Jan Röhnert – »Die Ulmen mittendrin«

Person

Jan Volker Röhnert

Ort

Oberndorf

Thema

Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft

Autor

Jan Röhnert

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Jan Röh­nert

Die Ulmen mittendrin

 

»…die alte Anarchistin«
Katja Lange-Mül­ler im Gespräch über die Natur

»…ich erkannte plötz­lich, wie wich­tig mir Bäume sind.«
Elias Canetti, Die geret­tete Zunge

 

Seit der schon vor oder im Ers­ten Welt­krieg aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ein­ge­schleppte Ulmen­splint­kä­fer die hei­mi­schen Ulmen­wäl­der rasant dezi­mierte, ist die Feld­ulme, die anfäl­ligste unter den Ulmen­ar­ten für die durch das unschein­bare Insekt über­tra­ge­nen Spo­ren des die Kapil­la­ren des Baums ver­stop­fen­den Pilz­schwamms, zu einem Phan­tom der Ver­gan­gen­heit gewor­den, das man am bes­ten in der toten Spra­che Latein adres­siert: Ulmus cam­pes­tris oder Ulmus minor, eine aus­ster­bende, wenn nicht aus­ge­stor­bene Art jeden­falls, von der höchs­tens Relikte exis­tie­ren, ver­ein­zelte, vom Exo­dus ver­ges­sene Exem­plare, wel­che umso­mehr das Ver­schwin­den der Art aus unse­rer leben­di­gen Flora bezeu­gen und die Trauer dar­über bloß ver­stär­ken, dass eine ganze Baum­art zu den Schat­ten des grü­nen Gedächt­nis­ses (falls wir ein sol­ches besit­zen) gegan­gen ist. Ulmenster­ben, wie sehr legt sich ein Schlag­wort über die leben­dige Dyna­mik der Natur. Sind die Ulmen denn wirk­lich tot? Oder gilt, wenn wir uns nur lange und genau genug umbli­cken, nicht ebenso der Satz: »Tot­ge­sagte leben länger«?

Das Wort »Ulmenster­ben« ist nicht falsch, aber doch eine grobe Ver­ein­fa­chung. Nicht nur, dass kei­nes­wegs alle der auf der Nord­halb­ku­gel anzu­tref­fen­den Ulmen­ar­ten in glei­chem Maß davon betrof­fen sind – die man­dschu­ri­sche, sibi­ri­sche und japa­ni­sche Ulme etwa schei­nen dage­gen fast immun zu sein –, selbst für die Feld- und die ihr nah ver­wandte Ber­gulme stimmt es so nicht. Immer wie­der sprie­ßen irgendwo junge Triebe auf, schie­ßen zumin­dest bis zu einem gewis­sen Alter in die Höhe und streuen ihren Samen vor womög­lich frü­hem Tod umher, so dass nicht »Abster­ben«, son­dern »Ver­jün­gung« der tref­fen­dere Begriff wäre. Frei­lich hat sich die Ulme zurück­ge­zo­gen, einen »Ulm­wald, über die Mühl« wie in Höl­der­lins Gedicht »Andenken« wird man kaum mehr fin­den, aber es ist ein Rück­zug, der Wider­stand leis­tet, ein Rück­zug nach Par­ti­sa­nen­art, der neue, ver­bor­gene Orte besetzt, Schutt­flä­chen, Bra­chen­un­ter­holz, das Dickicht von Stadt- und Weg­rän­dern, ver­nach­läs­sigte, unbe­ach­tete Säume, Abriss­hal­den, Stö­rungs­zo­nen, von denen aus die Bäume beharr­lich ihre Vor­hu­ten neu in die nur schein­bar ulmen­leer gewor­dene Welt schi­cken. Der Ulmen­wi­der­stand ist ein Lehr­stück vom Eigen­sinn einer Natur, die sich unse­ren gro­ben Begrif­fen und Ras­tern wider­setzt. Aus­ge­rot­tet hat die Ulmen die Inva­sion der Ulmen­splint­kä­fer mit den von ihnen über­tra­ge­nen Pilz­schwäm­men kei­nes­wegs und das wird wohl auf lange Sicht nicht gelin­gen. Die ein­zi­gen, für die die Ulme nicht mehr exis­tiert, weil sie sich nach der ver­meint­li­chen Todes­nach­richt von ihr abge­wandt haben, sind wir.

Wohl wahr: über vier­zig, fünf­zig, sech­zig Jahre alte Ulmen sind extrem rar gewor­den, von hun­dert­jäh­ri­gen ganz zu schwei­gen. Auf der Hohen Straße in der Leip­zi­ger Süd­vor­stadt, hun­dert Meter west­lich des Baye­ri­schen Bahn­hofs, steht das Pracht­ex­em­plar einer viel­leicht hun­dert- bis hun­dert­zwan­zig­jäh­ri­gen Ber­gulme (Ulmus gla­bra), das inzwi­schen wie­der junge Triebe in einer angren­zen­den Sei­ten­straße her­vor­ge­bracht hat. Als ein­zi­ger sei­ner Art weit über das Leip­zi­ger Stadt­ge­biet hin­aus mit der Natur­schutz­eule aus­ge­wie­se­ner Baum bie­tet er eine blasse Erin­ne­rung an jene Wäl­der, die noch vor weni­gen Genera­tio­nen das Bild Mit­tel­eu­ro­pas seit der letz­ten Eis­zeit präg­ten. Das Gedächt­nis der Ulmen, unser Ulmen­ge­dächt­nis, – und damit die Emp­fin­dung von Schmerz, die Trauer seit ihrem weit­räu­mi­gen Ver­lust – reicht tat­säch­lich wei­ter zurück, als uns das zunächst bewusst sein mag. Der Dich­ter Michael Ham­bur­ger, 1924 in Deutsch­land gebo­ren, 1933 mit sei­nen Eltern nach Lon­don geflo­hen und zu einem der gro­ßen Über­set­zer und Inter­pre­ten deutsch­spra­chi­ger Lyrik, etwa Höl­der­lin, Huchel und Celan, avan­ciert, bei sei­nem Tod 2007 selbst einer der gro­ßen Natur­dich­ter eng­li­scher Spra­che, ver­öf­fent­lichte 1995 in sei­nem Zyklus »Tree poems« auch das von Peter Water­house nach­ge­dich­tete Por­trät einer Ulme. Fast unbe­merkt birgt ihr Todes­kampf eine kleine Wie­der­ge­burt in sich. Wie das erneute Her­vor­bre­chen ihrer Rei­ser in der Wen­dung der letz­ten vier Zei­len zeigt, schickt sich der Rüs­ter, lange Zeit eines der begehr­tes­ten Tisch­lerhöl­zer, nach dem fried­li­chen Kräf­te­mes­sen neben den Wip­feln von »Linde und Buche«, nicht ein­fach ins ruhm­lose Schick­sal als Nah­rung für Käfer und Schwamm, son­dern wehrt sich sub­til aus dem Unter­grund her­aus gegen sein Ver­schwin­den – ganz so, als würde er aus sei­ner Asche wie­der auferstehen:

 

Bewoh­ner der Eis­zeit, erst jüngst
Konn­ten Schaft und Höhe sich messen
Mit Linde und Buche, und war er voll Fülle
Plis­sier­ter zier­li­cher Blät­ter machtvoll.
Wenn, von einem schwa­chen Gelenk, ein Arm brach,
Ersetzte er die­sen, erwuch­sen ihm
Spröß­linge nah und fern,
Alles greif­bare Land zu erobern,
Die Haut ledern von früh an,
Das Holz unnach­gie­big, hart,
Im Tod sogar ohne Duft.

Doch erko­ren, und nicht von uns,

Für ein töd­li­ches Festmahl,
Fut­ter für Käfer, Schwamm
In Kon­spi­ra­tion wie nie­mals zuvor,
Ent­blößt, wohl langsam,
Baum­riese um Baumriese
Wei­ßes Gestänge, löst sich
Die geknöpft-gefurchte Rinde,
Bis der letzte Zweig stirbt.
Leich­nam um Leichnam
Wird gefällt und verbrannt
Von uns, ihren Bestattern.

Doch kann eine Wur­zel überleben,
Aus Feld oder Hecke neue Reise
Schie­ben mit Zwei­gen, daran Knospen
Noch schwel­len jenes geroll­ten Blatts.

 

Der Trost, den die Schluss­verse bei aller Ver­hal­ten­heit spen­den, meint nicht bloß den wider­stän­di­gen Baum, son­dern direkt auch uns selbst. Haben wir die Natur schon auf­ge­ge­ben in der Ver­zweif­lung über die furcht­bare, von uns selbst ent­fes­selte Gewalt gegen die Natur? Geben wir damit nicht viel­mehr uns selbst auf und set­zen mit der Klage nur ex nega­tivo die ange­maßte, fal­sche Vor­herr­schaft über die Natur fort? Ist es nicht ein Wun­der, dass die Bäume in ihrer eige­nen Zeit, nach eige­nen Geset­zen, auf Wur­zeln, Kapil­la­ren, Chlo­ro­phyll ste­hen und leben – und den­noch neben uns, in Nach­bar­schaft, mit der Atem­luft, dem Brenn- und Möbel­holz, der Schön­heit, die sie uns bescher­ten, immer auch ein Teil von uns, ja, bei Son­nen­licht betrach­tet: in Sym­biose mit uns sind?

Her­mes‘ Flü­gel­schuhe zier­ten Ulmen­triebe, als der Gott die Toten zur Unter­welt beglei­tete, und zugleich waren sie Boten sich erneu­ern­den Daseins, wie die Legende der blü­hen­den Ulmen­zweige im Sarg des hei­li­gen Zen­o­bius, Bischof von Padua, berich­tet. Ulmen, so scheint es, sind schon viele Tode gestor­ben – und wie­der­auf­er­stan­den. Die Reso­nanz mit ihnen, die Tat­sa­che und das Gefühl, mit ihnen sym­bio­tisch ver­schränkt zu sein, sind es, was uns einen wei­ten Begriff vom Leben schenkt. Ganz orga­nisch ist die Reso­nanz im Sauer­stoff, im Grün zu fas­sen, den sicht- und unsicht­ba­ren Din­gen, wel­che sie uns zum Leben über­las­sen. Was war es, das mein Herz auf ein­mal höher schla­gen ließ, als ich im Obern­dor­fer Sand­stein­bruch mei­ner Vor­fah­ren, einem Wink mei­ner Mut­ter fol­gend, eine aus­ge­wach­sene Ber­gulme ent­deckte, ver­steckt hin­ter den Fich­ten mei­nes Vaters, hin­ter Hasel­nuss und Linde an der han­gab fal­len­den Steil­wand, so dass die Äste nach der einen Seite weit hinab in den Stein­bruch­kes­sel fie­len, der Ulmen­mut­ter­baum, auf des­sen Ent­de­ckung hin ich immer neue eigen­tüm­li­che Ulmen­rei­ser und ‑stämme über das gesamte Stein­bruch­hang­di­ckicht hin ver­teilt fand? Seit­dem ist die Ber­gulme dort fast so etwas wie eine alte Ver­traute gewor­den, die mich gleich­wohl jedes Mal von neuem über­rascht. Alles hatte damit begon­nen, dass mich meine Mut­ter auf sie auf­merk­sam machte, und nun, im nach dem Tod mei­ner Mut­ter ver­wais­ten Gar­ten am Rand des Stein­bruchs finde ich einen neuen Ulmen­trieb, Able­ger des Mut­ter­baums vom Steil­hang, mit­ten zwi­schen den krau­tig-ver­holz­ten Him­beer- und Brom­beer­sträu­chern, die sie dort ein­mal gepflanzt hat, auf­ge­schos­sen – als grüße ein »Ulmen­schat­ten«, wie es Johann Gott­fried Seume 1809 vom Grab sei­ner Mut­ter schrieb, über ihrem Ort. In sei­ner auto­bio­gra­phi­schen Erzäh­lung Mühe des Anfangs erin­nert sich der Dich­ter Wil­helm Leh­mann 1952 an einen ähn­lich unter Ulmen abschlie­ßen­den Mut­ter­gar­ten: »Der größte Teil diente dem Anbau von Kar­tof­feln, Boh­nen, Erb­sen, dann folgte ein Stück Gras­land, das mit Ulmen, Faul­bäu­men, Kir­schen bestan­den war.« Ein Jahr, bevor meine Mut­ter starb, hatte die Ber­gulme am Gar­ten­rand zei­tig schon im Früh­jahr Flu­ten fla­cher per­ga­ment­grau­gel­ber, oval geform­ter Flü­gel­nüsse mit im Innern ein­ge­schloss­nen Samen über Gar­ten, Weg, Hang und Stein­bruch­kes­sel gestreut, die noch wochen­lang für ein hel­le­res Mus­ter auf dem Erd­bo­den rundum sorg­ten. Wil­helm Leh­mann dich­tete im Welt­kriegs­jahr 1944 über »Ulmen­nüsse«: »Sie wehen auf mich zu als Abschieds­küsse, / Sie sagen mir, der Som­mer währt nicht lange. // Wie’s von den Bäu­men schneit! / Sie lau­fen rol­lend durch die Gasse, / sie haben keine Zeit. […] // Noch nicht des Stau­bes Fang, / Fahr ich mit ihnen weltentlang.«

Gibt es, wie der bri­ti­sche For­scher Rupert Sheld­rake behaup­tete, mor­pho­ge­ne­ti­sche Fel­der, die, zu fein für unsere Sinne, die Mate­rie und uns in schwin­gende Reso­nanz zuein­an­der ver­set­zen – bis hin zu dem, was eigent­lich nicht sein darf und uns urplötz­lich doch vor Augen steht –: wie die Feld­ul­men, die mir unver­hofft auf der zur Bau­stelle ver­wan­del­ten Bra­che des Leip­zi­ger Wil­helm-Leu­sch­ner-Plat­zes gegen­über­tra­ten? Die Ulmen am Leu­sch­ner­platz erschie­nen mir bei der Wende vom Som­mer zum Herbst, als ich eines Sonn­tags mit Freun­den, die das dort noch vor­han­dene Grün gegen die alles ver­sie­gelnde Bau­wut der Stadt zu ret­ten suchen, zwi­schen den Bau­zäu­nen die Viel­falt der in rund acht­zig Jah­ren auf dem Platz gewach­se­nen Vege­ta­tion abging. Obwohl mir die Leu­sch­ner­bra­che ver­traut ist, sah ich jetzt mit noch­mals genaue­rem Blick die ver­schie­de­nen Arten von Grün auf die­ser fast schon beräum­ten Schutt­zone in neuem Licht: eine Arche, eine Lich­tung mit Bäu­men, die eine eigene kleine Land­schaft inmit­ten der Stadt bil­den. Und ein Teil die­ser Land­schaft auch die ver­steckt neben Götter‑, Essig‑, Zür­gel­bäu­men, neben Esche, Kir­sche, Linde, Ahorn, Eiche, Hain­bu­che, Robi­nie und Wal­nuss im Halb­dun­kel zwi­schen Unrat und Abfall auf­ge­gan­ge­nen Feld­ulmen­triebe, unbe­merkt auf­ge­schos­sen im Her­zen der Stadt.

Es gibt keine umfas­sen­dere Enzy­klo­pä­die der über die Nord­halb­ku­gel ver­streu­ten Ulmen­ar­ten als das im Netz abruf­bare Hand­buch der Ulmen­ge­wächse des pen­sio­nier­ten Forst­meis­ters Gor­don Mack­enthun, den es, in der Lüne­bur­ger Heide auf­ge­wach­sen, nach Sta­tio­nen in Göt­tin­gen und Dres­den nach Leip­zig ver­schlug – viel­leicht, weil alle drei hei­mi­schen Ulmen­ar­ten (Flat­te­rulme, Feld­ulme, Ber­gulme) tat­säch­lich hier anzu­tref­fen sind. Kei­ner hat sich so inten­siv wie er mit den Blatt­for­men der Ulme, ihrer prote­i­schen Viel­ge­stalt und Wech­sel­haf­tig­keit beschäf­tigt. Blät­ter zweier in der Nomen­kla­tur der Bio­lo­gen ver­schie­de­nen Ulmen­ar­ten sehen sich laut Mack­enthun oft zum Ver­wech­seln ähn­lich, und ihre Bestim­mung ver­schwie­rigt sich noch ein­mal, weil die Arten meist nicht rein, son­dern mit­ein­an­der gekreuzt und wie­derum fort­pflan­zungs­fä­hig vor­kom­men, die Zahl der Hybri­den also ins Unend­li­che stei­ger­bar ist – die Natur schert sich nicht um unsere Ord­nun­gen und Gren­zen. Im Jahr 2000 erschien im Stutt­gar­ter Ulmer Ver­lag Mack­enthuns knapp drei­hun­dert­sei­tige Stu­die Die Gat­tung Ulmus in Sach­sen. Im Hand­buch der Ulmen­ge­wächse wid­met er sich auch der Schwer­fäl­lig­keit unse­rer Ulmen­ty­po­lo­gien ange­sichts der tat­säch­li­chen Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men. Der Name, ob Deutsch oder Latein, hinkt immer dem wirk­li­chen Baum hin­ter­her, dem, wel­cher tat­säch­lich zu sehen ist. Die Ulme ist eine unüber­biet­bare Ver­wand­lungs­künst­le­rin. Feld­ul­men, die ein wenig an Ber­gul­men, Ber­gul­men, die an Feld­ul­men erin­nern, oder an ihren fer­ti­len Bas­tard, die Hol­län­di­sche Ulme – wo liegt die Grenze zwi­schen den Arten, wer legt sie fest? Das Hand­buch der Ulmen­ge­wächse lis­tet neun regio­nale wilde und drei­und­drei­ßig gärt­ne­ri­sche Varie­tä­ten der Feld­ulme auf.

Wir tref­fen uns an einem Mon­tag­vor­mit­tag im Früh­herbst vor dem Por­tal der Stadt­bi­blio­thek und bli­cken auf den Leu­sch­ner­platz direkt vor uns in Rich­tung Peters­straße, Innen­stadt. Am Bau­stel­len­zaun der West­seite, gegen­über dem S‑Bahn-Unter­füh­rungs­schacht, weise ich den Förs­ter in Rente auf die zwi­schen den Metall­stä­ben her­vor­lu­gen­den Ulmen­zweige hin und er nimmt eines der sich schon gelb­lich ver­fär­ben­den Blät­ter in die Hand: »Sehen Sie die scharf gezack­ten Rän­der? Füh­len Sie die Ober­seite?« Sie ist rau, behaart, andere Blät­ter des­sel­ben Baums oder sei­ner Nach­bar­rei­ser, die ich zum Ver­gleich streife, kön­nen sich aber ebenso glatt und glän­zend anfüh­len. Wir gehen über den Bau­platz wei­ter zur Nord­ost­seite an den Ross­platz, wo sich gegen­über der Stra­ßen­bahn­hal­te­stelle auf einem Strei­fen zwi­schen Bür­ger­steig und asphal­tier­tem Platz ein schma­les Dickicht aus Hain­bu­chen, Göt­ter- und Essig­baum­we­deln, Linde, Ahorn, Esche und eben Ulmen­rei­sern erstreckt. Büschel­ar­tig sind sie in gerin­gen Abstän­den um ein paar ältere, lange Stämme herum auf­ge­gan­gen, alles unter dem Schirm grö­ße­rer Wip­fel, so dass sie, schlägt man nicht gerade den Tram­pel­pfad durchs Dickicht ein, im Ver­bor­ge­nen blei­ben. »Wur­zel­triebe«, höre ich mei­nen den­dro­lo­gi­schen Men­tor sagen, »diese Art sich fort­zu­pflan­zen, ist typisch für die Feld­ulme, auch das Vor­kom­men auf gestör­ten Flä­chen, offen­bar mag sie das. Wur­zel­triebe, daran erkennt man sie oft bes­ser als an den Blät­tern, die auch von der Ber­gulme stam­men könnten.«

Im zur Innen­stadt hin gegen­über­lie­gen­den Lenné-Park, unmit­tel­bar neben dem Gel­lertdenk­mal, zeigt er mir den Zufalls­schöß­ling einer schot­ti­schen Baum­schule aus dem 19. Jahr­hun­dert, der von Baum­schu­len in aller Welt wei­ter kul­ti­viert wurde, eine Lau­ben­ulme, mit über­hän­gen­den schirm­ar­tig ver­brei­ter­ten und zu Boden fal­len­den Ästen ähn­lich einer Hän­ge­bu­che oder Trau­er­weide. Und er zeigt mir ein paar Schritte wei­ter in einer Boden­senke zum Gewand­haus hin eine mäch­tige alte Flat­te­rulme (Ulmus lae­vis), eine Feuch­tig­keit lie­bende Spe­zies, die eigent­lich im Leip­zi­ger Auwald hei­misch ist. Ehren­amt­lich sei er noch immer als Förs­ter ange­stellt, kar­tiert zusam­men mit dem Grün­flä­chen­amt die Anzahl und Dichte der Auwald­ul­men, ver­sucht die Bedin­gun­gen für ihr Fort­kom­men zu opti­mie­ren. Das Erstaun­li­che ist, dass auch im Auwald alle drei Ulmen­ar­ten glei­cher­ma­ßen und zu annä­hernd glei­chen Antei­len zu fin­den sind, wie er mit sei­nen Zäh­lun­gen herausfand.

Ich habe mich mit Gor­don Mack­enthun unter die Mar­kise des Café Can­tona gesetzt, das gegen­über des süd­öst­li­chen Leu­sch­ner­platz am Knick der Stra­ßen­bahn­gleise zur Wind­müh­len­straße liegt. Man könnte ihn für einen etwas kau­zi­gen alten Herrn mit einer Marotte für aus­ster­bende Bäume hal­ten, Bäume, für die sich sonst kei­ner mehr inter­es­siert. Seine Fibel Eine neue Methode zur Bestim­mung der mit­tel­eu­ro­päi­schen Ulmen. Ein Leit­fa­den für die Pra­xis ist seit ihrem Erschei­nen 2021 als Book on Demand zu sei­ner Über­ra­schung schon ein­hun­dert­zwan­zig­mal bestellt wor­den, zwei Hoch­schul­bi­blio­the­ken – die Jenaer Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek und die Rot­ten­bur­ger Hoch­schule für Forst­wirt­schaft – besit­zen sie. Er nippt an sei­nem Cap­puc­cino. »Nicht schlecht bei einer Art, die forst­wirt­schaft­lich unin­ter­es­sant gewor­den ist, die man wegen der unge­wis­sen, oft kur­zen Lebens­er­war­tung öko­no­misch längst auf­ge­ge­ben hat? Ein­mal haben wir im Forst ver­suchs­weise 20 junge Feld­ul­men gepflanzt, fach­män­nisch in Reih und Glied, und sie gin­gen uns alle im ers­ten Jahr wie­der ein.« Die Bra­che dage­gen erobern sie dank ihres unter­ir­di­schen Fort­pflan­zungs­triebs. Sei­ner Fibel fol­gend schei­nen beson­ders die Feld­ul­men per­ma­nent in Ver­wand­lung zu sein, ein­mal – meine Beob­ach­tung bestä­ti­gend – sind die Blatt­sei­ten eben glatt und ledern, ein ander­mal am sel­ben Baum wie­derum rau, beharrt und porös.

»Gibt es einen ande­ren Baum, bei dem so wider­strei­tende Qua­li­tä­ten zusammentreffen?«

»Ich wüsste kei­nen sonst.«

Viel­leicht bewahrt genau das der Ulme ihre Wider­stän­dig­keit, uner­kannt ver­birgt sie sich im anspruchs­lo­sen land­läu­fi­gen Gebüsch, bis sie, plötz­lich da, mit ihren Blatt­werks­me­ta­mor­pho­sen im Zen­trum der Städte winkt, sich hin­ter Hecken, zwi­schen Bau­zäu­nen her­vor­zwingt, eine unschein­bare Blät­ter­hand zur klan­des­ti­nen Koope­ra­tion aus­streckt. Ihre Land­nahme geschieht geräusch­los, aber unent­wegt. Hast Du sie ein­mal aus­ge­macht, wirst Du sie nicht mehr über­se­hen, immer wie­der auf sie sto­ßen, als hät­ten ihre Triebe auch in Dei­nem Bewusst­sein Wur­zeln geschla­gen, ein fle­xi­bles mor­pho­ge­ne­ti­sches Feld aus Ulmen­re­so­nan­zen abge­steckt: Du hast den Ulmen­blick. Herr Mack­enthun wünscht mir zum Abschied Glück beim Ulmen­sich­ten. Wer es genau wis­sen will, kann nach der Methode sei­ner Fibel die Blät­ter über ein Punk­te­sys­tem bestim­men, man­che Merk­male sind starke Kri­te­rien mit drei, andere schwa­che Kri­te­rien mit nur einem Punkt; am Ende siegt die domi­nie­rende Ulmen­art nach Punk­ten. Drei Punkte bei der Ber­gulme für »Blatt­spreite mit mehr als drei Spit­zen«: »in der Lite­ra­tur wird auf drei Spit­zen ver­wie­sen; tat­säch­lich kön­nen bis zu sie­ben Spit­zen vor­han­den sein«. Bei den Spit­zen der Ber­gulme muss ich an die Zacken einer Königs­krone den­ken, ebenso wie ich beim typi­schen Blatt der Feld­ulme (»rau­ten­för­mig … die brei­teste Stelle in der Mitte«) an die Zähne eines Kreis­sä­gen­blat­tes den­ken muss. Die Flat­te­rulme hat eine »weich-sam­tige Behaa­rung« an der Unter­seite, ihre »Blatt­zähne sind typi­scher­weise scharf ‚sichel­för­mig‘ zur Blatt­spitze hin gebo­gen«. Drei Punkte für die Ber­gulme, wenn »ein Öhr­chen ihren Blatt­stiel über­deckt«. Der Wider­stand der Ulmen, sich ding­fest machen zu las­sen, for­dert den lyri­schen Scharf­sinn des Bota­ni­kers her­aus. Die Ulme, nach Nietz­sche, ist der nicht fest­ge­stellte Baum.

Typi­scher­weise sind Ber­gul­men Bewoh­ner von Hang- und Schlucht­wäl­dern, wäh­rend die Feld­ulme zusam­men mit Esche und Eiche Euro­pas Hart­holzau­en­wäl­der her­vor­ge­bracht haben, wel­che so kaum mehr exis­tie­ren. Und nun ent­steht eine sol­che Hart­holzaue mit exakt den Baum­ar­ten, von der Feld­ulme im Unter­grund getra­gen, auf dem Leip­zi­ger Leu­sch­ner­platz, wür­den da nicht die Bau­kräne und Beton­mi­scher rotie­ren! Der die Stadt von sei­nen Flüs­sen Els­ter, Pleiße, Par­the, Luppe und den sie ver­bin­den­den Kanä­len her umschlie­ßende Auwald treibt, den meis­ten hier leben­den Men­schen unbe­merkt, ins pul­sie­rende Netz der City einen Brü­cken­kopf. Geh ein­mal vom Clara-Zet­kin-Park über den Renn­bahn­steig zum Els­ter­flut­bett, vor­bei an der Gabe­lung, wo es sich in Plei­ße­flut­bett und Els­ter­flut­bett teilt, und laufe rechts an der Els­ter bis zur Pauß­nitz­brü­cke am Schleu­ßi­ger Weg und du wirst am Auwald­saum alle Ulmen­ar­ten zwi­schen Hain­bu­chen, Eichen, Eschen und Buchen aus­trei­ben sehen. Du kannst dort dein Ulmen­wun­der erle­ben, bis dir die Sinne schwirren.

Immer mehr sol­cher Brü­cken­köpfe ent­deckte ich seit unse­rem Gespräch an unschein­ba­ren, ver­meint­lich toten Plät­zen, wie etwa an der Aus­fall­straße vom süd­west­li­chen Auwald zum Völ­ker­schlacht­denk­mal auf Höhe des MDR-Sen­de­ge­län­des – einem ehe­ma­li­gen Schlacht­hof an der Alten­bur­ger Straße –, den S‑Bahn-Glei­sen und der eins­ti­gen Gas­an­stalt der »Panometer«-Panoramenschau vor­ge­la­gert. Ein­ge­wur­zelt hin­ter und zwi­schen Weiß­dorn­sträu­chern, hin­ter Efeu, Brom­beer­he­cken, an einer abschüs­si­gen, zu Gär­ten und Wohn­häu­sern hin­ab­füh­ren­den Böschung, einem Dickicht zwi­schen Haupt­straße und tie­fer gele­ge­nen Ein­fahr­ten, lug­ten im herbst­abend­li­chen Regen­schauer unter der Later­nen­fun­zel plötz­lich das asym­me­trisch zuge­spitzte, raue, an der Ober­seite manch­mal jedoch fast leder­harte Ulmen­blatt­werk her­vor. Ein ein­zel­ner gelb-grün­blätt­ri­ger Stamm hart an den S‑Bahn-Glei­sen auf­ge­schos­sen, nur dem sich zei­gend, der mit off­nen Augen geht, der den Blick hat, sie zu erken­nen, den Ulmenblick.

Ulme, das Schib­bo­leth. Zwi­schen Baum und Blick der Name, real, der dich das Stau­nen lehrt. Ja, Ulmen gibt es, wie auch Inger Chris­ten­sen irgendwo in ihrem alfa­bet bejaht. Ulme, wir haben uns erkannt, und das Bild, wie der Herbst­wind unter den Stra­ßen­lam­pen durch dein zwi­schen Wei­den, Eschen, Ahorn ver­steck­tes Gebüsch geht, ist in mir. Die Ulmen sind der Beweis, dass der alte Göt­ter- und Wel­ten­bote Her­mes die Stadt noch nicht ganz ver­las­sen hat, dass der Ulm­wald in ihr, wenn auch ver­schat­tet, ver­schwie­gen, über­win­tert, in ihr, die alles tut, ihn zu ver­ges­sen, war­tet die Ulme auf den Moment des Erken­nens zwi­schen uns: die Zeit der Bäume, die uns mit den Blät­tern winkt, kei­nes gleicht dem ande­ren, jedes treibt zum Licht. Unser Atem steht in ihrer Zeit, ihr Atem schenkt uns unsere Zeit.

 

Der Text erscheint als Teil 17 der Reihe »Mit­ten­drin – lite­ra­ri­sche Per­spek­ti­ven auf unsere Gesell­schaft«, die der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat e.V. 2025 mit freund­li­cher Unter­stüt­zung der Kul­tur­stif­tung des Frei­staats Thü­rin­gen umsetzte.

Der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat dankt der Thü­rin­gi­schen Lan­des­zei­tung für den Abdruck der Reihe.

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