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Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft
Jan Röhnert
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Jan Röhnert
Die Ulmen mittendrin
»…die alte Anarchistin«
Katja Lange-Müller im Gespräch über die Natur
»…ich erkannte plötzlich, wie wichtig mir Bäume sind.«
Elias Canetti, Die gerettete Zunge
Seit der schon vor oder im Ersten Weltkrieg aus den Vereinigten Staaten eingeschleppte Ulmensplintkäfer die heimischen Ulmenwälder rasant dezimierte, ist die Feldulme, die anfälligste unter den Ulmenarten für die durch das unscheinbare Insekt übertragenen Sporen des die Kapillaren des Baums verstopfenden Pilzschwamms, zu einem Phantom der Vergangenheit geworden, das man am besten in der toten Sprache Latein adressiert: Ulmus campestris oder Ulmus minor, eine aussterbende, wenn nicht ausgestorbene Art jedenfalls, von der höchstens Relikte existieren, vereinzelte, vom Exodus vergessene Exemplare, welche umsomehr das Verschwinden der Art aus unserer lebendigen Flora bezeugen und die Trauer darüber bloß verstärken, dass eine ganze Baumart zu den Schatten des grünen Gedächtnisses (falls wir ein solches besitzen) gegangen ist. Ulmensterben, wie sehr legt sich ein Schlagwort über die lebendige Dynamik der Natur. Sind die Ulmen denn wirklich tot? Oder gilt, wenn wir uns nur lange und genau genug umblicken, nicht ebenso der Satz: »Totgesagte leben länger«?
Das Wort »Ulmensterben« ist nicht falsch, aber doch eine grobe Vereinfachung. Nicht nur, dass keineswegs alle der auf der Nordhalbkugel anzutreffenden Ulmenarten in gleichem Maß davon betroffen sind – die mandschurische, sibirische und japanische Ulme etwa scheinen dagegen fast immun zu sein –, selbst für die Feld- und die ihr nah verwandte Bergulme stimmt es so nicht. Immer wieder sprießen irgendwo junge Triebe auf, schießen zumindest bis zu einem gewissen Alter in die Höhe und streuen ihren Samen vor womöglich frühem Tod umher, so dass nicht »Absterben«, sondern »Verjüngung« der treffendere Begriff wäre. Freilich hat sich die Ulme zurückgezogen, einen »Ulmwald, über die Mühl« wie in Hölderlins Gedicht »Andenken« wird man kaum mehr finden, aber es ist ein Rückzug, der Widerstand leistet, ein Rückzug nach Partisanenart, der neue, verborgene Orte besetzt, Schuttflächen, Brachenunterholz, das Dickicht von Stadt- und Wegrändern, vernachlässigte, unbeachtete Säume, Abrisshalden, Störungszonen, von denen aus die Bäume beharrlich ihre Vorhuten neu in die nur scheinbar ulmenleer gewordene Welt schicken. Der Ulmenwiderstand ist ein Lehrstück vom Eigensinn einer Natur, die sich unseren groben Begriffen und Rastern widersetzt. Ausgerottet hat die Ulmen die Invasion der Ulmensplintkäfer mit den von ihnen übertragenen Pilzschwämmen keineswegs und das wird wohl auf lange Sicht nicht gelingen. Die einzigen, für die die Ulme nicht mehr existiert, weil sie sich nach der vermeintlichen Todesnachricht von ihr abgewandt haben, sind wir.
Wohl wahr: über vierzig, fünfzig, sechzig Jahre alte Ulmen sind extrem rar geworden, von hundertjährigen ganz zu schweigen. Auf der Hohen Straße in der Leipziger Südvorstadt, hundert Meter westlich des Bayerischen Bahnhofs, steht das Prachtexemplar einer vielleicht hundert- bis hundertzwanzigjährigen Bergulme (Ulmus glabra), das inzwischen wieder junge Triebe in einer angrenzenden Seitenstraße hervorgebracht hat. Als einziger seiner Art weit über das Leipziger Stadtgebiet hinaus mit der Naturschutzeule ausgewiesener Baum bietet er eine blasse Erinnerung an jene Wälder, die noch vor wenigen Generationen das Bild Mitteleuropas seit der letzten Eiszeit prägten. Das Gedächtnis der Ulmen, unser Ulmengedächtnis, – und damit die Empfindung von Schmerz, die Trauer seit ihrem weiträumigen Verlust – reicht tatsächlich weiter zurück, als uns das zunächst bewusst sein mag. Der Dichter Michael Hamburger, 1924 in Deutschland geboren, 1933 mit seinen Eltern nach London geflohen und zu einem der großen Übersetzer und Interpreten deutschsprachiger Lyrik, etwa Hölderlin, Huchel und Celan, avanciert, bei seinem Tod 2007 selbst einer der großen Naturdichter englischer Sprache, veröffentlichte 1995 in seinem Zyklus »Tree poems« auch das von Peter Waterhouse nachgedichtete Porträt einer Ulme. Fast unbemerkt birgt ihr Todeskampf eine kleine Wiedergeburt in sich. Wie das erneute Hervorbrechen ihrer Reiser in der Wendung der letzten vier Zeilen zeigt, schickt sich der Rüster, lange Zeit eines der begehrtesten Tischlerhölzer, nach dem friedlichen Kräftemessen neben den Wipfeln von »Linde und Buche«, nicht einfach ins ruhmlose Schicksal als Nahrung für Käfer und Schwamm, sondern wehrt sich subtil aus dem Untergrund heraus gegen sein Verschwinden – ganz so, als würde er aus seiner Asche wieder auferstehen:
Bewohner der Eiszeit, erst jüngst
Konnten Schaft und Höhe sich messen
Mit Linde und Buche, und war er voll Fülle
Plissierter zierlicher Blätter machtvoll.
Wenn, von einem schwachen Gelenk, ein Arm brach,
Ersetzte er diesen, erwuchsen ihm
Sprößlinge nah und fern,
Alles greifbare Land zu erobern,
Die Haut ledern von früh an,
Das Holz unnachgiebig, hart,
Im Tod sogar ohne Duft.
Doch erkoren, und nicht von uns,
Für ein tödliches Festmahl,
Futter für Käfer, Schwamm
In Konspiration wie niemals zuvor,
Entblößt, wohl langsam,
Baumriese um Baumriese
Weißes Gestänge, löst sich
Die geknöpft-gefurchte Rinde,
Bis der letzte Zweig stirbt.
Leichnam um Leichnam
Wird gefällt und verbrannt
Von uns, ihren Bestattern.
Doch kann eine Wurzel überleben,
Aus Feld oder Hecke neue Reise
Schieben mit Zweigen, daran Knospen
Noch schwellen jenes gerollten Blatts.
Der Trost, den die Schlussverse bei aller Verhaltenheit spenden, meint nicht bloß den widerständigen Baum, sondern direkt auch uns selbst. Haben wir die Natur schon aufgegeben in der Verzweiflung über die furchtbare, von uns selbst entfesselte Gewalt gegen die Natur? Geben wir damit nicht vielmehr uns selbst auf und setzen mit der Klage nur ex negativo die angemaßte, falsche Vorherrschaft über die Natur fort? Ist es nicht ein Wunder, dass die Bäume in ihrer eigenen Zeit, nach eigenen Gesetzen, auf Wurzeln, Kapillaren, Chlorophyll stehen und leben – und dennoch neben uns, in Nachbarschaft, mit der Atemluft, dem Brenn- und Möbelholz, der Schönheit, die sie uns bescherten, immer auch ein Teil von uns, ja, bei Sonnenlicht betrachtet: in Symbiose mit uns sind?
Hermes‘ Flügelschuhe zierten Ulmentriebe, als der Gott die Toten zur Unterwelt begleitete, und zugleich waren sie Boten sich erneuernden Daseins, wie die Legende der blühenden Ulmenzweige im Sarg des heiligen Zenobius, Bischof von Padua, berichtet. Ulmen, so scheint es, sind schon viele Tode gestorben – und wiederauferstanden. Die Resonanz mit ihnen, die Tatsache und das Gefühl, mit ihnen symbiotisch verschränkt zu sein, sind es, was uns einen weiten Begriff vom Leben schenkt. Ganz organisch ist die Resonanz im Sauerstoff, im Grün zu fassen, den sicht- und unsichtbaren Dingen, welche sie uns zum Leben überlassen. Was war es, das mein Herz auf einmal höher schlagen ließ, als ich im Oberndorfer Sandsteinbruch meiner Vorfahren, einem Wink meiner Mutter folgend, eine ausgewachsene Bergulme entdeckte, versteckt hinter den Fichten meines Vaters, hinter Haselnuss und Linde an der hangab fallenden Steilwand, so dass die Äste nach der einen Seite weit hinab in den Steinbruchkessel fielen, der Ulmenmutterbaum, auf dessen Entdeckung hin ich immer neue eigentümliche Ulmenreiser und ‑stämme über das gesamte Steinbruchhangdickicht hin verteilt fand? Seitdem ist die Bergulme dort fast so etwas wie eine alte Vertraute geworden, die mich gleichwohl jedes Mal von neuem überrascht. Alles hatte damit begonnen, dass mich meine Mutter auf sie aufmerksam machte, und nun, im nach dem Tod meiner Mutter verwaisten Garten am Rand des Steinbruchs finde ich einen neuen Ulmentrieb, Ableger des Mutterbaums vom Steilhang, mitten zwischen den krautig-verholzten Himbeer- und Brombeersträuchern, die sie dort einmal gepflanzt hat, aufgeschossen – als grüße ein »Ulmenschatten«, wie es Johann Gottfried Seume 1809 vom Grab seiner Mutter schrieb, über ihrem Ort. In seiner autobiographischen Erzählung Mühe des Anfangs erinnert sich der Dichter Wilhelm Lehmann 1952 an einen ähnlich unter Ulmen abschließenden Muttergarten: »Der größte Teil diente dem Anbau von Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, dann folgte ein Stück Grasland, das mit Ulmen, Faulbäumen, Kirschen bestanden war.« Ein Jahr, bevor meine Mutter starb, hatte die Bergulme am Gartenrand zeitig schon im Frühjahr Fluten flacher pergamentgraugelber, oval geformter Flügelnüsse mit im Innern eingeschlossnen Samen über Garten, Weg, Hang und Steinbruchkessel gestreut, die noch wochenlang für ein helleres Muster auf dem Erdboden rundum sorgten. Wilhelm Lehmann dichtete im Weltkriegsjahr 1944 über »Ulmennüsse«: »Sie wehen auf mich zu als Abschiedsküsse, / Sie sagen mir, der Sommer währt nicht lange. // Wie’s von den Bäumen schneit! / Sie laufen rollend durch die Gasse, / sie haben keine Zeit. […] // Noch nicht des Staubes Fang, / Fahr ich mit ihnen weltentlang.«
Gibt es, wie der britische Forscher Rupert Sheldrake behauptete, morphogenetische Felder, die, zu fein für unsere Sinne, die Materie und uns in schwingende Resonanz zueinander versetzen – bis hin zu dem, was eigentlich nicht sein darf und uns urplötzlich doch vor Augen steht –: wie die Feldulmen, die mir unverhofft auf der zur Baustelle verwandelten Brache des Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platzes gegenübertraten? Die Ulmen am Leuschnerplatz erschienen mir bei der Wende vom Sommer zum Herbst, als ich eines Sonntags mit Freunden, die das dort noch vorhandene Grün gegen die alles versiegelnde Bauwut der Stadt zu retten suchen, zwischen den Bauzäunen die Vielfalt der in rund achtzig Jahren auf dem Platz gewachsenen Vegetation abging. Obwohl mir die Leuschnerbrache vertraut ist, sah ich jetzt mit nochmals genauerem Blick die verschiedenen Arten von Grün auf dieser fast schon beräumten Schuttzone in neuem Licht: eine Arche, eine Lichtung mit Bäumen, die eine eigene kleine Landschaft inmitten der Stadt bilden. Und ein Teil dieser Landschaft auch die versteckt neben Götter‑, Essig‑, Zürgelbäumen, neben Esche, Kirsche, Linde, Ahorn, Eiche, Hainbuche, Robinie und Walnuss im Halbdunkel zwischen Unrat und Abfall aufgegangenen Feldulmentriebe, unbemerkt aufgeschossen im Herzen der Stadt.
Es gibt keine umfassendere Enzyklopädie der über die Nordhalbkugel verstreuten Ulmenarten als das im Netz abrufbare Handbuch der Ulmengewächse des pensionierten Forstmeisters Gordon Mackenthun, den es, in der Lüneburger Heide aufgewachsen, nach Stationen in Göttingen und Dresden nach Leipzig verschlug – vielleicht, weil alle drei heimischen Ulmenarten (Flatterulme, Feldulme, Bergulme) tatsächlich hier anzutreffen sind. Keiner hat sich so intensiv wie er mit den Blattformen der Ulme, ihrer proteischen Vielgestalt und Wechselhaftigkeit beschäftigt. Blätter zweier in der Nomenklatur der Biologen verschiedenen Ulmenarten sehen sich laut Mackenthun oft zum Verwechseln ähnlich, und ihre Bestimmung verschwierigt sich noch einmal, weil die Arten meist nicht rein, sondern miteinander gekreuzt und wiederum fortpflanzungsfähig vorkommen, die Zahl der Hybriden also ins Unendliche steigerbar ist – die Natur schert sich nicht um unsere Ordnungen und Grenzen. Im Jahr 2000 erschien im Stuttgarter Ulmer Verlag Mackenthuns knapp dreihundertseitige Studie Die Gattung Ulmus in Sachsen. Im Handbuch der Ulmengewächse widmet er sich auch der Schwerfälligkeit unserer Ulmentypologien angesichts der tatsächlichen Vielfalt ihrer Erscheinungsformen. Der Name, ob Deutsch oder Latein, hinkt immer dem wirklichen Baum hinterher, dem, welcher tatsächlich zu sehen ist. Die Ulme ist eine unüberbietbare Verwandlungskünstlerin. Feldulmen, die ein wenig an Bergulmen, Bergulmen, die an Feldulmen erinnern, oder an ihren fertilen Bastard, die Holländische Ulme – wo liegt die Grenze zwischen den Arten, wer legt sie fest? Das Handbuch der Ulmengewächse listet neun regionale wilde und dreiunddreißig gärtnerische Varietäten der Feldulme auf.
Wir treffen uns an einem Montagvormittag im Frühherbst vor dem Portal der Stadtbibliothek und blicken auf den Leuschnerplatz direkt vor uns in Richtung Petersstraße, Innenstadt. Am Baustellenzaun der Westseite, gegenüber dem S‑Bahn-Unterführungsschacht, weise ich den Förster in Rente auf die zwischen den Metallstäben hervorlugenden Ulmenzweige hin und er nimmt eines der sich schon gelblich verfärbenden Blätter in die Hand: »Sehen Sie die scharf gezackten Ränder? Fühlen Sie die Oberseite?« Sie ist rau, behaart, andere Blätter desselben Baums oder seiner Nachbarreiser, die ich zum Vergleich streife, können sich aber ebenso glatt und glänzend anfühlen. Wir gehen über den Bauplatz weiter zur Nordostseite an den Rossplatz, wo sich gegenüber der Straßenbahnhaltestelle auf einem Streifen zwischen Bürgersteig und asphaltiertem Platz ein schmales Dickicht aus Hainbuchen, Götter- und Essigbaumwedeln, Linde, Ahorn, Esche und eben Ulmenreisern erstreckt. Büschelartig sind sie in geringen Abständen um ein paar ältere, lange Stämme herum aufgegangen, alles unter dem Schirm größerer Wipfel, so dass sie, schlägt man nicht gerade den Trampelpfad durchs Dickicht ein, im Verborgenen bleiben. »Wurzeltriebe«, höre ich meinen dendrologischen Mentor sagen, »diese Art sich fortzupflanzen, ist typisch für die Feldulme, auch das Vorkommen auf gestörten Flächen, offenbar mag sie das. Wurzeltriebe, daran erkennt man sie oft besser als an den Blättern, die auch von der Bergulme stammen könnten.«
Im zur Innenstadt hin gegenüberliegenden Lenné-Park, unmittelbar neben dem Gellertdenkmal, zeigt er mir den Zufallsschößling einer schottischen Baumschule aus dem 19. Jahrhundert, der von Baumschulen in aller Welt weiter kultiviert wurde, eine Laubenulme, mit überhängenden schirmartig verbreiterten und zu Boden fallenden Ästen ähnlich einer Hängebuche oder Trauerweide. Und er zeigt mir ein paar Schritte weiter in einer Bodensenke zum Gewandhaus hin eine mächtige alte Flatterulme (Ulmus laevis), eine Feuchtigkeit liebende Spezies, die eigentlich im Leipziger Auwald heimisch ist. Ehrenamtlich sei er noch immer als Förster angestellt, kartiert zusammen mit dem Grünflächenamt die Anzahl und Dichte der Auwaldulmen, versucht die Bedingungen für ihr Fortkommen zu optimieren. Das Erstaunliche ist, dass auch im Auwald alle drei Ulmenarten gleichermaßen und zu annähernd gleichen Anteilen zu finden sind, wie er mit seinen Zählungen herausfand.
Ich habe mich mit Gordon Mackenthun unter die Markise des Café Cantona gesetzt, das gegenüber des südöstlichen Leuschnerplatz am Knick der Straßenbahngleise zur Windmühlenstraße liegt. Man könnte ihn für einen etwas kauzigen alten Herrn mit einer Marotte für aussterbende Bäume halten, Bäume, für die sich sonst keiner mehr interessiert. Seine Fibel Eine neue Methode zur Bestimmung der mitteleuropäischen Ulmen. Ein Leitfaden für die Praxis ist seit ihrem Erscheinen 2021 als Book on Demand zu seiner Überraschung schon einhundertzwanzigmal bestellt worden, zwei Hochschulbibliotheken – die Jenaer Universitätsbibliothek und die Rottenburger Hochschule für Forstwirtschaft – besitzen sie. Er nippt an seinem Cappuccino. »Nicht schlecht bei einer Art, die forstwirtschaftlich uninteressant geworden ist, die man wegen der ungewissen, oft kurzen Lebenserwartung ökonomisch längst aufgegeben hat? Einmal haben wir im Forst versuchsweise 20 junge Feldulmen gepflanzt, fachmännisch in Reih und Glied, und sie gingen uns alle im ersten Jahr wieder ein.« Die Brache dagegen erobern sie dank ihres unterirdischen Fortpflanzungstriebs. Seiner Fibel folgend scheinen besonders die Feldulmen permanent in Verwandlung zu sein, einmal – meine Beobachtung bestätigend – sind die Blattseiten eben glatt und ledern, ein andermal am selben Baum wiederum rau, beharrt und porös.
»Gibt es einen anderen Baum, bei dem so widerstreitende Qualitäten zusammentreffen?«
»Ich wüsste keinen sonst.«
Vielleicht bewahrt genau das der Ulme ihre Widerständigkeit, unerkannt verbirgt sie sich im anspruchslosen landläufigen Gebüsch, bis sie, plötzlich da, mit ihren Blattwerksmetamorphosen im Zentrum der Städte winkt, sich hinter Hecken, zwischen Bauzäunen hervorzwingt, eine unscheinbare Blätterhand zur klandestinen Kooperation ausstreckt. Ihre Landnahme geschieht geräuschlos, aber unentwegt. Hast Du sie einmal ausgemacht, wirst Du sie nicht mehr übersehen, immer wieder auf sie stoßen, als hätten ihre Triebe auch in Deinem Bewusstsein Wurzeln geschlagen, ein flexibles morphogenetisches Feld aus Ulmenresonanzen abgesteckt: Du hast den Ulmenblick. Herr Mackenthun wünscht mir zum Abschied Glück beim Ulmensichten. Wer es genau wissen will, kann nach der Methode seiner Fibel die Blätter über ein Punktesystem bestimmen, manche Merkmale sind starke Kriterien mit drei, andere schwache Kriterien mit nur einem Punkt; am Ende siegt die dominierende Ulmenart nach Punkten. Drei Punkte bei der Bergulme für »Blattspreite mit mehr als drei Spitzen«: »in der Literatur wird auf drei Spitzen verwiesen; tatsächlich können bis zu sieben Spitzen vorhanden sein«. Bei den Spitzen der Bergulme muss ich an die Zacken einer Königskrone denken, ebenso wie ich beim typischen Blatt der Feldulme (»rautenförmig … die breiteste Stelle in der Mitte«) an die Zähne eines Kreissägenblattes denken muss. Die Flatterulme hat eine »weich-samtige Behaarung« an der Unterseite, ihre »Blattzähne sind typischerweise scharf ‚sichelförmig‘ zur Blattspitze hin gebogen«. Drei Punkte für die Bergulme, wenn »ein Öhrchen ihren Blattstiel überdeckt«. Der Widerstand der Ulmen, sich dingfest machen zu lassen, fordert den lyrischen Scharfsinn des Botanikers heraus. Die Ulme, nach Nietzsche, ist der nicht festgestellte Baum.
Typischerweise sind Bergulmen Bewohner von Hang- und Schluchtwäldern, während die Feldulme zusammen mit Esche und Eiche Europas Hartholzauenwälder hervorgebracht haben, welche so kaum mehr existieren. Und nun entsteht eine solche Hartholzaue mit exakt den Baumarten, von der Feldulme im Untergrund getragen, auf dem Leipziger Leuschnerplatz, würden da nicht die Baukräne und Betonmischer rotieren! Der die Stadt von seinen Flüssen Elster, Pleiße, Parthe, Luppe und den sie verbindenden Kanälen her umschließende Auwald treibt, den meisten hier lebenden Menschen unbemerkt, ins pulsierende Netz der City einen Brückenkopf. Geh einmal vom Clara-Zetkin-Park über den Rennbahnsteig zum Elsterflutbett, vorbei an der Gabelung, wo es sich in Pleißeflutbett und Elsterflutbett teilt, und laufe rechts an der Elster bis zur Paußnitzbrücke am Schleußiger Weg und du wirst am Auwaldsaum alle Ulmenarten zwischen Hainbuchen, Eichen, Eschen und Buchen austreiben sehen. Du kannst dort dein Ulmenwunder erleben, bis dir die Sinne schwirren.
Immer mehr solcher Brückenköpfe entdeckte ich seit unserem Gespräch an unscheinbaren, vermeintlich toten Plätzen, wie etwa an der Ausfallstraße vom südwestlichen Auwald zum Völkerschlachtdenkmal auf Höhe des MDR-Sendegeländes – einem ehemaligen Schlachthof an der Altenburger Straße –, den S‑Bahn-Gleisen und der einstigen Gasanstalt der »Panometer«-Panoramenschau vorgelagert. Eingewurzelt hinter und zwischen Weißdornsträuchern, hinter Efeu, Brombeerhecken, an einer abschüssigen, zu Gärten und Wohnhäusern hinabführenden Böschung, einem Dickicht zwischen Hauptstraße und tiefer gelegenen Einfahrten, lugten im herbstabendlichen Regenschauer unter der Laternenfunzel plötzlich das asymmetrisch zugespitzte, raue, an der Oberseite manchmal jedoch fast lederharte Ulmenblattwerk hervor. Ein einzelner gelb-grünblättriger Stamm hart an den S‑Bahn-Gleisen aufgeschossen, nur dem sich zeigend, der mit offnen Augen geht, der den Blick hat, sie zu erkennen, den Ulmenblick.
Ulme, das Schibboleth. Zwischen Baum und Blick der Name, real, der dich das Staunen lehrt. Ja, Ulmen gibt es, wie auch Inger Christensen irgendwo in ihrem alfabet bejaht. Ulme, wir haben uns erkannt, und das Bild, wie der Herbstwind unter den Straßenlampen durch dein zwischen Weiden, Eschen, Ahorn verstecktes Gebüsch geht, ist in mir. Die Ulmen sind der Beweis, dass der alte Götter- und Weltenbote Hermes die Stadt noch nicht ganz verlassen hat, dass der Ulmwald in ihr, wenn auch verschattet, verschwiegen, überwintert, in ihr, die alles tut, ihn zu vergessen, wartet die Ulme auf den Moment des Erkennens zwischen uns: die Zeit der Bäume, die uns mit den Blättern winkt, keines gleicht dem anderen, jedes treibt zum Licht. Unser Atem steht in ihrer Zeit, ihr Atem schenkt uns unsere Zeit.
Der Text erscheint als Teil 17 der Reihe »Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft«, die der Thüringer Literaturrat e.V. 2025 mit freundlicher Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen umsetzte.
Der Thüringer Literaturrat dankt der Thüringischen Landeszeitung für den Abdruck der Reihe.
Abb. 1: Foto Jan Röhnert.
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