Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit
6 : Mynona – »Goethe spricht in den Phonographen. Eine Liebesgeschichte«

Thema

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Autor

Salomo Friedlaender

Schwarz-Weiß-Rot. Grotesken, Leipzig 1916.

Es ist doch schade«, sagte Anna Pomke, ein zag­haf­tes Bür­ger­mäd­chen, »daß der Phonograph

nicht schon um 1800 erfun­den wor­den war!«

»Warum?« fragte Pro­fes­sor Abnossah Pschorr. »Es ist schade, liebe Pomke, daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mit­gift in die wilde Ehe brachte; es ist Man­ches schade, liebe Pomke.«

»Ach, Herr Pro­fes­sor, ich hätte wenigs­tens so gern Goe­thes Stimme noch gehört! Er soll ein so schö­nes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so gehalt­voll. Ach, hätte er doch in einen Pho­no­gra­phen spre­chen kön­nen! Ach! Ach!«

Die Pomke hatte sich längst ver­ab­schie­det, aber Abnossah, der eine Schwä­che für ihre piep­sige Mol­lig­keit hatte, hörte noch immer ihr Äch­zen. Pro­fes­sor Pschorr, der Erfin­der des Fern­tas­ters, ver­sank in sein habi­tu­el­les erfin­de­ri­sches Nach­den­ken. Sollte es nicht noch jetzt nach­träg­lich gelin­gen kön­nen, die­sem Goe­the (Abnossah war lächer­lich eifer­süch­tig) den Klang sei­ner Stimme abzu­lis­ten? Immer, wenn Goe­the sprach, brachte seine Stimme genau so regel­recht Schwin­gun­gen her­vor, wie etwa die sanfte Stimme dei­ner Frau, lie­ber Leser. Diese Schwin­gun­gen sto­ßen auf Wider­stände und wer­den reflek­tiert, so daß es ein Hin und Her gibt, wel­ches im Laufe der Zeit zwar schwä­cher wer­den, aber nicht eigent­lich auf­hö­ren kann. Diese von Goe­thes Stimme erreg­ten Schwin­gun­gen dau­ern also jetzt noch fort, und man braucht nur einen geeig­ne­ten Emp­fangs­ap­pa­rat, um sie auf­zu­neh­men, und ein Mikro­phon zur Ver­stär­kung ihrer inzwi­schen schwach gewor­de­nen Klang­wir­kun­gen, um noch heut­zu­tage Goe­thes Stimme laut­wer­den zu las­sen. Das Schwie­rige war die Kon­struk­tion des Emp­fangs­ap­pa­rats. Wie konnte die­ser spe­zi­ell auf die Schwin­gun­gen der Goe­the­schen Stimme berech­net wer­den, ohne daß Goe­the leib­haf­tig hin­ein­sprach? Fabel­hafte Geschichte! Dazu müßte man eigent­lich, fand Abnossah, den Bau der Goe­the­schen Kehle genau stu­die­ren. Er sah sich Bil­der und Büs­ten Goe­thes an, aber diese gaben ihm nur sehr vage Vor­stel­lun­gen. Schon wollte er das Ding auf­ge­ben, als er sich plötz­lich dar­auf besann, daß ja Goe­the selbst, wenn auch in Lei­chen­form, noch exis­tierte. Sofort machte er eine Ein­gabe nach Wei­mar, man möge ihm die Besich­ti­gung des Goe­the­schen Leich­nams, zum Zwe­cke gewis­ser Abmes­sun­gen, auf kurze Zeit gestat­ten. Er wurde aber mit die­ser Ein­gabe abschlä­gig beschie­den. Was nun? – Abnossah Pschorr begab sich, aus­ge­rüs­tet mit einem Köf­fer­chen voll feins­ter Abmes­sungs- und Ein­bruchs­in­stru­mente, nach dem lie­ben alten Wei­mar; neben­bei gesagt, saß dort im War­te­saal ers­ter Klasse die Stadt­be­kannte Schwes­ter des welt­be­kann­ten Bru­ders im anmu­ti­gen Gespräch mit einer alten Durch­laucht von Rudol­stadt; Abnossah hörte gerade die Worte: »Unser Fritz hatte stets eine mili­tä­ri­sche Hal­tung, und doch war er sanft, er war mit andern von echt christ­li­cher Sanft­mut – wie würde er sich über die­sen Krieg gefreut haben! und über das herr­li­che, ja hei­lige Buch von Max Sche­ler!« Abnossah schlug vor Schre­cken län­ge­lang hin. Er raffte sich nur mit Mühe wie­der auf und nahm Quar­tier im »Ele­phan­ten«. In sei­nem Zim­mer prüfte er die Instru­mente sorg­sam. Dann aber rückte er sich einen Stuhl vor den Spie­gel und pro­bierte nichts gerin­ge­res an als eine über­ra­schend por­trait­ähn­li­che Maske des alten Goe­the; er band sie sich vors Ant­litz und sprach hindurch:

»Du weißt, daß ich ganz sicher ein Genie,

Am Ende gar der Goe­the sel­ber bin!

Platz da, Sie Tau­sends­ap­per­lo­ter! Oder ich rufe Schil­lern und Karl Augus­ten, mei­nen Fürs­ten, zu Hülfe, er Töl­pel, er Substitut!«

Die­sen Spruch übte er sich ein, er sprach ihn mit sono­rer, tie­fer Stimme.

Zur spä­ten Nacht­zeit begab er sich an die Fürs­ten­gruft. Moderne Ein­bre­cher, die ich mir alle zu Lesern wün­sche, wer­den über die übri­gen Leser lächeln, die einen Ein­bruch in die wohl­be­wachte Wei­ma­rer Fürs­ten­gruft für unmög­lich hal­ten. Sie mögen aber beden­ken, daß ein Pro­fes­sor Pschorr, als Ein­bre­cher, kolos­sale Vor­teile vor noch so geschick­ten Ein­bre­chern von Fach vor­aus hat! Pschorr ist nicht nur der geschick­teste Inge­nieur, er ist auch Psy­cho­phy­sio­log, Hyp­no­ti­seur, Psych­ia­ter, Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Es ist über­haupt schade, daß es so wenige gebil­dete Ver­bre­cher gibt: wenn näm­lich dann alle Ver­bre­chen gelän­gen, so wür­den sie end­lich zur Natur der Dinge gehö­ren und so wenig bestraft wer­den wie Natur­er­eig­nisse: Wer stellt den Blitz zur Rede, daß er den Kas­sen­schrank des Herrn Meier schmelzt? Ein­bre­cher wie Pschorr sind mehr als Blitze, denn gegen sie hilft kein Ablenker.

Pschorr konnte ein Grau­sen her­vor­ru­fen und die vor Ent­set­zen fast Erstarr­ten oben­drein durch Hyp­nose an die Stelle ban­nen, und das in einem ein­zi­gen Augen­blick. Den­ken Sie sich, Sie bewach­ten um Mit­ter­nacht die Fürs­ten­gruft: auf ein­mal steht Ihnen der alte Goe­the gegen­über und bannt Sie fest, daß nichts mehr an Ihnen lebt als der Kopf. In sol­che Köpfe auf schein­to­ten Rümp­fen ver­wan­delte Pschorr die ganze Bewa­chungs­gilde. Bis der Krampf sich löste, blie­ben ihm gut und gern etwa zwei Stun­den, und diese nutzte er kräf­tig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Schein­wer­fer auf­zu­cken und fand auch bald den Sarg Goe­thes her­aus. Nach kur­zer Arbeit war er mit der Lei­che bereits ver­traut. Pie­tät ist gut für Leute, die sonst keine Sor­gen haben. Daß Pschorr zweck­ge­mäß am Kada­ver Goe­thes her­um­han­tierte, darf ihm nicht veargt wer­den, er nahm auch einige Wachs­ab­drü­cke, im übri­gen hatte er vor­ge­sorgt, daß er Alles und Jedes wie­der in die vorige Ord­nung brachte. Über­haupt sind gebil­dete Ama­teur-Ver­bre­cher zwar radi­ka­ler als die Fach­leute, aber grade diese Radi­ka­li­tät des exak­ten Gelin­gens gibt ihren Ver­bre­chen den ästhe­ti­schen Lieb­reiz der Mathe­ma­tik und rest­los auf­ge­lös­ter Rechenexempel.

Als Pschorr sich wie­der ins Freie begab, legte er noch einige Ele­ganz in diese Prä­zi­sion, indem er absicht­lich einen Pos­ten wie­der vom Bann befreite und ihn dann, wie oben, ins Gebet nahm. Dann riß er sich drau­ßen sofort die Maske vom Ant­litz und ging in lang­sams­tem Tempo zum »Ele­phan­ten«. Er freute sich, er hatte, was er gewollt hatte. Gleich am andern Mor­gen reiste er zurück.

Nun begann für ihn die regste Arbeits­zeit. Sie wis­sen, man kann nach einem Ske­lett den flei­scher­nen Leib rekon­stru­ie­ren, jeden­falls konnte das Pschorr. Die genaue Nach­bil­dung der Goe­the­schen Luft­wege bis zu Stimm­bän­dern und Lun­gen hatte für ihn jetzt keine unüber­wind­ba­ren Schwie­rig­kei­ten mehr. Die Klang­fär­bung und Stärke der Töne, die von die­sen Orga­nen her­vor­ge­bracht wur­den, war auf das leich­teste fest­zu­stel­len – brauchte man doch nur den Luft­strom, der Goe­thes nach­ge­mes­se­nen Lun­gen ent­sprach, hin­durch­strei­chen zu las­sen. Es dau­erte nicht lange, und Goe­the sprach, wie er zu sei­nen Leb­zei­ten gespro­chen haben mußte.

Allein es han­delte sich darum, daß er nicht nur die eigne Stimme, son­dern auch die Worte wie­der­holte, die er mit die­ser Stimme vor hun­dert Jah­ren wirk­lich gespro­chen hatte. Dazu war es nötig, in einem Raum, in dem sol­che Worte oft erschol­len waren, Goe­thes Attrappe aufzustellen.

Abnossah ließ die Pomke bit­ten. Sie kam und lachte ihn rei­zend an.

»Wol­len Sie ihn spre­chen hören?«

»Wen?« fragte Anna Pomke.

»Ihren Goe­the.«

»Mei­nen?! Nanu! Professor!«

»Also ja!«

Abnossah kur­belte am Pho­no­gra­phen, und man hörte: »Freunde, flieht die dunkle Kam­mer …« usw.

Die Pomke war eigen­tüm­lich erschüttert.

»Ja,« sagte sie has­tig, »genau so habe ich mir das Organ gedacht, es ist ja bezaubernd!«

»Frei­lich,« rief Pschorr. »Ich will Sie aber nicht betrü­gen, meine Beste! Wohl ist es Goe­the, seine Stimme, seine Worte. Aber noch nicht die wirk­li­che Wie­der­ho­lung wirk­lich von ihm gespro­che­ner Worte. Was Sie eben hör­ten, ist die Wie­der­ho­lung einer Mög­lich­keit, noch kei­ner Wirk­lich­keit. Mir liegt aber daran, Ihren Wunsch genau zu erfül­len, und darum schlage ich Ihnen eine gemein­same Reise nach Wei­mar vor.«

Im War­te­saal des Wei­ma­rer Bahn­hofs saß wie­der zufäl­lig die stadt­be­kannte Schwes­ter des welt­be­kann­ten Bru­ders und flüs­terte einer älte­ren Dame zu:

»Es liegt da noch etwas Aller­letz­tes von mei­nem seli­gen Bru­der; aber das soll erst im Jahre 2000 her­aus. Die Welt ist noch nicht reif genug. Mein Bru­der hatte von sei­nen Vor­fah­ren her die fromme Ehr­furcht im Blute. Die Welt ist aber fri­vol und würde zwi­schen einem Satyr und die­sem Hei­li­gen kei­nen Unter­schied machen. Die klei­nen ita­lie­ni­schen Leute sahen den Hei­li­gen in ihm.«

Pomke wäre umge­fal­len, wenn Pschorr sie nicht auf­ge­fan­gen hätte, er wurde dabei merk­wür­dig rot, und sie lächelte ihn rei­zend an. Man fuhr sofort nach dem Goe­the­haus. Hof­rat Pro­fes­sor Böf­fel machte die Hon­neurs. Pschorr brachte sein Anlie­gen vor. Böf­fel wurde stutzig:

»Sie haben Goe­thes Kehl­kopf als Attrappe, als mecha­ni­schen Appa­rat mit­ge­bracht? Ver­stehe ich Sie recht?« –

»Und ich suche um die Erlaub­nis nach, ihn im Arbeits­zim­mer Goe­thes auf­stel­len zu dürfen.« –

»Ja, gern. Aber zu was Ende? Was wol­len Sie? Was soll das bedeu­ten? Die Zei­tun­gen sind grade von etwas Son­der­ba­rem so voll; man weiß nicht, was man davon hal­ten soll. Die Pos­ten der Fürs­ten­gruft wol­len den alten Goe­the gese­hen haben, und einen habe er sogar ange­don­nert! Die Andern waren von der Erschei­nung so benom­men, daß man sie ärzt­lich behan­deln las­sen mußte. Der Groß­her­zog hat sich den Fall vor­tra­gen lassen.«

Anna Pomke blickte prü­fend auf Pschorr. Abnossah aber fragte verwundert:

»Was hat das aber mit mei­nem Anlie­gen zu tun? Es ist ja aller­dings kurios – viel­leicht hat sich ein Schau­spie­ler einen Scherz erlaubt?«

»Ah! Sie haben recht, man sollte ein­mal in die­ser Rich­tung nach­spü­ren. Ich mußte nur unwill­kür­lich … Aber wie kön­nen Sie Goe­thes Kehl­kopf imi­tie­ren, da Sie ihn doch unmög­lich nach der Natur model­lie­ren konnten?«

»Am liebs­ten würde ich das getan haben, aber lei­der hat man mir die Erlaub­nis versagt.«

»Sie würde Ihnen auch wenig genutzt haben, ver­mute ich.«

»Wieso?«

»Mei­nes Wis­sens ist Goe­the tot.«

»Bitte, das Ske­lett, beson­ders des Schä­dels würde genü­gen, um das Modell prä­zis zu kon­stru­ie­ren; wenigs­tens mir genügen.«

»Man kennt Ihre Vir­tuo­si­tät, Pro­fes­sor. Was wol­len Sie mit dem Kehl­kopf, wenn ich fra­gen darf?«

»Ich will den Stimm­klang des Goe­the­schen Organs täu­schend natur­ge­treu reproduzieren.«

»Und Sie haben das Modell?«

»Hier!«

Abnossah ließ ein Etui auf­sprin­gen. Böf­fel schrie son­der­bar. Die Pomke lächelte stolz.

»Aber Sie kön­nen doch«, rief Böf­fel, »die­sen Kehl­kopf gar nicht nach dem Ske­lett gemacht haben!?«

»So gut wie! Näm­lich nach gewis­sen genau lebens­gro­ßen und ‑ech­ten Büs­ten und Bil­dern; ich bin in die­sen Din­gen sehr geschickt.«

»Man weiß es! Aber was wol­len Sie mit die­sem Modell in Goe­thes ehe­ma­li­gem Arbeitszimmer?«

»Er mag da man­ches Inter­es­sante laut aus­ge­spro­chen haben; und da die Ton­schwin­gun­gen sei­ner Worte, wenn auch natür­lich unge­mein abge­schwächt, dort noch vibrie­ren müssen,«

»Sie mei­nen?«

»Es ist keine Mei­nung, es ist so!«

Ja?«

»Ja!«

»So wol­len Sie?«

»So will ich diese Schwin­gun­gen durch den Kehl­kopf hindurchsaugen.«

»Was?«

»Was ich Ihnen sagte.«

»Tolle Idee – Ver­zei­hung! aber ich kann das kaum ernst nehmen.«

»Desto drin­gen­der bestehe ich dar­auf, daß Sie mir Gele­gen­heit geben, Sie zu über­zeu­gen, daß es mir ernst damit ist. Ich begreife Ihren Wider­stand nicht, ich richte doch mit die­sem harm­lo­sen Appa­rate kei­nen Scha­den an!«

»Das nicht. Ich wider­strebe ja auch gar nicht, ich bin aber doch von Amts wegen ver­pflich­tet, gewisse Fra­gen zu stel­len. Ich hoffe, Sie ver­ar­gen mir das nicht?«

»Gott bewahre!«

Im Arbeits­zim­mer Goe­thes ent­wi­ckelte sich jetzt, im Bei­sein Anna Pom­kes, Pro­fes­sor Böf­fels, eini­ger neu­gie­ri­ger Assis­ten­ten und Die­ner, die fol­gende Szene.

Pschorr stellte sein Modell so auf ein Sta­tiv, daß der Mund, wie er sich ver­ge­wis­serte, dort ange­bracht war, wo der Lebende sich einst befun­den hatte, wenn Goe­the saß. Nun zog Pschorr eine Art Gum­mi­luft­kis­sen aus der Tasche und ver­schloß mit des­sen einem offen­ste­hen­den Zip­fel Nase und Mund des Modells. Er öff­nete das Kis­sen und brei­tete es wie eine Decke über die Platte eines klei­nen Tisches, den er her­an­schob. Auf diese Art Decke stellte er einen aller­liebs­ten Minia­tur­pho­no­gra­phen mit Mikro­phon­vor­rich­tung, den er sei­nem mit­ge­brach­ten Köf­fer­chen ent­nahm. Um den Pho­no­gra­phen herum wickelte er nun sorg­fäl­tig die Decke, schloß sie wie­der in Form eines Zip­fels mit win­zi­ger Öff­nung, schraubte in den offe­nen freien Zip­fel, dem Munde gegen­über, eine Art Blas­balg, der aber, wie er erklärte, die Luft des Zim­mers nicht in die Mund­höhle hin­ein­blies, son­dern aus ihr heraussaugte.

Wenn ich, dozierte Pschorr, den Nasen­ra­chen­raum des Modells jetzt gleich­sam aus­at­men lasse, wie beim Spre­chen, so funk­tio­niert die­ser spe­zi­ell Goe­the­sche Kehl­kopf als eine Art Sieb, wel­ches bloß die Ton­schwin­gun­gen der Goe­thes­dien Stimme hin­durch­läßt, wenn wel­che vor­han­den sind, und es sind gewiß wel­che vor­han­den. Soll­ten sie schwach sein, so ist eben der Appa­rat mit Ver­stär­kungs­vor­rich­tun­gen versehen.

Man hörte im Gum­mi­kis­sen das Sur­ren des auf­neh­men­den Pho­no­gra­phen. Ja, man konnte sich des Grau­sens nicht erweh­ren, als man innen undeut­lich eine lei­seste Flüs­ter­spra­che zu ver­neh­men glaubte. Die Pomke sagte:

»Ach bitte!« und legte ihr fei­nes Ohr an die Gum­mi­haut. Sie fuhr sofort zusam­men, denn innen rauschte es heiser:

»Wie gesagt, mein lie­ber Ecker­mann, die­ser New­ton war blind mit sei­nen sehen­den Augen. Wie sehr gewah­ren wir das, mein Lie­ber, an gar man­chem so offen Schei­nen­den! Daher bedarf inson­ders der Sinn des Auges der Kri­tik uns­res Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigent­lich auch aller Sinn. Aber die Welt spot­tet des Urteils, sie spot­tet der Ver­nunft. Was sie ernst­lich will, ist kri­tik­lose Sen­sa­tion. Ich habe das so oft schmerz­lich erfah­ren, werde aber nicht müde wer­den, aller Welt zu wider­spre­chen und nach mei­ner Art gegen New­ton Farbe zu bekennen.«

Das hörte die Pomke mit fro­hem Ent­set­zen. Sie zit­terte und sagte:

»Gött­lich! Gött­lich! Pro­fes­sor, ich ver­danke Ihnen den schöns­ten Augen­blick mei­nes Lebens.«

»Haben Sie etwas hören können?«

»Gewiß! Leise, aber so deutlich!«

Pschorr nickte zufrie­den. Er blas­balgte noch eine Weile und meinte dann:

Vor­läu­fig dürfte das genügen.

Bis auf den Pho­no­gra­phen ver­packte er alle Uten­si­lien wie­der in sei­nem Köf­fer­chen. Alle Anwe­sen­den waren inter­es­siert und erschro­cken. Böf­fel fragte:

»Sie glau­ben wirk­lich, Pro­fes­sor, einst­mals hier gespro­chene Worte Goe­thes reell wie­der auf­ge­fan­gen zu haben? ein ech­tes Echo aus Goe­thes eige­nem Munde?« –

»Ich glaube es nicht nur, son­dern bin des­sen gewiß. Ich werde jetzt den Pho­no­gra­phen mit Mikro­phon repe­tie­ren las­sen und sage Ihnen vor­aus, Sie wer­den mir recht geben müssen.«

Das bekannte hei­sere Zischen, Räus­pern und Quet­schen. Dann ertönte eine besondre Stimme, bei deren Klang alle Anwe­sen­den, Abnossah sel­ber, elek­tri­siert zusam­men­zuck­ten. Man hörte die soeben zitier­ten Worte. Sodann ging es weiter:

»Ei wohl! Er, New­ton, er hat es gese­hen. Hat er? Das kon­ti­nu­ier­li­che Far­ben­spek­trum? Ich aber, mein Bes­ter, ich wie­der­hole es, er hat sich getäuscht: er hat einer opti­schen Täu­schung bei­gewohnt und sel­bige kri­tik­los hin­ge­nom­men, froh dar­über, nur sogleich zäh­len und mes­sen und klü­geln zu kön­nen. Zum Teu­fel mit sei­nem Monis­mus, sei­ner Kon­ti­nu­ier­lich­keit, da doch ein Far­ben-Gegen­satz den Schein die­ser erst mög­lich macht! Ecker­männ­chen! Ecker­männ­lein! Blei­ben Sie mir ja im Sat­tel! Das Weiße – weder gibt es Farbe her, noch ist aus Far­ben jemals Wei­ßes zu gewin­nen. Son­dern es muß sich, durch ein Mit­tel, mit Schwarz mecha­nisch ver­bin­den, um Grau, und che­misch ver­mäh­len, um das bunte Grau der Far­ben erzeu­gen zu kön­nen. Und nicht Wei­ßes erhal­ten Sie, wenn Sie die Farbe neu­tra­li­sie­ren. Son­dern Sie stel­len dann den ursprüng­li­chen Kon­trast wie­der her, also Schwarz gegen Weiß: wovon man nun frei­lich nur das Weiße blen­dend klar sieht. Ich, Lie­ber, sehe die Fins­ter­nis ebenso klar; und hat New­ton allein ins Weiße, so habe ich, mein gar Wer­tes­ter, zudem noch ins Schwarze getrof­fen. Ich dächte doch, das sollte der wei­land Bogen­schütz in Ihnen baß bewun­dern! So und nicht anders ist und sei es! Und die fer­nere Enkel- – bedenkt man die absurde Welt, wohl gar allzu ferne Uren­kel­schaft wird über New­ton von mir lachen lernen!«

Böf­fel hatte sich gesetzt, alles jubelte durch­ein­an­der. Die Die­ner tram­pel­ten vor Ver­gnü­gen, wie die Stu­den­ten in des unge­heuer umwäl­zen­den, hoch­herr­li­chen Reu­ckens, des bie­der-dämo­ni­schen Grei­ses, flam­men­den Vor­le­sun­gen. Aber Abnossah sagte streng:

»Meine Herr­schaf­ten! Sie unter­bre­chen Goe­thes Rede! Er hat noch etwas zu sagen!«

Stille trat wie­der ein; man hörte:

»Nein und aber nein, mein Teu­ers­ter! Gewiß hät­ten Sie gekonnt, wofern Sie nur gewollt hät­ten! Der Wille, der Wille ist es, der bei die­sen New­to­nia­nern schlecht ist. Und ein schlech­tes Wol­len ist ein ver­derb­li­ches Kön­nen, ein täti­ges Unver­mö­gen, wovor es mich schau­dert, da ich es doch allent­hal­ben über und über gewahr werde und daran gewöhnt sein sollte. Der Wille, mein Guter, der Sie harm­los genug dar­über geson­nen sein mögen, ist der wahr­hafte Urhe­ber aller gro­ßen und klei­nen Dinge; und nicht das gött­li­che Kön­nen, son­dern das Wol­len ist es, das gött­li­che Wol­len, an dem der Mensch zuschan­den wird und alle seine Unzu­läng­lich­keit daran erweist. Wür­den sie gött­lich wol­len, so wäre das Kön­nen not­wen­dig und nicht nur leicht, und gar man­ches, mein Lie­ber, wäre all­täg­li­che Erfah­rung, was jetzt nicht ein­mal ahnungs­weise sich her­vor­wa­gen dürfte, ohne ange­fein­det oder ver­spot­tet zu werden.

Da war der junge Scho­pen­hauer, ein das Höchste ver­spre­chen­der Jüng­ling, voll vom herr­lichs­ten Wol­len, aber die­ses durch­aus ange­krän­kelt vom Wurm­fraß des Zuviels, der eig­nen Unge­nüg­sam­keit. Wie, in der Far­ben­lehre, ihn die reine Sonne ver­blen­dete, daß er die Nacht als keine andre Sonne, son­dern als null und nichts dage­gen gel­ten und wir­ken ließ, so bestach ihn im Gan­zen des Lebens des­sen unge­trüb­ter Glanz, gegen des­sen rei­nes Strah­len ihm das Men­schen­le­ben gar nichts und ver­werf­lich schien. Erse­hen Sie, mein Bes­ter! daß der reinste, ja, der gött­lichste Wille Gefahr läuft, zu schei­tern, wenn er unbe­dingt starr sich durch­zu­set­zen begie­rig ist: wenn er auf die Bedin­gun­gen, als auf ebenso viele mit Not­wen­dig­keit gesetzte Mit­tel sei­nes Kön­nens, nicht klüg­lich und geschmei­dig ein­zu­ge­hen, sich bequemt! Ja, der Wille ist ein Magier! Was ver­möchte er nicht! Aber der mensch­li­che Wille ist gar kein Wille, er ist ein schlech­ter Wille, und das ist der ganze Jam­mer. Ha! haha! hehe! hi!« Goe­the lachte sehr mys­te­riös und fuhr fast flüs­ternd fort: »Ich könnte sehr wohl, mein Köst­li­cher! Ihnen noch etwas anver­trauen, etwas ver­ra­ten. Sie wer­den es für ein Mär­chen hal­ten, mir selbst aber ist es zur vol­len Klar­heit auf­ge­gan­gen. Der eigne Wille kann das Schick­sal über­meis­tern, er kann es zwin­gen, daß es ihm diene, wenn er – nun hor­chen Sie wohl auf! – die gött­lich unge­meine, wenn er die schöp­fe­ri­sche Absicht und Anstren­gung, wel­che in ihm ruht und ange­spannt ist, kei­nes­wegs wähnte, auch noch über­dies in ange­streng­tes­ter Absicht­lich­keit äußern und durch die ange­straff­teste Mus­ku­la­tur nach außen hin wirk­sam sein las­sen zu sol­len. Sehen Sie die Erde, wie sie es dre­hend treibt! Wel­cher irdi­sche Fleiß! Wel­ches unauf­hör­lich bewegte Trei­ben! Aber wohlan, mein Ecker­männ­lein! die­ser Fleiß ist nur irdisch, die­ses Trei­ben nur mecha­nisch fatal – hin­ge­gen der magi­sche Son­nen-Wille gött­lich ruhend in sich sel­ber schwingt, und durch diese so höchst unge­meine Selbst­ge­nug­sam­keit jenen Elek­tro­ma­gne­tis­mus ent­wi­ckelt, wel­cher das ganze Heer der Pla­ne­ten, Monde und Kome­ten in die­nends­ter Unter­wür­fig­keit wim­melnd zu sei­nen Füßen ernied­rigt. Mein Lie­ber, wer es ver­stände, es erlebte, im aller­durch­lauch­tes­ten Geis­tes­sinne die­ser hehre Täter zu sein! – Allein, genug und aber­mals genug. Ich bin es gewohnt gewe­sen, wo ich andre und oft sogar Schil­lern frei schwär­men sah, mir Gewalt anzu­tun, jener so gött­li­chen Akti­vi­tät zu Liebe, von der man nur schwei­gen sollte, weil alles Reden hier nicht nur unnütz und über­flüs­sig wäre, son­dern, indem es ein albern gemei­nes Ver­ständ­nis, wo nicht gar das ent­schie­denste Miß­ver­ständ­nis erregte, sogar schäd­lich und hin­der­lich wer­den müßte. Den­ken Sie des, Trau­ter, und hegen es in Ihrem Her­zen, ohne daß Sie es zu ent­rät­seln trach­te­ten! Ver­traun Sie, daß es sich Ihnen einst von sel­ber ent­rät­seln werde, und gehen heut Abend mit Wölf­chen, den es schon gelüs­tet, ins Schau­spiel, da Sie denn mit Kot­ze­bue gelinde ver­fah­ren mögen, wie­wohl es uns widert!«

»O Gott«, sagte die Pomke, wäh­rend die andern begeis­tert auf Abnossah ein­dran­gen, »o Gott! Ach dürfte ich end­los zuhö­ren! Wie­viel hat uns die­ser Ecker­mann unterschlagen!«

Aus dem Appa­rat kam, nach gerau­mer Weile, ein Schnar­chen, dann gar nichts mehr. Abnossah sagte: »Meine Herr­schaf­ten, Goe­the schläft hör­bar. Wir hät­ten vor eini­gen Stun­den, wo nicht gar einem Tage, nichts mehr zu erwar­ten. Län­ge­res Ver­wei­len ist nutz­los. Der Appa­rat rich­tet sich, wie Ihnen ein­leuch­ten muß, so genau nach der Wirk­lich­keit des Zeit­ab­laufs, daß wir, an die­ser Stelle, güns­tigs­ten Falls, erst wie­der etwas hör­ten, falls Ecker­mann am sel­ben Abend nach dem Thea­ter noch­mals bei Goe­the erschie­nen wäre. Ich habe keine Zeit mehr, das abzuwarten.«

»Wie kommt es,« fragte Böf­fel, ein wenig skep­tisch, »daß wir gerade diese Aus­spra­che mit anhö­ren konnten?«

»Das ist ein Zufall,« erwi­derte Pschorr. »Die Bedin­gun­gen, vor allem die Struk­tur des Appa­rats und sein Stand­ort, waren zufäl­lig so getrof­fen, daß (wie aus­ge­rech­net) grade diese und keine andern Ton­schwin­gun­gen wirk­sam wer­den konn­ten. Allen­falls habe ich respek­tiert, daß Goe­the saß, und den Platz des Sessels.«

»Ach bitte, bitte! Abnossah!« (Die Pomke war wie im Rausch, fast mäna­disch, sie nannte ihn beim Vor­na­men, was noch nie gesche­hen war.) »Ver­su­chen Sie’s doch noch an einer andern Stelle! Ich kann nicht genug hören – und wenn’s auch nur das Schnar­chen wäre!«

Abnossah ließ den Appa­rat ver­schwin­den und schnallte den Kof­fer zu. Er war sehr blaß geworden:

»Meine liebe Anna – meine Gnä­digste,« ver­bes­serte er sich: »– ein ander­mal!« (Die Eifer­sucht auf den alten Goe­the zer­wühlte ihm das Eingeweide).

»Wie wäre es«, fragte Böf­fel, »mit Schil­lers Schä­del? Das würde ja den Streit ent­schei­den, ob man den ech­ten hätte.«

»Gewiß«, sagte Abnossah, »denn wenn man Schil­lern sagen hörte: ‚Wie wärsch mit e Scheel­den Hee­ßen?‘ – so wäre es nicht Schil­lers Schä­del. – Ich über­lege mir, ob sich die Erfin­dung nicht raf­fi­nie­ren ließe? Viel­leicht stelle ich einen Durch­schnitts­kehl­kopf her, an dem man schrau­ben kann, wie an einem Opern­gu­cker, um ihn an alle irgend mög­li­chen Schwin­gungs­ar­ten zu akkom­mo­die­ren. Man könnte dann die Antike und das Mit­tel­al­ter wie­der spre­chen hören, die rich­tige Aus­spra­che der alten Idiome fest­stel­len. Und die ver­ehr­ten Zeit­ge­nos­sen, die unan­stän­dige Dinge laut sag­ten, wären der Poli­zei auszuliefern.«

Abnossah bot der Pomke sei­nen Arm, und sie gin­gen wie­der nach dem Bahn­hof. Behut­sam tra­ten sie in den War­te­saal, aber die Stadt­be­kannte hatte sich schon ent­fernt. Abnossah sagte:

»Wenn sie mir den Kehl­kopf des berühm­ten Bru­ders aus­lie­ferte? Aber sie wird es nicht tun, sie wird ein­wen­den, das Volk sei noch nicht reif, und die Intel­li­genz habe nicht die Ehr­furcht des Vol­kes, und so ist nichts zu machen, Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist du! Du!«

Aber die Pomke hatte gar nicht hin­ge­hört. Sie schien zu träumen.

»Wie er die R’s betont!« hauchte sie beklom­men. Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte zerstreut:

»Sie sag­ten etwas, lie­ber Pschorr? Und ich ver­gesse den Meis­ter über sein Werk! Aber mir ver­sinkt die Welt, wenn ich Goe­thes eigne Stimme höre!«

Sie stie­gen zur Rück­fahrt in den Bahn­wa­gen. Die Pomke sprach nichts, Abnossah brü­tete stumm. Hin­ter Halle a. S. schmiß er das Köf­fer­chen mit dem Kehl­kopf Goe­thes aus dem Fens­ter vor die Räder eines aus ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung her­an­brau­sen­den Zuges. Die Pomke schrie laut auf:

»Was haben Sie getan?«

»Geliebt,« seufzte Pschorr, »und bald auch gele­bet – und mei­nen sieg­rei­chen Neben­buh­ler, Goe­thes Kehl­kopf, zu Schan­den gemacht.« Blut­rot wurde da die Pomke und warf sich lachend und hef­tig in die sich fest um sie schlin­gen­den Arme Abnossahs. In die­sem Moment erschien der Schaff­ner und for­derte die Fahrkarten.

»Gott! Nossah!« mur­melte die Pomke, »du mußt, du mußt mir einen neuen Kehl­kopf Goe­thes ver­schaf­fen, du mußt – sonst –«

»Kein Sonst! Apès les noces, meine Taube!«

 

Prof. Dr. Abnossah Pschorr

Anna Pschorr geb. Pomke

Ver­mählte

Zt. Wei­mar im »Ele­phan­ten«.

 Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit:

  1. Fritz Daum – »Aus der Musenphilisterstadt«
  2. Angela Böcklin – »Böcklin bei Hofe«
  3. Hermann Schlittgen – »Diogenes in der Tonne«
  4. Konrad Guenther – »Gerhard Rohlfs in der Villa Meinheim«
  5. Gabriele Reuter – »Ibsen in Weimar«
  6. Mynona – »Goethe spricht in den Phonographen. Eine Liebesgeschichte«
  7. Lily Braun – »Zaubernetz und Schatten der Vergangenheit«
  8. Richard Voß – »Schwankende Gestalten«
  9. Detlev von Liliencron: Brief an Alma Holtdorf
  10. Harry Graf Kessler – »Reinkulturen menschlichen Schimmelpilzes«
  11. Edwin Redslob – »Ein neues Weimar«
  12. Rainer Maria Rilke – »Brief an Helene von Nostitz«
  13. Otto von Taube – »Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Weimarer Goethe-Institut«
  14. Hermann Bahr – »Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen«
  15. Max Raphael – »Goethes Geburtstag in Weimar«
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