Sigrid Damm – »Künstler meines Lebens – Sechzehn Porträts«

Personen

Sigrid Damm

Ulrich Kaufmann

Orte

Gotha

Jena

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Ulrich Kaufmann

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Ulrich Kauf­mann

Sig­rid Damm scheibt über »Künst­ler mei­nes Lebens«

 

»Die Emp­find­lich­keit uff die Worte«
(Erwin Strittmatter)

 

Sechs der Por­trä­tier­ten sind Frauen. Die kunst­sin­nige und bele­sene Rosa Luxem­burg ord­net Damm still­schwei­gend den Kunst­schaf­fen­den zu. Freu­dig über­rascht wird der Leser, dass die vor­ma­lige Ger­ma­nis­tin das Buch mit ihren lite­ra­ri­schen Favo­ri­ten Iwan S. Tur­gen­jew und Lew N. Tol­s­toj beginnt und abschließt. Die gro­ßen Rus­sen geben dem Band einen Rahmen.

Weni­ger über­rascht wird der Damm-Leser sein, wenn er das Goe­the-Por­trät im Inhalts­ver­zeich­nis an ach­ter Stelle fin­det – im Zen­trum des Ban­des. An ande­ren Orten plat­ziert die Goe­the-Exper­tin Por­träts zu »Chris­tiana« – so steht es auf dem Tauf­schein – und August von Goe­the: zwei Men­schen, die dem Dich­ter als Lebens­ge­fähr­tin und ein­zi­ges über­le­ben­des Kind beson­ders nahe­stan­den. In eini­gen ihrer Goe­the-Bücher hat Sig­rid Damm dar­auf ver­wie­sen, dass August kei­nes­wegs eine dem Alko­hol zuge­neigte Neben­fi­gur im Wei­ma­rer Haus Am Frau­en­plan gewe­sen sei. Sie schenkt dem Goe­the-Filius nun­mehr ein eige­nes Lebens­bild. Es gehört zu den ergrei­fends­ten in die­sem Buch. Fast bei­läu­fig erfährt der Leser, dass auch Ernst Bar­lach und Käthe Koll­witz den Dich­ter Goe­the ver­ehr­ten. Für Luxem­burg war im Gefäng­nis der »Faust« die letzte Lek­türe. Der auch por­trä­tierte Sieg­fried Unseld, Damms Ver­le­ger über viele Jahre, hat das Stan­dard­buch »Goe­the und seine Ver­le­ger« geschrie­ben. Dass der gleich­falls vor­ge­stellte Heine Goe­the in Wei­mar besucht hat und Treff­li­ches zu sei­nem Leben und Werk zu sagen wusste, ist bekannt.

Man­cher Damm-Leser wird sich even­tu­ell an Texte zu Goe­thes Frau sowie an Essays zu ihren zeit­ge­nös­si­schen Freun­den Franz Füh­mann sowie an Eva und Erwin Stritt­mat­ter erin­nern. Auch die Tol­s­toj- Mütze des zuletzt Genann­ten bleibt nicht unerwähnt.

Alle Por­träts in ihrem neuen Buch begin­nen mit dem Tod der Prot­ago­nis­ten. Es schlie­ßen sich Lebens­bil­der an, die ent­we­der das »ganze« Leben (wie bei Else Las­ker-Schü­ler) betrach­ten oder, wie im Falle Goe­thes, einen Lebens­ab­schnitt. Sig­rid Damm schreibt nicht nur sen­si­bel und anschau­lich über Dich­ter, son­dern glei­cher­ma­ßen über bil­dende Künst­ler: die Koll­witz und Bar­lach, der in ihren Güs­trower Jah­ren, ihr »Nach­bar« war. Nur bei­läu­fig wird erwähnt, dass Bar­lach auch als Dich­ter wirkte.

Damms Betrach­tun­gen über ihren Lieb­lings­ma­ler Cas­par Lud­wig Fried­rich, an den aus Anlass sei­nes 250. Geburts­tag im In- und Aus­land aus­gie­big erin­nert wurde, füh­ren uns erneut zu Goe­the: Im Herbst 2024 wurde in Wei­mar eine kleine, aber feine Aus­stel­lung zu Fried­rich und Goe­the gezeigt, die im Schat­ten der gro­ßen Expo­si­tio­nen stand. Dort wur­den die Bezie­hun­gen des Malers zu Goe­the und dem Wei­ma­rer Hof dif­fe­ren­zier­ter betrach­tet. Wei­mar steht am Beginn der Fried­rich-Rezep­tion und bereits 1820, noch zu Goe­thes Zei­ten, war in der Ilm-Stadt eine Cas­par-David-Fried­rich-Aus­stel­lung zu sehen.

Zu Tei­len ist Damms Buch auto­bio­gra­phisch. Man­ches erfährt man über ihre Biblio­thek, ihre Fund­grube, vor allem jedoch über die Söhne und Kin­des­kin­der. Sym­pa­thisch ist, wie selbst­kri­tisch Sig­rid Damm heute über ihre Wege etwa zu – von Unseld mehr­fach edier­ten – Herr­mann Hesse und Eva Stritt­mat­ter denkt. Warum hat sie in Calw, wo sie als Sti­pen­dia­tin an ihrem Schil­ler-Buch arbei­tete, kaum an die Lokal­größe Hesse gedacht? Warum hat sich Sig­rid Damm, die zunächst Vor­be­halte gegen die Lyrik ihrer spä­te­ren Freun­din Eva Stritt­mat­ter hatte, in Gesprä­chen nie­mals zu ihren Gedich­ten geäußert?

»Wenn ich mei­nen Fünf­jah­res­rhyth­mus bedenke und meine Lebens­jahre rechne, wird es viel­leicht letzt­ma­lig die Lek­türe die­ser Werke gewe­sen sein.« So endet das Buch. Möge sie sich irren: Tol­s­toj, Tur­gen­jew und andere Favo­ri­tin­nen und Favo­ri­ten wer­den ihren Lebens­weg wei­ter­hin beglei­ten, des­sen ist sich der Leser ange­sichts ihrer Refle­xio­nen über lite­ra­ri­sche Weg­be­glei­ter sicher.

Die Autorin wid­mete das Buch zu Beginn ihrem Lebens­ge­fähr­ten Hans J. Wie­de­mann. »Wie immer« geht ein Dank an ihre »lang­jäh­rige Lek­to­rin Gesine Dam­mel,« lesen wir am Schluss.

 

  • Sig­rid Damm: Künst­ler mei­nes Lebens – Sech­zehn Por­träts, insel taschen­buch, Ber­lin 2026, 269 Sei­ten, 20 Euro.
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