Personen
Ort
Thema
Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution
Wulf Kirsten
Erstdruck in: Weimarer Kulturjournal 6/1994. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Jens Kirsten. Alle Kafka-Zitate nach: Franz Kafka, Tagebücher 1910-1923, Frankfurt a.M. 1951.
»Schon als wir im Treppenhaus unten saßen, lief sie mit ihrer kleinen Schwester an uns vorüber. Der Gipsabguss eines Windspiels, der unten im Treppenhaus steht, gehört in meiner Erinnerung mit zu diesem Laufen.« Die beiden Mädchen, die Franz Kafka und sein Freund Max Brod eines Sommersonntagvormittags des Jahres 1912 durchs Goethehaus am Frauenplan zu Weimar huschen sehen, sind die Töchter des Hausmeisters. »Sie« meint Margarethe Kirchner, eben sechzehn geworden. In ihrer Begleitung die achtjährige Schwester Martha.
Kafka, der sich gründlich auf die Bildungsreise präpariert hatte, kam als exzellenter Goethe-Kenner und wollte eine Woche auf den Spuren des genius loci wandeln. Bestimmendes Erlebnis dieser Sommerwoche, die der promovierte Jurist und Konzipist seinen hochlöblichen Dienstherren abgerungen hatte, wurde ein leibhaftiges Gretchen, das ihm als Inkarnation der literarisch sehr wohl vorgeformten Gestalt erschienen sein muss. Eine Begegnung, die sich nun ihrerseits ins Literarische wendet, wenn auch nur als eine beiläufige Episode, die als Schattenstrich eines abgegipsten Windspiels vorüberzuckt. Kafka sieht sein Gretchen im wehenden Sommerkleid, unter dem seine »bewegliche Körperlichkeit« in ihrer liebreizenden Jugendfrische zu spüren ist, meist umgeben von Freundinnen oder im Kreise ihrer Familie, eingezwängt in die Formen und Formeln kleinbürgerlicher Wohlanständigkeit, was der »kleinen, ganz zarten Beziehung« (Max Brod) von vornherein ihre linkisch-steifen Umgangskonventionen gibt, zu denen andererseits auch der frauenscheue Kafka beisteuert. Er sieht sie jeden Tag, läuft ihr nach in die Erfurter Straße, wo die Hausmeisterstochter, die ansonsten Mama an der Garderobe half, in die Geheimnisse des Weißnähens eingeweiht wurde, verfehlt sie allenthalben, erlebt einen zappeligen Backfisch, der dem Tanzstundenball entgegenfiebert und Tränen um den Tanzstundenherrn vergießt. Das versprochene Rendezvous hält sie nicht. Kafka glaubt, er sei ihr gleichgültig wie ein Topf. Dem Reisejournal wird anvertraut: »Treffe Max angekleidet im Bett. Beide unglücklich. Wenn man das Leid aus dem Fenster schütten könnte.« So bewährte sich auch in Weimar seine Gabe, »aus dem vollen unglücklich zu sein«. Anderntags notiert er: »Sie kommt mit zwei Freundinnen. Ich greife sie heraus.« Als es am Ende doch noch gelingt, mit ihr allein eine Stunde im Park zu promenieren, vermag er die gefühlte Beziehungslosigkeit nur mühsam zu verbergen. Da weiß er schon, dass sie sich fremd sind und nichts mehr angehen. War nicht auch das lebenslustige, bildhübsche Mädchen Ausdruck jenes »Verlangens nach Menschen«, das ihn peinigt und »das sich in Angst verwandelt, wenn es erfüllt wird«?
Kafka war während seines Weimarbesuchs 29 geworden, ohne dass er davon die geringste Notiz genommen hätte. Im Gegensatz zu dem ein Jahr jüngeren Freund, der bereits elf Bücher vorzuweisen hatte, war er für die literarische Öffentlichkeit noch ein Herr Niemand. Der Schriftsteller und dilettierende Astronom Johannes Schlaf kommentierte den Besuch der beiden Prager Doctores »von echt czechischem Äußeren« in seinem Tagebuch. Kafka schätzte er auf 25 Jahre, während der Besucher selbst von sich behauptete: »Bis zum 40. Jahr werde ich wie ein Knabe aussehen, um dann plötzlich ein vertrockneter Greis zu werden.« Fünf Wochen nach seiner Abreise aus Weimar wird er Felice Bauer begegnen.
Margarethe Kirchners ferneres Schicksal lässt an Brechts Marie A. denken. 1915 wurde sie Mutter einer Tochter, 1916 heiratete sie den kaufmännischen Angestellten Walter Müller (1893 bis 1957), mit dem sie ein unauffälliges Leben in und um Weimar führte, zeitweilig als Gastwirtin im Ilmdorf Hetschburg. Sie starb Neujahr 1954. Ein bescheidener Reihengrabstein auf dem Weimarer Friedhof nennt ihre Lebensdaten. Auf dem Friedhof zu Ehringsdorf findet sich ein Grabmal für ihre Eltern. Dort ist auch die jüngere Tochter Martha begraben, mit der Kafka, von seinem Gretchen erotisiert, vor lauter Verlegenheit und Nervosität einmal Ball gespielt hat.
Weimar eine Stadt, nicht nur mit blanker Geschichte gepflastert, ebenso eingesponnen in Lebensschicksale. Ein polierter Grabstein gibt Kunde von einer zarten Liebesgeschichte, die anfängt, die Zeiten zu überdauern. Immer, wenn ich via Ackerwand das Haus der Charlotte von Stein passiere, sehe ich Kafka auf dem steinernen Rand der Brunnenschale sitzen. Wenig später kommt Bauhäusler Moholy Nagy wie ein Verfolgter aus dem Park gekeucht, während auf der Treppe der Pension die Musikelevin Marlene Dietrich Frau Gropius begegnet, die sich später Alma Mahler-Werfel nannte. Weimar allerwegen, ein kleiner Ort, an dem sich berühmte Leute gern die Klinke in die Hand zu geben pflegen. Der Lokalheilige macht’s immer wieder aufs neue möglich.
Abb: unbekannter Fotograf, Weimar 1912.
›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio
Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]
URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/wulf-kirsten-kafkas-bildungsreise-nach-weimar-und-seine-sommerliebe-zu-gretchen-eine-kleine-ganz-zarte-beziehung/]