Auf den Spuren von Walter Werner in Vachdorf
2 : Aussichtshütte auf dem Krayen

Person

Walter Werner

Ort

Vachdorf

Thema

Von 1945 bis zum Ende der DDR

Autor

Andreas Seifert

Thüringer Literaturrat e.V.

Eben­falls orts­bild­prä­gend ist eine steil auf­stei­gende Muschel­kalk­höhe im Nor­den Vach­dorfs mit Aus­sichts­punkt: der Krayen. Dort­hin gelangt man in etwa 15 Minu­ten nach Que­rung von Werra­b­rü­cke und Bahn­damm, indem man der Straße Rich­tung Maris­feld bis etwa auf Pla­teau­höhe folgt, dann links abbiegt. Der Steil­hang zwi­schen Aus­sichts­punkt und Bahn­hof war für Wal­ter Wer­ner als Kind und Jugend­li­chen ein belieb­ter Auf­ent­halts­ort.

 

Ich befand mich wie so oft an tro­cke­nen, war­men Tagen in der Steil­wand unse­res Bahn­hofs, dem ich auf den Bahn­steig und auf das Dach schaute, vor­sich­tig in mei­nen Bewe­gun­gen, damit sich keine Steine lös­ten und ihm auf die Zie­gel spran­gen. Von mei­nem Hoch­sitz aus machte ich unge­wöhn­li­che Orts- und Flur­be­ge­hun­gen. Nur die Augen arbei­te­ten, wäh­rend die Füße ruh­ten. Hei­mat­kunde im Rund­blick. Mit mei­nem Rücken lehnte ich am moos­feuch­ten Grat des Thü­rin­ger Wal­des, und mein aus­ge­streck­ter Arm streifte den blauen Schleier der basal­te­nen Rhön­berge. Von dort oben wagte ich den Ein­stieg in die Dach­bö­den der unter mir lie­gen­den Häu­ser, um sie nach musea­len Gesichts­punk­ten, dem Fun­dus alter Schrif­ten, Sti­che und Gefäße und Werk­zeuge zu ent­rüm­peln. Höhe ver­half zur Über­sicht, ver­grö­ßerte und wei­tete den Hori­zont, auch die per­sön­li­chen Frei­hei­ten nah­men zu. Die Land­schaft hatte Per­spek­tive, nur die Men­schen darin wur­den mit­un­ter zu Gefan­ge­nen, unter mei­nem Hoch­sitz wirk­ten sie wie Spiel­zeuge, wie Mario­net­ten, die von Schnür­chen aus einem Hof in den ande­ren und über die Straße gezo­gen wur­den. Sie hat­ten Maus­ge­sich­ter, wenn sie um den Gast­hof bogen, und hat­ten nur die Mög­lich­keit, zwi­schen zwei wei­te­ren Höfen, dem Bahn­hof und dem Fried­hof, ihren Spiel­raum zu durch­mes­sen. (…)
Ich beob­ach­tete, wie in der Ferne der Mit­tags­zug auf die Sta­tion zurollte und nach meh­re­ren wol­ki­gen Dampf­stö­ßen am Bahn­hof hielt. (…) An jenem Tag sprang ein Mann in Wehr­machts­uni­form aus dem Zug, knö­chel­hohe Schuhe an den Füßen, kurze Stoff­ga­ma­schen dar­über. Er und der Zug­füh­rer, ein Schaff­ner und unser Sta­ti­ons­vor­ste­her zerr­ten einen leb­lo­sen Kör­per in oliv­far­bi­ger Uni­form, dem das Schuh­werk aus­ge­zo­gen und das Gesicht mit Fuß­lap­pen zuge­deckt war, aus einem Son­der­ab­teil. Sie hat­ten es eilig und leg­ten den Leb­lo­sen zwi­schen Gas­leuch­ten, Ölkan­nen und Signallam­pen im Neben­ge­bäude des Bahn­hofs nie­der. Und bevor noch der ver­störte Bahn­hofs­vor­ste­her ins gegen­über­lie­gende Grund­stück eines Kraft­wa­gen­be­sit­zers lief, um sich eine Zelt­bahn aus­zu­bor­gen und über den Toten zu wer­fen, wurde schon im Dorfe nach dem Poli­zei­die­ner geru­fen und erzählt, ein fran­zö­si­scher Kriegs­ge­fan­ge­ner habe auf dem Weg zur Über­füh­rung in die Irren­an­stalt den ihn beglei­ten­den Pos­ten ange­fal­len, wor­auf ihn der Sol­dat aus Not­wehr mit dem Gewehr­kol­ben erschla­gen hätte. Der Tod trug nun Uni­form.

 Auf den Spuren von Walter Werner in Vachdorf:

  1. Gedenktafel für Walter Werner in der Obendorfstraße
  2. Aussichtshütte auf dem Krayen
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