Geert van Istendael – Brüssel im Herzen Europas

Thema

Debatten

Autor

Geert van Istendael

Thüringer Literaturrat e.V. / Thüringer Allgemeine.

Brüssel im Herzen Europas

Was hat Thü­rin­gen als eines der kleins­ten deut­schen Bun­des­län­der mit Europa, mit Brüs­sel zu tun – zumal wenn es um Lite­ra­tur geht? Vor zwei Jah­ren hat der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat das „Brüs­se­ler Dich­ter­kol­lek­tiv“ nach Erfurt, Wei­mar und Ber­lin ein­ge­la­den, das in den drei deut­schen Städ­ten mit dem „Euro­päi­schen Grund­ge­setz in Ver­sen“ und der inter­na­tio­na­len Spra­che der Poe­sie ein leben­di­ges Kunst­werk zur euro­päi­schen Ver­stän­di­gung vor­stellte. Aus aktu­el­lem Anlass dru­cken wir an die­ser Stelle einen Bei­trag von Geert van Isten­dael ab, der deut­lich macht, wie wich­tig es ist, dass wir gegen die Sprach­lo­sig­keit und die Kul­tur­lo­sig­keit (die Bar­ba­rei) unsere gemein­sa­men kul­tu­rel­len Werte set­zen.

Der Brüs­se­ler Schrift­stel­ler Geert van Isten­dael kennt Thü­rin­gen schon lange. Sein lebens­lan­ger Traum, an einer Thü­rin­ger Orgel Bach zu spie­len, hat sich zwar noch nicht erfüllt. Dafür setzte er dem Suh­ler Schrift­stel­ler-Kol­le­gen Lan­dolf Scher­zer vor vie­len Jah­ren ein lite­ra­ri­sches Denk­mal. 2010 stellte Isten­dael in Wei­mar sein Buch »Mijn Duit­s­land – Ein­sich­ten in die deut­sche Seele« vor. 2014 trat er mit dem »Brüs­se­ler Dich­ter­kol­lek­tiv« in Erfurt und Wei­mar auf. Drei Tage nach sei­nem letz­ten Besuch in Wei­mar ent­ging er dem Bom­ben-Atten­tat in der Brüs­se­ler U‑Bahn. Seine Gedan­ken zur Lage in Brüs­sel hat er am Oster­wo­chen­ende aufgeschrieben.

Sein hier abge­druck­ter Bei­trag erschien am 31. März 2016 par­al­lel in der »Thü­rin­ger All­ge­mei­nen«.www.thueringer-allgemeine.de

 

Geert van Istendael

Metro­sta­tion Maalbeek

Metro­sta­tion Maal­beek, Linie 1, Linie 5. Seit dem 22. März der blu­tigste Fleck in Euro­pas Haupt­stadt, die Mör­der­grube von ganz Europa.

Die Züge der Linien 1 und 5 sind fast immer picke­pa­cke­voll, es sind die meist­be­fah­re­nen der Stadt. Seit Jah­ren komm ich hier prak­tisch täg­lich vor­bei. In der Sta­tion Merode, fünf Minu­ten von mei­ner Haus­tür ent­fernt, steige ich ein und fahre Rich­tung Zen­trum. Und so hei­ßen die Sta­tio­nen: Merode ‑Schu­man – Maalbeek/Maelbeek – Kunst-Wet/Arts-Loi – Park/Parc – Cen­traal Station/Gare Cen­trale – De Brouckère – Sint-Kate­li­j­ne/­Sain­te­Ca­the­rine und so wei­ter. Man merkt, Brüs­sel hat zwei offi­zi­elle Spra­chen und die Stadt will beide zei­gen. Ich sehe diese Rei­hen­folge, ganz oder zum Teil, jede Woche von Neuem an mir vor­bei­flit­zen, fünf Mal, zehn Mal, manch­mal noch öfter. Denke ich dabei an Bom­ben und Gra­na­ten? Aber nein.

Wohl beschlich mich mehr­fach der Gedanke, sag mal, wor­auf war­ten eigent­lich die Jiha­dis noch? Sie haben in New York zwei Türme pul­ve­ri­siert, ein paar tau­send Lei­chen, in Madrid, Bahn­hof Ato­cha, die S‑Bahn in die Luft gejagt, fast zwei­hun­dert Tote, sie haben in Lon­don die U‑Bahn in die Luft gejagt, über 50 Tote, im Bata­clan, Paris, haben sie sich selbst in die Luft gejagt und Dut­zende andere dazu, in Bag­dad und Aleppo gibt es mehr Explo­sio­nen als Häu­ser, über die Anzahl der Toten trau ich mich gar nicht nach­zu­den­ken. Und hier steh ich zur Haupt­ver­kehrs­zeit in der Brüs­se­ler Metro, mit einem schlap­pen Tau­send ande­rer Pas­sa­giere, wie Sar­di­nen auf­ein­an­der­ge­packt, wir fah­ren genau unter dem Haupt­quar­tier der Euro­päi­schen Union durch und es gibt kei­nen ein­zi­gen fana­ti­sier­ten Bartheini, der auf die Idee kommt, den Mär­ty­rer rauszuhängen?

Das dachte ich mir und ich ging, wie tau­send andere, zur Tages­ord­nung über.

Bis zum 22. März.

Am 22. März mußte ich nach Ant­wer­pen. Vor­sitz in einer Jury. Ein Gedicht­wett­be­werb für Schu­len. Um 10.15 Uhr sollte ich dasein, so woll­ten es die Orga­ni­sa­to­ren. Und so kam es auch, denn ich bin ein ver­dammt pünkt­li­cher Mensch, immer noch, und es ist höchs­tens 50 Kilo­me­ter entfernt.

Stel­len Sie sich nur mal kurz vor, die bra­ven Leute hät­ten mich für 10.45 ein­ge­la­den. Dann hätte ich mein Haus wohl ein paar Minu­ten spä­ter ver­las­sen. Dann hätte ich eine etwas spä­tere Metro genom­men, von Merode nach Schu­mann nach Maalbeek/Maelbeek und von da Rich­tung Cen­traal Station.
Dann wäre ich wohl explo­diert. Oder durch einen stock­dunk­len Gang an die Erd­ober­flä­che gekro­chen, viel­leicht mit einem Bein oder einen Arm weniger.
Und wie kannst Du jetzt und nächste Woche und danach die­sem durch und durch ver­blen­de­ten Gesin­del zei­gen, daß es ver­dammt noch mal im Unrecht ist? Jetzt und immer wie­der im Unrecht?

Ein­fach dadurch, daß Du wie­der jeden Tag die Metro nimmst, immer wie­der, jeden­falls sobald das blöde Ding wie­der fährt. Ich muß das tun, und das müs­sen Tau­sende und Aber­tau­sende auch tun. Mit Angst? Ja, auch, natür­lich, selbst­re­dend. Aber vor allem mit dem fes­ten Wil­len unser Leben so zu füh­ren wie wir das wol­len, wir alle zusam­men, natür­lich, und zwar mit allen unse­ren bel­gi­schen Ver­schie­den­hei­ten, allen Unter­schie­den in Spra­chen und Religionen.
In die­sen tra­gi­schen Tagen nimmt das Volk von Brüs­sel fried­lich seine Stadt in Beschlag. Hun­derte von Ker­zen bren­nen auf dem Bör­sen­platz, dem guten Her­zen der Stadt. Mit Mal­kreide wer­den freund­li­che Bot­schaf­ten dem Pflas­ter anver­traut. Sogar das Spra­chen-Kriegs­beil haben wir begra­ben. Auf einem Bett­tuch lese ich »Nous som­mes Bru­xel­les / Wij zijn Brussel.«»Wir sind Brüs­sel« auf Fran­zö­sisch und Niederländisch.

Du kannst das natür­lich leicht abtun und ein­fach weg­fe­gen – »Auf­stand der fal­schen Gefühle« heißt das dann.

Aber so ein­fach ist das nicht.

Brüs­se­ler sind wesent­lich wider­stands­fä­hi­ger als aus­län­di­sche Beob­ach­ter für mög­lich hal­ten. Im ers­ten Welt­krieg schrieb einer unse­rer größ­ten Dich­ter, Karel van de Woes­ti­jne, eine Arti­kel­se­rie für eine bedeu­tende Nie­der­län­di­sche Zei­tung (die Nie­der­lande waren damals neu­tral); er schrieb sie aus dem (vom deut­schen Kai­ser­reich) besetz­ten Brüs­sel, wo er wohnte. So eine Beset­zung, so ein Welt­krieg vier Jahre lang, das ist wahr­lich kein Pap­pen­stiel! Der sonst so schwer­mü­tige Van de Woes­ti­jne bewun­derte die Brüs­se­ler sehr. Weil sie es auch in den dun­kels­ten Zei­ten fer­tig­brach­ten, sich ihre Sorg­lo­sig­keit, ihre Selbst­iro­nie, ihren unbe­zähm­ba­ren Anar­chis­mus und ihre Vor­liebe für das Absurde zu bewahren.

Ich weiß, die Zusam­men­set­zung der Bevöl­ke­rung hat sich seit­dem bis zur Unkennt­lich­keit ver­än­dert. Aber ganz offen­sicht­lich saugt Brüs­sel alle die Ströme von Aus­län­dern auf und ver­wan­delt sie, egal was pas­siert, nach einer gewis­sen Zeit in echte zin­ne­kes – so nen­nen wir in Brüs­sel eine bestimmte Sorte von meist schwarz-weiß gefleck­ten Stra­ßen­kö­tern, sie sind von ziem­lich gemisch­ter Rasse und zwei­fel­haf­ter Her­kunft, aber lieb, sehr treu, sehr schlau und unheim­lich stark. Wir alle, wir Brüs­se­ler waren und sind immer noch zin­ne­kes, und zwar mehr und in einem tie­fe­ren Sinn als wir zuge­ben wol­len, auch die von uns, die noch nicht so lange hier gelan­det sind. Im Inne­ren wis­sen wir, daß wir alle Bas­tarde sind und es stört uns nicht, im Gegen­teil. Ich habe gro­ßes Ver­trauen in die unbe­küm­merte Fröh­lich­keit, die unbe­zähm­bare Ur-Brüs­se­ler Idee vom Leben und Lebenlasssen.

Alle zwei Jahre zieht hier in Brüs­sel die große »Zin­neke-Parade« quer durch die Stadt, eine kolos­sale, ver­rückte Pro­zes­sion. Die Teil­neh­mer trei­ben ihren Spott mit allem und jedem und vor allem mit sich selbst. Aber das ist nicht beschränkt auf eine Parade alle zwei Jahre. es ist eine Lebens­ein­stel­lung. Es ist eine Pra­xis des Über­le­bens quer durch alle unsere Ver­schie­den­hei­ten. Das ist unsere Art, damit klar­zu­kom­men: Eine täg­li­che, eine unend­li­che Zinneke-Parade.

Über­set­zung aus dem Nie­der­län­di­schen: Chris­toph Schmitz-Scholemann.

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