Tobias J. Knoblich – »Osten als Passage« / Manfred Jendryschik – »Deckweiss für alle!!«

Person

Jens-Fietje Dwars

Ort

Jena

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Jens-F. Dwars

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstdruck in: Palmbaum, Heft 2/2025.

Jens‑F. Dwars

Was war/ist der Osten?

 

Der Mit­tel­deut­sche Ver­lag gehörte ein­mal zu den ers­ten Adres­sen für reflek­tierte Lite­ra­tur in der DDR. In den 1960er Jah­ren debü­tierte hier eine neue Genera­tion streit­ba­rer Autoren mit Christa Wolf, Sarah und Rai­ner Kirsch, Vol­ker Braun, Peter Gosse u.a. Zu den dama­li­gen Lek­to­ren gehörte Man­fred Jen­dry­schik, gebo­ren 1943, der 1976 bis 1990 freier Schrift­stel­ler war, danach bis 1996 Kul­tur­de­zer­nent der Stadt Des­sau und schließ­lich wie­der frei­schaf­fen­der Autor.

Die vor­lie­gen­den Anek­do­ten aus der DDR-Kul­tur­welt, wie der Unter­ti­tel des Buches lau­tet, sind so etwas wie sein Ver­mächt­nis. Er starb, kurz bevor das Buch erschien.

Es ist aus einem rei­chen Fun­dus an Erfah­run­gen geschöpft und der Autor erweist sich ein­mal mehr als ein Meis­ter der klei­nen Form. Da er nicht nur Lek­tor war, son­dern als Vize-Bezirks­chef von Halle auch an Vor­stands­sit­zun­gen des DDR-Schrift­stel­ler­ver­ban­des teil­nahm, hat er viel aus ers­ter Quelle zu berich­ten. Begeg­nun­gen mit Alt­sta­li­nis­ten wie Otto Got­sche und kri­ti­schen Geis­tern wie Erich Loest oder Vol­ker Braun wer­den poin­tiert verdichtet.

Die schönste Anek­dote erzählt von Uwe Sae­ger, der 1987 den Bach­mann-Preis in Kla­gen­furt gewann. Auf der Heim­reise in die DDR habe er die Frage eines Zöll­ners, ob er West­geld mit sich führe, bejaht. Gefragt, wie­viel es sei, habe er ebenso wahr­heits­ge­mäß geant­wor­tet: 20.000 DM, das war sein Preis­geld. Der Zöll­ner dar­auf: »Keine Scherze mit DDR-Behörden.«

Groß­ar­tig: so lässt sich der Bier­ernst der DDR mit Iro­nie aus­he­beln. Lei­der sind aber nicht alle Texte so sou­ve­rän, erlag der Autor der Ver­su­chung, die Dumm­hei­ten in dem eins­ti­gen Land so zu fixie­ren wie sie waren. Inwie­weit es nach 1990 in den Ämtern klü­ger zuging, erfah­ren wir lei­der nicht.

Das ist auch das Pro­blem des zwei­ten Ban­des, des 58. und bis­lang umfang­reichs­ten in der Edi­tion Muschel­kalk der Lite­ra­ri­schen Gesell­schaft Thü­rin­gen. Tobias J. Knob­lich wurde 1971 in Zwi­ckau gebo­ren, war Kul­tur­di­rek­tor in Erfurt und ist seit 2024 Staats­se­kre­tär im Thü­rin­ger Minis­te­rium für Digi­ta­les. Als die DDR unter­ging war er 18, hat sie also bewusst bes­ten­falls fünf, sechs Jahre lang erlebt. Die­ses schmale Erfah­rungs­seg­ment ver­all­ge­mei­nert er den­noch zu »Wir«-Urteilen »des« Ostens. Des­sen Urein­woh­ner seien infolge all­ge­gen­wär­ti­gen Man­gels beschei­den und gewohnt, sich dem Kol­lek­tiv unterzuordnen.

»Der« Wes­ten dage­gen habe als Kon­strukt der Ossis das Gegen­teil ver­kör­pert: ein Para­dies an Frei­heit und Waren­fülle. Aus die­ser Feh­ler­war­tung seien dann alle Miss­ver­ständ­nisse ent­sprun­gen, an denen das ver­einte Land heute laboriere.

Das ist weder falsch, noch erhel­lend. Vor allem fragt man sich, inwie­weit der Osten tat­säch­lich ein Tran­sit­raum ist, der in etwas ande­res führt als nur in die Kopie des Wes­tens. Wor­auf soll das Andere denn grün­den? Diese offene Frage könnte das Ver­dienst des Buches sein.

 

  • Tobias J. Knob­lich: Osten als Pas­sage. Essays aus dem Tran­sit­raum der Geschichte, Edi­tion Muschel­kalk, 380 S., Mit­tel­deut­scher Ver­lag, Halle (Saale) 2025, 24 EUR.
  • Man­fred Jen­dry­schik: Deck­weiss für alle!!, 362 S., Mit­tel­deut­scher Ver­lag, Halle (Saale) 2025, 24 EUR.

 

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