Kathrin Groß-Striffler – »Mohammad träumt«

Person

Kathrin Groß-Striffler

Ort

Jena

Thema

Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft

Autor

Kathrin Groß-Striffler

Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Kath­rin Groß-Striffler

Moham­mad träumt

 

Moham­mad Lamadi kam 2014 mit sei­nen bei­den Söh­nen nach einer aben­teu­er­li­chen Flucht über das Mit­tel­meer nach Jena; da war er 56 Jahre alt. Es fiel ihm schwer, hier Fuß zu fas­sen, das Erler­nen der deut­schen Spra­che erlebte er als rie­sige Her­aus­for­de­rung. Einige deut­sche Flücht­lings­hel­fer unter­stütz­ten die kleine Fami­lie ehren­amt­lich, und er schwor, er würde diese Hilfe eines Tages zurück­zah­len; nicht mit Geld, son­dern durch eige­nes Enga­ge­ment. Bis zum Alter von 64 Jah­ren arbei­tete er bei einer Rei­ni­gungs­firma; inzwi­schen hat­ten sich die bei­den Söhne gut inte­griert und konn­ten schließ­lich für ihn auf­kom­men. Und nun, im Ren­ten­al­ter, enga­giert sich Moham­mad als Flücht­lings­hel­fer. Er weiß, was ankom­mende Geflüch­tete brau­chen, und er tut, was er kann, um ihnen zu hel­fen. Diese auf­rei­bende Tätig­keit ver­folge ihn bis in seine Träume.

 

Kann das der Mond sein?, kann vom Mond die­ses zit­ternde Licht kom­men?, ja,  eine schmale Sichel hängt am Him­mel, schickt dünne Glit­zerpünkt­chen auf die dunkle Flä­che, die das Meer sein muss, in dem wir alle ertrin­ken wer­den, wer­den wir alle ertrin­ken, Mama? ich bekomme kaum Luft, wir haben doch das Mäd­chen zurück­ge­las­sen, wir sind ohne sie geflo­hen, Moham­mad, rette sie, wir fle­hen dich an, rette unsere Toch­ter, höre ich Stim­men?, ja, ein gan­zer Chor ist es, alle haben jeman­den, der geret­tet wer­den muss, rette unsere Toch­ter, sie ist Ala­wi­tin und ganz alleine in Syrien zurück­ge­blie­ben und wir kön­nen sie nicht über den Fami­li­en­nach­zug nach­kom­men las­sen, weil sie über 18 ist, und sie hat Angst, Moham­mad, meine Frau hat schon ein gan­zes Meer geweint, in dem sie her­über­schwim­men könnte, aber sie kann nicht schwim­men, unsere Toch­ter, und sie hat sol­che Angst! nach allem, was gesche­hen ist in letz­ter Zeit, sie haben Ala­wi­ten mas­sa­kriert und nun ist das Kind allein in unse­rem Haus und kann nicht schla­fen und hört Geräu­sche und pol­ternde Stie­fel und Schüsse und wir kön­nen sie nicht nach­ho­len und sind nun hier in die­sem frem­den Land, so weit fort von ihr, so weit fort!, und du musst sie ret­ten, lie­ber Moham­mad, du bist unsere ein­zige Hoff­nung, hörst du, Moham­mad, warum wen­dest du dich ab von uns?, weinst du, weinst du wegen unse­rer Toch­ter?, lass uns nicht allein, hilf uns, um Allahs wil­len, hilf uns!, ach, sie zie­hen und zer­ren an mir, bis meine Arme und Beine lang und dünn wer­den wie aus­ge­roll­ter Kuchenteig am Abend vor dem Zucker­fest, was vom gro­ßen Gelage übrig­bleibt, wird den Armen gege­ben, was für eine Über­ra­schung, dass es im rei­chen Deutsch­land auch Arme gibt, sie holen Fla­schen aus den Müll­ton­nen und ste­cken sie nach einem schnel­len scham­er­füll­ten Blick rundum in große Taschen, die immer bau­chi­ger wer­den, sie wür­den meine Plätz­chen und Küch­lein nicht anneh­men, sie wür­den sich füh­len wie Bett­ler, das habe ich mitt­ler­weile ver­stan­den, bei uns müss­ten sie sich nicht schä­men, warum rüt­telst du so an mei­ner Schul­ter, was kann ich denn dafür, dass sie sich schä­men, ich kann doch nicht alle Pro­bleme die­ser Welt lösen, ich kann das ala­wi­ti­sche Mäd­chen nicht nach Deutsch­land holen, ich kann nicht zau­bern, ich habe ja noch nicht ein­mal gefrüh­stückt, weil sie schon vor mei­ner Haus­tür auf mich gewar­tet haben, Moham­mad, Moham­mad, mein Name hallt durch die engen Gas­sen und sie zie­hen und zer­ren an mir und ich muss ein Bewer­bungs­schrei­ben ver­fas­sen für einen jun­gen Mann, der put­zen gehen will, warum macht er keine Aus­bil­dung, warum put­zen, in sei­nem Alter, ich war Leh­rer und bin Flücht­lings­hel­fer gewor­den und die­ser junge Mann will put­zen gehen, er traut sich nichts zu, er ist jung, eine Bombe ist auf sein Haus gefal­len und hat seine Fami­lie getö­tet und er starrt auf sein Handy, Schutt und Trüm­mer über­all, und jetzt will er put­zen gehen, will für immer Schutt und Trüm­mer aus dem Weg räu­men, als könnte er alles unge­sche­hen machen mit Wisch­mop und Eimer, er wird wütend den Boden schrub­ben und wei­nen dabei und hof­fent­lich lässt man ihn in Ruhe und er wird wie­der auf dem dunk­len Meer sein, ohne Mond, und Schreie hören und Gur­geln und er wird den Wisch­mop in den Eimer sto­ßen und wei­nen und hof­fent­lich las­sen sie ihn in Ruhe, das ist meine aller­größte Sorge, dass sie ihn ihre Ver­ach­tung spü­ren las­sen, schaut her, ein Putz­mann, Moham­mad, du musst das Bewer­bungs­schrei­ben aus­fül­len, ich kann kein Deutsch, warum machst du kei­nen Deutsch­kurs, frage ich, er flüs­tert etwas, ich bin schüch­tern, flüs­tert er, meine Eltern haben immer gesagt, ich würde mich wie ein Mäd­chen ver­hal­ten, haben sie gesagt, ich schaue auf, mein Magen macht selt­same Geräu­sche, wie ein Trak­tor, der über ein stei­ni­ges Feld fährt, weil er kein Früh­stück bekom­men hat, ich schreibe sei­nen Namen in die deut­schen Papier­bö­gen mit ihren aber­tau­send Pflicht­fel­dern und Fra­gen, du musst aber Deutsch ler­nen, sage ich, sonst wirst du nie ankom­men, und schaue in dunkle Augen, gewei­tet vor Ver­zweif­lung und Angst, und weiß nicht, was tun, mir ist damals ein Engel erschie­nen, als ich durch die große Stadt geirrt bin, auf der Suche nach einem Dol­met­scher, meine Toch­ter im Kran­ken­haus und kei­ner hat uns ver­stan­den und die Welt war dun­kel und leer und die Stra­ßen waren weit und vol­ler Autos und auf ein­mal ist mir ein Engel erschie­nen, der mich an der Hand genom­men und mir einen Dol­met­scher besorgt hat und mei­ner Toch­ter konnte gehol­fen wer­den, und immer noch schaue ich in diese Augen vol­ler Ver­zweif­lung und Angst und bete einen Engel her­bei, der die­sem Mann hilft, doch lei­der kein sanf­tes Schla­gen von Flü­geln, drau­ßen nur Schlan­gen von Geflüch­te­ten, Moham­mad hier, Moham­mad dort, und ich will

ich will, mur­mele ich, ich will doch hel­fen, mur­mele ich, ich will alles zurück­ge­ben, was ich hier bekom­men habe, da musst du gar nicht an mei­ner Schul­ter rüt­teln, so wach doch auf, rufst du, wenn ich aber nicht auf­wa­chen will?, wenn ich mich ein­fach wei­gere?, wenn Moham­mad sagt, wenn ich sage, ich kann nicht mehr, ich habe alles gege­ben, und meine Tür und mein Herz ver­schließe? Oh nein, keine Sorge, aber was will diese Frau nun? Sie weint und sagt, mein Mann hat mich ver­las­sen und jetzt sitze ich mit vier Kin­dern da und kann kein Deutsch und habe kein Geld und was soll ich nur tun und ich sage, hier, eine Adresse, geh hin und sie wer­den dir hel­fen, ob ich jetzt Zeit zum Früh­stü­cken habe? Und ich schüt­tele den Kopf, weil ein Ira­ker mich um irgend­et­was bit­tet, NEIN, sage ich, ich habe keine Zeit, und ich renne davon und ich fühle mich schul­dig und schlecht, weil ich weiß, wie dun­kel und leer die Welt ist ohne ret­ten­den Engel und ich rufe ihn an und sage, ent­schul­dige bitte, ich musste mich vor­hin um eine andere Sache küm­mern, aber jetzt bin ich da, und der Mann sagt, er habe sein Haus und sein Geschäft im Irak ver­kauft, um die Schleu­ßer bezah­len zu kön­nen, und jetzt will auch er put­zen gehen, ich muss doch meine Fami­lie ver­sor­gen, sagt er, ich glaube, Deutsch­land wird noch sau­be­rer wer­den, wenn das über­haupt mög­lich ist, so sau­ber, dass man vom Boden essen kann, sage ich dir, nun hör end­lich auf, ich schlafe nicht! Ich bin wach! Du musst mich nicht auf­we­cken! Warum rufst du immer, Moham­mad, du träumst und redest im Schlaf und sagst immer wie­der, dass du end­lich früh­stü­cken willst, hier steht doch dein Früh­stück, wach auf und iss!, wie kann ich essen, wenn eine junge Mus­lima schluchzt und schluchzt und ruft, die Men­schen hier has­sen mich, weil ich ein Kopf­tuch trage, an einer Stra­ßen­bahn­hal­te­stelle hat es mir ein Mann her­un­ter­ge­ris­sen und geschrien, ich solle in meine ver­dammte Hei­mat zurück, wie kann ich da früh­stü­cken, frage ich dich?, wenn eine junge Frau mir so etwas erzählt?, dass es wie in jedem Land auch hier gute Men­schen und schlechte Men­schen gibt, sage ich ihr, denk an all die­je­ni­gen, die uns hel­fen, es sind so viele, die uns bei­ste­hen, sage ich und denke nicht nur an den einen Engel, son­dern auch an viele andere, die Deutsch­kurse geben, ohne Geld dafür zu bekom­men, die Geflüch­tete juris­tisch oder medi­zi­nisch bera­ten, ohne Geld dafür zu bekom­men, die Behör­den­gänge mit ihnen machen und sie zum Arzt brin­gen, sage ich oder denke ich, ich will die junge Mus­lima anschauen, doch ich sehe sie nicht, ich muss meine Augen auf­rei­ßen, doch sie sind zugenäht

ich mur­mele, bei uns zuhause, hörst du mich?, bei uns zuhause in Syrien, wenn einer eine Krebs­dia­gnose bekommt, gehen alle Freunde und Ver­wand­ten und Nach­barn hin und ste­hen ihm bei und hier muss man erst fra­gen, ob man kom­men darf, ob sich der Mann oder die Frau nicht viel­leicht gestört füh­len könnte, gestört, ich bitte dich, hier kannst du vor die Hunde gehen vor lau­ter Unab­hän­gig­keit, bit­te­schön, so sehe ich das, oder wenn ein Ehe­mann oder eine Ehe­frau stirbt, bleibt der andere allein in sei­ner Woh­nung und isst allein und schaut allein Fern­se­hen und schläft allein, also bit­te­schön, soll das gut sein? Wie kann so ein trau­ri­ger Mensch sich selbst über­las­sen blei­ben, mut­ter­see­len­al­lein?, frage ich dich, wie es uns gehen wird, fragst du zurück, wenn unsere Kin­der aus dem Haus sind, wer­den sie in eine andere Stadt zie­hen?, wer­den auch wir allein sein, wenn wir alt sind, frage ich dich?, fragst du, und die Wände rücken auf mich zu, da ist es wie­der, das weite, dunkle Meer, das mich in die Tiefe zie­hen will

Eltern kom­men und berich­ten, unsere Toch­ter sagt, ihre Leh­re­rin kann sie nicht lei­den, sie möchte nicht mehr in die Schule gehen, ich muss schnell, drau­ßen war­tet eine lange Schlange, eine sich unge­dul­dig win­dende Schlange, bereit, die Woh­nungs­tür ein­zu­rei­ßen, hilf uns, Moham­mad, hilf, ich muss schnell einen Ter­min mit der Leh­re­rin und den Eltern und der Toch­ter machen, es ist ein Miss­ver­ständ­nis, glaube ich, hoffe ich, ein sprach­li­ches und kul­tu­rel­les Miss­ver­ständ­nis, die Leh­re­rin ist tat­säch­lich bestürzt und wir reden und dann lächeln alle und schüt­teln sich die Hände, danke, Moham­mad, was wären wir nur ohne dich, es ist gut, Moham­mad, dass Sie zwi­schen den Kul­tu­ren ver­mit­teln kön­nen, sagt die Leh­re­rin, ich werde ein biss­chen rot und sage beschei­den, schließ­lich bin ich seit 2014 in die­sem Land

Du sagst, in unse­rem Dorf blü­hen jetzt die Apri­ko­sen­bäume, du musst mit auf die Oli­ven­plan­ta­gen, du musst dei­nem Vater hel­fen, die Bäume zu beschnei­den, aber erst will ich mein Früh­stück!, rufe ich, ich kann doch nicht mit lee­rem Magen aus dem Haus, um die ganze Welt zu ret­ten, erst muss ich etwas essen, nur eine Klei­nig­keit, und einen Kaf­fee hätte ich gern, einen ara­bi­schen Kaf­fee, inmit­ten der Fei­gen- und Apfel­bäume will ich im Innen­hof unse­res Hau­ses sit­zen und den zwit­schern­den Vögeln zuhö­ren, eine kleine Weile nur, das muss doch mög­lich sein, nein, ist es nicht?, sagst du, denn dort kräch­zen jetzt nur noch die Raben, alle ande­ren Vögel sind ver­schwun­den, Schmet­ter­linge gibt es auch keine mehr, nur Schutt und Trüm­mer und junge Män­ner, die sie weg­räu­men, fins­ter ist es, schwarze Wol­ken haben sich vor die Sonne geschoben

Er hat seine Fin­ger­ab­drü­cke in Bul­ga­rien gelas­sen und soll sie gefäl­ligst wie­der abho­len, hier hat er nichts ver­lo­ren, schreien sie in den Behör­den und schreien DUBLIN und so ist das Gesetz und Moham­mad, hilf mir, ruft der junge Afghane und alle schreien sie durch­ein­an­der, mein Kopf ist vol­ler Schreie und Rufe und vol­ler Wei­nen und Schluch­zen der Geflüch­te­ten, die auf mich zukom­men, ganz lang­sam, und hin­ter mir ist eine Wand, zurück­wei­chen kann ich nicht, ich kann nur eins, meine Arme aus­stre­cken und ihnen hel­fen, und jetzt sind sie hier, sie sind mir ganz nah, sie öff­nen ihre Rei­hen und neh­men mich auf und wir beten und beten, Ins­hallah, rufen wir, Ins­hallah, so unser aller Gott will, wird alles gut.

 

Der Text erscheint als Teil 8 der Reihe »Mit­ten­drin – lite­ra­ri­sche Per­spek­ti­ven auf unsere Gesell­schaft«, die der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat e.V. 2025 mit freund­li­cher Unter­stüt­zung der Kul­tur­stif­tung des Frei­staats Thü­rin­gen umsetzte.

Der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat dankt der Thü­rin­gi­schen Lan­des­zei­tung für den Abdruck der Reihe.

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