Christian Rosenau – Nadelstich und Schlangensprache

Personen

Christian Rosenau

Jens-Fietje Dwars

Dietmar Ebert

Orte

Weimar

Ulla (Nohra)

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Externe Informationen

Edition Ornament im quartus-Verlag

Autor

Dietmar Ebert

Erstdruck: Palmbaum 2/2018 / Thüringer Literaturrat e.V.

Hei­mat im Schutz­man­tel der Gedichte

 

Gele­sen von Diet­mar Ebert

 

Nach sei­nem gelun­ge­nen Lyrik-Band »Im Zwei­fel nach Haus« hat der 1980 in Wei­mar gebo­rene, in Ulla auf­ge­wach­sene und heute in Coburg lebende Lyri­ker Chris­tian Rosenau in der Edi­tion Orna­ment sei­nen neuen Band »Nadel­stich und Schlan­gen­spra­che« vor­ge­legt. Um es gleich vor­weg zu neh­men. Der schmale Band ist ein Fest für die Sinne und den Ver­stand. Viel­leicht liegt das an der Dop­pel­be­ga­bung Rosen­aus, der Musi­ker und Dich­ter in einem ist. Der Rhyth­mus sei­ner Gedichte, ihr musi­ka­li­scher Fluss paart sich mit einer siche­ren Bild­spra­che und einem kla­ren Auf­bau der Gedichte. Sie sind akku­rat gear­bei­tet, nicht das kleinste Detail wird dem Zufall über­las­sen. Doch die Spu­ren des Hand­werk­li­chen sind nicht mehr sicht­bar. Es ist allein der Atem des Lyri­kers zu spü­ren. Gleich das erste Gedicht des Ban­des trägt den Titel »Hei­mat­men«. Vor allem in den ers­ten drei Gedicht­grup­pen »aus dem Kern­ge­häuse«, »spä­tes Licht« und »unsere Hei­mat« birgt der Dich­ter Kind­heits­er­fah­run­gen, Bil­der und Erin­ner­tes im Schutz­man­tel sei­ner Gedichte. Das ist viel mehr, als sich sei­ner Wur­zeln zu ver­si­chern. Die auf­stei­gen­den Kind­heits­er­in­ne­run­gen und frü­hen Bil­der wer­den solange beatmet, bis sie Teil der Hei­mat und des Gedichts wer­den. So gelingt Chris­tian Rosenau etwas bis­lang für unmög­lich Gehal­te­nes: In sei­nen Gedich­ten wird das, was jedem in die Kind­heit scheint und spä­ter nicht fest­zu­hal­ten ist, eben das, was Ernst Bloch »Hei­mat« nannte, als Bild und Klang mani­fest.

Im rhaps­odisch anmu­ten­den Gedicht­zy­klus »unsere Hei­mat« erzählt Chris­tian Rosenau, wie seine Genera­tion die letz­ten drei, vier Jahre der DDR in der Schule, wie sie die Demons­tra­tio­nen im Herbst 1989, die deut­sche Ver­ei­ni­gung und das Erwach­sen­wer­den erlebte. Nie zuvor hat ein Lyri­ker beschrie­ben, wie Kin­der den Über­gang von der geschlos­se­nen in die offene Gesell­schaft reflek­tiert haben, wie sie mit den Ver­un­si­che­run­gen ihrer Eltern und Leh­rer leben muss­ten, wie der Schein der Ker­zen in ihnen Hoff­nun­gen weckte, die nie erfüllt wur­den und wie sie bis heute den »Weg ins Offene« zugleich als Chance für ein gewin­nen­des Leben und als Gefah­ren­zone emp­fin­den. Gerade in den Gedich­ten, die unter dem Titel »unsere Hei­mat« ver­eint sind, fin­den sich Par­al­le­len zu den Zeich­nun­gen, die Ulrike Theus­ner zu dem Band bei­gesteu­ert hat, wird ein Begeg­nungs­raum von Lyrik und Zeich­nun­gen auf­ge­spannt.

In zehn Gedich­ten, die er hin­ter­sin­nig Raps­odien genannt hat, besingt Chris­tian Rosenau das Über­maß der grell-gel­ben Fel­der, die­ser »frag­los blü­hen­den Land­schaf­ten der Agrar­in­dus­trie, (der) Meta­sta­sen der Wachs­tums­ge­sell­schaft, wo der Wolf …durchs Feld zieht und das Rat­tern immer näher kommt…« (Jens-Fietje Dwars). Die­ses über­quel­lende leuch­tende Gelb ist dem Lyri­ker zugleich ein Sym­bol, das die Land­schaft über­zo­gen hat und das Bild, die Gerü­che und Far­ben der Kind­heit ver­drängt hat, eben »jene Heimat,/ die uns vor Jah­ren schon/ abhan­den kam«.

»Ophe­lien  und Asche­spur«, so hei­ßen die bei­den Gedicht­ab­tei­lun­gen, die den Band beschlie­ßen. Sie sind von einer lei­sen Melan­cho­lie durch­zo­gen und erin­nern von Ferne an das Lied­gut Franz Schu­berts. Es ist, als gelänge es Chris­tian Rosenau, Land­schaf­ten in unter­schied­li­chen Jah­res­zei­ten »zu lesen«, und seine Les­art in lyri­sche Bil­der zu über­set­zen. In sei­nen schöns­ten Gedich­ten wie »des Regens dünne Schrift«, im »Kies­bett der Sil­ben« und »Auf­bruch« fin­det er zu einer wun­der­sa­men Ver­schmel­zung von »äuße­rer und inne­rer Wirk­lich­keit«. Diese Durch­drin­gung von »äuße­rer und inne­rer Wirk­lich­keit«, diese feine Mischung von »Rea­lem und Phan­tas­ti­schem« fin­det sich auch in den Zeich­nun­gen von Ulrike Theus­ner.

Die lyri­schen und die gezeich­ne­ten Bil­der ergän­zen ein­an­der span­nungs­voll. Sie kom­mu­ni­zie­ren mit ein­an­der. Chris­tian Rosen­aus »Nadel­stich und Schlan­gen­spra­che« sei allen Lyrik-Freun­den wärms­tens emp­foh­len.

 

  • Chris­tian Rosenau: Nadel­stich und Schlan­gen­spra­che. Gedichte, mit sechs Zeich­nun­gen von Ulrike Theus­ner, Edi­tion Orna­ment, Bd. 20, hg. Jens-Fietje Dwars, Bucha 2018.
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