Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz
2 : Die Hochfrequenzwerkstätten

Personen

Wolfgang Hilbig

Hans-Robert Schröter

Ort

Hochfrequenz-Werkstätten Meuselwitz

Themen

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Gegenwart

Autor

Volker Hanisch

Thüringer Literaturrat e.V.

Von der Stra­ßen­ecke in der Rudolf-Breit­scheid-Straße weit­hin bis in die heu­tige Hein­rich-Heine-Straße ent­stand ab 1901 eine Por­zel­lan­fa­brik zur Her­stel­lung von Iso­la­to­ren, bis die Gebäude 1936 von der Hugo Schnei­der AG über­nom­men wur­den und bald der Rüs­tungs­pro­duk­tion dien­ten.

Die heute noch zu lesende Abkür­zung HFWM am Eck­haus steht für die frü­he­ren Hoch­fre­quenz­werk­stät­ten Meu­sel­witz. Ab Ende der 1940er-Jahre bis 1992 wur­den hier Spu­len, Band­fil­ter, Trans­for­ma­to­ren und Kunst­stoff­teile für Radios und Fern­se­her pro­du­ziert – zunächst in einem Pri­vat­be­trieb mit dem Namens­zu­satz »Julius Karl Gör­ler«, der mit der Ent­eig­nung und Umwand­lung in einen Volks­ei­ge­nen Betrieb 1972 ent­fiel. Das heute hier ansäs­sige Nach­fol­ge­un­ter­neh­men beschäf­tigt nur wenige Mit­ar­bei­ter, stellt aber noch immer Form­teile, Spu­len und Röh­ren für den Rund­funk her.

Nach sei­nem Grund­wehr­dienst arbei­tete Wolf­gang Hil­big von Ende 1963 bis Som­mer 1966 bei »Gör­lers« als Werk­zeug­ma­cher. Sein poe­ti­sches Talent – er »gibt kleine Bei­träge bei kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen in Form von Gedich­ten«, wie ein Bericht der Staats­si­cher­heit ver­merkt – fällt zunächst posi­tiv auf. Hil­big wird 1964 in den »Zir­kel schrei­ben­der Arbei­ter« bei Hans Robert Schrö­ter (1912–1985) in Alten­burg und 1965 zu Lyrik-Semi­na­ren der DDR-Arbei­ter­fest­spiele dele­giert.

Ab 1964 unter­nimmt Hil­big einige Ver­su­che, einen DDR-Buch­ver­lag für seine Lyrik zu fin­den, doch sie blei­ben erfolg­los, weil seine Gedichte der Poe­tik des »Bit­ter­fel­der Weges« und des »sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus« zuwi­der­lau­fen. Als diese Dok­trin 1965 auf dem kul­tur­po­li­tisch bri­san­ten 11. Ple­num des ZK der SED von den Funk­tio­nä­ren mit aller Schärfe ein­ge­for­dert und im Nach­gang unter den Kul­tur­schaf­fen­den der DDR hef­tig dis­ku­tiert wird, spricht sich der junge Hil­big in sei­nem Schreib­zir­kel gegen eine sol­che ästhe­ti­sche Bevor­mun­dung aus – und muss den Zir­kel dar­auf­hin ver­las­sen. Die Ver­öf­fent­li­chung von vier Gedich­ten, die man ihm 1966 in der vom Zen­tral­haus für Kul­tur­ar­beit Leip­zig her­aus­ge­ge­be­nen Zeit­schrift »ich schreibe« gewährt, bleibt ein Ein­zel­fall: In kul­tur­po­li­ti­scher Hin­sicht ist der »schrei­bende Arbei­ter«, der täg­lich bei »Gör­lers« an der Werk­bank steht, mit sei­nen dun­kel-melan­cho­li­schen Tex­ten »durch­ge­fal­len«.

Dass schon das stel­len­weise noch etwas unge­lenke Früh­werk Hil­bigs seine ein­zig­ar­tige lyri­sche Hand­schrift trägt, belegt auch ein mit »Scher­ben für damals und jetzt« beti­tel­tes Schreib­heft mit 53 Gedich­ten. Diese erste eigen­stän­dige Lyrik­samm­lung schickte Hil­big 1964 an Ver­wandte in West­deutsch­land, der DDR-Staats­si­cher­heits­dienst jedoch zog die Sen­dung aus dem Ver­kehr. Das Heft über­dau­erte die DDR in den Archi­ven, wo Hil­big (der um 1965 einen Groß­teil sei­ner Manu­skripte ver­nich­tet hatte) es bei Sich­tung sei­ner Stasi-Akten wie­der­fand – ein klei­nes Kurio­sum der Lite­ra­tur­ge­schichte.

Lite­ra­risch gewor­den sind die Hoch­fre­quenz­werk­stät­ten, wo Wolf­gang Hil­big zunächst in der Werk­zeug­ma­che­rei und dann im For­men­kel­ler tätig war, Jahr­zehnte spä­ter: Ein­gangs der 1987 erschie­ne­nen Erzäh­lung »Die Wei­ber« befin­den wir uns in einer feucht­hei­ßen Hölle, einem fens­ter­lo­sen Kel­ler­raum. Von hier unten späht der Ich-Erzäh­ler (ein aus der Werk­zeug­ma­che­rei hier­her ver­setz­ter Arbei­ter) durch einen qua­dra­ti­schen Git­ter­rost in die Pres­se­rei. Er beob­ach­tet dort die Frauen mit ihren rie­si­gen Hin­ter­tei­len: wenn sie in ihren dün­nen bun­ten Kit­tel­schür­zen auf die Lei­ter stei­gen und die Abfälle des erkal­te­ten Kunst­stoffs, aus wel­chem an Pres­sen spu­len­ar­tige Teile für Radio­ge­räte gegos­sen wur­den in einen Trich­ter schüt­ten, wobei die leicht­hin auf­klaf­fen­den Gesäß­hälf­ten sofort sicht­bar wer­den muß­ten

In einem ande­ren Pro­sa­stück »por­trä­tiert« Wolf­gang Hil­big jene Straße, an der sich die besag­ten Fabrik­ge­bäude hin­zo­gen: die heu­tige Hein­rich-Heine-Straße. Sie hieß bis 1973 Schil­ler­straße und war einst von gro­ßen Kas­ta­nien gesäumt, bis diese nach 1950 gefällt wur­den. – Man lese die gesamte phi­lo­so­phi­sche Kur­z­er­zäh­lung »In der Schil­ler­straße« von 1989, deren Anfangs- und Schluss­ge­dan­ken lau­ten:

Wirk­li­chen Nebel, die wirk­li­che Stille wirk­li­chen Novem­ber­ne­bels, gab es nur in der sei­ner­zeit noch unge­pflas­ter­ten Schil­ler­straße. Viel­leicht wurde der Nebel von den all­ge­wal­ti­gen Kas­ta­ni­en­bäu­men ange­zo­gen, die das rechte Trot­toir der Schil­ler­straße eng­ste­hend, allzu eng ste­hend, säum­ten – es gab nur das rechte Trot­toir, ein lin­kes war nicht vor­han­den, auf der lin­ken Seite stieß die Straße über­gangs­los gegen die beklem­mende Ver­ti­kale einer unge­heu­er­li­chen Fabrik­mauer […]

Die wei­ßen Nebel ent­stan­den nie wie­der in der Schil­ler­straße; sie, die im Ver­ein mit den Kas­ta­nien das Geheim­nis des Lebens zu ver­ber­gen schie­nen, hat­ten, als jene ent­fernt wur­den, den Tod auf­ge­deckt.

 Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz:

  1. Das Geburtshaus
  2. Die Hochfrequenzwerkstätten
  3. Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße/Nordstraße mit Blick zum Auholz
  4. Die Schule
  5. Der Hauptkonsum mit Briefkasten und Großbäckerei
  6. Die Gaststätten
  7. Der Bahnhof
  8. Die Maschinenfabrik – Ecke Bahnhofstraße und Penkwitzer Weg
  9. Wuitz-Mumsdorf – Exkurs zum »Kesselhausfasan«
  10. Das Stadtzentrum

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