Durch den Thüringer Wald …
1 : Friedrich Lienhard – »Jugendjahre«

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Friedrich Lienhard

Jugendjahre, Greiner & Pfeiffer, Stuttgart 1918.

Drei Jahre hin­durch war ein Thü­rin­ger Wald­haus meine Hei­mat. Der Wald hat Seele. Der Wald mit sei­nen Geheim­nis­sen bot dem Erschöpf­ten Bal­sam. Wald und Welt stell­ten sich ja schon in mei­nen Erst­lings­wer­ken in Gegen­satz. Aus Wald­wan­de­run­gen ist das erste Buch ent­stan­den, das mein eigent­li­ches Gepräge trägt: die »Was­gau­fahr­ten« (1895); fast gleich­zei­tig die Dra­men »Gott­fried von Stras­burg« und »Odi­lia«. Ein Dich­ter und eine Hei­lige waren hier behan­delt, meine zwei liebs­ten Lebens­zu­stände. Die­sen elsäs­si­schen Stof­fen ent­spra­chen dann in Thü­rin­ger Wald­ein­sam­keit das »Thü­rin­ger Tage­buch« (1903) mit der »Wart­burg­tri­lo­gie«. Gott­frieds Zusam­men­stoß kehrt wie­der im »Hein­rich von Ofter­din­gen«; das Hei­li­gen­pro­blem der Elsäs­se­rin Odi­lia wie­der­holt sich in der Thü­rin­ge­rin Eli­sa­beth, ergänzt durch »Luther auf der Wart­burg«.

So suchte sich, gestal­tend und rhyth­mi­sie­rend, meine Seele gegen die Außen­welt auf einer stil­len Lebens­burg zu behaup­ten. Im Stich gelas­sen von einer im Sinn­li­chen wüh­len­den Umwelt, suchte der Ein­sied­ler Bestä­ti­gung bei den Meis­tern der Von­velt. Dies ist der Ent­ste­hungs­grund des sechs­bän­di­gen Wer­tes »Wege nach Wei­mar« (1905–1908). Der Lebens­be­griff »Wei­mar« trat in Gegen­satz zum Lite­ra­tur­be­griff »Ber­lin«.

So ist auch mein dra­ma­ti­sches Rin­gen zum guten Teil Selbst­be­frei­ung. Wie schon »Eulen­spie­gel« ins Freie gestrebt, ohne »Münch­hau­sens« unbit­tres Lächeln zu fin­den; wie »König Arthur« in Ent­ar­tungs­zei­ten sein könig­li­ches Men­schen­tum wahrt: so schmie­det »Wie­land der Schmied« seine Flü­gel, und »Odys­seus« erringt sein Ithaka.

Im Jahre 1906 war ich nach Straß­burg gezo­gen, um den krän­keln­den Vater in der Erzie­hung der Stief­ge­schwis­ter zu unter­stüt­zen. Aber die Thü­rin­ger Wald­klause wurde dane­ben bei­be­hal­ten. Und so wech­selte, bis in den Krieg hin­ein, mein Woh­nen und Schaf­fen zwi­schen Elsaß und Thü­rin­gen.

Aus die­sem Faden­spin­nen und den damit ver­knüpf­ten Erleb­nis­sen ergab sich mein Kul­tur­ro­man »Ober­lin« (1910), des­sen Keim schon in den »Wegen nach Wei­mar« steckt.

Mut­ter Natur ist lis­tig genug, durch Geg­ner­schaf­ten Kräfte zu üben. Sie hat auch mir gegen­über die­sen Kniff in Anwen­dung gebracht, wofür ich ihr dank­bar bin. Ich habe nicht sel­ten die Fäuste geballt, wenn man allen­falls meine Gesin­nung gel­ten lieh auf Kos­ten des Künst­lers; wenn man ver­suchte, mein Rin­gen um orga­nisch gewach­se­nes Den­ken, um edel­na­tür­li­ches Dich­ten, um Geschlos­sen­heit der Lebens­ge­stal­tung etwa als eine Art Mora­lis­mus zu bemän­geln, wäh­rend man die Mora­lis­ten Ibsen und Strind­berg anhim­melte. Deutsch­land war vor dem Kriege durch Aus­län­de­rei um seine bes­ten Instinkte geprellt. Nun, wir wer­den uns nach die­sen furcht­ba­ren Erschüt­te­run­gen mit mehr Anmut und Würde über unser deut­sches Geis­tes­gut ver­stän­di­gen. Und ich hoffe, daß neben den Hel­den­hai­nen sich Hal­len der Freund­schaft auf­bauen wer­den, wo man in still­wir­ten­den Lebens- und Arbeits­ge­mein­schaf­ten an der Reichs­seele mit­schaf­fen und das Grals­ge­heim­nis ver­kün­den wird.

Ich erlebte die ers­ten Wochen des Welt­kriegs in Thü­rin­gen, die nächs­ten im Elsaß. Alter und Gesund­heit erlaub­ten keine sol­da­ti­sche Mit­wir­kung. In Schrif­ten und Auf­sät­zen wurde für die deut­sche West­mark gewirkt. Dafür zogen meine jun­gen Stief­brü­der hin­aus. Einer steht als Jäger­leut­nant in den Kar­pa­then; ein and­rer ist bei Ypern gefal­len. Daß ein drit­ter sei­nem Siech­tum erle­gen, nach­dem uns der Vater schon frü­her ver­las­sen; daß auch sonst aller­lei Men­schen­leid das muntre Häuf­lein von einst heim­suchte: das gehört nicht wei­ter hier­her. Tod und Tra­gik schrei­ten jetzt mit and­rem Schritt­maß über die Erde.

Doch von schlicht­mensch­li­chen Freu­den möge zur Abrun­dung noch zu plau­dern gestat­tet sein!

Ich habe mir zum fünf­zigs­ten Geburts­tag sel­ber das beste Geschenk zuge­führt, indem ich die oft in die­sen Blät­tern genannte Elsäs­se­rin heim­führte. Nach zwölf Dia­ko­nis­sen­jah­ren war sie in Pri­vat­kran­ken­pflege über­ge­gan­gen und grade in Sedan tätig, als der Welt­krieg sie und mich zu tren­nen drohte. Mit Mühe gelang es, die elsäs­si­sche Fran­zö­sin her­über­zu­ho­len. In der Eli­sa­be­then­stadt Eisen­ach wur­den die Trau­ringe gekauft; auf dem Straß­bur­ger Rat­hause die stan­des­amt­li­che Trau­ung vor­ge­nom­men: Elsaß und Thü­rin­gen grüß­ten sich auch hier.

Am Abend zuvor hatte die Fest­vor­stel­lung mei­nes »Odys­seus auf Ithaka« statt­ge­fun­den; unter Geschen­ken an meine Getreue brachte der andre Tag ein Bild der Pene­lope. Am glei­chen Sonn­tag trug mir die Uni­ver­si­tät in fei­er­li­cher Leder­kap­sel den Ehren­dok­tor­ti­tel ins Haus: so wurde der Miß­klang, mit dem ich einst Hoch­schule und Geliebte ver­las­sen hatte, an dem­sel­ben Tage in Har­mo­nie ver­wan­delt. Die kirch­li­che Trau­ung voll­zog sich im Pfarr­hause von Jung-Sankt-Peter. Und aber­mals eine sin­nige Fügung: der­selbe Geist­li­che, in des­sen Kirch­lein im Hoch­lands­dorf Büst ich einst als blut­jun­ger Stu­dent zum ers­ten und ein­zi­gen Male den Talar getra­gen hatte, legte nun unsre Hände seg­nend inein­an­der.

Dan­kend nahm ich die Liebe an, die zu jenem Geburts­tag von vie­len Sei­ten her­an­strömte. Denn ich hatte die Emp­fin­dung: das gilt nicht dei­ner Per­son, das gilt weit mehr einer der For­men und Mög­lich­kei­ten des deut­schen Ide­als, dem ich zu die­nen suche. In sol­chem Sinne ließ ich den Mit­ar­bei­tern der Fest­schrift – die eines jun­gen Göt­tin­ger Gelehr­ten per­sön­lichs­tes Werk war –, anknüp­fend an einen brief­li­chen Zuruf des ver­stor­be­nen Ernst von Wil­den­bruch aus sei­ner »Villa Ithaka« in Wei­mar, fol­gen­des Dank­wort zuge­hen:

Einer schrieb mir ein­mal, ein Dich­ter, der sich in Wei­mar
Spät noch ein Ithaka schuf, aber nicht lange genoß:
»Ihnen Gutes wün­schen, heißt Gutes wün­schen den Deut­schen«…

Freunde, mich rührte das Wort, wie mich kein zwei­tes gerührt.
Laßt mir auch heute den Stolz, zu sagen: Indem ihr mich ehr­tet,
Habt ihr das Ganze geehrt, denn ihr habt Deutsch­land gemeint!

 

Ich hatte das Glück, meine Elsäs­se­rin noch mei­ner ältes­ten thü­rin­gi­schen Freun­din und Ver­trau­ten zufüh­ren zu dür­fen: Adel­heid von Schorn. Die bei­den Frauen schlos­sen sich rasch ins Herz. Doch die Grei­sin ver­ließ uns schon am 7. Dezem­ber 1916.

Gewiß besagt ja der Name der Stifts­dame Adel­heid von Schorn, in diese hoch­ge­spannte Zeit gewor­fen, wei­ter nichts Belang­rei­ches. Ihre bei­den Bücher – »Das nach­klas­si­sche Wei­mar« und beson­ders »Zwei Men­schen­al­ter« – haben einen Ehren­platz in uns­ren Erin­ne­rungs­wer­ten. Aber das Wert­vollste an ihrer Gesamt­erschei­nung war doch die Seele: das Men­schen­tum.

Sie war eine Per­sön­lich­keit. Ich kannte sie seit mehr als sech­zehn Jah­ren. Die Bekannt­schaft wurde zuletzt eine enge Freund­schaft. Wenn ich nach Wei­mar kam, war mein ers­ter Gang an den Fern­spre­cher: Anmel­dung bei »Tante Adel­heid«. Ihr galt mein ers­ter und mein häu­figs­ter, ja fast täg­li­cher Besuch. Ihre Stube war über­voll von Zei­chen der Freund­schaft erle­se­ner Men­schen. Und über­all Blu­men zwi­schen den Bild­nis­sen und der sorg­sa­men Büche­rei.

Darin sah eine Her­rin im wah­ren Sinne des Wor­tes. Denn sie wußte ihr Leben zu meis­tern; und zwar in ein­fa­chen, gra­den Linien, mit einer an das Grie­chi­sche gemah­nen­den Archi­tek­tur. Aber gründ­lich ein­ge­deutscht; ohne jeden undeut­schen Bei­geschmack.

Sie war ihrer selbst und ihrer ruhig beherrsch­ten Umwelt unbe­dingt sicher. So weckte sie Ver­trauen; es ging Wärme, Fes­tig­keit, Klar­heit von ihr aus. Sie war ein Talent des Zuhö­rens und der kla­ren Bera­tung. Durch ihre her­über­wir­kende Ruhe war man gezwun­gen, sich deut­lich zu fas­sen; so klärte man sich schon durch die Aus­spra­che. Unbe­weg­lich, ein wenig ange­lehnt, saß sie in ihrer wei­ten luf­ti­gen Klei­dung, hatte ihre fei­nen, schlan­ken Hände über der Decke gefal­tet, schaute mit unbe­stech­li­chen Bli­cken und geschlos­se­nem, schma­lem Munde den Besu­cher an und lauschte mit Teil­nahme. Die Augen hat­ten, durch die seit­li­che Nei­gung, etwas Prü­fen­des. Dann klang ihre wei­che, gute Stimme, die aber manch­mal von einem kur­zen, har­ten Auf­la­chen und einer kräf­ti­gen Bemer­kung durch­bro­chen wer­den konnte. Ver­stie­gen­hei­ten lehnte sie ab; Lüge und Umne­be­lun­gen jeder Art waren ihr zuwi­der; Sen­ti­men­ta­li­tät erst recht. Ihr Grund­zug war har­mo­ni­sche Geschlos­sen­heit und Beherrscht­heit des Cha­rak­ters; und im Bunde damit eine schöne Güte.

Geis­tig war die Freun­din eines Franz Liszt und der Fürs­tin Witt­gen­stein auf zwei Lebens­mächte ein­ge­stellt: auf Bay­reuths Kunst und auf den Bis­marck­schen Reichs­ge­dan­ken. Ich habe sie als »Tante Adel­heid« in mei­nen »Spiel­mann« ein­ge­führt. Helene Böhlau hat ihr, unter dem Namen Mage­lone von Gel­dern, in der »Ise­bies« ein Denk­mal gesetzt. Daß mir Wei­mar kein Lite­ra­tur­be­griff wurde, daß ich viel­mehr das, was ich unter die­sem sym­bo­li­schen Namen zusam­men­zu­fas­sen pflege, von gan­zem Her­zen erlebt und errun­gen habe: daran hat Adel­heid von Schorn, die Enke­lin der Elsäs­se­rin Okta­vie von Berck­heim und die Tante eines Hein­rich von Stein, das wesent­li­che Ver­dienst.

Das Erb­be­gräb­nis der Fami­lie Schorn auf dem voll und reich hügelan blü­hen­den Fried­hof von Wei­mar grenzt an die Begräb­nis­stätte der Fami­lie Goe­the. Mai­glöck­chen aus dem Bezirk des edlen Kunst­his­to­ri­kers und sei­ner eben­bür­ti­gen Gat­tin wach­sen durch das Git­ter hin­durch auf das Goe­the­ge­lände hin­über. Anmu­tige Hul­di­gung der Gegen­wart an die große Ver­gan­gen­heit!

 Durch den Thüringer Wald …:

  1. Friedrich Lienhard – »Jugendjahre«
  2. Karl Emil Franzos – »Paulinzelle«
  3. Ludwig Bechstein – Wo Stutzel, der Hund, begraben liegt
  4. Heinrich Seidel – »Thüringische Kartoffelklöße«
  5. Gustav Freytag – »Siebleben«
  6. Joachim Ringelnatz - Eisenach
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