Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz
8 : Die Maschinenfabrik – Ecke Bahnhofstraße und Penkwitzer Weg

Person

Wolfgang Hilbig

Ort

Maschinenfabrik »John Schehr«

Themen

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Gegenwart

Autor

Volker Hanisch

Thüringer Literaturrat e.V.

Aus der 1876 gegrün­de­ten Eisen­gie­ße­rei und Maschi­nen­bau­firma Hey­mer & Pilz, zwi­schen 1939 und 1945 zu den Gust­loff-Wer­ken Wei­mar gehö­rend, ent­wi­ckelte sich ab 1948 der VEB Maschi­nen­fa­brik »John Schehr«. Neben eini­gen außer­halb gele­ge­nen Betriebs­tei­len erstreck­ten sich die Werk­hal­len vor allem im Geviert zwi­schen Bebel­straße, Hey­mer-Pilz-Straße, Bahn­hof­straße und Frei­li­grath­straße, hinzu kamen Gebäude an der Goe­the­straße und zu bei­den Sei­ten des Penk­wit­zer Weges. Bis 1990 genoss die Fabrik einen guten inter­na­tio­na­len Ruf für ihre Werk­zeug­ma­schi­nen und war mit weit über 2000 Mit­ar­bei­tern der größte Beschäf­ti­gungs­be­trieb der Stadt. 1992 pri­va­ti­siert, wur­den die Werk­hal­len in der Innen­stadt nach und nach geschlos­sen und ab 2000 abge­ris­sen; an der Bebel­straße erin­nert der »Platz der Maschi­nen­bauer« an das Betriebs­teil 02 des eins­ti­gen Groß­be­triebs. Nur wenige frü­here Beschäf­tigte behiel­ten ihre Arbeit inner­halb der Nach­fol­ge­firma »Her­ku­les« aus Sie­gen und bei »Meu­sel­witz Guss«. Beide Betriebe befin­den sich außer­halb der Stadt im soge­nann­ten Indus­trie­park Nord, nahe Bün­au­roda, an der Land­straße nach Groitzsch.

Von 1956 bis 1959 absol­vierte Wolf­gang Hil­big in der Maschi­nen­fa­brik eine Fach­ar­bei­ter­aus­bil­dung zum Bohr­werk­dre­her. Als Berufs­schule und Lehr­werk­statt nutzte die Fabrik das Areal und einige heute inzwi­schen ver­schwun­dene Hal­len und Bara­cken des frü­he­ren Hein­rich­schachts an der stadt­aus­wär­ti­gen Alten­bur­ger Straße hin zum Fort­schritt­weg. Von sei­nem ers­ten Lehr­lings­geld hatte sich Hil­big eine E.-T.-A.-Hoffmann-Gesamtausgabe gekauft. Ab 1956 war er Mit­glied der FDJ, ab 1958 Tur­ner, spä­ter auch Boxer in der Betriebs­sport­ge­mein­schaft »Motor Meu­sel­witz«, er trai­nierte hart, mit­un­ter eigen­stän­dig und wollte eine Zeit­lang sogar gern zur Sport­schule nach Leip­zig dele­giert wer­den. Doch nach sei­ner Lehre wurde er Hori­zon­talboh­rer und ab 1961 Maschi­nen­schlos­ser in der Blech­be­ar­bei­tung der Halle 3 der Maschi­nen­fa­brik.

In Hil­bigs Roman »Das Pro­vi­so­rium« reflek­tiert der Schrift­stel­ler C. über seine frü­here Arbeit:

Nach dem Ende einer drei­jäh­ri­gen Lehr­zeit glaubte er sich unver­se­hens in einer Welt wie­der­zu­fin­den, aus der es kein Ent­rin­nen mehr gab. Er wußte nicht mehr genau, was ihn auf­ge­schreckt hatte: er befand sich in einer rie­si­gen Maschi­nen­halle, die von einem Dröh­nen erfüllt war, als habe man eine Kolonne von Pan­zer­fahr­zeu­gen in Marsch gesetzt. Er begriff, er befand sich direkt an der Pro­duk­ti­ons­front. Es war die wich­tigste Front im Krieg des Staa­tes gegen sei­nen Unter­gang, hier kam man nicht mehr her­aus, jeden­falls nicht unver­sehrt, hier konnte man nur noch zwi­schen den ein­zel­nen Front­ab­schnit­ten wech­seln. Wenn er auf­blickte, sah er sich vor einem gewal­ti­gen grau­grü­nen Hori­zon­talbohr­werk auf­ge­pflanzt: einige Zeit, ein oder zwei Monate, sollte er den Arbeits­ab­läu­fen an die­ser Maschine bei­woh­nen und an ihnen teil­neh­men, bis er genug vom Leis­tungs­lohn­be­trieb ver­stand, bis er fähig war, sich der kom­pli­zier­ten Struk­tur der ein­an­der bedin­gen­den Tätig­kei­ten ein­zu­fü­gen, um dann selbst an einer sol­chen Maschine, an einer viel klei­ne­ren zuerst, ein­ge­setzt wer­den zu kön­nen.

Schon vor sei­ner Ein­be­ru­fung zur Armee im Jahr 1962 hatte Wolf­gang Hil­big für drei Monate den Pos­ten eines Aus­hilfs­hei­zers über­nom­men: im alten Heiz­haus der Maschi­nen­fa­brik an der Dimitroff­straße (heute Hey­mer-Pilz-Straße). Von Ende 1969, nach sei­ner Rück­kehr in den Betrieb, bis zum März 1979 arbei­tete Hil­big (mit einer kur­zen Unter­bre­chung) als Hei­zer und Kes­sel­wär­ter, qua­li­fi­zierte sich zwi­schen­zeit­lich auch ent­spre­chend. In sei­ner lang­jäh­ri­gen Dop­pel­exis­tenz als Arbei­ter und Schrift­stel­ler waren die Hei­zungs­kel­ler der ver­schie­de­nen Betriebs­teile (u. a. im Werk 4 gegen­über der Gie­ße­rei) wohl auch eine Art Exil, bei klu­ger Arbeits­ein­tei­lung mit eini­gen Frei­räu­men für sein Eigent­li­ches: das Schrei­ben.

Schrift­stel­ler, die für die Schub­lade schrei­ben, und schrei­bende Hei­zer gehö­ren in Wolf­gang Hil­bigs Prosa zu den häu­fig wie­der­keh­ren­den Figu­ren. Erin­nert sei an die 1994 ver­öf­fent­lichte Erzäh­lung »Die Arbeit an den Öfen«, in der der Hei­zer C. für die Ver­bren­nung von ver­al­te­ten Druck­schrif­ten der SED-Par­tei­lei­tung zu sor­gen hat. Auch in sei­ner Erzäh­lung »Die Arbei­ter. Ein Essai« von 1975 nimmt Hil­big in sei­nen Text die Pro­duk­ti­ons­um­stände in einem Werk­zeug­ma­schi­nen­be­trieb auf:

Der Hei­zer hätte eben­falls einer der Arbei­ter sein kön­nen, aber er wäre am mecha­ni­schen Bewußt­sein der Öko­no­mie zer­bro­chen, manch­mal hatte er einen Denk­feh­ler geahnt in der Spra­che der Öko­no­mie, aber er hatte ihn nicht erkannt. Hätte ihn ein Ankömm­ling vom Mars gefragt, was die Leute hier täten, er hätte zur Ant­wort gege­ben, diese Men­schen, namens Arbei­ter, pro­du­zier­ten Maschi­nen zur Her­stel­lung von Maschi­nen­tei­len, aus denen Maschi­nen zur Her­stel­lung von Maschi­nen zusam­men­ge­setzt wür­den, diese wie­derum, unter Obhut der Arbei­ter, fer­tig­ten eben­falls Maschi­nen­teile zum Auf­bau von Maschi­nen für Maschi­nen­teile, dar­aus end­lich ent­stün­den Maschi­nen zur Her­stel­lung von Ölkan­nen, die nötig seien, um die Maschi­nen zu ölen.

Wolf­gang Hil­bigs ers­ter Band mit Lyrik erschien 1979 im west­deut­schen S. Fischer Ver­lag. Die Ver­öf­fent­li­chung von »abwe­sen­heit« – der ursprüng­lich vor­ge­se­hene Titel lau­tete »Gegen den Strom« – machte ihn im Wes­ten Deutsch­lands zum Schrift­stel­ler und brachte ihm im Osten eine Geld­strafe von 2000 Mark wegen »Ver­sto­ßes gegen das Zoll- und Devi­sen­ge­setz der DDR« ein.

Für den vor­de­ren Ein­band der Samm­lung von 66 Gedich­ten aus den Jah­ren 1965 bis 1977 hatte Hil­big ein Foto zum Ver­lag gege­ben, das ver­mut­lich von sei­nem Freund Jür­gen Schrei­ber (1949–1999) auf­ge­nom­men wor­den war. Mit Blick aus dem Penk­wit­zer Weg in die Bahn­hof­straße zeigt es zu bei­den Sei­ten Pro­duk­ti­ons­ge­bäude der Maschi­nen­fa­brik.

 Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz:

  1. Das Geburtshaus
  2. Die Hochfrequenzwerkstätten
  3. Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße/Nordstraße mit Blick zum Auholz
  4. Die Schule
  5. Der Hauptkonsum mit Briefkasten und Großbäckerei
  6. Die Gaststätten
  7. Der Bahnhof
  8. Die Maschinenfabrik – Ecke Bahnhofstraße und Penkwitzer Weg
  9. Wuitz-Mumsdorf – Exkurs zum »Kesselhausfasan«
  10. Das Stadtzentrum
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