­ner Schrift »Über den Anti­se­mi­tis­mus« ent­schie­den gegen Richard Wag­ners Pam­phlet »Juden­tum in der Musik« Par­tei ergriff. 1890 hei­ra­tet er die Jüdin Anna Stra­kosch. Deren Toch­ter Mika-Maria wurde 1943 nach The­re­si­en­stadt depor­tiert.

Pro­duk­ti­ver als der Streit um Frey­tags Anti­se­mi­tis­mus könnte ein genaue­rer Blick auf seine Kul­tur­ge­schichte und den Zyklus »Die Ahnen« sein. Mit den »Bil­dern aus der deut­schen Ver­gan­gen­heit« hat er mit dem bis dahin gül­ti­gen Geschichts­ver­ständ­nis gebro­chen: statt Haupt- und Staats­ak­tio­nen von oben fest­zu­hal­ten, beschreibt er Geschichte von unten, vom All­tag aus. Das war seine Kor­rek­tur der Reichs­grün­dung: Auch er warb als Jour­na­list seit 1848 für eine natio­nal­staat­li­che Ver­ei­ni­gung der Deut­schen, doch nicht von oben, wie durch Bis­marck erzwun­gen, son­dern in freier Selbst­be­stim­mung und im Ein­ge­den­ken der eige­nen Geschichte. Das ent­sprach sei­nem Selbst­ver­ständ­nis als Libe­ra­ler, der es ablehnte, vom Gothaer Her­zog geadelt zu wer­den. Und dem ent­sprach auch sein Zyklus »Die Ahnen«: Band I reicht mit »Ingo und Ingraban« bis ins mythi­sche König­reich »der Thü­ringe« zurück. Ingo, Königs­sohn der Van­da­len, genießt 357 Gast­recht bei freien Wald­stäm­men, wird aber dann zwi­schen Königs­hof, römi­scher Besat­zungs­macht und dem Eigen­nutz der Vasal­len zer­rie­ben. Sein Nach­fahre Ingraban wird 400 Jahre spä­ter ein Gefährte des Hei­li­gen Boni­fa­tius und als des­sen Beglei­ter von Hei­den erschla­gen. Band II kreist um »Das Nest der Zaun­kö­nige«, das ist die Mühl­burg 1003 als Sitz der Nach­kom­men Ingrab­ans: Immo, der Erst­ge­bo­rene, ist der Kir­che geweiht, ent­läuft aber dem Klos­ter und dient als »Krie­ger« dem König, ohne als Vasall in des­sen Dienst zu tre­ten, und wird von ihm selbst als klei­ner, als »Zaun­kö­nig« der freien Wald­bau­ern geehrt. In Band III (»Die Brü­der vom deut­schen Hause«) folgt Ivo von sei­nem Frei­hof in Ingers­le­ben aus 1226 den Kreuz­rit­tern nach Jeru­sa­lem, erlebt als Gesand­ter des Kai­sers Ver­rat und Hin­ter­halt unter Chris­ten und flieht vor dem Ket­zer­jä­ger Kon­rad von Mar­burg zu den Deutsch­or­dens­brü­dern nach (Ost-)Preußen.

Die letz­ten drei Bände (»Mar­cus König«, »Die Geschwis­ter« und »Aus ein klei­nen Stadt«) spie­len dann vom 16. Jh. bis 1848 in Ost­preu­ßen und Schle­sien. Doch die Thü­rin­gen-Tri­lo­gie der drei ers­ten legt die Grund­lage des Gan­zen. Immer geht es um freie Selbst­be­stim­mung, die Nach­teile und selbst den Tod um der eig­nen Ehre wil­len tap­fer erträgt, statt klug mit Hin­ter­list auf den eig­nen Vor­teil zu berech­nen. Ehre, Treue, Offen­heit wer­den auch den Frem­den, gar Fein­den, Hei­den und »Ungläu­bi­gen« zuge­mu­tet, wäh­rend sich kirch­li­che und welt­li­che Amts­trä­ger bis hin zum Kai­ser in ihrem Macht­kal­kül ver­stri­cken. So erschei­nen die frü­hes­ten Ahnen, die »Hel­den« aus dem Thü­rin­ger Wald, als edle Wilde – wie die India­ner bei Karl May, bis hin zu einer blu­mi­gen Bild­spra­che voll eige­ner Poe­sie.

Anders gesagt: die bür­ger­li­chen Werte, die Frey­tag sei­ner Klasse ins Stamm­buch dich­tet, sind aris­to­kra­tisch und aller Ehren wert. Dabei span­nend ver­packt mit quasi fil­mi­scher Erzähl­tech­nik, die Hol­ly­wood vor­weg­nimmt – inklu­sive Pathos und Melo­dra­ma­tik. Im bes­ten Sinne zu den­ken gibt das Leit­bild vom rit­ter­lich treuen Deut­schen, das auf seine Art auch Nietz­sche träumte, und auf fatale Weise mit in den Alp­traum des Drit­ten Reichs führte.

Ein­fach bin ch in Sinn und Sitte. Wie eng und klein das Leben ist, in dem ich auf­wuchs, habe ich in der Fremde völ­lig erkannt. Doch will ich die hei­mi­sche Art nicht von mir abt­hun; red­lich will ich blei­ben in Liebe und Hass, die gewun­de­nen Gedan­ken und die kalte List des Kai­sers Fried­rich kann ich nicht loben … Dort an der Seite siehst du den alten Thurm, die ein­zige Erin­ne­rung an meine Vor­fah­ren, er ist zer­ris­sen und geflickt … Aber so lange sein Haupt gegen die Berge ragt, bewahre ich mir den Stolz, ein klei­ner Herr zu sein und nicht ein mäch­ti­ger Die­ner.

 

Die Radegundiskapelle

 

Die letzte Thü­rin­ger Königs­toch­ter Rade­gunde (518 – 587) wurde 531 nach der Schlacht an der Unstrut vom Fran­ken­kö­nig Chlo­thar I. ver­schleppt, musste ihn hei­ra­ten, ver­wei­gerte sich ihm aber und gründete 558 ein Frau­en­klos­ter in Potier, wo v.a. Not­lei­dende und Kranke Hilfe fan­den. Nach ihrem Tod wurde sie zur Hei­li­gen erklärt und bis heute v.a. in Frank­reich ver­ehrt. Die Kapelle taucht erst­mals 1333 in Urkun­den auf, ihre Grund­mau­ern wur­den in den 1930er Jah­ren frei­ge­legt. Mit der Lebens­be­schrei­bung Rade­gun­des durch ihren Beicht­va­ter Ven­an­tius For­tu­na­tus (um 540–600/610) beginnt in gewis­sem Sinne die Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ge­schichte oder zumin­dest die lite­ra­ri­sche Ver­ar­bei­tung Thü­rin­ger Geschichte.

 Eintauchen ins Mittelalter – Zu den Drei Gleichen mit Menantes, Gustav Freytag und der Heiligen Radegunde:

  1. Freudenthal
  2. Burg Gleichen
  3. Mühlburg
  4. Trinius-Blick
  5. Blick zur Wachsenburg
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