Ramona de Jesús – »Zwei Quadratmeter Haut«

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Georgina Büsching

Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Geor­gina Büsching

Vom Durch­las­sen und Weitertragen

 

Einer Freun­din gegen­über sit­zen, Worte für das fin­den, was die Kunst, die Liebe und das Leben von uns ver­lan­gen, ein Bild von Men­schen, die einem ver­traut erschei­nen, obwohl man ihnen nie begeg­net ist – so lesen sich die Gedichte von Ramona de Jesús. Sor­gen aus dem All­tag, Ver­än­de­run­gen, die sich anbah­nen, die gewollt sind oder die ein­fach aus­ge­hal­ten wer­den und das wich­tigste Mit­tel, um alles zu ertra­gen: Das Schreiben.

Ramona de Jesús’ Gedicht­band „Zwei Qua­drat­me­ter Haut“ – im spa­ni­schen Ori­gi­nal „Dos metros cuadra­dos de piel“ – ist in einer zwei­spra­chi­gen Aus­gabe im Göt­tin­ger Wall­stein Ver­lag erschie­nen. Rike Bolte hat die Gedichte ins Deut­sche über­tra­gen. Auf jeder Dop­pel­seite begeg­nen sich zwei Spra­chen. Dabei ist es nicht immer leicht, einen Gedan­ken, einen Aus­druck, eine Rede­wen­dung ohne Beschä­di­gung in die andere Spra­che zu über­set­zen. Rike Bolte ist es in ihrer Nach­dich­tung gelun­gen, dass die Lese­rin­nen und Leser Ramona de Jesús Schicht für Schicht und Vers um Vers bis in das Innerste ihrer Poe­sie fol­gen kön­nen. Die zwei Qua­drat­me­ter Haut ste­hen für eine Flä­che, die gefüllt wird, die das Leben zusam­men­hält, die für die gro­ßen und die klei­nen Ent­schei­dun­gen im Leben genü­gend Platz bie­tet, um sich niederzulassen.

Wenn nicht in Gren­zen gedacht wer­den soll, impli­ziert dies eben­falls, dass Gren­zen vor­han­den sind, die es auf­zu­he­ben oder zu über­win­den gilt. Ramona de Jesús’ Gedichte erzäh­len von einem Leben, in dem geliebt wird, in dem Frust, Kum­mer und Ent­täu­schung ihre Spu­ren hin­ter­las­sen haben, von einem Leben, das sie von Kolum­bien über Indien bis nach Deutsch­land geführt hat, wo sie in Ber­lin und im thü­rin­gi­schen Ober­bösa gelebt hat. Aus einer Viel­zahl von Ein­drü­cken, Erfah­run­gen und Erleb­nis­sen ent­ste­hen ihre Gedichte, die von kolum­bia­ni­schen Wur­zeln aus­ge­hen und von dort Ver­bin­dun­gen in die Welt schaf­fen. Gelebt wird nicht nur hier oder da, erlebt nicht nur das Eine oder das Andere; ihre Gedichte spie­geln ein gro­ßes Gefühl, für das Ramona de Jesús fas­zi­nie­rend fein­füh­lige und poe­ti­sche Worte fin­det, die erst in ihrer Dichte eine schüt­zende Haut bil­den können.

In vie­len ihrer Gedichte schei­nen Bezüge zu ande­ren Künst­lern und Wer­ken auf. Die Dich­te­rin taucht ein in fremde Worte, um die eige­nen zu fin­den und neu zu sor­tie­ren. Mit Blick auf die zwei­spra­chige Aus­gabe, für die dem Ver­lag beson­de­res Lob gebührt, ent­ste­hen so Über­set­zun­gen der Über­set­zung und eröff­nen einen unmit­tel­ba­ren Dia­log zwi­schen den Spra­chen und des Ver­ste­hens und bie­ten Raum, ver­schie­de­nen Stim­men zu fol­gen, die alle einen gemein­sa­men Ursprung haben. Jedes Gedicht hat eine ganz eigene Inten­si­vi­tät. Man­ches fließt har­mo­nisch dahin, wäh­rend ande­res wie zer­streut oder zer­split­tert erscheint und beson­dere Auf­merk­sam­keit erfor­dert, doch zusam­men ergibt sich aus die­sem Mosaik die Mem­bran, die alles am Leben hält, die einen Aus­tausch zulässt, die sich ihrer Gren­zen bewusst ist und trotz­dem nicht vor ihnen zurückschreckt.

 

  • Ramona de Jesús: „Zwei Qua­drat­me­ter Haut“, Gedichte, Wall­stein Ver­lag Göt­tin­gen 2026, 152 S., 23 EUR.
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