Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz

Eigentlich ist Meuselwitz eine recht gewöhnliche kleine Stadt im Ostthüringischen – auf der Karte der Weltliteratur aber erheben sich hier fantastische Landschaften. Wir verdanken dies dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig (1941–2007), der fast zwei Drittel seines Lebens in seiner Geburtsstadt zubrachte und sie (mit Novalis gesprochen, den er sehr früh für sich entdeckte) mit großartiger literarischer Geste »poetisierte«.

Im Erzählwerk Hilbigs, das – Kurzprosa, Geschichten und Romane – etwa 70 Texte umfasst, begegnet uns die Kleinstadt in mehr als 30 davon: als »M.« oder in der oftmals detailgetreuen Beschreibung konkreter Örtlichkeiten. Hinzu kommen Gedichte wie »Unsicheres Ufer (M.)« oder »Elaborat in M.«

Gewiss gibt es landauf, landab Heimatdichter, die ihrem Herzensort literarische Denkmäler setzen, allein: Wolfgang Hilbig, der schreibende Arbeiter aus Meuselwitz, der die Stadt zur Kulisse beklemmender Phantasmagorien macht und seine Figuren durch den Müll ihrer Albträume waten lässt, gehört nicht dazu. Vielmehr ist die Fülle der Meuselwitzer Schauplätze in der eigenwilligen Atmosphäre dieses literarischen Werks ein außergewöhnliches Phänomen.

Selbstverständlich haben einige jener Plätze – vom Geburtshaus bis hin zu den verschiedenen Fabriken – weitreichende biografische Bedeutung, und so können wir auf Wolfgang Hilbigs Spuren das »literarische Meuselwitz« doppelt erkunden: Während wir die tatsächlichen Stationen eines Dichterlebens auf uns wirken lassen, stehen wir mitten in den Kulissen seiner Dichtung.

In einer Zusammenschau von Historisch-Biografischem einerseits und Literarisiertem andererseits sollen also im folgenden literarischen Spaziergang einige »Hilbig-Orte« vorgestellt werden: faktische und fiktionale. Die zehn Stationen (mit Ausnahme von Nr. 9) sind in der aufgeführten Reihenfolge auch fußläufig erreichbar. Die Zitate aus Hilbigs Prosa sollen dazu dienen, die Orte aus Leben und Werk mit den Augen des Dichters zu sehen – und dazu anregen, den jeweiligen Ursprungstext insgesamt zu lesen.

Die Stadt mit den Augen des Dichters sehen? Das heißt auch mitzuverfolgen, wie sie in den Mittelpunkt jenes großen kultur- und naturphilosophischen Zusammenhangs rückt, den Wolfgang Hilbig für sich zu ergründen sucht, wie hier in der Erzählung »Der Nachmittag«:

Wahrscheinlich hatte mein Nachdenken über diese Stadt zu einer Zeit begonnen, die sich inzwischen in mythischer Dämmerung verloren hatte. Tatsächlich hatte ich immer wieder versucht, mir ein Bild von der Stadt zu machen, die da draußen, wenn ich nicht irrte, noch vorhanden war, die sich wahrscheinlich immer noch um meinen erhellten Innenraum scharte, gefroren und steinern und hohl. Ich hatte mir sogar eingeredet, daß dies meine einzige Aufgabe sei … und es war mir vielleicht gerade deshalb zu einem Vorhaben ohne Sinn und Nutzen geworden. Oft genug meinte ich, ich müsse die Stadt erst noch erfinden: indem ich sie beschrieb … auf andere Weise konnte sie womöglich keine Existenz gewinnen. Die Tatsache, daß ich in ihr geboren war, reichte zum Beweis ihrer Existenz nicht aus …

Hilbig, der seine Heimat in mythische Dunkelheit taucht, allegorisiert und verschwimmen lässt, schreibt somit nie vordergründig über die DDR oder Meuselwitz, auch wenn der Alltag seiner Figuren hier stattfindet. Das ist wesentlich, weil sich um ihn als Kritiker der DDR-Gesellschaft inzwischen zahllose Legenden ranken. Werfen wir an den biografischen Stationen aber einen Seitenblick auf seine schriftstellerische Entwicklung in der DDR, so können wir Legende und Wirklichkeit voneinander scheiden.

Wolfgang Hilbig und Meuselwitz – das ist eine in faszinierenden Metaphern abrollende ewige Annäherung des Dichters an (s)einen Ursprung, dem wir bei unserem Spaziergang recht nahekommen werden, weil dieses »Lebensthema« des Georg-Büchner-Preisträgers ohne die Braunkohlestadt nicht vorstellbar ist. Hilbig dazu in einem Gespräch aus dem Jahr 1990:

Ich glaube, ich bin einer von den Schriftstellern, die ewig an einem Thema hängen und nie glauben, das Thema bewältigen zu können. Die DDR und die Landschaft um Meuselwitz werden für mich unausrottbar vorhanden sein; ich habe ja geradezu fiebrige Wurzeln in diese Erde geschlagen. Man kann nur von dem schreiben, was man selber ist, was man gerochen, gesehen, geschmeckt hat, was man durchleiden mußte. Alles ist immer wieder in mir gegenwärtig.

Alle Zitate aus Wolfgang Hilbigs Werken sind der seit 2008 im S. Fischer Verlag Frankfurt/Main erscheinenden Werkausgabe, herausgegeben von Jörg Bong, Jürgen Hosemann und Oliver Vogel, entnommen. Für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe sei der S. Fischer Stiftung in Berlin gedankt.

 Auf Wolfgang Hilbigs Spuren in Meuselwitz:

  1. Das Geburtshaus
  2. Die Hochfrequenzwerkstätten
  3. Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße/Nordstraße mit Blick zum Auholz
  4. Die Schule
  5. Der Hauptkonsum mit Briefkasten und Großbäckerei
  6. Die Gaststätten
  7. Der Bahnhof
  8. Die Maschinenfabrik – Ecke Bahnhofstraße und Penkwitzer Weg
  9. Wuitz-Mumsdorf – Exkurs zum »Kesselhausfasan«
  10. Das Stadtzentrum

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