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Wilhelm Bartsch
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstdruck in: Palmbaum – literarisches Journal aus Thüringen, Heft 1/2026.
Wilhelm Bartsch
Das Wichtige neben dem Schönen
Timothy Morton, von dem The Guardian einmal sagte, dass er der »Philosophenprophet unserer Zeit« sei, schrieb in seinem Buch Ökologisch sein: »Die breite Masse der Ökoliteratur, die wir oft als dem Umweltschutz verpflichtet bezeichnen, ist grob gesprochen im Modus der Informationsvermüllung angelegt. … Nun beginnen wir – unheimlich genug – zu realisieren, dass wir nicht im Nirgendwo, sondern irgendwo sind. Und vielleicht leben wir in einer Zeit des Massenaussterbens. … Gegenwärtig scheinen die Voraussetzungen zum Neustart der Realität eher darauf zu beruhen, dass wir die Verbindungen mit nichtmenschlichen Wesen in jeder Hinsicht, sozial, psychisch und philosophisch, kappen.« An solche Gedanken knüpft Jan Röhnert mit seinem Gegenprogramm an. Seine neuen »naturschreibenden« Schriften unter dem sehr schön treffenden Titel Wildnisarbeit wollen nach seinen eigenen Worten folgendes leisten: »Man könnte die Wildnisarbeit auch als Einspruch gegen den Beschleunigungswahn der Gegenwart auffassen; mehr noch ist es ein Einspruch gegen Ideologisierungen, Demagogisierungen und dogmatischen Frontbildungen, denen wir in der politischen Kultur unserer Tage ausgesetzt sind.« In diesem Sinn sehe ich noch zwei ähnliche – und ähnlich wichtige – deutschsprachige Titel aus den letzten Jahren, nämlich den auf Hölderlin anspielenden Gedichtband Wildniß von Daniela Danz und Volker Brauns Gedichtzyklus Wilderness, der den Wildnisbegriff aus den Naturwissenschaften auf die heutige Gesellschaft überträgt. Diese drei sonst so unterschiedlichen Werke verbindet, dass sie Wildnis, Umwelt und Landschaft nicht mehr als unabhängig von menschheitlichem Wirken betrachten können und somit literarische Werke des Anthropozän sind. Der Landschaftenwanderer und Baumpflanzer Jan Röhnert, der jüngst für diese Arbeit mit dem Johann-Gottfried-Seume-Preis geehrt wurde und demnächst dafür auch mit dem in dieser Hinsicht sehr trefflichen Wilhelm-Lehmann-Preis ausgezeichnet wird, hat mit seinen Beiträgen zu Umwelt und Landschaft, etwa in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Augenöffnendes geleistet, gerade dann, wenn er auch Traditionslinien entlangwandert, so dass mir zum Beispiel Rolf Vollmanns Jean-Paul-Buch Das Tolle neben dem Schönen in den Sinn kommt, worin es heißt: »Landschaften jetzt, diese große Erfindung des Menschen: sie gehen die Seele so an, weil der Mensch sich in ihnen erkennt. … Man kann so sehr das Eigenwesen und Eigenleben von Landschaften wahrnehmen, daß man zum Glauben kommt, sie wären besser daran ohne die Menschen: aber gerade dann hat man sich von allem Egoismus losgelöst und erkennt Schönheit …« Jan Röhnert aber geht weit über Schönheit und wandernd empfangende Kontemplationen, wie sie noch in Peter Handkes, auch Jean Paul folgendem großen Roman Der Bildverlust vorherrschten, hinaus. Ihm geht es um die Interaktionen zwischen Mensch und Natur, sei es in der kleinen »Wildnis« auf dem Leuschnerplatz in Leipzig, sei es an der Elbe im Wendland, wo ein Unternehmer zugleich Naturschützer ist, oder sei es in Röhnerts Heimatort, wo er hinter einem ererbten Steinbruch Obstbäume gepflanzt hatte, die mittlerweile selbst schon das Landschaftsbild mit prägen. Im vierten Abschnitt seines Buches, der in zwölf Mini-Essays unterteilt ist, geht er auf einige, vor allem angloamerikanische Klassiker des auch literarisch sehr anspruchsvollen, dennoch sehr eingängigen Nature Writing ein, von Henry David Thoreau zu Robert Macfarlane, von John Muir zu Helen Macdonald. Auch die quasi »astreine« Literatur von Adalbert Stifter bis Inger Christensen oder, um nur zwei Thüringer zu nennen, Wulf Kirsten und Hanns Cibulka, kommen hier nicht zu kurz, ist doch die sogenannte schöne Literatur – und da ganz besonders die Lyrik – schon von altersher immer ein intensiverer »Aufenthalt auf Erden« (Pablo Neruda) gewesen. Timothy Morton schreibt in seinem Buch Ökologisch sein, dass »die Kunsterfahrung ein Modell liefert für eine Koexistenz, wie sie von der ökologischen Ethik und Politik zwischen Menschen und Nichtmenschen angestrebt wird«. Genau das leistet Jan Röhnert, und dies nicht nur in seinem neuen Buch. »Wildnisarbeit ist ein Hybrid aus Selbsterkundung, Naturbetrachtung, literarischen Zitaten und Beobachtungen. Eigene Gedichte und Fotografien ergeben in Verbindung mit den auch sprachlich in jeder Hinsicht überzeugenden Texten einen ganz eigenen Kosmos.« So lautet die Begründung der Jury zum Wilhelm-Lehmann-Preis 2026 für Jan Röhnert.
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