Debatte: »Zukunft des Lesens – Zukunft des Buches«
4 : Dr. Martin Straub – Mal wieder Fühmann lesen

Thema

Debatten

Autor

Dr. Martin Straub

Creative Commons BY-NC-SA.

Als ich die Debatte zwi­schen Frank Simon ‑Ritz und Angela Egli-Schmidt in der TLZ las,  kam mir  mit Angela Eglis berech­tig­ten Ein­wän­den Füh­manns Erzäh­lungs­band »Saiäns-Fikt­schen« (1981) in den Sinn. Lei­der ist die­ser Band schon fast ver­ges­sen. Er hat ja mit Zukunft zu tun, frei­lich einer äußerst bedroh­li­chen. Die Erzäh­lun­gen spie­len um 3436. Es hat zwei Atom­kriege gege­ben. Von »einer schon im ers­ten Atom­krieg ver­schol­le­nen Stadt namens Ber­lin« kün­det nur noch ein »Kas­sen­zet­tel aus dem Jahr 1998«. Belegt wird der »Kauf  eines Stücks Sei­fen­er­satz«. Füh­mann  schreibt diese Erzäh­lun­gen in einer tie­fen Krise. Und er sagt in sei­nem  Vor­wort: »Die Welt die­ser Geschich­ten ist irreale End­zeit, Summe und Kon­se­quenz all des Nega­ti­ven, das die sich bil­dende Mensch­heit ent­äu­ßert«. Die letzte Erzäh­lung des Ban­des heißt »Pav­los Papier­buch«. Der Held hat ein ein­schnei­den­des Erleb­nis, denn er hält eines der ver­bo­te­nen, ansons­ten sekre­tier­ten Papier­bü­cher in der Hand. Was aber Füh­mann mit in der Hand hal­ten meint, ist weit mehr als das. Es ist das Hap­ti­sche. Ein tas­ten­des, sinn­li­ches Begrei­fen eines Kör­pers der beson­de­ren Art. Er »lag in der Hand wie ein Vogel in sei­nem Nest«, lesen wir da und »jede sei­ner Sei­ten war ein Gebilde, das ringsum mit Bli­cken abschreit­bar war, ein Maß an Raum, in sich geschlos­sen und damit ein Maß auch für die Zeit«. Füh­mann  begreift mit dem stau­nen­den Pavlo das Buch wie einen »Leib«, wie ein »Wesen«, das in sei­nen Hän­den lag. »Die Buch­sta­ben rochen nach Dun­kel und Ferne«. Ein ebook hält man wohl nicht so sinn­haft in der Hand. Beim Papier­buch wiegt man »mit der Hand und mit dem Auge«. So noch­mals Füh­mann. Nun ist ja gar nichts gegen die prag­ma­ti­sche Urlaubs­ent­schei­dung von wenig Gepäck und ganz ver­schie­de­nen Inhal­ten zu sagen. Gegen eine ganz prak­ti­schen Nut­zen. Gegen Fach­li­te­ra­tur und Lexika in digi­ta­ler Nut­zung. Aber den­noch stelle ich mir eine Papier­buch-Biblio­thek weit anre­gen­der, bun­ter, vor allem lese­för­dern­der als eine ebook-Biblio­thek vor. Nein, es ist keine »Scheindebatte«.Es ver­bin­det sich mit dem Papier­buch die Lek­türe als einer erns­ten, hei­te­ren Ange­le­gen­heit in sei­ner Ein­sam­keit (!) mit dem Gefühl, etwas Leben­di­ges in der Hand zu hal­ten, dem ich Sorg­sam­keit ange­dei­hen las­sen soll, wor­aus eine kom­plexe ästhe­ti­sche Erfah­rung erwächst.

 

  • Dr. Mar­tin Straub, Jahr­gang 1943, ist Ger­ma­nist, Lite­ra­tur­ver­mitt­ler und ‑för­de­rer. Seit 2007 ist er Ehren­vor­sit­zen­der des von ihm mit­ge­grün­de­ten Lese-Zei­chen e.V. Er lebt in Jena.
  • Lek­tü­re­emp­feh­lung: Franz Füh­mann: Pav­los Papier­buch, in: Saiäns-Fikt­schen. Erzäh­lun­gen, Ros­tock 1981, S.161- 181.

 Debatte: »Zukunft des Lesens – Zukunft des Buches«:

  1. Dr. Frank Simon-Ritz – »Zukunft des Lesens, Zukunft des Buches«
  2. Angela Egli-Schmidt – Lese ich oder liest mich das elektronische Buch?
  3. Peter Neumann - Die Zukunft der Literatur ist längst vergangen
  4. Dr. Martin Straub – Mal wieder Fühmann lesen
  5. Nancy Hünger – Gehab dich, Buch!
  6. Thomas Mechold – Gedanken über eine Zukunft des Antiquariats
  7. Frank Sellinat – Eine Lanze brechen für den Spießordner und seine Freunde
  8. Michael Knoche – Digital? Nie ohne Original
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