Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz
5 : Der Hauptkonsum mit Briefkasten und Großbäckerei

Person

Wolfgang Hilbig

Ort

Konsum-Kaufhaus Meuselwitz

Themen

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Gegenwart

Autor

Volker Hanisch

Thüringer Literaturrat e.V.

Das Kauf­haus an der Rudolf-Breit­scheid-Straße 6 wurde 1901 vom Kon­sum­ver­ein Meu­sel­witz erbaut und war als »Haupt­kon­sum« lange Zeit das größte der Kauf­häu­ser in der Stadt. In den 1950er-Jah­ren arbei­tete hier zeit­weise auch Wolf­gang Hil­bigs Mut­ter als Ver­käu­fe­rin. Links neben dem Ein­gangs­be­reich zum heute geschlos­se­nen Haus befand sich über viele Jahre hin­weg ein Brief­kas­ten, des­sen erste Tages­lee­rung in DDR-Zei­ten schon um 4.30 Uhr statt­fand. Wenn Hil­big seine Briefe nicht per Ein­schrei­ben (wie zum Bei­spiel an den S. Fischer Ver­lag) auf der Haupt­post in der Bahn­hof­straße auf­gab, warf er seine Post in eben jenen Brief­kas­ten, von dem heute noch ein »Abdruck« an der Fas­sade erkenn­bar ist. Lite­ra­risch ist die­sem oft­mals nächt­li­chen »Gang zum Brief­kas­ten« mit dem Beginn der Erzäh­lung »Die Erin­ne­run­gen« (1996) ein Denk­mal gesetzt:

Es war merk­wür­dig, daß es ihn in der Nacht, am dunk­len Mor­gen, noch ein­mal auf die Straße trieb. – Wie sollte er es nen­nen: Eine Gewohn­heit, eine Unruhe von frü­her, die mit ihm alt gewor­den war? Er wollte eigent­lich nichts mehr davon wis­sen! – Zum Bei­spiel ging er nach vorn zum Brief­kas­ten, zu nacht­schlaf­ner Zeit, wie er es inzwi­schen aus­drückte. Und er wußte, daß er es dabei ver­mied, auf einen der­je­ni­gen zu tref­fen, die schon so früh, in der Stunde zwi­schen vier und fünf, auf ihrem täg­li­chen Weg zur Arbeit waren. C. gehörte schon lange nicht mehr dazu, seit mehr als fünf­zehn Jah­ren nicht, aber unten in der dunk­len Straße, auf dem viel­leicht fünf­hun­dert Meter lan­gen Stück bis zum Brief­kas­ten, war ihm deut­lich, daß ein Unbe­ha­gen aus der dama­li­gen Zeit noch tief in ihm steckte. Sonst schwieg die­ses Unbe­ha­gen, er war durch­aus unemp­find­lich gegen den Gedan­ken daran, doch zu jener gewis­sen Stunde reagierte etwas in ihm … Ganz auto­ma­tisch! sagte er sich.

An das Kon­sum­kauf­haus schloss sich außer einem Ver­wal­tungs­ge­bäude noch eine Groß­bä­cke­rei an, deren heu­tige Ruine man gleich nach der Stra­ßen­ecke in der Les­sing­straße erblickt.

Wollte man den Mord an einem frü­he­ren, Post abfan­gen­den und jetzt erpres­se­ri­schen Stasi-Spit­zel, der in Hil­bigs vir­tuos-dra­ma­ti­scher Erzäh­lung »Der dunkle Mann« (2002) zunächst »wie aus dem Boden gewach­sen, in der Dun­kel­heit am Brief­kas­ten« steht, ver­or­ten, dann hier: Der Ich-Erzäh­ler folgt dem »dunk­len Mann« »bis zu der gro­ßen Tor­ein­fahrt der ehe­ma­li­gen Bäcke­rei«, ersticht ihn, ver­steckt den Leich­nam vor­erst auf dem Bäcke­rei­hof und trans­por­tiert ihn in der nächs­ten Nacht ab, um ihn in einem alten Kes­sel­haus schließ­lich in den Füll­schacht zu wer­fen:

Es war ziem­lich leicht, auf dem geräu­mi­gen Bäcke­rei­hof ein geeig­ne­tes Gefährt zu fin­den; ich brauchte dazu nicht ein­mal die Taschen­lampe, denn ab und zu brach Mond­schein durch die auf­ge­ris­se­nen Wol­ken. Einige soge­nannte Sack­kar­ren – damit hatte man frü­her die Mehl­sä­cke trans­por­tiert – lagen oder stan­den in einem Win­kel herum. Ich suchte mir die beste davon aus: sie mußte mög­lichst laut­los fah­ren; die zwei klei­nen gum­mi­be­reif­ten Räder muß­ten noch mög­lichst viel Luft ent­hal­ten. Vor dem Ver­wal­tungs­ein­gang legte ich die Sack­karre flach auf den Boden und bet­tete sei­nen Kör­per dar­auf […]

 Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz:

  1. Das Geburtshaus
  2. Die Hochfrequenzwerkstätten
  3. Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße/Nordstraße mit Blick zum Auholz
  4. Die Schule
  5. Der Hauptkonsum mit Briefkasten und Großbäckerei
  6. Die Gaststätten
  7. Der Bahnhof
  8. Die Maschinenfabrik – Ecke Bahnhofstraße und Penkwitzer Weg
  9. Wuitz-Mumsdorf – Exkurs zum »Kesselhausfasan«
  10. Das Stadtzentrum
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