Christoph Meckel – »Russische Zone – Erinnerung an den Nachkrieg«

Person

Christoph Meckel

Ort

Erfurt

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Patrick Siebert

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Wie­der­ge­le­sen von Patrick Sie­bert

 

Wer an einem Brenn­punkt der Geschichte lebt, macht Erfah­run­gen, die für die Nach­ge­bo­re­nen schwer nach­fühl­bar sind. Der »Nach­krieg«, eine Phase rela­ti­ver Unsi­cher­heit, ist für einen Jun­gen in der Arn­städ­ter Straße in Erfurt ent­beh­rungs­reich und hin­ter­lässt doch den Ein­druck eines Lebens­ab­schnit­tes, den der Autor kei­nes­falls mis­sen möchte. Wenn Chris­toph Meckel (*1935) in »Rus­si­sche Zone, Erin­ne­rung an den Nach­krieg« über seine Zeit in Erfurt schreibt, sind es die Monate vom Dezem­ber 1944 bis Som­mer 1947.

Die Mut­ter floh mit den Kin­dern aus dem zer­bomb­ten Frei­burg nach Thü­rin­gen, zu den Groß­el­tern, »zwei schwarz geklei­de­ten Leu­ten«. Auch hier kam der »große Luft­an­griff […] in der nächs­ten Nacht«. Meckel will nicht vom Krieg reden, son­dern von Tagen die ein­an­der vor­der­grün­dig »grau in grau« gli­chen. Für den Jun­gen brachte das Ende der Kämpfe vor­erst keine spür­ba­ren Ver­än­de­run­gen. Zukunft war ein Wort »mager gewor­den [war] wie die, die es rie­fen«. Immer kehrt nach lich­ten Momen­ten das Schre­cken zurück. Das Kla­gen der Groß­mutter »ver­schrumpfte zu einem Kla­ge­laut, der in den Jah­ren des Nach­kriegs der­selbe blieb«.

Nach der Epi­sode mit den »Amis«, die als Befreier kamen: »Sie waren will­kom­men, Mili­tärs mit läs­si­ger Gang­art und freund­li­chen Köp­fen«, über­nah­men die Rus­sen. Aus »Tanz­mu­sik, Blues und Cow­boy-Songs« wur­den Raz­zia und Aus­gangs­sperre. Die »men­schen­mög­li­che Zeit« war zu Ende. Der Russe als »Got­tes Bar­bar« wurde als der wilde Gegen­ent­wurf zur Leich­tig­keit der Ame­ri­ka­ner emp­fun­den. Für den Jun­gen war der Rus­sisch­un­ter­richt ein Erleb­nis mit Leh­re­rin­nen in Uni­form »mit bekann­ten Orden auf Brust und Kra­gen«. Nach ers­ter Abwehr sollte Meckel an der Spra­che und vor­ran­gig der Lite­ra­tur aus dem Osten spä­ter noch gro­ßen Gefal­len fin­den.

Über­le­ben wurde zur Mut­probe für die Jun­gen wenn sie in den Wald zum Holz­ho­len gin­gen oder dem Rus­sen Brot von den Wagen klau­ten. Der revan­chierte sich mit einem Schuss auf die Kin­der. Aber Russe war nicht gleich Russe. Meckel blieb ein »Bil­der­buch-Sol­dat« in Erin­ne­rung, der über ein »sin­gen­des, wei­ches Deutsch und die Höf­lich­keit eines Che­va­liers im Mär­chen« ver­fügte. Zwar war der ein hoff­nungs­lo­ser Säu­fer, aber er war kul­ti­viert und ver­stand etwas von Frauen. Das Groß­el­tern­haus atmete auf wenn der Offi­zier »mit sei­ner Köni­gin da war.« Das Bewah­ren von Tra­di­tio­nen hielt das Leben auf­recht: »Es war die Brid­ge­par­tie am Don­ners­tag, nach­mit­tags pünkt­lich um 16 Uhr«, die »eisern für immer und ewig galt«. Einen dia­me­tra­len Gegen­punkt fin­det der Schre­cken der Rus­sen­zeit in der ers­ten Mar­tins­nacht nach dem Krieg: »Etwas uner­hör­tes stand bevor, denn jeder Mensch war ein­ge­la­den – die Erwach­se­nen und alle Kin­der«. Der Junge erfährt in die­ser Nacht unge­kannte Emo­tio­nen: »Ich ver­gaß nie, dass ich mit Trä­nen dastand und dass es mir gut ging mit den Trä­nen.« Für Meckel, der ein »Kriegs­kind« war, wie er dem Deutsch­land­funk 2012 sagte, »sprung­be­reit, alles notie­rend, im Gehirn«, begann an die­sem Abend eine neue Art der Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­ner Umwelt: »Sechs Jahre spä­ter schrieb ich die ers­ten Gedichte«.

Mit der Arbeit an »Rus­si­sche Zone« konnte Meckel, der die Beschäf­ti­gung mit Natio­nal­so­zia­lis­mus und Nach­krieg schon 1980 in »Such­bild. Über mei­nen Vater« begann, ein wich­ti­ges Kapi­tel der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung vor­an­trei­ben: »Im Lauf der Gestal­tung wird das Erin­nerte immer deut­li­cher, immer deut­li­cher, bis es eine Deut­lich­keit hat, die fast nicht mehr zu ertra­gen ist.«. Aus der kla­ren Spra­che drän­gen die Bil­der unge­fil­tert. Hier wird nicht beschö­nigt, hier wird nicht dra­ma­ti­siert. Vor dem Schleier einer »grauen« Zeit fin­det Meckel Aus­drucks­po­ten­tiale für alle Stim­mungs­la­gen. 1947 wird der Vater aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft ent­las­sen. Meckel und seine Mut­ter flie­hen erneut. Sie keh­ren zurück nach Frei­burg aus einem Osten, der noch immer »fremd, dun­kel, erschre­ckend und feind­lich« wirkte. In Frei­burg war der Weg durch Schul­pflicht und Fami­lie bis 1953 vor­ge­zeich­net. Auch die­ser Abschnitt brachte Schwie­rig­kei­ten mit sich. Die bei­den »Such­bil­der« genann­ten Bände zu Vater (1980) und Mut­ter (2002) wei­sen über die kurze Erfur­ter Epi­sode hin­aus, zei­gen an der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Eltern als distan­ziert und ver­kopft auf warum alle »Aus­brü­che zurück­füh­ren muss­ten« in das Eltern­haus. Es blieb nur der Aus­weg in die »Wind­rose« der Lek­türe.

Die Erfur­ter Zeit nahm im Leben Chris­toph Meckels 2,5 Jahre (hier 10–12 Jahre alt) mit Erleb­nis­sen ein, die im Zwie­spalt aus rus­si­scher Obstruk­ti­ons­po­li­tik und dem freie­ren Dasein nach dem Kriegs­ende ste­hen. Dem Man­gel stellte sich Krea­ti­vi­tät, dem Schreck­bild des Rus­sen kind­li­cher Mut ent­ge­gen. »Rus­si­sche Zone. Erin­ne­rung an den Nach­krieg.« ist ein Zeit­do­ku­ment und greift über eine sub­jek­tive Erin­ne­rungs­ver­ar­bei­tung hin­aus. Die selt­sam unge­lenkt anmu­tende Phase der Nach­krie­ges erhält ein Gesicht, das viel­ge­stal­ti­ger daher­kommt, als man es erwar­ten würde. Allein dafür lohnt es sich die­sen Meckel wie­der zu lesen.

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