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Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft
Mario Osterland
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Mario Osterland
Was hast du auf dem Herzen? Der Landarzt Dr. Kornitzky
Dr. med. Martin Kornitzky. Facharzt für Allgemeinmedizin. Das elegante, goldfarbene Namensschild leuchtet noch immer am Eingangstor mit den Löwenköpfen. Dahinter erhebt sich die weiß geschieferte, mit einem Türmchen versehene Gründerzeitvilla des Doktors. Kein übertriebener Bau, aber ein auffälliges Stück Bürgertum in diesem kleinen Dorf, das wie die meisten in dieser Gegend vor allem von Landwirtschaft geprägt wurde. Keula liegt als westlichstes Dorf des Kyffhäuserkreises zwischen Eichsfeld und Unstruttal, zwischen Wäldern, Feldern und Hügeln. Hier betrieb Dr. Kornitzky bis 2017 seine Praxis – nicht als erster, wohl aber als letzter Landarzt seiner Art, dessen Sprechstunden gefragt, dessen spontane Hilfe geschätzt und dessen Hausbesuche allseits bekannt waren.
»Was hast’ denn auf’m Herzen?« Der Rückruf des Doktors ließ nicht lange auf sich warten. Seine alte Praxisnummer ist zwar noch erreichbar, doch es meldet sich nur noch der Anrufbeantworter. »Es rufen noch zu viele an, darum habe ich das so eingerichtet.« Der Doktor ist so gut gelaunt, wie ich ihn in Erinnerung habe. Nicht nur am Telefon, sondern auch als er mir die Tür öffnet. »Wollen wir mal kucken, wann du das letzte Mal da warst.« Das war nicht als Frage gemeint, denn schon sitzt Dr. Kornitzky hinter dem Empfangstresen und tippt meinen Namen in den Computer. Vor dem Tresen stehend bemerke ich sofort seinen unveränderten Elan. »Meine Chipkarte brauchst du aber nicht?« Er lacht. »Nein, aber schau mal hier. 2004 warst du zuletzt hier. Allgemeines Unwohlsein, Schwächegefühl, Kopfschmerzen, wiederkehrender Schwindel. Da hast du wohl etwas Stress gehabt.« Eine Diagnose, die mich nicht mehr überraschen kann. Damals ging es für mich allmählich auf die Abiturprüfungen zu, daher ist die Vermutung schlüssig. Als besonders belastend habe ich die Zeit jedoch nicht in Erinnerung. »Hier ist der älteste Eintrag. Platzwunde an der Lippe, 1995.« Daran erinnere ich mich noch genau. Das war in der dritten Klasse. Wir spielten Fangen in der großen Pause. Ein Mitschüler und ich knallten heftig mit den Köpfen zusammen. Ihm hatte das nicht viel ausgemacht, aber ich stand benommen auf dem Dorfschulhof und spürte die langsam sich ausbreitende Wärme in meinem Mund. Überall Blut. Auf der Zunge, meinen Zähnen, am Kinn. Zwei oder drei Tropfen waren auf meinem T‑Shirt gelandet. Auf meiner Lippe sammelten sich weitere und machten sich zum Fallen bereit. Du blutest, du blutest! Die Aufregung meiner Mitschüler stieg aus ihren Beinen hinauf in ihre Gesichter. Ich hingegen blieb so ruhig wie möglich, während ich begann, über den Geschmack des sich sammelnden Blutes in meinem Mund nachzudenken. Jetzt bloß nicht auch noch auf den Schulhof kotzen, am besten gleich auf die Schuhe der Schulleiterin, die meine Lippe begutachtete und mich gleich zu Dr. Kornitzky schickte. »Er ist ja zum Glück heute hier.«
»Hier« – das war in diesem Fall nicht Keula, sondern das Nachbardorf, in dem ich aufgewachsen bin und zur Grundschule gegangen war. Ende der 1980er-Jahre ließ Dr. Kornitzky dort im Untergeschoss des Kindergartens eine zweite Praxis einrichten. Ich erinnere mich an die weiß gestrichenen Doppeltüren, die die Behandlungszimmer voneinander trennten und für Diskretion sorgten. Ein Türblatt auf jeder Seite des Türrahmens. Und Dr. Kornitzky ging schnell und mit wehendem Kittel zwischen ihnen hin und her, öffnete und schloss die Türen in fließenden Bewegungen. »Wo muss ich hin?«, »Ich komme gleich zu dir!« oder »Ach, hier sitzt auch noch einer!?« waren seine typischen Sätze. Er wirkte oft etwas unsortiert und chaotisch, doch der Eindruck täuschte. In Wahrheit wusste er immer genau, wer vor ihm saß und welche Krankengeschichte der jeweilige Patient mit sich trug.
»Ihr habt wohl geknutscht?« Der Doktor desinfizierte meine Lippe und spielte auf meine Mitschülerin im Wartezimmer an, die ich mir als Begleiterin ausgesucht hatte. Ich schüttelte nur den Kopf und erklärte ihm kurz, was passiert war. »Naja, ein bisschen aufgebissen oder aufgeplatzt. Drück das noch ein bisschen drauf, bis es nicht mehr blutet…« Der Doktor gab mir eine sterile Kompresse. »… dann zuhause vorsichtig kühlen und in nächster Zeit ein bisschen beim Essen aufpassen. Isst du überhaupt was? Du siehst ganz schön blass aus.« »Das sagen Sie immer, wenn ich hier bin.« »Is’ wahr? Dann stimmt’s sicher auch. Du bist auch immer noch so dünn. Zieh mal die Schuhe aus…« Ich gehorchte, während er auf die alte Säulenwaage in der Ecke des Zimmers zeigte. »… und stell dich mal da drauf. Wie alt bist du jetzt? Neun?« Ich nickte. »Und wie groß?« »Einssechsundvierzig.« Der Doktor las die Skala ab und murmelte etwas. »Neunundzwanzig Kilo, naja. Setz dich noch mal hin.« Ich gehorchte wieder und hielt still, als er mir die viel zu große Manschette des Blutdruckmessers um meinen Arm legte. Er pumpte die Manschette auf, hörte mit dem Stethoskop auf den Puls in meiner Armbeuge und sah geduldig auf seine Armbanduhr. »Hundertzwanzig zu achtzig ist in Ordnung. Bist gerade ein bisschen aufgeregt. Hast du sonst irgendwelche Beschwerden?« Ich ließ von der Kompresse ab, mit der ich die ganze Zeit über auf meine Lippe drückte. »Ich kann oft nicht einschlafen.« »Und tagsüber dann?« »Da bin ich oft müde oder zappelig.« Der Doktor lachte, während er etwas notierte. »Also heute gehst du nach Hause und morgen bleibst du gleich dort. Dann ist sowieso Wochenende. Sag deiner Mutter, sie soll was Anständiges kochen, und deine Freundin soll dir die Hausaufgaben bringen. Aber nicht so viel knutschen, sonst geht die Lippe wieder auf.«
Dr. Kornitzky nahm sich immer viel Zeit für seine Patienten, egal aus welchem Grund sie bei ihm waren. Jedem wurde in den Hals geschaut und in die Augen, er oder sie wurde abgetastet und es wurde der Blutdruck gemessen. Ganz analog und ohne Elektronik. Das ist die genaueste Methode, davon ist der Doktor überzeugt. Auch auf seine engmaschigen Visiten, die ihn zum Leidwesen mancher Fahrer im Notdienst mitunter zweimal am gleichen Tag zu einem Patienten nach Hause führten, hat er immer bestanden. »Ich habe jeden Patienten untersucht, abgetastet, angeschaut. Und dann eben Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle. Man hat mir oft vorgeworfen zu viele Untersuchungen zu machen oder zu veranlassen. Auch die vielen Hausbesuche. Das macht heute keiner mehr, aber das gehörte sich nun mal so. Abends wollte ich immer mit einem guten Gewissen einschlafen können. Das war meine Devise.«
Die Hausbesuche, die Dr. Kornitzky zusätzlich zu den Sprechzeiten und Notdiensten absolvierte, waren lange Zeit fester Bestandteil im Takt der umliegenden Dörfer. Durch die Straßen fuhren der Bäcker, der hupte, der Eismann, der klingelte – und der Doktor, der die Hecktür seines auffälligen Opel Monterey zuschnappen ließ und sich mit dem Koffer in der Hand der Türklingel näherte. Immer begleitet von seiner »ewigen Azubi« Diana, die als Arzthelferin im Laufe der Jahre ein ähnlich hohes Ansehen genoss wie der Doktor selbst. Als eingespieltes Team vermittelten die beiden oft schon durch ihre Anwesenheit ein beruhigendes Gefühl. Wenn die zwei im Haus waren, konnte einem nichts passieren.
Mein Opa sah das wahrscheinlich etwas anders. Wenn meine Oma am Fenster stehend den Doktor vorfahren sah, ging mein Opa durch den Keller und die Hintertür stiften. Er wusste zu gut, dass der Doktor ihm dringend zu weniger Fett und Alkohol geraten hätte, hätte er nur Gelegenheit bekommen, ihm die Blutdruckmanschette anzulegen. Mein Opa war nicht der einzige Mann im Dorf, der so handelte, aber der einzige, dessen viel zu früher Tod einen ersten Schock in meinem Leben hinterließ.
Heute, mit dem Abstand von Jahrzehnten, verdeutlichen mir die kleinen Fluchten meines Opas, welches Gewicht die Worte des Doktors in der Gegend um Keula herum hatten – und sicher noch immer haben. Dieses Ansehen kam nicht allein durch sein Fachwissen zustande, sondern auch durch seinen unbedingten Idealismus und die Hingabe, mit der Martin Kornitzky seinen Beruf ausübte. Dabei war für den gebürtigen Schlotheimer ursprünglich ein ganz anderer Weg vorgesehen. »Mein Vater war Diplom-Landwirt und stammte aus Stettin. 1936 lernte er meine Mutter bei den Olympischen Spielen in Berlin kennen und zog ihretwegen nach Thüringen.« 1948 wurde Martin als zweites von vier Kindern geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten erst seine Großeltern, später seine Eltern den Textilbetrieb Wilhelm Hoffmann & Co. geführt, bis das Unternehmen enteignet wurde. Neben der Schule wurde er vier Jahre lang zum Facharbeiter für Kammgarnspinnerei ausgebildet. »Meine Lehrer wollten, dass ich in die Textilbranche einsteige. Wegen des Standorts und der Familiengeschichte. Aber ich habe mich widersetzt.« Den Entschluss Mediziner zu werden, fasste Martin Kornitzky in der zehnten oder elften Klasse. »Ich glaube, wegen meiner kranken Oma oder irgendwas in der Art. Und da ich selbst selten krank war und sehr wenig mit Ärzten und Medizin zu tun hatte, hat mich das irgendwie fasziniert.« Dem Entschluss folgten die Bewerbung an der Medizinischen Akademie in Erfurt, Einladungen zu Eignungsgesprächen für das Medizinstudium und die Aufnahmeprüfung in Leipzig. Schon zuvor übernahm er Dienste als Hilfspfleger im damaligen Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Mühlhausen. Den Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee leistete er u.a. als Sanitäter. »So hat sich das alles ergeben.« Dr. Kornitzky spricht etwas lakonisch von seinem Werdegang, der bei genauer Betrachtung bemerkenswert zielstrebig verlief. Nach der Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und einigen Zwischenstationen übernahm er 1979 die Praxis in Keula. An die manchmal etwas derbe Mentalität der Menschen zwischen Dün und Hainleite musste sich der junge Doktor erst gewöhnen. Als nebenamtlicher Betriebsarzt der LPG und des nahegelegenen Kali-Bergwerks verstand er schnell, dass im Umgang miteinander manchmal etwas härteren Bandagen gefragt waren, als in den Städten. Doch im Laufe der Zeit ist Dr. Kornitzky mit der Region verwachsen. »Im Gespräch sage ich vielen Leuten immer wieder: ich bin mit euch aufgewachsen.«
Als Landarzt war der Doktor für die Menschen oft mehr, als bloß ihr behandelnder Hausarzt. Im engen Kontakt mit seinen Patienten war er über Jahrzehnte hinweg auch immer wieder Seelsorger, Zuhörer. Zwar habe er versucht, die jeweiligen Krankengeschichten nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. Meist geschah es aber doch. Todesfälle von Kindern oder das Auffinden von Suizidenten gehörten zu den Schattenseiten seiner Laufbahn, an die sich Dr. Kornitzky in unserem Gespräch erinnert. Auch für psychische Erkrankungen ist der ehemalige Landarzt bemerkenswert sensibilisiert. Noch heute zitiert er mit großem Unverständnis den viel zu oft gebrauchten Satz: Hab dich nicht so. »Wenn man die Menschen gut kennt, sieht man es schon oft an einem grüblerischen Gesicht oder ob jemand besonders in sich gekehrt wirkt. Meist sind es die besten Freunde oder der engste Familienkreis, die keine Vorstellung davon haben, wie sehr die Betroffenen leiden. Man muss die Menschen eben kennen und sie ernst nehmen.«
Trotz aller Verbundenheit mit seinen Patienten dachte Dr. Kornitzky oft daran nicht nur die Region, sondern gleich die DDR zu verlassen. Wie sein Vorgänger in Keula stellte auch er einen Ausreiseantrag. »In Bad Segeberg hätte ich eine Praxis übernehmen können. In Katlenburg bei Northeim habe ich dann fast schon eine gehabt. Dann wurde die Ausreise schließlich genehmigt und zwei Tage später fiel die Mauer. So kam dann schließlich alles anders. 1991 wurde mir die Praxis in mein Eigentum übergeben, meine Frau und ich kauften das Haus und sind geblieben.«
Auch über seine Zeit als praktizierender Arzt hinaus bewohnt Dr. Kornitzky weiterhin seine Villa in Keula. 1902 vom damals ortsansässigen Sanitätsrat Dr. Günther aus Hildesheim erbaut, wurden die Räume im Erdgeschoss des Hauses fast durchgehend als Arztpraxis genutzt. Im Jahr 2017 kam dieses Stück Dorfgeschichte zu ihrem vorzeitigen Ende. Lange suchte Martin Kornitzky nach einer Nachfolge für die Praxis im Ort. »Ich habe sogar junge Medizinstudenten darauf angesprochen, die ich zufällig an der Tankstelle kennengelernt habe. Aber niemand wollte sich hier niederlassen.« Dabei wären die Praxisräume mit wenig Aufwand schnell wieder bereit, um Patienten in Keula zu versorgen. Seien es nun ernsthafte Erkrankungen oder kleine Notfälle, wie eine aufgebissene Lippe. Leider ging dieser Wunsch für Dr. Kornitzky nicht in Erfüllung. Ohnehin gibt es mittlerweile andere Prioritäten im Leben des 77jährigen. »Meine Frau und ich haben über siebzig Länder bereist. Es könnten gern noch ein paar dazukommen. Außerdem bin ich begeisterter Windsurfer. Ich habe mein Brett gerade wieder hergerichtet. Ein bisschen Adrenalin muss schon immer mal sein. Und hoffentlich erlebe ich noch, dass Menschen den Mars erreichen. Als Kind habe ich ja Sputnik und Gagarin mitbekommen. Die Mondlandung später auch.« Science-Fiction und Raumfahrt haben ihn immer sehr interessiert, verrät mir der Doktor zum Ende unseres Gesprächs.
So sind wir über die Vergangenheit und Gegenwart schließlich bis in die Zukunft gelangt. Fast vier Stunden dauerte mein Besuch bei Martin Kornitzky. Es war wohl mein bisher angenehmster Arzttermin – und der Doktor hat sich natürlich viel Zeit für mich genommen. »Wenn du noch was brauchst oder wissen willst, ruf gern an.« Ich weiß, dass er das genauso meint, denn in der Tasche habe ich nicht nur unzählige Geschichten, für die hier der Platz fehlt, sondern auch eine Telefonnummer, hinter der ich mehr als einen Anrufbeantworter antreffe.
Der Text erscheint als Teil 18 der Reihe »Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft«, die der Thüringer Literaturrat e.V. 2025 mit freundlicher Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen umsetzte.
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