Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz
10 : Das Stadtzentrum

Person

Wolfgang Hilbig

Ort

Markt Meuselwitz

Themen

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Gegenwart

Autor

Voker Hanisch

Thüringer Literaturrat e.V.

Die Meu­sel­wit­zer Stadt­kir­che auf dem Markt stammt ursprüng­lich von 1687 und wurde 1740 nach Plä­nen eines unga­ri­schen Bau­meis­ters in ihre jet­zige Form umge­baut. In der Mar­tins­kir­che wurde Wolf­gang Hil­big am 27. Juni 1943 evan­ge­lisch-luthe­risch getauft und am 25. März 1956 kon­fir­miert. Spä­ter trat er aus der Kir­che aus.

Leben­dig geblie­ben ist eine »Meu­sel­wit­zer Markt­platz­im­pres­sion der DDR-Zeit« in Hil­bigs Roman »,Ich‘«, wo sich der Erzäh­ler W. erin­nert:

Der Win­ter die­ses Jah­res – sei­nes letz­ten Jah­res in der Klein­stadt – war lang anhal­tend, eisig und tro­cken, er blieb bei­nahe ganz ohne Schnee. Andau­ernd stan­den die dich­ten, bei­ßend kal­ten Nebel in den Stra­ßen, die mit den schwef­li­gen Abga­sen schlecht bren­nen­der Kohle geschwän­gert waren, die ganze Stadt befand sich im Wür­ge­griff die­ser las­ten­den und unbe­weg­li­chen Atmo­sphäre. Die Stra­ßen beleb­ten sich nur für wenige Stun­den am Spät­nach­mit­tag, wenn in den Fabri­ken Arbeits­schluß war. Dann füllte sich das gespens­tisch beleuch­tete Zen­trum um den Markt­platz mit eili­gen und ver­mumm­ten Fuß­gän­gern, wel­che die uner­läß­lichs­ten Ein­käufe erle­dig­ten, und mit einer Viel­zahl krie­chen­der und rauch­spei­en­der Autos, deren sich über­kreu­zende Schein­wer­fer­strah­len das has­tige Wirr­warr voll­ends in Stü­cke ris­sen, in dem jeder auf einer sinn­lo­sen Flucht für sich war.

Das neo­go­ti­sche Rat­haus mit gegen­über­lie­gen­dem Stadt­haus wurde 1861/62 erbaut. Das Stadt­haus ver­fügte über eine Gast­stätte und in der ers­ten Etage über einen gro­ßen Saal, in dem man sich an den Wochen­en­den beim Tanz ver­gnügte und so man­cher Trop­fen durch die Keh­len floss. Im Jahr 2008 riss man das nun­mehr bau­fäl­lige Stadt­haus ab, ledig­lich der Kopf­bau (Am Rat­haus 6) dient bis heute als Spar­kasse. An die frü­here Gast- und Begeg­nungs­stätte mit ihrem bun­ten Trei­ben erin­nern aber einige Graf­fiti an der Mauer in der Rat­haus­straße.

Sowohl die wochen­tags geöff­nete Gast­stätte als auch den »Saal« besuchte Wolf­gang Hil­big oft – ein lite­ra­ri­sches Zeug­nis davon (und auch von der im Rat­haus einst unter­ge­brach­ten Poli­zei­wa­che) fin­det sich in sei­nem Roman »Eine Über­tra­gung« (1989):

Am Abend des Sonn­tags saß ich mit mei­nem Freund S. und eini­gen ande­ren im Stadt­haus, der zen­tra­len Gast­stätte des Ortes, und wir spra­chen dem Alko­hol zu. Ich hatte nicht kom­men wol­len, da aus­ge­macht war, uns alle­samt nach Gast­stät­ten­schluß noch bei S. zu tref­fen, um das Gelage, auf­grund irgend­ei­nes Geburts­ta­ges, fort­zu­set­zen. Ich hatte in die­ser Woche viel zu fei­ern gehabt, anläß­lich des sehr guten Abschnei­dens in mei­ner Qua­li­fi­ka­ti­ons­prü­fung, doch auch wegen der die Prü­fungs­wo­che ein­rah­men­den Fei­er­tage. Am Sonn­tag­abend war ich ent­schlos­sen gewe­sen, mich Schreib­ver­su­chen zu wid­men, um danach mit dem Fahr­rad zur Nacht­schicht zu fah­ren, aber der Durst, die Nach­wir­kung des Alko­hols der ver­gan­ge­nen Früh­schicht­wo­che, Kopf­schmer­zen sowie Unaus­ge­schla­fen­heit und Schwä­che, gleich­falls Fol­gen jener durch­zech­ten Nächte, hat­ten mich dann doch in die Kneipe getrie­ben […]

In der frü­hen Nacht des 7. Mai 1978 kommt es in der Grün­an­lage gegen­über dem Süß­wa­ren­ge­schäft Am Rat­haus 14 (heute ein Döner-Imbiss) zu einem soge­nann­ten Fall der »Miß­ach­tung staat­li­cher und gesell­schaft­li­cher Sym­bole«: Das Volks­po­li­zei­kreis­amt Alten­burg teilt den über­ge­ord­ne­ten staat­li­chen Stel­len in einem Tele­gramm kurz danach mit, jemand habe einen »ca. 5 m lange[n] fah­nen­mast aus [dem] erd­bo­den her­aus­ge­ris­sen«, »an wel­chem eine 3 mal 1 m lange staats­flagge der ddr befes­tigt war«, und dass diese Flagge »im unte­ren teil (gol­de­ner strei­fen) ange­brannt« wor­den sei.

Unter bis heute nicht ganz geklär­ten Umstän­den wird Wolf­gang Hil­big der Mit­tä­ter­schaft beschul­digt, zunächst ver­hört, am 10. Mai ver­haf­tet, ins Unter­su­chungs­ge­fäng­nis nach Leip­zig gebracht und dort bis zum 3. Juli inhaf­tiert. Eine Anklage wegen des »Fah­nen­de­likts« wird schließ­lich fal­len gelas­sen, doch die Gele­gen­heit für die Mit­ar­bei­ter der Staats­si­cher­heit ist güns­tig: In meh­re­ren Ver­hö­ren befragt man Hil­big zu sei­nen Kon­tak­ten in die Bun­des­re­pu­blik.

Seit 1977 hatte sich der west­deut­sche Ger­ma­nist und Lite­ra­tur­re­dak­teur Karl Corino für den Dich­ter ein­ge­setzt, mit einer Radio­sen­dung im Hes­si­schen Rund­funk und der Ver­mitt­lung an Ver­lage. Eine erste Buch­ver­öf­fent­li­chung Hil­bigs im Frank­fur­ter S. Fischer Ver­lag stand zu erwar­ten. So war Hil­big als »feind­lich-nega­ti­ver Nach­wuchs­au­tor« ohne­hin der ver­stärk­ten Über­wa­chung durch den DDR-Geheim­dienst in einer »Ope­ra­ti­ven Per­so­nen­kon­trolle« aus­ge­setzt (OPK »Lite­rat«).

Am Ende sei­ner Haft­zeit drängte man den Arbei­ter und Autor zu einer Zusam­men­ar­beit mit der Stasi, doch Wolf­gang Hil­big lehnte ab: mit dem Hin­weis auf seine »Hal­tung als Lite­rat« und dar­auf, dass er »in sei­nen BRD-Part­nern keine Feinde sähe«.

Bis 1987 wuchs Hil­bigs Obser­va­ti­ons­akte schließ­lich auf über 10000 Sei­ten an. Das Gefühl, ver­folgt und bespit­zelt zu wer­den, war also keine Wahn­vor­stel­lung, und der Hei­zer C. in Hil­bigs »Eine Über­tra­gung« resü­miert:

Wahr­schein­lich mußte ich erst im Gefäng­nis lan­den, ehe ich bemerkte, daß das beharr­li­che Zurück­blei­ben in mei­ner Geburts­stadt dazu ange­tan war, mich zu ver­nich­ten. […] Es war nur mit schein­bar kon­tro­ver­sen Begrif­fen aus­zu­drü­cken: soweit ich mich zurück­er­in­nerte, war diese Stadt, die mein Heim war, für mich eine unheim­li­che Stadt gewe­sen.

 

Lek­tü­re­emp­feh­lun­gen:

  1. Alte Abde­cke­rei. Erzäh­lung, S. Fischer Ver­lag, Frank­furt am Main 1991.
  2. Die Arbeit an den Öfen. Erzäh­lun­gen, Frie­denauer Presse, Ber­lin 1994.
  3. Bir­git Dah­lke: Wolf­gang Hil­big, Han­no­ver 2011.
  4. Peter Braun und Ste­phan Pabst in Zusam­men­ar­beit mit dem Lese-Zei­chen e.V. (Hg.): Hil­bigs Bil­der, Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2013.
  5. Mar­gret Franz­lik: Erin­ne­rung an Wolf­gang Hil­big, Tran­sit Buch­ver­lag, Ber­lin 2014.
  6. Michael Opitz: Wolf­gang Hil­big. Eine Bio­gra­phie, S. Fischer Ver­lag, Frank­furt am Main 2017.

 Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz:

  1. Das Geburtshaus
  2. Die Hochfrequenzwerkstätten
  3. Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße/Nordstraße mit Blick zum Auholz
  4. Die Schule
  5. Der Hauptkonsum mit Briefkasten und Großbäckerei
  6. Die Gaststätten
  7. Der Bahnhof
  8. Die Maschinenfabrik – Ecke Bahnhofstraße und Penkwitzer Weg
  9. Wuitz-Mumsdorf – Exkurs zum »Kesselhausfasan«
  10. Das Stadtzentrum
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