Thema
André Schinkel
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstdruck in: Palmbaum, Heft 2/2025.
André Schinkel
Tanz und Tatsächlichkeit
Bewegung ist gut, heißt es – in der Literatur ist sie oft genug Gegenbewegung. So ist denn, wenn man genau hinsieht, auch dieses knapp neunzig Texte enthaltende Konvolut neuer und in Verbindung mit acht Fotografien im Titel leichtfüßig auf den ersten Blick (denn auch, schon, am Wort »tatsächlich« kenntlich, mit einer Frage … einem Einhalten betan) Daherkommende aus anderen Tiefen geschöpft. Es ist Bestandsaufnahme der in Weimar lebenden und aus Magdeburg stammenden Lyrikerin und zugleich die konsequente Fort- und Engführung mit den ihr eigenen Mitteln, die dieses schmale und gleichsam in den Lauten aufgeladene Büchlein, erschienen im LLV zu Leipzig, trägt und formt.
Die Gedichte von Regina Jarisch sind in mehrerlei Hinsicht ambivalent, je länger man mit ihnen umgeht, desto mehr fällt das auf und macht einer kühlen, nur recht schwer zu greifenden Faszination Platz. Oft ist es die Einfachheit der Worte, die von der Vertrackt- und Besprech-Notwendigkeit des darunter Liegenden ablenken. Denn neben dem Alltag, der aus den Zeilen spricht, sind die Tage dann eben in großer Schlichtheit und doch eben ergreifend »sonnenlos«, suchen nach einer »anleitung zum lieben«, sprechen vom Verlust wichtiger Stunden, die im Sich-Bekümmern um unwichtige auf und davon sind; spürt man, wo ein »liebeshunger knurrt«, eine »seltsame versehrtheit«. Und ist inmitten des Ur-Anlasses dieses Sprechens, will man meinen, mit dem sich die Zeilen aufladen dann, wenn man davon weiß und das erkannt hat. Und besinnt sich zurück auf den Eingang, der in seiner Titelbestimmtheit zur Frage wird und zur Mut-Notwendigkeit, das Sprechen (oder Tanzen) aufzunehmen, gegen die Frage: »im apfelbaum / hängt ein versprechen …«
Es ist auch ein Ringen mit dem gegenwärtig Umgebenden darin, die Verwerfungen und Entfremdungen, die möglich sind, aber eigentlich geht es immer wieder ans de facto Eingemachte und Grundsätzliche in diesen Gedichten. Wiewohl, indem sie sprechen, nur durch den Akt schon, sind sie auch zur Ermutigung, zur Selbstermutigung, zum Wider- und Einspruch geeignet. Es impliziert mithin, dass mancher Anlauf mehrfach, und durch Neustarts getrieben, genommen werden muss. Im Garten »sterben meine dämonen« – immerhin ist das möglich und erhoff- wie benennbar; und in einer kleinen Phalanx an Widmungen (von Wolfgang Borchert bis Daniela Danz gehen die Reminiszenzen) wird das Gespräch und die Blickebene zwischen »hinter dem wahnsinn« und »für einen moment / vergessen in / wildniß« gesucht und aufgemacht.
Aus den Gründen der Herkunft und des In-die-Welt-Kommens speist sich der Weg dieses Sprechens, das schließlich die Epochen der Reife durchläuft und in ein Areal der Abgeklärtheit zu münden sich vornimmt. Das Alltägliche, das die Außenhaut dieser Texte zu sein scheint, leuchtet dabei nach innen und hebt kleine Wunder, es lässt das Denken über Erhofftes, Geträumtes zu, auch die Enttäuschung, wenn es nicht die Ruhe eintritt, die man sich wünscht, und die Formen des Umgangs damit. Und inmitten davon wird von der Liebe gesprochen, ihrer linden Selbstverständlichkeit gegen das »schreien der zeit«.
›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio
Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]
URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/regina-jarisch-tatsaechlich-tanzen-gedichte/]