Debatte: »Zukunft des Lesens – Zukunft des Buches«
5 : Nancy Hünger – Gehab dich, Buch!

Thema

Debatten

Autor

Nancy Hünger

Alle Rechte bei der Autorin.

Debat­tie­ren ver­langt ein­deu­tige Posi­tio­nen, ein Den­ken, das sich in Gren­zen zwin­gen muss: These / Anti­these, hell / dun­kel, gut / böse. Die Argu­mente wer­den sor­tiert, der Zweck for­mu­liert das Ziel: ein Gewinn auf Recht. Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld? Inso­fern ist Debat­tie­ren auch ein kom­pe­ti­ti­ver Sport, ein wich­ti­ger, gewiss, gerade jetzt wünscht man sich aller­lan­den Debat­tie­r­ath­le­ten, die sich auf die kluge Lese der Argu­mente noch ver­ste­hen, aber es bleibt Sport und ich bin beken­nende Unsport­le­rin. Debat­tie­ren ist meine Sache nicht, auch oder gerade weil die Debatte ihrer Defi­ni­tion nach nicht auf das Gir­lan­den­den­ken dia­lek­ti­scher Prä­gung hof­fen darf, das ungern zwi­schen hell und dun­kel schei­det. Ich lebe gerne im hell­dun­kel, weil mir auch die Welt dun­kel­hell scheint. Nun geht es aber ums Buch, ums Lesen und bei­des geht mich an, von Beru­fungs­we­gen hat man mich also beru­fen, eine kleine Gir­lande zu knüp­fen. Ich ver­stehe wenig vom digi­ta­len Buch, denn ich besitze kei­nes, das ist kein Pro­test, ich habe schlicht keine Ver­wen­dung dafür, ich lese ana­log. Ich ver­stehe aber sehr wohl die Ner­vo­si­tät, die die gesamte Buch- & Schreib­welt durch­zit­tert, denn es for­mu­lie­ren sich neue, teils beängs­ti­gende, teils exis­ten­ti­elle Fra­gen, auf die es wenige oder nur unbe­frie­di­gende Ant­wor­ten gibt, geben kann. Ich ver­stehe vor allem die Ver­un­si­che­rung in den Ver­la­gen, denn ich liebe mei­nen Ver­lag und was ihn angeht, geht mich an. Mein Ver­lag ist mein Ver­le­ger und mein Ver­le­ger glaubt wie die Ver­legte empha­tisch an Lite­ra­tur und somit selbst­re­dend ans Buch, das er des­halb beson­ders hübsch aus­stat­tet. Jedes Papier wird lange mit den Buch­ge­stal­tern auf seine kosen­den Qua­li­tä­ten hin befühlt, erst wenn es sich an Lese­hand und Text schmiegt, darf es sich zwi­schen zwei Pap­pen gebun­den wis­sen. Es wird ein zar­tes Zwie­ge­spräch zwi­schen Innen und Außen gestif­tet, das ist digi­tal weder von­nö­ten, noch zu leis­ten. Sowie bin­den & gestal­ten, aller­lei Hand­werk ver­birgt sich dahin­ter, nicht nur sei­tens der Schrei­ber­linge, aller­lei Arbeit, die einen bezahl­ten Platz hat, noch. Diese Arbeit (die sich sel­ten bis nie amor­ti­siert, also immer mit einem gro­ßen finan­zi­el­len Risiko ein­her­geht, das nur mit Lei­den­schaft zu recht­fer­ti­gen ist) macht aus Büchern kleine zau­bri­sche Arte­fakte, die schnell zu Lie­bes­ob­jek­ten wer­den, man liebt Esels­oh­ren, Zeich­nun­gen, Aus­ru­fungs­zei­chen hin­ein oder man dop­pelt die Liebe & wid­met das Objekt dem oder der Liebs­ten, hand­schrift­lich, ver­steht sich. Haben Sie schon ein­mal ver­sucht ein eRea­der zu wid­men? Es ver­schen­ken sich Gedichte weit­aus schö­ner ana­log als digi­tal und ist es nicht befremd­lich, Gedichte unter „beson­de­rer Lese­kom­fort“ bewor­ben zu wis­sen, aus­ge­rech­net diese klei­nen Zel­len wider­stän­di­gen, magi­schen Denkens?

Gele­sen, nun ja, gele­sen wurde schon immer zu wenig und wo viel gele­sen wird, ehe­dem meist das Tri­viale, gerade für das Tri­viale hegt die digi­tale Welt eine beson­dere Vor­liebe, das Tri­viale hat Anrecht, schließ­lich ist die Welt den meis­ten nur mit welt­fer­ner Unter­hal­tung trag­bar, wer kann, wer will es ver­den­ken: die Welt ist schließ­lich schwer. Nichts Neues unter der Sonne, gewiss. Gut also, dass die Bäume nicht mehr aus den nahen Wäl­dern abwan­dern müs­sen, dass man ihnen weni­ger auf die Borke schin­det. Gut, dass meine kleine, zarte kri­mi­hung­rige Mut­ter auf Rei­sen nicht so viel schlep­pen muss. Gut auch, dass Gedichte durch den Äther vaga­bun­die­ren, sich Foren bil­den, kleine digi­tale Wohn­zim­mer, da man sich aus den wei­tes­ten Fer­nen noch Meta­phern zuju­beln kann. Die Welt ver­wohn­zim­mert, schnurrt zusam­men, das ahnen wir schon lange. Gut, gut, gut ist alles, wir wol­len keine Bocks­ge­sänge anstim­men, wir wol­len herz­frisch opti­mis­ti­sche Fort­schrit­tis­ten sein, denn alles geht wei­ter, auch das Buch geht natür­lich wei­ter, ob mit oder ohne digi­tal. Frag­lich nur, was drin­nen steht …

Wir wol­len aber auch ein­mal über den Tel­ler­rand lin­sen, der ja ein Teich ist und zwar der bekannt­lich große. Da müs­sen wir aber auf­pas­sen, dass unsere klei­nen Buch­her­zen nicht bei allem digi­ta­len Opti­mis­mus einen klei­nen ana­lo­gen Aus­set­zer haben. Dort hat der schlaue Mono­po­list näm­lich schon Buch­lä­den eröff­net, da gibt es Mono­po­lis­ten-Bücher zu erwer­ben, Bücher, die nur noch auf Mono-Lis­ten ste­hen, auch Mono-Lese­ge­räte. Nur hier, lie­ber End­buch­ver­brau­cher, nur hier, sagt der Mono­po­list, darfst du dein Wie-ein-Buch-Lese­ge­fühl genie­ßen, so frei bist du, ganz frei ist auch das Buch überm Teich, vogel­frei, vom Preis ent­bun­den, kann es auf dem Markt frei flat­ternd flot­tie­ren. Auch ein Klopstock ist nur Han­dels-Ware! Klop-Was? Ach, egal. Was dem Vogel­freien blüht, das weiß Frau ja. Der Mono­po­list wagt nun auch den umge­kehr­ten Schritt: vom digi­tal ins ana­log und druckt flei­ßig Bücher von eif­ri­gen, uner­müd­li­chen Wort­set­zern, denn es ist dies ein erstaun­lich lukra­ti­ves Geschäft. Wer wollte nicht ein­mal Schrift­stel­ler genannt sein? Schrei­ben ist ja nun wirk­lich nicht schwer und ein klei­nes Geschicht­chen hat jeder noch auf Tasche. Die war­hol­sche Losung (die eigent­lich von Mar­shall McLu­han stammt, Schwamm drü­ber) des „15 minu­tes of fame« ist dem Mono­po­lis­ten ein finan­zi­el­ler Brand­be­schleu­ni­ger, ach, Buch­be­schleu­ni­ger. Wol­len mal sehen, wie viele wasch­echte Schrift­stel­ler dabei über den Wan­nen­rand schwap­pen, denn es gilt nach wie vor das Archi­me­di­sche Prin­zip: Heu­reka!

Lin­sen wir noch ein wenig über die Lin­sen oder sind es Woy­zecks Erb­sen? Überm Teich hat näm­lich das große Fres­sen bereits begon­nen. Immer zu! Immner zu! Hisch, hasch! Eigent­lich ist alles bereits rat­ze­putze leer gefut­tert und daut im Magen eines Buch­kon­zerns, rich­tig gele­sen, ein mega­lo­ma­ni­scher Buch­kon­zern­riese hat die klei­nen und mitt­le­ren und mit­tel­mit­tel­gro­ßen Ver­lage ein­fach ver­schluckt. Jetzt erwar­tet man mit Span­nung wie er mit dem Mono­po­lis­ten zurecht­kommt (also Mono gegen Pol). Mit dem Markt könnte man halbe-halbe machen, aber das ist nicht nach kre­di­tis­ti­schem Gesetz. Und ja, ja, fei­ern wir ruhig, denn es ist die Stunde der Klei­nen und Schwa­chen, die zu unbe­deu­tend oder unap­pe­tit­lich sind oder waren für des Rie­sens Magen. Schau an, es grün­den sich kleine, unab­hän­gige Ver­lage, alles durch­weht ein nost­al­gi­scher Hauch von Samis­dat. Das hat aber gedau­ert, Freunde des Buches, bis die Bück­dich­ware wie­der über den Tre­sen gescho­ben wer­den konnte, das dau­ert noch an. Der gute Gärt­ner weiß, nach dem Ver­ti­ku­tie­ren darf man erst ein­mal ein lan­ges Weil­chen auf die neuen Gras­wur­zeln warten.

Weg aber ist das Mit­tel, vor­erst dahin. Unser Mit­tel ist noch, sind noch immer Han­ser & C.H. Beck & Suhr­kamp und wie sie alle hei­ßen mögen. Erin­nern wir uns ruhig noch ein­mal an Sieg­fried, der auch einem Schrift­stel­ler ohne Werk, wie der gute Koep­pen einer war, stets die Treue und Finan­zen hielt, der sich einer Mari­anne Fritz ermu­tigte, der einen Bern­hard ertrug, kaum vor­stell­bar heute, immer sel­te­ner auch, weil unsere ver­le­ge­ri­schen Dick­häu­ter nun auch mit Knall & Hart kal­ku­lie­ren ler­nen müs­sen, gar ban­gen müs­sen, die nächs­ten semiero­ti­schen Memoi­ren ver­nach­läs­sig­ter Haus­frauen wirt­schaft­lich fehl­zu­deu­ten. Geld, Geld! Wer kein Geld hat – Da setz ein­mal eines sei­nes­glei­chen auf die Moral in der Welt! Ver­le­gen hieß den Dick­häu­tern näm­lich immer auch misch­kal­ku­lie­ren: Mit dem leicht­ver­käuf­lich Pro­fa­nen dem schwer­ver­käuf­lich Erha­be­nen zwi­schen die Buch­de­ckel zu hel­fen, um den Luft­kut­schern des Erha­be­nen wenigs­tens ein paar warme Erb­sen zu zah­len. Den Rest kön­nen die Milch­mäd­chen addie­ren oder bes­ser sub­tra­hie­ren, denn unte­rem Strich wirds wohl weni­ger, da unterm Strich bekannt­lich nur das Haben zählt, was immer auch das kul­tu­relle Sol­len uns allen bedeu­ten mag. Nun aber genug über den Tel­ler­rand geschielt, wenn da auch noch recht unbe­rührt Urhe­ber­recht, Nach­lass und Buch­preis­bin­dung lie­gen, wir haben ja schon Erb­sen in den Augen, die geben wir lie­ber gleich den Luft­kut­schern, damit sie uns nicht über den Wan­nen­rand schwap­pen und noch ein biss­chen Erha­be­nes in die schwere Welt flüs­tern. Auf, auf, flüs­tert um eure Erbsen …

Die Ant­wor­ten auf unsere Fra­gen weiß frei­lich allein die Zukunft, sobald sie zur Geschichte geron­nen ist, ganz ana­log geht das, wie – falls wir nicht der­einst digi­tale Augen haben – das Lesen, das von sei­ner Zukunft nichts weiß, das wis­sen nur die zukünf­ti­gen Kin­der, die bekannt­lich unsere Zukunft und wohl auch des Lesens Zukunft gehei­ßen wer­den kön­nen, falls sie bele­sen sind (mit ihren klei­nen digi­ta­len Kul­ler­chen). Wer das liest, der kann es zumin­dest heute noch und wer trotz allem Lesens nichts ver­steht und sagt, lesen nützt da auch nix, hat auch recht und sollte lie­ber Erb­sen zählen.

Ja, die Erb­sen, meine Herren!

 Debatte: »Zukunft des Lesens – Zukunft des Buches«:

  1. Dr. Frank Simon-Ritz – »Zukunft des Lesens, Zukunft des Buches«
  2. Angela Egli-Schmidt – Lese ich oder liest mich das elektronische Buch?
  3. Peter Neumann - Die Zukunft der Literatur ist längst vergangen
  4. Dr. Martin Straub – Mal wieder Fühmann lesen
  5. Nancy Hünger – Gehab dich, Buch!
  6. Thomas Mechold – Gedanken über eine Zukunft des Antiquariats
  7. Frank Sellinat – Eine Lanze brechen für den Spießordner und seine Freunde
  8. Michael Knoche – Digital? Nie ohne Original
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