Sigrid Damm – »Goethes Freunde in Gotha und Weimar«

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Ulrich Kaufmann

Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« / Thüringer Literaturrat e.V. / Erstdruck in: Blättchen 19 / 2014.

Gele­sen von Ulrich Kauf­mann

Liebeserklärung an ihre Heimatstadt

 

Warum, fragt sich der Leser, über­schrieb Sig­rid Damm ihr drit­tes Buch, wel­ches sie  nach­ein­an­der über Wolf­gang Goe­the vor­legt, nicht mit dem klin­gen­den Stab­reim »Goe­thes Gotha«? Statt­des­sen wählt sie die etwas sper­rig wir­kende Lang­va­ri­ante »Goe­thes Freunde in Gotha und Wei­mar«. Mit die­ser For­mu­lie­rung spielt sie, gleich im Ein­gangs­satz, auf eine Goe­the­sche Wen­dung an, in der die­ser beide Fürs­ten­tü­mer in einem Atem­zuge genannt hatte: »Nun sag’ ich noch allen Freun­den in Wei­mar und Gotha ein treues Lebe­wohl!« Einige der Rezen­sen­ten haben nicht bemerkt, dass die Autorin im Buch­ti­tel die­sen bei­läu­fi­gen Goe­the-Gruß auf­nimmt, jedoch die Rei­hen­folge der Orts­na­men ver­tauscht. Ganz offen­kun­dig ging es Sig­rid Damm um die Nähe und Riva­li­tät der benach­bar­ten Fürs­ten­häu­ser, die Goe­the erlebte, mit­ge­stal­tete und über Jahr­zehnte aus­zu­ba­lan­cie­ren hatte. Man muss Goe­the nicht (mit Heine) einen »Fürs­ten­knecht« nen­nen, aber noch kla­rer als in den weit umfang­rei­che­ren his­to­ri­schen Büchern Sig­rid Damms zeigt sich hier, wie Goe­the das Höfi­sche durch­aus genoss, den­noch gewis­sen­haft sei­nen minis­te­ri­el­len Pflich­ten nach­kam und Zwänge zu erdul­den hatte.

Sig­rid Damm, das wis­sen wir seit ihrem Debüt mit dem Lenz-Buch »Vögel, die ver­kün­den Land« (1985), recher­chiert äußerst gewis­sen­haft und sie lässt auch hier die Quel­len spru­deln und die Fak­ten spre­chen. Und den­noch nimmt sie den Leser gleich zu Beginn des Buches auf einen Gedan­ken­spa­zier­gang mit: Was wäre aus Gotha und Wei­mar gewor­den, hätte sich der Autor des »Wert­her« für Gotha ent­schie­den, sei­ner­zeit die zweit­größte Stadt Thü­rin­gens. »Her­zog Ernst II. hätte ihm (Goe­the) ein reprä­sen­ta­ti­ves Haus…geschenkt…(Goethe) hätte andere große Geis­ter, Johann Gott­fried Her­der oder Fried­rich Schil­ler mög­li­cher­weise in die Stadt gezo­gen, hätte das baro­cke Thea­ter auf Schloß Frie­den­stein zur Blüte geführt, hätte sich in alles, was Archi­tek­tur und Kul­tur der Stadt betrifft, ein­ge­mischt, wie es seine Art war. Aber nicht der Phan­ta­sie wol­len wir Raum geben, son­dern den Tat­sa­chen.«

Das Damm­sche Gedan­ken­ex­pe­ri­ment ist inso­fern nicht abwe­gig, als Ernst II., Her­zog von Sach­sen-Gotha-Alten­burg, (1745–1804) kunst­in­ter­es­sier­ter war als Goe­thes Wei­ma­rer Freund und Mäzen Carl August. Auch war das Inter­esse des Gothaer Regen­ten an moder­nen Ent­wick­lun­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten wesent­lich aus­ge­präg­ter. Im Poli­ti­schen waren sich beide eben­falls näher. Bekannt­lich hat Goe­the, der Napo­leon-Ver­eh­rer, Carl Augusts Affi­ni­tät zu Preu­ßen, mit allen mili­tä­ri­schen Kon­se­quen­zen, die er als Minis­ter mit­zu­tra­gen hatte, eher nur erdul­det. Auch die Jagd­liebe sei­nes Her­zogs blieb Goe­the über Jahr­zehnte fremd.

Sig­rid Damm singt zwar in ihrem jüngs­ten Goe­the-Buch ein Lob­lied auf Gotha, aber sie ver­schweigt Sach­ver­halte nicht, die Goe­the ver­letzt haben. So wur­den einige sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Bemü­hun­gen auf dem Gebiet der Optik , die er dru­cken ließ, von Gothaer Fach­wis­sen­schaft­lern ver­spot­tet. So herz­lich Goe­thes Bezie­hun­gen zu Ernst II. bis zu des­sen Tod 1804 waren, so wenig konnte er mit des­sen ers­tem Sohn Ernst August anfan­gen, der sich vor allem für Fri­su­ren und Pari­ser Par­fum inter­es­sierte und einen gewal­ti­gen Schul­den­berg hin­ter­ließ. Die­sem Fürs­ten ver­wei­gerte Goe­the gar sei­nen Antritts­be­such, man traf sich gele­gent­lich auf Kuren. Wenn es zu län­ge­ren Pau­sen oder atmo­sphä­ri­schen Stö­run­gen zwi­schen Goe­the und dem Gothaer Hof kam, ver­sucht Sig­rid Damm, so weit dies die Quel­len ermög­li­chen, die Gründe dafür zu klä­ren.

Wen­dun­gen wie »Davon spä­ter« oder »Haben wir Gotha ganz aus den Augen ver­lo­ren?« ste­hen für eine lockere Kom­po­si­tion, fast wird münd­li­ches Erzäh­len simu­liert. Durch das wie­der­holte »Wir« fühlt sich der Leser mit der Autorin im Bunde, wird er mit­ge­nom­men. Haupt­adres­sa­tin der vie­len im Buch zitier­ten, mit­un­ter inti­men Mit­tei­lun­gen bis 1786 (als Goe­the nach Ita­lien floh) ist seine engste Ver­traute, Char­lotte von Stein. Das Ver­hält­nis die­ser pla­to­nisch Lie­ben­den wird von Sig­rid Damm genau­es­tens erspürt. Zu ver­mu­ten bleibt, dass sie auf die­sen Stoff zurück­kom­men wird. Es wäre nicht das erste Mal, dass im aktu­el­len Buch die Kon­tu­ren des nächs­ten Pro­jekts erkennt­lich wer­den.

Sig­rid Damm hat ein streng his­to­ri­sches Werk vor­ge­legt. Es trifft aller­dings auf aktu­elle Kon­texte: Im Zeit­al­ter här­tes­ter Ver­tei­lungs­kämpfe, in denen es um mate­ri­elle Zuwen­dun­gen für den Erhalt des kul­tu­rel­len Erbes geht, zeigt die­ses ein­drucks­volle Buch, dass es sich bei Gotha um einen Stern ers­ter Güte oder (in der Spra­che der Kul­tur­po­li­ti­ker aus­ge­drückt) um einen »Leucht­turm« han­delt.

Wäre Sig­rid Damm nicht bereits an ihrem 70. Geburts­tag Ehren­bür­ge­rin Gothas gewor­den, müsste man sie die­ser Lie­bes­er­klä­rung an ihre Geburts­stadt wegen für diese Aus­zeich­nung vor­schla­gen. (Wie rich­tig hat­ten die Stadt­obe­ren bereits 2010 ent­schie­den!) Und rich­tig war die Idee, die Pre­miere für die­ses Buch am Geburts­tag des Dich­ters 2014 in der Goe­the­stadt Gotha zu ver­an­stal­ten.

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