Wilhelm Bartsch – »Meckels Messerzüge«

Personen

Wilhelm Bartsch

Jens-Fietje Dwars

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Jens-F. Dwars

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstdruck in: Palmbaum, Heft 2/2026.

Jens‑F. Dwars

Wie­der­le­sen!

 

»… wir erle­ben stau­nend, wie sich aus einer ›Miss­ge­bur­ten­lehre‹ große Lite­ra­tur destil­lie­ren lässt«, so schwärmte 2011 der Deutsch­land­funk über die Erst­aus­gabe von »Meckels Mes­s­er­zü­gen« im Osburg-Ver­lag. Nach 15 Jah­ren ist der Roman nun wie­der greif­bar, in einer über­ar­bei­te­ten und leicht erwei­ter­ten Neu­auf­lage des Wall­stein-Ver­lags. Meckel von Hems­bach, so hieß eine ganze Dynas­tie von Ana­to­men, die von Halle aus­ging. Die »Bachs der Medi­zin­ge­schichte« nannte man sie. Johann Fried­rich Meckel der Jün­gere (1781 bis 1833) war der berühm­teste von ihnen. Sein Halb­bru­der Albrecht August (1790–1829) schreibt ihrer bei­der Lebens­ge­schichte für sei­nen eige­nen Sohn Hein­rich (1821–1856) auf.

Diese Bilanz soll der Roman sein. Der beginnt damit, dass die Brü­der 1803 ihren ver­stor­be­nen Vater Phil­ipp Fried­rich Theo­dor Meckel, sei­ner tes­ta­men­ta­ri­schen Fügung gemäß, ske­let­tie­ren. Ein bit­te­res Hand­werk, aber ein ehr­li­ches. Und es ist nicht dem Tod geweiht, son­dern den Leben­den, denen die ana­to­mi­schen Prä­pa­rate zur bes­se­ren Erkennt­nis ihrer selbst die­nen. Und genau das macht Wil­helm Bartsch mit dem Roman: Er schil­dert prä­zise das Sezie­ren der Lei­chen, ohne lust­vol­les Gru­seln zu erzeu­gen. Er seziert die Ver­hält­nisse, den Umgang der Leben­den mit­ein­an­der. Auch Mord und Tot­schlag – auf den Schlacht­fel­dern der Napo­leo­ni­schen Kriege. Albrecht schließt sich den Lüt­zower Frei­schär­lern an, erlebt die Bar­ba­rei der Schlach­ten, und zugleich eine der zar­tes­ten Lie­bes­ge­schich­ten der deut­schen Lite­ra­tur. Mit derbs­ter Herz­lich­keit zeich­net Bartsch den Par­ti­sa­nen­häupt­ling Lüt­zow, kalt stellt er die Kälte des deutsch­tü­meln­den Fana­ti­kers Jahn bloß. E.T.A. Hoff­mann tritt mit Fou­qué auf. Sein schöns­ter Ein­fall aber: ein rus­si­scher Gaul, der Brannt­wein liebt, und den Albrecht nach dem Dich­ter Jean Paul benennt.

Das Credo die­ser wun­der­ba­ren Span­nung aus Prä­zi­sion und frei­es­ter Fan­ta­sie: Es gibt keine Norm und es gibt keine Miss­ge­bur­ten, obwohl sie Meckel erforscht. »Es gibt nur unter­schied­li­che Indi­vi­duen, … nur die Man­nig­fal­tig­keit!« Und die ist das Leben selbst, des­sen Kraft die­ses Buch wie kein ande­res fei­ert, indem es schein­bar nur vom Tod handelt.

»Auf­kla­ren und erhei­tern« will es, wie die bes­ten Texte eines Arno Schmidt.

 

  • Wil­helm Bartsch: Meckels Mes­s­er­züge. Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2026, 421 S., 28 EUR
Diesen Artikel teilen:

Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/wilhelm-bartsch-meckels-messerzuege/]