René Müller-Ferchland – »Von Füßchen im Wasser bis zu Fragen über Gott«

Person

René Müller-Ferchland

Ort

Erfurt

Thema

Mittendrin

Autor

René Müller-Ferchland

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

René Mül­ler-Fer­ch­land

Von Füß­chen im Was­ser bis zu Fra­gen über Gott

Warum der Groß­el­tern­dienst ein Modell für die Zukunft ist

 

»Groß­el­tern­dienst« – das klingt nach Dienst­leis­tung, nach Vor­schrif­ten und nach dem Ver­such, eine Bezie­hung künst­lich zu erzeu­gen, die doch nur zwi­schen leib­li­chen Enkeln und Groß­el­tern bestehen kann. Aber das Ange­bot stößt bereits auf gro­ßen Zuspruch, auch in der thü­rin­gi­schen Lan­des­haupt­stadt. Ich will wis­sen, was das wirk­lich ist, der »Groß­el­tern­dienst«, wer sind die Men­schen, die die­sen Dienst nut­zen? Wie läuft das Pro­ze­dere ab? Was sagt sein Vor­han­den­sein über unsere Zeit aus? Vor allem aber: Kön­nen durch ihn tat­säch­lich nach­hal­tige, zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen entstehen?

Ich treffe Rai­ner Hosak in einem Drive-Inn im Erfur­ter Süden. Er ist Ende sech­zig und seit drei Jah­ren pen­sio­niert. Ganz in sich ruhend sitzt er da und harrt bei einer Tasse guten Kaf­fees mei­ner Fra­gen. Statt sei­nen nach 33 Berufs­jah­ren als Ober­amts­rat im Thü­rin­ger Innen­mi­nis­te­rium wohl­ver­dien­ten Ruhe­stand auf der Couch zu genie­ßen, geht er bei­nahe täg­lich los und macht etwas.

Gerade im Früh­jahr war er sehr ein­ge­spannt, denn er ist in sei­nem Vier­tel für die Durch­füh­rung von Wah­len zustän­dig. Bei der Bun­des­tags­wahl gab es da ganz schön zu tun, sagt er. »Ohne die Ehren­amt­ler könn­ten in Deutsch­land gar keine Wah­len statt­fin­den.« Aber nun wird es dies­be­züg­lich ja hof­fent­lich erst ein­mal ruhig bleiben.

Mehr­mals in der Woche fährt er mit den öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln an Erfur­ter Schu­len, um aktu­ell fünf Kin­dern ehren­amt­lich beim Lesen­ler­nen zu hel­fen. Er ist nicht nur Mit­glied im Ver­ein Men­tor – Die Leselern­hel­fer Mit­telthü­rin­gen e.V., der sich um die Ver­mitt­lung zwi­schen Schu­len und Leselern­hel­fern küm­mert, er wirkt auch in des­sen Vor­stand mit.

Und dann gibt es in der Woche noch einen ganz beson­de­ren Ter­min. Am Don­ners­tag fährt Herr Hosak zu einer Schule, um einen 10-jäh­ri­gen Jun­gen abzu­ho­len – »mei­nen Wahlen­kel«, wie er sagt. »Man­che sagen auch ‚Wunschen­kel‘, aber da meine leib­li­chen Enkel auch meine Wunschen­kel sind, nenne ich den Jun­gen mei­nen ‚Wahlen­kel‘.« Als er davon erzählt, leuch­ten seine Augen, denn der Kleine ist ihm in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren sicht­lich ans Herz gewach­sen. Er beglei­tet ihn zum Bas­ket­ball oder in die Mal­schule, gerne auch mal in die Kin­der- und Jugend­bi­blio­thek der Stadt, um zusam­men in Büchern zu schmö­kern. Die vier bis fünf Stun­den genie­ßen beide in vol­len Zügen und freuen sich am Ende des Tref­fens auf die nächste Woche.

Ist diese beson­dere Freund­schaft zustande gekom­men, weil Herr Hosak keine Enkel oder weil der Junge keine Groß­el­tern hat? Kei­nes­wegs, es gibt zwei leib­li­che Enkel, die er eben­falls sehr liebt, die aller­dings weit weg leben. Und der Junge hat leib­li­che Groß­el­tern, aber auch die leben nicht in Erfurt. Eines Tages, so Hosak, sprach ihn eine Bekannte an, ob er sich nicht vor­stel­len könne, im Groß­el­tern­dienst tätig zu wer­den. Erst seit 2013 han­delt es sich dabei in Erfurt um einen ein­ge­tra­ge­nen Ver­ein, vor­her bestand die­ser in freier Form, wie mir Frau Hoyme, Lei­te­rin des Groß­el­tern­diens­tes, am Tele­fon erzählt. Herr Hosak folgte der Emp­feh­lung. Die Aus­wahl an »Wahlen­keln« sei groß gewe­sen, sagt er. Viele Eltern mel­den sich inzwi­schen beim Ver­ein, um das Ange­bot zu nut­zen, nicht wenige von ihnen leben in schwie­ri­gen Situa­tio­nen. »Allein­er­zie­hende haben eine hohe Belas­tung«, hat er beob­ach­tet. Für die Ver­mitt­lung zah­len die Eltern aktu­ell übri­gens eine ein­ma­lige Gebühr. Hinzu kom­men Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten und eine Jah­res­ge­bühr. Die Wunsch­groß­el­tern erhal­ten von den Eltern eine Auf­wands­ent­schä­di­gung, zah­len zugleich aber auch einen Mit­glieds­bei­trag an den Ver­ein. Aktu­ell gibt es etwa 40 Ver­mitt­lun­gen, sagt Frau Hoyme, ins­ge­samt etwa 70 aktive Groß­el­tern, viele Freunde und Förderer.

»Ermög­li­chen Sie Ihren Kin­dern die beglü­ckende Erfah­rung einer zusätz­li­chen lie­be­vol­len Bezie­hung«, ruft Der Groß­el­tern­dienst Erfurt e.V. auf seine Web­seite auf. Und so ver­steht Hosak sein Amt auch inzwi­schen: Es ist eine zusätz­li­che Bezie­hung. Er sieht sich nicht als Ersatz, son­dern als Berei­che­rung, so wie sein Wahlen­kel auch für ihn eine Berei­che­rung ist. Die leib­li­chen Groß­el­tern, die sich rüh­rend um den Jun­gen küm­mern, kenne und möge er, »aber die kön­nen eben lei­der nicht ad hoc zur Ver­fü­gung ste­hen«. Das Ver­hält­nis zu ihnen und den Eltern sei­nes Wahlen­kels sei sogar familienähnlich.

Übri­gens hatte der damals sie­ben­jäh­rige beim Ken­nen­ler­nen nicht wenige Fra­gen notiert, die er von sei­nem »Wahl­opa« beant­wor­tet haben wollte. Ob er ver­hei­ra­tet sei. Warum er sich ein Enkel­kind wün­sche. Die habe er dem Jun­gen gerne beant­wor­tet. Letzt­lich war es dann »Sym­pa­thie auf den ers­ten Blick«, erzählt Hosak. So läuft es aller­dings nicht immer.

Ursula Geier lädt mich zu sich nach Hause ein. Auf ihrem idyl­li­schen Bal­kon erzählt mir die 70-jäh­rige ehe­ma­lige Buch­hal­te­rin von ihren Erfah­run­gen. Bei ihr hat es erst beim drit­ten Anlauf »Klick« gemacht. Ihr Wunschen­kel war zwei Jahre alt, als sie ihn ken­nen­lernte. Inzwi­schen küm­mert sie sich seit über einem Jahr um ihn.

Von dem Groß­el­tern­dienst hat Frau Geier durch das Gemein­de­blatt der Andre­as­ge­meinde erfah­ren und hatte direkt das Gefühl, dass das etwas für sie wäre. Die eigene Enkel­toch­ter, mit der sie immer sehr gerne Zeit ver­bracht hat, lebt weit weg. Die ruhi­gen Stun­den auf dem Bal­kon oder im Wohn­zim­mer, wenn klas­si­sche Musik läuft, weiß sie sehr zu schät­zen. Aber ähn­lich wie Herr Hosak möchte sie aktiv sein, des­halb macht sie Sport, arbei­tet ehren­amt­lich in der Tele­fon­seel­sorge, geht mon­tags zum Kir­chen­chor und diens­tags war­tet eben ihr klei­ner Wunschen­kel in der Kin­der­ta­ges­stätte dar­auf, von ihr abge­holt zu werden.

Schon zu Beginn, erzählt sie, habe der Kleine vier Stro­phen eines Lie­des aus­wen­dig gesun­gen und sie damit beein­druckt. Da das Sin­gen ihre eigene Lei­den­schaft ist, hat sie ihn gefragt, ob er im Kin­der­chor sin­gen möchte. Nun geht sie regel­mä­ßig mit ihm dort­hin. Sie schenkt ihm das, was sei­nen – wie auch den meis­ten ande­ren – Eltern oft­mals im All­tag fehlt: Zeit. Wenn er beim Spa­zie­ren­ge­hen seine klei­nen Füße in die Gera ste­cken möchte, dann beglei­tet sie ihn dabei. Auch grö­ßere Aus­flüge gehö­ren dazu, so ist sie bereits mit dem Jun­gen Seil­bahn gefahren.

Die leib­li­che Groß­mutter von Frau Gei­ers Wunschen­kel ist nicht mehr so mobil wie sie. Den­noch ist diese die »Oma« und Frau Geier ist »Oma Uschi«. Es gibt keine Kon­kur­renz – im Gegen­teil. Wie Herr Hosak wurde auch Frau Geier herz­lich in der Fami­lie ihres Wunschen­kels auf­ge­nom­men und wird zu Fami­li­en­fes­ten etc. ein­ge­la­den. Da ihr das Mit­ein­an­der mit der Fami­lie so gut gefällt, kann sich Frau Geier sogar vor­stel­len, sich auch noch dem klei­nen Bru­der ihres Wunschen­kels so zu wid­men wie ihm.

Herr Hosak bezeich­net das Ken­nen­ler­nen sei­nen Wahlen­kels als »glück­li­che Fügung«. Der nennt ihn inzwi­schen »Opa« und ver­langt ihm sei­ner­seits eini­ges ab. »Die ganz Klei­nen fra­gen, ob es den Oster­ha­sen gibt. Da muss man fein­füh­lig, aber auch ehr­lich sein, sonst wird man schnell unglaub­wür­dig. Ich ant­worte dann, ich hätte noch kei­nen Oster­ha­sen gese­hen«, führt Hosak aus. Mit sei­nem Wahlen­kel rede er sehr offen. Wenn es um Gott geht, ver­su­che er, seine eigene Mei­nung zurück­zu­hal­ten und ihm Frei­raum für das Selbst­den­ken zu geben. Zeit und Raum geben – das erin­nert mich an Frau Geier, die ihren klei­nen Wunschen­kel ein­fach ins fla­che Was­ser gehen lässt, ihn beglei­tet, ohne ihn zu len­ken oder anzuhalten.

Das Ver­hält­nis ist der­zeit sehr eng – wie bei Herrn Hosak und sei­nem Wahlen­kel. Er ist sich klar dar­über, dass der Junge irgend­wann auch andere Inter­es­sen ent­wi­ckeln wird. Er würde sich aber zumin­dest wün­schen, dass der Kon­takt blei­ben und er als ehr­li­cher Ansprech­part­ner in Erin­ne­rung blei­ben wird, der ihn geliebt hat.

Durch einen Zufall erfahre ich, dass der Dienst sogar schon in mei­nem eige­nen Freun­des­kreis in Anspruch genom­men wurde. Eine mei­ner bes­ten Freun­din­nen hat 2012 beim Groß­el­tern­dienst Erfurt ange­fragt. Damals war ihre Toch­ter Paula vier Jahre alt. Die eige­nen Groß­el­tern leben auch in die­sem Fall wei­ter weg. Und nun berich­tet mir Paula, die inzwi­schen 17 Jahre alt ist: »nach ein biss­chen Recher­che und einem Tele­fo­nat fand schon das erste Gespräch mit Frau Hoyme statt. Bei die­sem wurde ein Fra­ge­bo­gen aus­ge­füllt, um fest­zu­stel­len, wer am bes­ten zu uns pas­sen würde. Nach einem Drei­vier­tel­jahr mel­dete man sich dann bei uns. Wir haben uns in den Räum­lich­kei­ten des Groß­el­tern­diens­tes getrof­fen und sofort gut ver­stan­den«, schreibt Paula, ver­se­hen mit einem Smiley.

So wie Frau Geier und Herr Hosak habe auch ihre »Oma Betty« sie immer an einem fes­ten Tag in der Woche vom Kin­der­gar­ten und spä­ter dann aus der Grund­schule abge­holt. »Jedes Mal hatte sie etwas, was ich gerne mochte, vom Bäcker dabei. Oft Quark­bäll­chen. Dann waren wir meis­tens Eis essen, schwim­men, im Park spa­zie­ren, im Zoo, bei ihr zu Hause oder bei uns und haben gemalt, gespielt oder sie hat mir vor­ge­le­sen. Auch auf dem Rum­mel oder im Jum­phouse waren wir manchmal.«

Auch hier war das gute Ver­hält­nis zu den Eltern gege­ben, so hat Paula mit­un­ter auch am Wochen­ende etwas mit ihren Eltern und Oma Betty zusam­men unter­nom­men. »Wenn ich an die Zeit mit Betty zurück­denke, werde ich wirk­lich nost­al­gisch. Mit ihr hat es sich immer alles ganz leicht ange­fühlt. Nichts war komisch oder lang­wei­lig. Ich weiß noch, wie sehr ich mich gefreut habe, wenn ich wusste, dass Betty mich von der Schule abholt. Die Nach­mit­tage mit ihr waren wie eine kleine Aus­zeit, ein ‚Spe­cial Event‘, sozusagen.«

Bald ist Paula erwach­sen. Heute sieht sie ihre Oma Betty nur noch bei Fami­li­en­fei­ern und beson­de­ren Anläs­sen. Was ist geblie­ben, außer der Erin­ne­rung an die »Spe­cial Events«? Sie schreibt: »Ich liebe ihre fröh­li­che Art und bewun­dere es, wie sie es immer geschafft hat bzw. immer noch schafft, mir ein gebor­ge­nes und siche­res Gefühl zu geben.« Und: »Ich bin sehr dank­bar, dass ich einige mei­ner wich­tigs­ten Jahre mit Oma Betty ver­brin­gen konnte und sie auch heute, wenn auch nicht mehr so oft, noch an mei­ner Seite ist.«

Nach den Gesprä­chen mit den drei Betei­lig­ten bleibt ein über­ra­schend woh­li­ges Gefühl zurück. Wenn­gleich der Groß­el­tern­dienst ein Kon­strukt bleibt, etwas künst­lich Geschaf­fe­nes, so scheint er genau den sozia­len Rah­men zu bie­ten, den die Gesell­schaft aktu­ell benö­tigt. Er lie­fert zumin­dest eine Ant­wort auf die Frage: Was kön­nen wir tun, wenn Oma und Opa nicht (mehr) da sind und wir trotz­dem die beson­dere Bezie­hung zwi­schen den Genera­tio­nen pfle­gen wollen?

Auf der einen Seite sind da die Kin­der, die heute genauso ihre Groß­el­tern brau­chen wie frü­her. Auf der ande­ren Seite sind da ältere Men­schen, die der Hek­tik des All­tags meis­tens schon ent­kom­men sind und Kapa­zi­tä­ten haben – zeit­lich und emo­tio­nal. Wäh­rend es in ande­ren Kul­tu­ren selbst­ver­ständ­lich ist, dass die ganze Fami­lie unter einem Dach lebt, ent­steht in unse­rer west­li­chen, glo­ba­li­sier­ten Welt mit­un­ter eine große räum­li­che Distanz zwi­schen den Genera­tio­nen einer Familie.

Es gibt da Men­schen im Groß­el­tern­al­ter, die aktiv sein und einer sinn­stif­ten­den Beschäf­ti­gung nach­ge­hen wol­len. Die viel­leicht auch ihre leib­li­chen Enkel ver­mis­sen. Und die in dem Ver­ein einen Raum haben, in dem sie auf Kin­der tref­fen, die sich nach der Ruhe und Tole­ranz, auch nach dem Rat einer Oma oder eines Opas seh­nen. Deren leib­li­che Groß­el­tern ent­we­der weit weg woh­nen oder nicht mehr leben.

Nicht nur die Kin­der pro­fi­tie­ren davon, etwa wenn die Wunsch- oder Wahl­groß­el­tern manch ver­bor­ge­nes Talent ent­de­cken und för­dern. Die Groß­el­tern wer­den wirk­lich gebraucht. Es ent­ste­hen auf bei­den Sei­ten nicht erset­zende, son­dern zusätz­li­che Bezie­hun­gen. Und im bes­ten Falle wird dann die »Wahl­ver­wandt­schaft«, von der auch Frau Hoyme gerne spricht, wie­derum zu einer nicht zu erset­zen­den Ver­bin­dung zwi­schen Men­schen, die sich sonst nicht begeg­net wären. Dazu braucht es die Ein­rich­tung des Ver­eins, dazu braucht es Ehren­amt­ler, die sich engagieren.

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